Fünfte Vollversammlung des lateinamerikanischen Episkopats soll missionarischen Eifer wiederaufleben lassen

Kardinal Francisco Javier Errázuriz, Vorsitzender der CELAM, über das große Ziel und die aktuellen Herausforderungen

| 559 klicks

SANTIAGO, 7. Mai 2007 (ZENIT.org).- Kardinal Francisco Javier Errázuriz, Erzbischof von Santiago de Chile und Vorsitzender des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM), ist davon überzeugt, dass die bevorstehende fünfte Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik (13.-31. Mai) in Aparecida (Brasilien) den missionarischen Eifer auf dem „Kontinent der Hoffnung“ wiederaufleben lassen wird.



Im Rahmen einer Pressekonferenz kam der Erzbischof am 4. Mai ausführlich auf die aktuelle Lage der lateinamerikanischen Gesellschaft zu sprechen: Selbst die „bevorzugte Option für die Armen“, um die sich die Kirche bemühe, habe das Problem der Armut nicht wesentlich verringern können, stellte er fest. Es gebe große Auswanderungsbewegungen in Richtung Norden und nach Europa; Terrorakt führten zu Wanderbewegungen innerhalb der verschiedenen Staaten; der Drogenhandel sei verbreiteter als früher, und auch der Demokratisierungsprozess sei nicht entscheidend vorangekommen, selbst wenn die Militärdiktaturen in Lateinamerika der Vergangenheit angehörten.

Als „skandalös“ bezeichnete der Kardinal die Tatsache, dass die meisten Bewohner des lateinamerikanischen Kontinents, „wo die überragende Mehrheit der Menschen getauft sind“, Jesus Christus, der allen aufgetragen habe, „dass wir den Nächsten so lieben sollen, wie er uns geliebt hat und wie jeder sich selbst liebt“, nicht nachfolgten.

„Es ist ein Skandal, dass unser Kontinent zu denen gehört, in denen die größte Ungleichheit herrscht. Der Weg, den die fünfte Versammlung beschreiten will, besteht darin, die Beziehung des Christen mit seinem Herrn nachdrücklicher hervorzukehren. Und wenn ich ein Jünger Christi bin, darf ich meinen Nächsten nicht auf eine Weise behandeln, die nicht brüderlich ist. Es kann nicht sein, dass es Menschen gibt, denen das Nötigste fehlt, um mit Anstand zu leben.“

Kardinal Errázuriz wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass bei einem Christentum, das keine „Früchte des sozialen Engagements“ hervorbringe, offensichtlich etwas fehle. Deshalb gelte es, dieser Situation entschieden und mit aller Kraft entgegenzutreten.

Was den innerkirchlichen Bereich angeht, herrsche eine ungeheure Freude über lebendige Pfarrgemeinden, in denen die Menschen zur Kirchen gingen und sich zudem im sozialen Bereich einsetzten. „Es gibt eine viel größere Annäherung an die Bibel“, fuhr der Kardinal fort. „Die kirchlichen Bewegungen, unter ihnen 40 große, sind stark gewachsen.“

Eines der großen Probleme der Kirche sei es, viele Getaufte nicht erreichen zu können; es fehle an missionarischem Eifer. „Wir erhoffen uns ein großes missionarisches Erwachen, weil wir mit ansehen, wie sich in unseren Ländern kulturelle Einflüsse aus Europa bemerkbar machen, die neue Probleme schaffen, die ethischer Natur sind, das Wesen der Familie betreffen und die Wertschätzung des Lebens.“

Hinsichtlich der Demokratie in Lateinamerika unterstrich der Kardinal die Unterschiedlichkeit jedes einzelnen Staates. Populismus und der Wille, an der Macht zu bleiben, charakterisiere allerdings auch noch heute weite Teile der politischen Landschaft. „Uns interessiert jede Form von öffentlicher Politik, die zum Wohl dieses Volkes beiträgt, damit es aus der Armut herauskommen kann. Deshalb interessieren uns ganz besonders Bildungs-, Beschäftigungs- und Familienpolitik. Wenn es gute Familien, gute Ausbildung und auch Arbeit gibt, endet man nicht im Elend, und die Menschen können dann aus dem Teufelskreis ausbrechen“.

Aus solchen und ähnlichen Überlegungen habe man zum Motto der fünften CELAM-Generalversammlung gefunden: „Jünger und Missionare Jesu Christi, damit unsere Völker in ihm das Leben haben. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6).“

Dieses Leitwort will nach Kardinal Errázuriz zu verstehen geben, dass der Getaufte aus der Begegnung mit Jesus Christus heraus leben und dass diese Begegnung all die ihr entsprechenden Früchte hervorbringen sollte – Früchte der Verpflichtung zum Evangelium und zur Welt –, so dass er nicht mehr nur Jünger Christi sei, sondern auch ein Missionar, der die Frohe Botschaft in seiner Heimat und anderswo verbreite: „damit unsere Völker das Leben haben“.

Dieses zentrale Thema der Vollversammlung werde „aus der Perspektive der Kultur des Lebens“ erörtert werden, kündigte der Vorsitzende der CELAM an – „angefangen bei der Achtung vor dem menschlichen Leben vom Anfang bis zum natürlichen Tod bis hin zur Lebensqualität. Wie leben unsere Völker: der Arbeiter, der Unternehmer, der Politiker… Das heißt: Gibt es in unserer Bevölkerung Leben in Fülle?“

Papst Benedikt XVI. wird die Begegnung von 176 Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen aus Lateinamerika, den Karibischen Inseln, den Vereinigten Staaten, Spanien und Portugal, die rund die Hälfte der katholischen Weltbevölkerung vertreten, am kommenden Sonntag persönlich eröffnen.

Versammlungen dieser Größenordnung gab es in Lateinamerika 1955 in Rio de Janeiro (Brasilien), 1968 in Medellín (Kolumbien), 1979 in Puebla (Mexiko) und 1992 in Santo Domingo (Dominikanische Republik).