"Für andere ein berührbares Zeichen der Gegenwart des Reiches Gottes sein"

Ansprache des Papstes bei der Begegnung mit den koreanischen Religionsgemeinden

Seoul, (ZENIT.org) Redaktion | 464 klicks

Wir dokumentieren im Folgenden die offizielle Übersetzung der von Papst Franziskus gehaltene Ansprache bei der Begegnung mit den koreanischen Ordensgemeinschaften, die heute Nachmittag im Training Center "School of Love" in Kkottongnae stattfand. 

Statt wie geplant mit den Anwesenden die Vesper zu feiern, betete er wegen Zeitproblemen ein Ave Maria.

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Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

Herzlich grüße ich euch alle im Herrn. Es ist gut, heute bei euch zu sein und diese Augenblicke der Gemeinschaft zu teilen. Die großartige Vielfalt der Charismen und der Apostolate, die ihr vertretet, bereichern auf wunderbare Weise das Leben der Kirche in Korea und darüber hinaus. Im Rahmen dieses Vespergottesdienstes, wo wir den Lobpreis von Gottes unendlicher Güte und seiner Barmherzigkeit gesungen haben, danke ich euch und all euren Brüdern und Schwestern für eure Bemühungen, das Reich Gottes in diesem geschätzten Land aufzubauen. Ich danke Pater Hwang Seok-mo und Schwester Scholastica Lee Kwang-ok, den Vorsitzenden der Koreanischen Konferenzen höherer Ordensoberer männlicher und weiblicher Ordensinstitute und Gemeinschaften des Apostolischen Lebens (Korean Conferences of Major Superiors of Men’s and Women’s Religious Institutes and Societies of Apostolic Life), für ihre freundlichen Begrüßungsworte.

Die Worte des Psalms, „Auch wenn mein Leib und mein Herz verschmachten, Gott ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig“ (Ps 73,26) laden uns ein, über unser eigenes Leben nachzudenken. Der Psalmist strahlt freudiges Vertrauen auf Gott aus. Wir wissen alle, das die Freude nicht alle Zeiten des Lebens auf gleiche Weise zum Ausdruck kommt, dass aber in Augenblicken großer Schwierigkeiten „immer wenigstens ein Lichtstrahl bleibt, der aus der persönlichen Gewissheit hervorgeht, jenseits von allem grenzenlos geliebt zu sein“ (Evangelii Gaudium, 6). Die feste Überzeugung, von Gott geliebt zu sein, steht im Mittelpunkt eurer Berufung: für andere ein berührbares Zeichen der Gegenwart des Reiches Gottes zu sein, ein Vorgeschmack der ewigen Freuden des Himmels. Nur wenn unser Zeugnis freudig ist, werden wir Männer und Frauen für Christus interessieren. Und diese Freude ist ein Geschenk und wird durch das Gebetsleben, durch die Betrachtung des Wortes Gottes, durch die Feier der Sakramente und durch das Gemeinschaftsleben genährt. Wenn das fehlt, werden Schwächen und Schwierigkeiten aufkommen, um die Freude niederzudrücken, die wir am Beginn unseres Ordenslebens so gut kannten.

Für euch als gottgeweihte Männer und Frauen ist diese Freude im Geheimnis der Barmherzigkeit des Vaters verwurzelt, die im Opfer Christi am Kreuz offenbart wurde. Ganz gleich, ob das Charisma eures Instituts mehr auf die Kontemplation oder mehr auf das aktive Leben gerichtet ist, seid ihr aufgefordert, besonders durch euer Gemeinschaftsleben „Experten“ der göttlichen Barmherzigkeit zu werden. Aus Erfahrung weiß ich, dass das Gemeinschaftsleben nicht immer einfach ist, aber es ist ein günstiges Übungsgelände für das Herz. Es ist unrealistisch, keine Auseinandersetzungen zu erwarten; Missverständnisse werden aufkommen und sie müssen gelöst werden. Trotz all dieser Schwierigkeiten sind wir gerade im Gemeinschaftsleben gerufen, in Barmherzigkeit, in Langmut und vollkommener Nächstenliebe zu wachsen.

Die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit, die durch Gebet und Gemeinschaft genährt wird, muss allem, was ihr seid, und allem, was ihr tut, Gestalt geben. Eure Keuschheit, eure Armut und euer Gehorsam werden ein freudiges Zeugnis für Gottes Liebe sein in dem Maß, wie ihr fest auf dem Fels seiner Barmherzigkeit steht. Das ist sicher der Fall hinsichtlich des religiösen Gehorsams. Reifer und großherziger Gehorsam verlangt, dass ihr am Gebet mit Christus hängt, der in der Annahme der Knechtsgestalt aus seinem Leiden Gehorsam erlernte (vgl. Perfectae Caritatis, 14). Da gibt es keine Einschränkungen: Gott verlangt vollständig unsere Herzen ganz und das bedeutet, dass wir „uns selbst loslassen“ und immer mehr „aus uns herausgehen“ müssen. 

Eine lebendige Erfahrung der unerschütterlichen Barmherzigkeit des Herrn stärkt den Wunsch, die Vollkommenheit der Nächstenliebe zu erlangen, die aus der Reinheit des Herzens geboren wird. Die Keuschheit bringt eure zielstrebige Hingabe zur Liebe Gottes zum Ausdruck, der „die Kraft unserer Herzen“ ist. Wir alle wissen, was für ein persönliches und anspruchsvolles Engagement das zur Folge hat. Versuchungen auf diesem Gebiet rufen nach demütigem Gottvertrauen, Wachsamkeit und Ausdauer.

Durch den Evangelischen Rat der Armut seid ihr fähig, Gottes Barmherzigkeit nicht nur als Quelle der Kraft, sondern auch als einen Schatz zu erkennen. Selbst wenn wir müde sind, können wir ihm unsere Herzen aufopfern, die von Sünde und Schwäche beladen sind; in diesen Zeiten, wenn wir uns am hilflosesten fühlen, können wir uns nach Christus ausstrecken, der „arm wurde, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8,9).

Diese unsere fundamentale Bedürftigkeit hinsichtlich Vergebung und Heilung ist in sich selbst eine Form der Armut, die wir nie aus dem Blickfeld verlieren dürfen, ganz gleich wie sehr wir im Tugendstreben vorankommen. Das sollte auch einen konkreten Ausdruck in eurer individuellen und gemeinschaftlichen Lebensgestaltung finden. Ich denke besonders an die Notwendigkeit, all jene Dinge zu vermeiden, die euch ablenken und dann Verwirrung und Ärgernis für andere verursachen können. Im gottgeweihten Leben ist die Armut beides, eine „Mauer“ und eine „Mutter“. Sie ist eine „Mauer“, weil sie das gottgeweihte Leben schützt, und sie ist eine „Mutter“, weil sie zu wachsen hilft und entlang des richtigen Weges führt. Die Heuchelei jener gottgeweihten Männer und Frauen, welche die Gelübde der Armut versprechen, dann aber wie der Reiche leben, verwundet die Seelen der Gläubigen und schadet der Kirche. Denkt auch daran, wie gefährlich die Versuchung ist, eine bloß funktionale, weltliche Mentalität anzunehmen, die uns dazu anleitet, unsere Hoffnung allein auf menschliche Mittel zu setzen, und die das Zeugnis der Armut zerstört, die unser Herr Jesus Christus gelebt und uns gelehrt hat.

Liebe Brüder und Schwestern, macht alles, was ihr könnt, mit großer Demut, um zu zeigen, dass das gottgeweihte Leben ein kostbares Geschenk für die Kirche und für die Welt ist. Behaltet es nicht für euch selbst, verteilt es, indem ihr Christus in jeden Winkel dieses geschätzten Landes bringt. Lasst eure Freude weiter Ausdruck finden in eurem Einsatz, Berufungen zu wecken und zu fördern, und erkennt, dass ihr alle einen Anteil daran habt, die gottgeweihten Männer und Frauen von morgen zu formen. Ganz gleich ob ihr mehr dem kontemplativen oder dem apostolischen Leben zugehört – seid eifrig in eurer Liebe zur Kirche in Korea und eurem Wunsch, durch euer eigenes, besonderes Charisma zu ihrer Sendung beizutragen, das Evangelium zu verkünden und das Volk Gottes in Einheit, Heiligkeit und Liebe aufzubauen.

Indem ich euch alle und in besonderer Weise die alten und kranken Mitglieder eurer Gemeinschaften der liebenden Fürsorge Marias, der Mutter der Kirche, empfehle, erteile ich euch meinen Segen als Unterpfand überreicher Gnaden und des Friedens in Jesus, ihrem Sohn.

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