Für Bernhard von Clairvaux ist der Theologe ist ein kontemplativer und mystischer Mensch

Katechese von Papst Benedikt XVI. bei heutiger Generalaudienz

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ROM, 21. Oktober 2009 (ZENIT.org).- Für den hl. Bernhard ist jemand wie ein Theologe ein kontemplativer und mystischer Mensch, das sei einer der Neuheiten des Gedankengutes des letzten Kirchenvaters im Mittelalters, so Papst Benedikt XVI. heute vor tausenden von Pilgern bei der Generalaudienz in Rom.

Papst Benedikt XVI. widmete die Katechese während der heutigen Generalaudienz dem großen heiligen Bernhard von Clairveaux (* um 1090 auf Burg Fontaine-lès-Dijon bei Dijon; † 20. August 1153 in Clairvaux bei Troyes). Wir veröffentlichen die Ansprache.

 


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Der heilige Bernhard von Clairvaux (* um 1090 auf Burg Fontaine-lès-Dijon bei Dijon; † 20. August 1153 in Clairvaux bei Troyes)

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich über heiligen Bernhard von Clairvaux sprechen, der „der letzte Kirchenvater“ genannt wird, da er im 12. Jahrhundert wieder die große Theologie der Väter erneuerte und vergegenwärtigte. Die Jahre seiner Kindheit kennen wir nicht im Einzelnen, wir wissen aber, dass er 1090 in Fontaine-lès-Dijon in Frankreich in einer zahlreichen und diskret wohlhabenden Familie geboren wurde. Als junger Mann widmete er sich an der Schule der Kanoniker der Kirche von Saint-Vorles in Châtillon-sur-Seine eifrig dem Studium der sogenannten Freien Künste und ließ langsam den Entschluss heranreifen, das Ordensleben aufzunehmen. Im Alter von ungefähr 20 Jahren trat er in Cîteaux ein, einer neuen Klostergründung, die hinsichtlich der alten und verehrungswürdigen Klöster von damals lebhafter und gleichzeitig strenger in der Praxis der evangelischen Räte war. Einige Jahre später, im Jahr 1115, wurde Bernhard vom heiligen Stephan Harding, dem dritten Abt von Cîteaux, ausgesandt, um ein Kloster in Clairveaux zu gründen. Dort konnte der junge Abt, der nur 25 Jahre alt war, seine Vorstellung vom monastischen Leben verfeinern und sich darum bemühen, sie in die Praxis umzusetzen. Mit dem Blick auf die Disziplin anderer Klöster rief Bernhard entschlossen die Notwendigkeit eines nüchternen und maßvollen Lebens in Erinnerung, dies bei Tisch wie bei der Kleidung und in den Klostergebäuden, wobei er die Unterstützung der Armen sowie die Sorge um sie empfahl. In der Zwischenzeit wurde die Gemeinschaft von Clairveaux immer zahlreicher und mehrte ihre Gründungen.

In denselben Jahren, vor 1130, nahm Bernhard einen umfangreichen Briefwechsel mit vielen, sowohl wichtigen, als auch aus bescheidenen sozialen Ständen stammenden Menschen auf. Den vielen Briefen aus diesem Zeitabschnitt sind zahlreiche Predigten wie auch Sentenzen und Abhandlungen hinzuzufügen. Auf diese Zeit geht auch die große Freundschaft von Bernhard mit Wilhelm, dem Abt von Saint-Thierry und mit Wilhelm von Champeaux zurück, die zu den wichtigsten Gestalten des 12. Jahrhunderts zählen. Ab dem Jahr 1130 begann er, sich mit nicht wenigen und schweren Problemen des Heiligen Stuhls und der Kirche zu beschäftigen. Aus diesem Grund musste er immer öfter sein Kloster und manchmal auch Frankreich verlassen. Er gründete außerdem einige Frauenklöster und war der Protagonist eines lebhaften Briefwechsels mit Petrus Venerabilis, dem Abt von Cluny, über den ich am vergangenen Mittwoch gesprochen habe. Seine polemischen Schriften richtete er vor allem gegen Abaelardus, einen großen Denker, der eine neue Art des Betreibens von Theologie initiiert hat, indem er vor allem die dialektisch-philosophische Methode in den Aufbau des theologischen Denkens einführte. Eine weitere Front, an der Bernhard gekämpft hat, ist die Irrlehre der Katharer gewesen, die die Materie sowie den menschlichen Leib und infolgedessen den Schöpfer verachteten. Er fühlte sich hingegen in die Pflicht genommen, die Juden zu verteidigen, und verurteilte daher das vermehrte Aufflammen von Antisemitismus. Was sein apostolisches Wirken angeht, wurde ihm einige Jahrzehnte später die lebhafte Würdigung des Rabbiners von Bonn Ephraim zuteil. In derselben Zeit schrieb der heilige Abt seine bekanntesten Werke wie die hochberühmten Predigten zum Hohenlied der Liebe. In den letzten Jahren seines Lebens – der Tod ereilte ihn 1153 – musste Bernhard das Reisen einschränken, ohne es dabei völlig zu unterbrechen. Er nutzte die Gelegenheit zu einer endgültigen Durchsicht all seiner Briefe, Predigten und Abhandlungen. Erwähnung verdient ein recht besonderes Buch, das er gerade zu jener Zeit, 1145, fertigstellte, als einer seiner Schüler, Bernardo Pignatelli, unter dem Namen Eugen III. zum Papst gewählt wurde. Zu dieser Gelegenheit schrieb Bernhard als geistlicher Begleiter an dieses sein geistliches Kind den Text „De consideratione“, der Lehren enthält, um ein guter Papst zu sein. In diesem Buch, dessen Lektüre sich für die Päpste aller Zeiten ziemt, zeigt Bernhard nicht nur auf, wie man ein guter Papst ist, sondern bringt auch eine tiefe Sicht des Geheimnisses der Kirche und des Geheimnisses Christi zum Ausdruck, die dann in der Kontemplation des Geheimnisses des einen und dreifaltigen Gottes schließt: „Die Forschung nach diesem Gott, der noch nicht genügend gesucht ist, müsste noch fortgesetzt werden“, schreibt der heilige Abt, „aber vielleicht kann man mit dem Gebet besser suchen und leichter finden als mit der Diskussion. Wir beenden also hier das Buch, nicht aber die Suche“ (XIV, 32: PL 182, 808), das Unterwegssein zu Gott.

Ich möchte jetzt nur auf zwei zentrale Aspekte der reichen Lehre des Bernhards eingehen: Sie betreffen Jesus Christus und die allerseligste Maria, seine Mutter. Seine Sorge um die innige und lebenswichtige Teilhabe des Christen an der Liebe Gottes in Jesus Christus ist zwar kein neuer Beitrag für die wissenschaftlichen Linien der Theologie. Aber der Abt von Clairveaux entwirft das Persönlichkeitsprofil des Theologen im Sinne eines kontemplativen und mystischen Menschen. Allein Jesus – darauf besteht Bernhard angesichts des komplexen dialektischen Denkens seiner Zeit – allein Jesus ist „Honig für den Mund, Gesang für das Ohr, Frohlockung im Herzen (mel in ore, in aure melos, in corde iubilum)“. Daher stammt der ihm von der Tradition zugewiesene Titel des „Doctor mellifluus“: Lobpreis Jesu Christi, der „fließt wie Honig“. In den ermüdenden Kämpfen zwischen den Nominalisten und Realisten – zwei philosophische Strömungen der Zeit – wird der Abt von Clairveaux nicht müde zu wiederholen, dass es nur einen Namen gibt, der zählt, der Name Jesu, des Nazareners. „Trocken ist jede Speise der Seele“, so bekennt er, „wenn sie nicht mit diesem Öl besprengt wird; schal ist sie, wenn sie nicht mit diesem Salz gewürzt wird. Was du schreibst, hat keinen Geschmack für mich, wenn ich darin nicht Jesus herauszulesen vermag“. Und er schließt: „Bei deinem Diskutieren und Reden hat nichts Geschmack für mich, wenn ich darin nicht den Namen Jesu gehört haben werde“ (Sermones in Cantica Canticorum XV, 6: PL 183,847). Für Bernhard nämlich besteht die wahre Erkenntnis Gottes in der persönlichen, tiefen Erfahrung Jesu Christi und seiner Liebe. Und dies, liebe Brüder und Schwestern, gilt für jeden Christen: Der Glaube ist vor allem persönliche, innige Begegnung mit Jesus, er ist die Erfahrung seiner Nähe, seiner Freundschaft, seiner Liebe, und nur so lernt man es, ihn immer mehr zu kennen, ihn immer mehr zu lieben und ihm nachzufolgen. Dies möge einem jeden von uns geschehen können!

In einer anderen berühmten Predigt zum Sonntag in der Oktav von Maria-Himmelfahrt beschreibt der heilige Abt mit leidenschaftlichen Worten die innige Teilhabe Mariens am Erlösungsopfer des Sohnes. „O heilige Mutter – ruft er aus – in Wahrheit hat ein Schwert deine Seele durchbohrt! ... Die Gewalt des Schmerzes hat deine Seele so sehr durchdrungen, dass wir dich zurecht mehr als eine Märtyrerin nennen dürfen, da in dir die Teilhabe am Leiden des Sohnes in ihrer Stärke bei weitem über die leiblichen Leiden des Martyriums hinausgegangen sind“ (14: PL 183,437-438). Bernhard hat keine Zweifel: „per Mariam ad Iesum“, durch Maria werden wir zu Jesus geführt. Er bestätigt mit Klarheit,entsprechend den Grundlagen der traditionellen Mariologie, die Subordination Mariens unter Jesus. Aber der Corpus der Predigt dokumentiert auch den bevorzugten Platz der Jungfrau in der Heilsökonomie infolge der so besonderen Teilhabe der Mutter (compassio) am Opfer des Sohnes. Nicht umsonst wird Dante Alighieri eineinhalb Jahrhunderte nach Bernhards Tod im letzten Buch der „Göttlichen Komödie“ auf die Lippen des „Honigfließenden Lehrers“ das hehre Gebet zu Maria legen: „O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohnes / Demütigste und höchste der Erschaffnen / vorherbestimmtes Ziel vom ew’gen Ratschluss,...“ („Vergine Madre, figlia del tuo Figlio,/umile ed alta più che creatura,/termine fisso d’eterno consiglio, … “; Paradies 33, V. 1ff.)

Diese Gedanken, die kennzeichnend sind für einen Mann wie den heiligen Bernhard, der in Jesus und Maria verliebt ist, stellen noch heute auf gesunde Weise nicht nur für die Theologen, sondern für alle Gläubigen eine Provokation dar. Manchmal wird der Anspruch erhoben, die grundlegenden Fragen zu Gott, dem Menschen und der Welt allein mit den Kräften der Vernunft zu lösen. Der heilige Bernhard hingegen ruft uns, auf dem festen Boden der Bibel und der Kirchenväter stehend, in Erinnerung, dass unser Nachdenken über die göttlichen Geheimnisse ohne einen tiefen Glauben an Gott, der von Gebet und Kontemplation genährt ist, Gefahr läuft, zu einer leeren intellektuellen Übung zu werden und seine Glaubwürdigkeit einzubüßen. Die Theologie verweist auf die „Wissenschaft der Heiligen“, auf deren Sicht der Geheimnisse des lebendigen Gottes, auf ihre Weisheit, Geschenk Gottes, die zum Bezugspunkt für das theologische Denken werden. Zusammen mit Bernhard von Clairveaux müssen auch wir anerkennen, dass der Mensch Gott „mit dem Gebet besser suchen und leichter finden kann als mit der Diskussion“. Schließlich bleibt die wahrste Gestalt des Theologen und eines jeden, der den Menschen das Evangelium bringt, die Gestalt des Apostels Johannes, der sein Haupt an das Herz des Meisters gelegt hat.

Ich möchte diese Gedanken zum heiligen Bernhard mit dem Gebet zu Maria abschließen, das wir in einer seiner schönen Homilien lesen: „In den Gefahren, in den Ängsten, in den Ungewissheiten – so sagt er –: Denke an Maria, bete zu Maria. Sie stehe nie deinen Lippen fern, nie deinem Herzen; und damit du die Hilfe ihres Gebetes erlangen kannst, vergiss nie das Beispiel ihres Lebens. Wenn du ihr folgst, kannst du nicht vom Weg abkommen; wenn du zu ihr betest, kannst du nicht verzweifeln; wenn sie dich führt, wirst du nicht müde; wenn sie dir gewogen ist, wirst du ans Ziel kommen...“ (Hom. II super „Missus est”, 17: PL 183, 70-71).

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Der heilige Bernhard von Clairvaux, den ich für die heutige Katechese ausgewählt habe, gehört sicher zu den größten religiösen Gestalten des Mittelalters. Er wurde um 1090 in Fontaines in Burgund geboren, besuchte die Schule der Stiftsherren von Saint-Vorles und trat mit etwa 20 Jahren mit einer Reihe von Gefährten in das Reformkloster Cîteaux ein. Bereits im Jahr 1115 erhielt Bernhard den Auftrag, ein Tochterkloster in Clairvaux zu errichten. Er wurde der erste Abt dieser Niederlassung und gründete von dort aus weitere 68 Klöster. Bernhard war ein begnadeter Prediger und Schriftsteller. Seine Werke zeichnet eine hohe literarische Qualität aus. Die Tradition hat ihn als „Doctor mellifluus“ bezeichnet, als Lehrer, dessen Rede süß wie Honig fließt. Dies bezieht sich nicht nur auf seine sprachliche Begabung, sondern vor allem auf den Inhalt seiner Werke: sie sind ganz auf Gott ausgerichtet. Die wahre Gotteserkenntnis besteht für Bernhard nicht in einer denkerischen Leistung, sondern in der persönlichen Erfahrung der Liebe Christi. Und das Geschöpf vermag mit seiner persönlichen kleinen Liebe dem Schöpfer zu antworten. Sie ist geringer als die göttliche Liebe, und doch ist sie vollkommen, wenn sie ganz geschenkt wird. Maria hat diese Liebe in beispielhafter Weise zum Ausdruck gebracht. Bernhard hat keinen Zweifel daran, dass wir durch Maria zu Jesus geführt werden. Von ihr können wir lernen, Jesus nahe zu sein, und wir dürfen sie bitten, uns auf dem Weg mit Christus zu begleiten.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

Ganz herzlich grüße ich alle Brüder und Schwestern deutscher Sprache, unter ihnen heute besonders die Gruppe aus Paderborn mit Weihbischof König, die Pilger aus Münster mit Weihbischof Janssen und die Schüler der Liebfrauenschule in Vechta. Der heilige Bernhard will uns lehren, eine lebendige Beziehung zu Christus durch das regelmäßige Gebet und durch die Sakramente aufzubauen. Streben wir danach, bei dieser „Wissenschaft der Heiligen“ gute Schüler zu sein. Der Herr geleite euch dabei mit dem Licht seiner Gnade.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 – Libreria Editrice Vaticana]