Für ein wirklich freies und solidarisches menschliches Zusammenleben

Ansprache Benedikts XVI. für Mitglieder der Stiftung „Centesimus annus - Pro Pontifice“

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ROM, 10. Juli 2009 (ZENIT.org).- Auf die Grundthematik der Enzyklika Caritas in veritate ging Papst Benedikt bereits am 13. Juni ein, als er die Teilnehmer der internationalen Tagung der Stiftung Centesimus Annus - Pro Pontifice im Vatikan willkommen hieß.

Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache des Papstes.

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Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
geschätzte und liebe Freunde!

Danke für diesen Besuch, der im Rahmen eurer Jahresversammlung stattfindet. Ich grüße euch von ganzem Herzen und danke euch für das, was ihr mit erwiesener Großzügigkeit im Dienst für die Kirche leistet. Ich begrüße und danke eurem Präsidenten, Graf Lorenzo Rossi di Montelera, der mit großer Feinfühligkeit eure Empfindungen zum Ausdruck gebracht und in groben Zügen die Tätigkeit der Stiftung umrissen hat. Ich danke auch denjenigen, die mir in mehreren Sprachen ihre Ergebenheit bezeugen wollten. Unserer heutigen Begegnung kommt angesichts der Situation, in der sich die ganze Menschheit in diesem Moment befindet, eine besondere Bedeutung und ein besonderer Wert zu.

Tatsächlich macht die Finanz- und Wirtschaftskrise, unter der Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer leiden, deutlich, daß gewisse ökonomische und finanzielle Paradigmen, die in den vergangenen Jahren vorherrschend waren, überdacht werden müssen. Eure Stiftung hat also gut daran getan, bei dem Internationalen Kongreß, der gestern stattgefunden hat, dieses Thema anzusprechen: es muß erforscht und erkannt werden, welches die Werte und Regeln sind, an die sich die Wirtschaftswelt halten sollte, um ein neues Entwicklungsmodell zu verwirklichen, das stärker auf die Erfordernisse der Solidarität achtet und die menschliche Würde stärker respektiert.

Ich freue mich zu erfahren, daß ihr vor allem die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Institutionen, Gesellschaft und Markt untersucht habt, indem ihr – in Übereinstimmung mit der Enzyklika Centesimus annus meines verehrten Vorgängers Johannes Paul II. – von der Überlegung ausgegangen seid, nach der die Marktwirtschaft, verstanden als Wirtschaftssystem, »das die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums und der daraus folgenden Verantwortung für die Produktionsmittel, der freien Kreativität des Menschen im Bereich der Wirtschaft anerkennt« (Nr. 42), nur dann als Weg des wirtschaftlichen und zivilen Fortschritts anerkannt werden kann, wenn sie sich am Gemeinwohl ausrichtet (vgl. Nr. 43). Diese Sicht muß jedoch von einer weiteren Überlegung begleitet werden, nach der die Freiheit im Bereich der Wirtschaft »in eine feste Rechtsordnung eingebunden« sein muß, »die sie in den Dienst der vollen menschlichen Freiheit stellt«, eine verantwortliche Freiheit, mit einem »ethischen und religiösen Mittelpunkt« (Nr. 42). Zu Recht heißt es in der besagten Enzyklika: »Wie sich die Person in der freien Selbsthingabe voll verwirklicht, so findet das Eigentum seine sittliche Rechtfertigung darin, daß es unter den erforderlichen Umständen und in der erforderlichen Zeit Arbeitsgelegenheiten und menschliches Wachstum für alle schafft« (Nr. 43).

Ich wünsche, daß die von euch erarbeiteten Untersuchungen eine Sicht der modernen Wirtschaft liefern mögen, welche die Bedürfnisse und die Rechte der Schwächeren beachtet, indem sie sich von den ewigen Grundsätzen des Evangeliums anregen läßt. Wir ihr wißt, wird demnächst eine Enzyklika von mir veröffentlicht, die sich gerade mit dem weiten Thema der Wirtschaft und der Arbeit befaßt: in ihr wird herausgestellt werden, welche Ziele wir Christen zu verfolgen haben und welche Werte unermüdlich zu fördern und zu schützen sind, um ein wirklich freies und solidarisches menschliches Zusammenleben zu verwirklichen. Ich nehme außerdem erfreut zur Kenntnis, was ihr zugunsten des PISAI (Pontificio Istituto di Studi Arabi e d’Islamistica / Päpstliches Institut für Arabische Studien und Islamwissenschaft) bewirkt, dessen Zielen, die von euch geteilt werden, ich für einen immer fruchtbareren interreligiösen Dialog großen Wert beimesse.

Liebe Freunde, danke nochmals für euren Besuch; ich versichere euch meines besonderen Gedenkens im Gebet und segne euch alle von Herzen.

 

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