Für eine gerechtere Welt: Schreiben Benedikts XVI. an die Präsidentin der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften

Der Mensch als „Mittelpunkt einer globalisierten Welt, in der Gerechtigkeit herrscht“

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ROM, 6. Juni 2007 (ZENIT.org).- Aus Anlass des Gipfels der G8-Staaten in Heiligendamm veröffentlichen wir die offizielle Übersetzung des Schreibens, das Papst Benedikt XVI. der Präsidentin der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften, Mary Ann Glendon, zur diesjährigen Vollversammlung dieser Institution hat zukommen lassen.



Der Heilige Vater zeigt in seinem Brief auf, worin der Beitrag der Kirche „zur Erlangung wahrer Gerechtigkeit“ und somit zum „Aufbau einer menschenwürdigen Gesellschaft“ besteht, und er hebt hervor, dass nur die Nächstenliebe in uns die Gerechtigkeit erwecken könne, „die im Dienst des Lebens und der Förderung der Würde des Menschen steht“.

Die Zerstörung der Umwelt, der unangemessene und egoistische Umgang mit ihr sowie der gewaltsame Aufkauf ihrer Ressourcen seien „die Frucht eines unmenschlichen Entwicklungs- Konzepts“, fährt Papst Benedikt fort. „Indem wir uns den Herausforderungen des Umweltschutzes und der nachhaltigen Entwicklung stellen, sind wir aufgerufen zur Förderung und Wahrung der moralischen Bedingungen einer glaubwürdigen Humanökologie“ beizutragen, was „eine verantwortliche Beziehung nicht nur zur Schöpfung, sondern auch zu unseren – zeitlich und räumlich – näheren und entfernteren Nachbarn und zum Schöpfer“ erforderlich mache.

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Ihrer Exzellenz
Frau Professor Mary Ann Glendon,
Präsidentin der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften

Aus Anlaß der 13. Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften habe ich die Freude, Sie und Ihre verehrten Kollegen zu begrüßen und meine guten Wünsche, verbunden mit meinem Gebet, für Ihre Beratungen zum Ausdruck zu bringen.

Die diesjährige Versammlung der Akademie ist einer Untersuchung des Themas »Nächstenliebe und Gerechtigkeit in den Beziehungen zwischen Völkern und Nationen« gewidmet. Dieses Thema muß für die Kirche Gegenstand ihres Interesses sein, da das Streben nach Gerechtigkeit und die Förderung der Zivilisation der Liebe wesentliche Aspekte ihrer Sendung, das Evangelium Jesu Christi zu verkünden, sind. Gewiß ist der Aufbau einer gerechten Gesellschaft die vorrangige Verantwortung der politischen Ordnung, sowohl in den einzelnen Staaten als auch in der internationalen Gemeinschaft. Als solcher erfordert er auf allen Ebenen eine disziplinierte Übung der praktischen Vernunft und eine Schulung des Willens, um die besonderen Anforderungen der Gerechtigkeit zu erkennen und zu erfüllen, in voller Achtung des Gemeinwohls und der unveräußerlichen Würde jedes einzelnen. In meiner Enzyklika Deus caritas est wollte ich am Anfang meines Pontifikats noch einmal bekräftigen, daß die Kirche den Wunsch hat, zu dieser notwendigen Reinigung der Vernunft beizutragen, bei der Gewissensbildung zu helfen und zu einer umfassenderen Antwort auf die wahren Anforderungen der Gerechtigkeit anzuspornen. Gleichzeitig wollte ich hervorheben, daß es auch in der gerechtesten Gesellschaft stets einen Platz für die Nächstenliebe geben wird: »Es gibt keine gerechte Staatsordnung, die den Dienst der Liebe überflüssig machen könnte« (Nr. 28).

Die Überzeugung der Kirche, daß Gerechtigkeit und Nächstenliebe untrennbar sind, entspringt letztendlich ihrer Erfahrung der Offenbarung der unendlichen Gerechtigkeit und des grenzenlosen Erbarmens Gottes in Jesus Christus, und sie kommt zum Ausdruck in ihrem nachdrücklichen Bestehen darauf, daß der Mensch und seine unveräußerliche Würde im Mittelpunkt des politischen und gesellschaftlichen Lebens stehen müssen. Ihre Lehre, die sich nicht nur an die Gläubigen richtet, sondern an alle Menschen guten Willens, appelliert somit an die rechte sittliche Vernunft und an eine korrekte Auffassung von der menschlichen Natur: Sie bietet Grundsätze, die in der Lage sind, den einzelnen und Gemeinschaften im Streben nach einer von Gerechtigkeit, Freiheit, brüderlicher Solidarität und Frieden gekennzeichneten Gesellschaftsordnung zu leiten. Jener Lehre liegt, wie Sie gut wissen, das Prinzip der universalen Bestimmung aller Güter der Schöpfung zugrunde. Gemäß diesem grundlegenden Prinzip ist alles, was die Erde hervorbringt, und alles, was der Mensch bearbeitet und herstellt, all sein Wissen und seine Technik dazu bestimmt, der materiellen und geistlichen Entwicklung und Erfüllung der Menschheitsfamilie und aller ihrer Mitglieder zu dienen.

Aus dieser gesamtmenschlichen Perspektive heraus können wir die wesentliche Rolle besser verstehen, die die Nächstenliebe beim Streben nach Gerechtigkeit spielt. Mein Vorgänger, Papst Johannes Paul II., war überzeugt, daß Gerechtigkeit allein nicht ausreicht, um wahrhaft menschliche und brüderliche Beziehungen innerhalb der Gesellschaft herzustellen. Die Gerechtigkeit, sagte er, »muß in allen Bereichen zwischenmenschlicher Beziehung sozusagen eine tiefgreifende ›Korrektur‹ erfahren: durch die Liebe, welche nach dem Hohen Lied des hl. Paulus ›langmütig‹ und ›gütig‹ ist oder, anders ausgedrückt, die für das Evangelium und das Christentum so wesentlichen Züge des Erbarmens trägt« (Dives in misericordia, 14). Kurz gesagt, die Nächstenliebe befähigt nicht nur die Gerechtigkeit, erfinderischer zu werden und sich neuen Herausforderungen zu stellen, sondern sie erweckt und reinigt auch die Bemühungen der Menschheit um die Erlangung wahrer Gerechtigkeit und somit den Aufbau einer menschenwürdigen Gesellschaft.

In einer Zeit, in der die Sorge für den Nächsten die Grenzen nationaler Gemeinschaften überwindet und bestrebt ist, ihre Horizonte auf die gesamte Welt auszuweiten (vgl. Deus caritas est, 30), muß die innere Verbindung zwischen Nächstenliebe und Gerechtigkeit genauer verstanden und deutlicher hervorgehoben werden. Ich bringe meine Zuversicht zum Ausdruck, daß Ihre Gespräche in diesen Tagen diesbezüglich Früchte tragen werden, und möchte kurz Ihre Aufmerksamkeit auf drei besondere Herausforderungen richten, denen unsere Welt gegenübersteht. Ich glaube, daß diesen Herausforderungen nur durch ein festentschlossenes Bemühen um jene größere Gerechtigkeit, die an der Nächstenliebe ausgerichtet ist, begegnet werden kann.

Die erste betrifft die Umwelt und die nachhaltige Entwicklung. Die internationale Gemeinschaft ist sich bewußt, daß die Ressourcen der Welt begrenzt sind und daß es die Pflicht aller Völker ist, politische Maßnahmen zum Schutz der Umwelt zu ergreifen, um der Zerstörung jenes natürlichen Kapitals zuvorzukommen, dessen Erträge notwendig sind für das Wohlergehen der Menschheit. Um dieser Herausforderung zu begegnen, ist ein interdisziplinärer Ansatz, wie Sie ihn angewandt haben, notwendig. Ebenso bedarf es der Fähigkeit, den Verlauf von Umweltveränderungen und das nachhaltige Wachstum einzuschätzen und vorauszusagen, zu überwachen und Lösungen auf internationaler Ebene zu entwerfen und zur Anwendung zu bringen. Besondere Aufmerksamkeit muß die Tatsache erhalten, daß die ärmsten Länder wahrscheinlich den höchsten Preis für die Schädigung der Umwelt zahlen. In meiner Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2007 habe ich darauf hingewiesen, daß »die Zerstörung der Umwelt, ein unangemessener und egoistischer Umgang mit ihr und der gewaltsame Aufkauf ihrer Ressourcen … die Frucht eines unmenschlichen Entwicklungs- Konzepts sind. Eine Entwicklung, die sich nur auf den technisch-wirtschaftlichen Aspekt beschränken würde und die ethisch-religiöse Dimension vernachlässigte, wäre nämlich keine ganzheitliche menschliche Entwicklung und würde schließlich wegen ihrer Einseitigkeit die zerstörerischen Fähigkeiten des Menschen antreiben« (Nr. 9; in O.R. dt., Nr. 51/52 vom 22.12.2006, S. 10). Indem wir uns den Herausforderungen des Umweltschutzes und der nachhaltigen Entwicklung stellen, sind wir aufgerufen zur Förderung und »Wahrung der moralischen Bedingungen einer glaubwürdigen ›Humanökologie‹« (Centesimus annus, 38). Dies wiederum erfordert eine verantwortliche Beziehung nicht nur zur Schöpfung, sondern auch zu unseren – zeitlich und räumlich – näheren und entfernteren Nachbarn und zum Schöpfer.

Das führt uns zu einer zweiten Herausforderung, die unsere Auffassung vom Menschen und folglich unsere Beziehungen zueinander auf den Plan ruft. Wenn Menschen nicht als Personen betrachtet werden, als Männer und Frauen, die als Abbild Gottes geschaffen (vgl. Gen 1,26) und mit einer unantastbaren Würde ausgestattet sind, dann wird es sehr schwierig sein, völlige Gerechtigkeit in der Welt zu erlangen. Trotz der Anerkennung der Rechte der Person in internationalen Erklärungen und Gesetzgebungen müssen noch viele Fortschritte gemacht werden, um dafür zu sorgen, daß diese Anerkennung sich auswirkt auf globale Probleme wie die wachsende Kluft zwischen reichen und armen Ländern; die ungleiche Verteilung und Zuteilung natürlicher Ressourcen und des durch menschliche Arbeit hervorgebrachten Reichtums; die Tragödie des Hungers, des Durstes und der Armut auf einem Planeten, auf dem es Nahrung, Wasser und Wohlstand im Überfluß gibt; das menschliche Leid der Asylanten und Flüchtlinge; die andauernden Konflikte in vielen Teilen der Welt; der Mangel an ausreichendem gesetzlichen Schutz des ungeborenen Lebens; die Ausbeutung von Kindern; der internationale Menschen-, Waffen- und Drogenhandel; und zahlreichreiche andere schwerwiegende Ungerechtigkeiten.

Eine dritte Herausforderung steht in Beziehung zu den Werten des Geistes. Unter dem Druck wirtschaftlicher Sorgen neigen wir dazu, zu vergessen, daß die geistigen Güter, die dem Menschen zu eigen sind, sich im Gegensatz zu den materiellen Gütern verbreiten und mehren, wenn sie weitergegeben werden: Im Gegensatz zu den teilbaren Gütern sind geistigen Güter wie Bildung und Erziehung unteilbar, und je mehr man sie zu teilen versucht, desto mehr besitzt man sie. Die Globalisierung hat die wechselseitigen Abhängigkeiten der Völker mit ihren unterschiedlichen Traditionen, Religionen und Erziehungssystemen verstärkt. Das bedeutet, daß die Völker der Welt aufgrund all ihrer Unterschiede ständig voneinander lernen und viel mehr miteinander in Berührung kommen. Um so größer ist daher der Bedarf nach einem Dialog, der den Menschen helfen kann, gegenüber den Traditionen anderer die eigenen Traditionen zu verstehen, größere Selbsterkenntnis zu entwickeln angesichts der Herausforderungen an die eigene Identität, und so das Verstehen und die Anerkennung wahrer menschlicher Werte innerhalb einer interkulturellen Sichtweise zu fördern. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, ist eine gerechte Chancengleichheit, besonders im Bereich der Erziehung und der Wissensvermittlung, dringend notwendig. Bedauerlicherweise sind Erziehung und Bildung, besonders in der Primärstufe, in vielen Teilen der Welt immer noch in dramatischem Ausmaß ungenügend.

Um diesen Herausforderungen begegnen zu können, kann nur die Nächstenliebe in uns die Gerechtigkeit erwecken, die im Dienst des Lebens und der Förderung der Würde des Menschen steht. Nur die Liebe innerhalb der Familie, gegründet auf einem Mann und einer Frau, die nach dem Abbild Gottes geschaffen sind, kann jene Solidarität zwischen den Generationen gewährleisten, die Liebe und Gerechtigkeit an zukünftige Generationen weitergibt. Nur die Nächstenliebe kann uns ermutigen, den Menschen noch einmal in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens zu stellen und in den Mittelpunkt einer globalisierten Welt, in der Gerechtigkeit herrscht.

Mit diesen Überlegungen ermutige ich Sie, liebe Mitglieder der Akademie, bei der Weiterführung Ihrer wichtigen Arbeit. Auf Sie und Ihre Angehörigen rufe ich von Herzen Gottes Segen der Weisheit, der Freude und des Friedens herab.

Aus dem Vatikan, 28. April 2007

BENEDICTUS PP. XVI

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