Gauck in S. Anna di Stazzema: Alte Kriegswunden schließen sich

Erster Besuch eines deutschen Staatspräsidenten am Ort des Massakers

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 794 klicks

Eine alte, offene Wunde in der deutsch-italienischen Freundschaft schien sich gestern zum ersten Mal nach 69 langen Jahren zu schließen. Der Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck in Sankt Anna di Stazzema, einer kleinen toskanischen Gemeinde in der Provinz von Lucca, wurde in Italien als Zeichen der Versöhnung hoch gewürdigt. Es ist der erste offizielle Besuch eines deutschen Staatpräsidenten an dem Ort, an dem SS-Truppen am 12. August 1944 ein fürchterliches Massaker unter der Bevölkerung anrichteten: 560 Menschen, überwiegend Frauen, Kinder und alte Männer wurden als Vergeltungsschlag gegen die lokalen Partisanen hingerichtet. Das jüngste Opfer zählte gerade mal 20 Monate. Sie wurden in Ställen, auf Kirchplätzen und Friedhöfen zusammengetrieben und mit Handgranaten und Feuerwaffen getötet und anschließend verbrannt.

Dieses Kriegsverbrechen an Zivilisten wurden viele Jahrzehnte von beiden Staaten totgeschwiegen, um die Beziehungen während den Annäherungen zu Zeiten der Nato nicht zu belasten. Erst 2004 eröffnete das Militärgericht von La Spezia einen Prozess gegen mehrere in Deutschland noch lebende Täter. Zehn der früheren SS-Angehörigen wurden in Abwesenheit zu lebenslanger Haft sowie Entschädigungszahlungen in Höhe von etwa 100 Millionen Euro verurteilt. Die deutsche Staatsanwaltschaft hat diese Verurteilung nie anerkannt. Nach eigenen, parallel laufenden Ermittlungen sei den siebzehn Beschuldigten, wovon heute überhaupt nur acht noch am Leben sind, eine strafbare Beteiligung an dem Massaker in Sankt Anna di Stazzema nicht nachzuweisen. Das Ermittlungsverfahren wurde daher von der Staatsanwaltschaft Stuttgart am 1. Oktober 2012 eingestellt, was für große Empörung in Italien sorgte. Staatspräsident Giorgio Napolitano drückte damals sein „tiefes Bedauern über diese schockierende Urteilsbegründung“ aus. 

Vor diesem Hintergrund wurde nun die gestrige Ehrbezeugung von Bundespräsident Gauck am Gedenkort des Massakers sehr positiv aufgenommen. Unter strömendem Regen umarmten sich die beiden Staatspräsidenten und enthüllten gemeinsam einen zweisprachigen Gedenkstein für die Opfer. Gauck stimmt in der Zuweisung einer moralischen Schuld Deutschlands für die nationalsozialistischen Kriegsverbrechen mit dem italienischen Kollegen Napolitano überein: „Es verletzt das Empfinden für Gerechtigkeit, wenn Täter nicht überführt und bestraft werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaates dies nicht zulassen.“ Schuld existiere nicht nur als strafrechtliche Schuld! Bürgermeister Michele Sillicani sprach von einem „historischen Moment der Versöhnung.”

Der Besuch ist eine Reaktion des deutschen Bundespräsidenten auf den bewegenden Brief von zwei Überlebenden des Massakers, Enrico Pieri und Mario Marsili, damals gerade zehnjährig. Pieris Augenzeugenbericht wurde sogar in dem Film von Spike Lee „Das Wunder von Sankt Anna“ verarbeitet. Der Brief wurde von Napolitano im Februar an Gauck weitergeleitet, der nicht zögerte und einen offiziellen Besuch der Gedenkstätte ankündigte.

Das gewählte Datum, der 24. März, sollte eine Verknüpfung zu dem Gedenktag eines anderen Blutbades der deutschen Soldaten während der Besatzung in Italien herstellen. Gestern jährte sich der 69. Jahrestag des Massakers in den Fosse Ardeatine in Rom. Nach einem vom italienischen Widerstand verübten Attentat auf eine SS-Polizeigrenadierdivision, bei dem 33 deutsche Soldaten starben, mussten 335 Zivilisten mit ihrem Leben sühnen. Die Geisel rekrutierte man vor allem aus dem Stadtgefängnis „Regina Coeli“ und aus dem berüchtigten SS-Polizeirevier der Via Tasso. Auch hier waren Minderjährige unter den Opfern. Um einen Tumult der unterdrückten Bevölkerung zu vermeiden, wurde die Erschießung in den stillgelegten Steinbruch an der Via Ardeatina am Stadtrand verlegt. Als wichtige Geste der Bitte um Vergebung und der Versöhnung wurde bereits der historische Besuch von Papst Benedikt XVI. im März 2011 gewertet. Nicht nur als Pontifex, sondern auch in der Rolle des deutschen Landsmannes betete er damals vor dem Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus.