Gaudete!

Impuls zum Dritten Adventssonntag

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 9. Dezember 2011 (ZENIT.org). – In der 1. Lesung zum 3. Adventssonntag lässt der Hl. Geist den Propheten Jesaja sagen: „Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils,…wie ein Bräutigam sich festlich schmückt und wie eine Braut ihr Geschmeide anlegt“.

Ohne es zu beabsichtigen gibt hier der Prophet der künftigen „Ursache unserer Freude” seine Stimme. Später wird es Maria sein, die in der Erwartung des Heils ihre besondere Rolle spielen wird, die wir uns in dieser Adentszeit, wie jedes Jahr, liturgisch vor Augen führen. Am Tag nach dem Sonntag Gaudete, am 12. Dezember, feiert die Kirche – seit etwa acht Jahren auch im deutschen Direktorium vermerkt – das Fest der Muttergottes von Guadalupe.

Im Folgenden eine Betrachtung dieses Ereignisses, das im 16. Jahrhundert für die Neue Welt eine so entscheidende Bedeutung gehabt hat und vielleicht in der Alten Welt auch heute eine solche haben könnte.  

Quelle poésie!

…sagte der Pfarrer von Lourdes, Peyramale, als Bernadette ihm die Erscheinung der „Belle Dame” schilderte, wie sie dastand in einem fließenden weißen Gewand mit blauem Gürtel und auf den beiden „ungebrauchten” Füßen (so schildert sie Franz Werfel im „Lied von Bernadette“) jeweils eine gelbe Rose. Die Dame selber aber von unbeschreiblicher jugendlicher Schönheit.

In den wenigen Stellen, in denen im Evangelium von Maria die Rede ist, z.B. bei der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel, wird das Geschehen, wie immer in der Hl. Schrift, mit schönen, aber doch auch nüchternen Worten geschildert. Kein Wort zuviel. Die ganze Liebenswürdigkeit der Szene kann vom Leser oder Zuhörer nur erahnt werden. Aber wenn wir erst einmal gelernt haben, dass man in der Bibel auch zwischen den Zeilen lesen muss, erkennen wir, dass die Verkündigung an Maria nicht nur von außerordentlicher heilsgeschichtlicher Wichtigkeit ist, sondern zugleich von einer erlesenen Anmut und Schönheit.

Und so ist alles, was mit Maria zu tun hat.

Sie selber hat es geahnt, als sie im Magnifikat, diese Voraussage trifft, die sich durchaus mit ihrer Demut verträgt: „Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter…“ Millionenfach buchstäblich hat sich diese Prophezeiung verwirklicht: welch eine unübersehbare Fülle von Personen und Werken, die Maria preisen: Schriften, Gemälde und andere Werke der bildenden Kunst, Musikstücke, Theater, Gedichte. Berühmtes Beispiel das Mariengedicht des deutschen protestantischen Dichters Novalis:

„Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.
Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht,
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht“.

Und so ist auch die Erscheinung der Vírgen de Guadalupe in Mexiko reine Poesie. Hören wir einige Abschnitte aus dem berühmten „Nican Mopohua“, der in der Indio-Sprache Náhuatl verfassten Beschreibung der Erscheinung Mariens an den Indio Juan Diego. Versetzen wir uns zuvor kurz in die Situation. Zehn Jahre sind seit der Eroberung der Stadt Mexiko, Tenochtitlan, vergangen. Die Indios sind glücklich, dass die Eroberer den brutalen Götzendienst abgeschafft haben, der furchtbare Menschenopfer zum Inhalt hatte (der Hohepriester opferte einen Menschen auf der Höhe der Pyramiden, indem er mit einem Obsidianmesser das noch schlagende Herz aus dem lebenden Leib des Gefangenen schnitt und emporhielt). Aber damit sind sie durchaus noch nicht zum Christentum bekehrt. Sie schätzen das Humanitäre an der Religion der Eroberer, aber sie sagen sich: das ist eine Religion für die Weißen, wir sind nicht gemeint. Jesus ist ein Weißer, Maria ist eine Weiße. So ist Juan Diego einer von ganz wenigen Ureinwohnern, die zum christlichen Glauben gefunden haben.

Der in einfacher Sprache gehaltene „Nican“ beschreibt, wie Juan Diego auf dem Wege zu seinem kranken Onkel Bernardino an einem Hügel in der Nähe der Hauptstadt vorbei geht und plötzlich dort als Ankündigung der Nähe der Muttergottes wunderschöne sinnliche Eindrücke erlebt: Vogelstimmen, Blumenduft, ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit.

„Doch nun verstummte plötzlich der Chor. Und während sich die letzte Stimme noch verlor, hörte er, wie nach ihm gerufen wurde. Von der Spitze des Gipfels rief man ihn: „Kleiner Juan, Juanitzin, Diegotzin!“ Da machte er sich auf, dem Ruf zu folgen.

Nichts verwirrte sein Herz, nichts ängstigte ihn. Er fühlte sich nur sehr froh, sehr glücklich. Eilig stieg er den Weg hinauf, um zu sehen, wer ihn gerufen hatte. Als er die Höhe erreicht hatte, sah er eine edle Dame auf dem Gipfel des Hügels stehen. Sie bedeutete ihm, näher zu treten. Als er  aber vor ihr stand, überwältigte ihn ihre Schönheit, die alles übertraf, was er je gesehen hatte. Sie war vollkommen. Ihr Gewand leuchtete wie die Sonne. Der Stein und der Felsen, auf dem sie stand, funkelten unter ihren Strahlen wie schimmerndes Geschmeide aus reinstem Smaragd. Die Erde leuchtete um sie herum wie ein Regenbogen im Nebel. Die Kakteen, die Nopales und die übrigen Kräuter, die am Boden wucherten, blitzten strahlend grün wie Smaragde…“

(aus Paul Badde, „Maria von Guadalupe“, S. 27)

Buchstäblich erleben wir hier Maria, wie immer, mütterlich besorgt. Aber recht bald wird deutlich, dass die „Poésie“ nicht alles ist. Es geht um eine konkrete Aufgabe, die für Juan eigentlich viel zu groß ist. Wie soll er als unbedarfter Indio zu dem bedeutenden Bischof Zumárraga gehen und ihm ausrichten, dass die Mutter des einzigen Gottes hier eine Gebetsstätte wünscht, um sich den Bewohnern des Landes hilfreich zu zeigen:

„Präge dir Folgendes gut ein, Allerkleinster meiner Söhne! Ich bin die Immerwährende Heilige Jungfrau Maria, die Mutter des einzig wahren heiligen Gottes, des lebenspendenden Schöpfers aller Menschen. Er ist der Herr des Nahen und de Fernen, des Himmels und der Erde. Ich wünsche mir sehr, dass mir hier ein Heiligtum errichtet wird, wo ich  ihn zeigen, preisen und für immer bezeugen kann. Hier werde ich den Menschen meine ganze Liebe geben, meinen erbarmenden Blick, meine Hilfe meinen Trost, meine Rettung. Denn ich bin wahrhaftig eure mitleidende Mutter: deine Mutter und die aller Menschen, die dieses Land bewohnen – wie auch die Mutter aller übrigen Stämme, die mich lieben, rufen und anflehen. Ich bin die Mutter all derer, die mich suchen und mir vertrauen. Hier werde ich ihr Weinen und ihr Klagen hören. Hier werde ich sie in ihrer Trauer trösten und all ihre Schmerzen lindern. Hier werde ich sie heilen in ihrer Pein, ihrem Elend und Leid.“ (ebenda, S. 29)

Spätestens an der Reaktion des Indios können wir selbst ins Spiel kommen: fühlen wir uns nicht auch manchmal von den Aufgaben, die das Leben uns stellt, überfordert? Allerdings haben wir es in der Beurteilung nicht so leicht wie Juan Diego. Wir können nicht ohne weiteres erkennen, ob die Aufgabe uns von Gott gestellt ist oder von anderen, oder sogar von uns selbst. Scheinbar ist die Aufgabe für den Indio zu schwer (dem Bischof eine Botschaft überbringen, sicher abgewiesen werden, verkannt und sogar verleumdet werden). Aber dann stellt sich wie immer heraus: Gott verlangt nichts Unmögliches, Menschen dagegen wohl. Es geht gut aus, aber Juan sollte kämpfen und auch ein bisschen leiden. Der Bischof verlangt einen Beweis. Maria gibt das erbetene Zeichen. Es besteht natürlich aus “Poésie”. Sie lässt den Indio auf der Höhe des Hügels Tepeyac, wo sie ihm mehrfach erscheint, eine Anzahl Blumen pflücken, die er dem Bischof präsentieren soll. Es ist Anfang Dezember und bitter kalt. Da findet er zwischen Disteln und spitzen Steinen unbeschreiblich kostbare Rosen in allen Farben. Er sammelt sie in seine Tilma (Poncho) und geht eilends zum Bischof, wo er nach langem Warten vorgelassen wird. Als er die Tilma öffnet, fallen die Blumen zu Boden und verschwinden. Aber auf dem Gewand des Indios erscheint und bleibt das Bild der Muttergottes. Dieses Bild wird seit 480 Jahren verehrt. Zu diesem konkreten Bild haben Wissenschaftler verschiedene überraschende Beobachtungen gemacht, die wir hier nicht im Einzelnen erörtern können. Es genügt der Hinweis, dass das Material, aus dem das Gewand besteht, eine einfache Kakteenfaser ist mit einer Lebensdauer von 20-30 Jahren, und dass sich in den halb geschlossenen Augen der Madonna die Szene bei dem Bischof widerspiegelt.

Wichtiger jedoch als die „Poésie“ sind die Wirkungen, die dieses Bild bis auf den heutigen Tag ausübt. Damals hat es, nachdem der Bischof rasch die kleine Kirche nach den Wünschen der Erscheinung hatte erbauen lassen, eine gewaltige Eintrittswelle in die Kirche gegeben. In wenigen Jahren – ungefähr zur gleichen Zeit, als im alten Europa im Zuge der Reformation  viele Millionen die katholische Kirche verließen - ließen sich in Mexiko acht Millionen Indios taufen. Wie kam es zu diesem Sinneswandel?

Die Indios sahen das Bild: eine schöne junge Frau, mit schwarzem Haar und dunklem Teint – keine Weiße, gewandet wie eine aztekische Prinzessin. Ihre Haltung zeigt, dass ihr einerseits die Natur unterworfen ist (eine Frau mit der Sonne bekleidet und der Mond zu ihren Füßen), dass sie andererseits aber einem Höheren dient (das geneigte Haupt und die gefalteten Hände). Man sieht auch, dass sie schwanger ist. Ein kleines Ornament an der Stelle, wo das kleine Kind sich befindet, bedeutet „Herr der Welt“.

Mehr als tausend Worte sagte das Bild den Betrachtern damals: Maria – und damit auch Jesus – ist eine von uns. Und - sie ist um uns mütterlich besorgt.

Wir aber können heute außerdem die Frage hinzufügen: wie kommt es, dass die Verehrung der Gottesmutter von Guadalupe zum jetzigen Zeitpunkt aus der Neuen in die Alte Welt gelangt? Ist das nur ein Zeichen der Globalisierung? Ist es eine religiöse Modeerscheinung?

Ist es providentiell? Zunächst ist es sicher nur eine von vielen Varianten der Marienverehrung. Für den modernen an Bildern orientierten Menschen tritt es außerdem an die Seite eines anderen Bildes, des sog. Grabtuches von Turin.

Ein Bild von Jesus, ein Bild von Maria? Gewiss, aber dahinter gilt es wieder neu zu sehen, was die Christen eigentlich wissen müssen, was sie aber ständig relativieren und sogar verdrängen: Jesus und Maria sind wahre und lebendige Personen. Die vom Papst beklagte Gottvergessenheit der heutigen Menschen lässt ja die Religion als historisches Faktum gelten, aber dass sie für unser Leben relevant ist, das wird geleugnet.

Der ganz große Irrtum unserer an Irrtümern so reichen Zeit.

Maria wird schon von den Kirchenvätern als Besiegerin der Häresien bezeichnet. Könnte eine neue Sicht auf die lebendige und bildmächtige Wirklichkeit Mariens uns nicht helfen, die zahlreichen Häresien unserer Zeit – auch manche katholisch theologische Fakultät, kann davon ein Lied singen – zu überwinden? 

Wie können wir diese Überwindung verschiedener Verirrungen des Zeitgeistes erreichen?

Wie immer durch die Wahrheit, denn „die Wahrheit wird euch frei machen“, sagt Christus. Aber eine Wahrheit, die voller Leben ist, und damit auch voller……..Poésie.

Also durch Maria.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.