Gebete und Bomben

Priestererlebnis von Morgan Francis Batt, Australien

Wien, (ZENIT.org100Wunder) | 824 klicks

Mit einer Gruppe von Mitbrüdern reiste ich in das Kriegsgebiet von Irak. Wir waren gut geschult und ausgebildet, um für diesen Einsatz gerüstet zu sein. Trotzdem kann man sich meine Anspannung vorstellen, als ich an Bord des Flugzeugträgers C 130 der US Air Force das antike Babylon und das Land Abrahams überflog, das heute den Irak bildet. Als wir im Juni 2007 in unserer Basis im Süden Iraks ankamen, beschossen uns die Rebellen lange Zeit mit Raketen, verfehlten aber Gott sei Dank stets ihr Ziel.

Von da an wiederholten die Rebellen jeden Abend zwischen acht und zehn Uhr dieses Ritual. Die Sirenen, die die nächtlichen Luftangriffe ankündigten, heulten ununterbrochen. Um uns vor den Angriffen zu schützen, verbargen wir uns in den Schützengräben. Wenn uns diese Gräben als Bunker dienten, warteten wir stets auf den ersehnten Ruf: „Alles ruhig“.

Mein richtiger Bunker hingegen befand sich in der Nähe unserer kleinen, bescheidenen Kapelle, der ich den Beinamen ‚Unsere Frau von der Wüste‘ gegeben hatte. Als in einer dieser Nächte die Luftschutzsirenen unaufhörlich heulten, rannte ich aus der Kapelle, zog meine Ausrüstung an und begab mich auf dem direkten Weg in den Bunker. Dort befanden sich schon neun Soldaten. Neben mir saß ein Mann, der zur Einheit ‚Vier Sterne des Sports‘ gehörte und hier in der Armee Dienst leistete.

Er wandte sich mir zu und fragte: „Father, wenn mich heute Nacht eine dieser Raketen tötet, komme ich dann in den Himmel?“

Bevor ich antwortete, dachte ich einen Moment nach. Da dieser Mann groß und muskulös war, musste ich meine Antwort gut abwägen. Ich schaute ihm in die Augen und antwortete ihm mit einem klaren „Nein“.

Erstaunt und verunsichert fragte er mich nochmals: „Im Ernst, Father, werde ich ins Paradies kommen?“

Ich bestand darauf: „Nein, du wirst nicht dort hinkommen, weil du vor niemandem Achtung hast und nur an dich denkst. Du bist zwar jung, aber sehr egoistisch, hast keinen Respekt vor Frauen und trinkst zu viel.“

Da blieb ihm der Mund offen stehen. Fragend stammelte er: „Was muss ich denn machen, um in den Himmel zu kommen?“

‚Vor langer Zeit hat ein reicher, junger Mann Jesus dieselbe Frage gestellt‘, dachte ich bei mir. „Gut“, sagte ich, „wenn du jetzt um Vergebung für deine Sünden bittest und dich dann eine Rakete treffen würde, könntest du höchstwahrscheinlich in den Himmel kommen.“

„O.K.“, sagte der junge Soldat, „hört mir alle zu: Der Priester wird uns beim Beten helfen.“

Genau in diesem Moment schlug eine Rakete etwa 500 Meter von uns entfernt ein. Die Wucht des Aufpralls schleuderte gewaltige Erdmassen durch die Luft. Wir wurden heftig geschüttelt und um uns herum ging alles in Flammen auf.

„Jetzt beten Sie doch, Father“, rief der Soldat ungeduldig.

Ich begann, mit ausgebreiteten Armen für alle, die bei uns waren, zu beten. Dabei flehte ich den Herrn besonders für die Vergebung der Sünden und für eine gute Gewissenserforschung an. Auch bat ich Gott, dass er uns in dunklen und traurigen Momenten, in Momenten voller Angst, so wie wir sie jetzt durchmachten, beistehen möge.

Als ich geendet hatte, herrschte inner- und außerhalb unseres Zufluchtsortes absolute Stille. Meine Kameraden schauten mich alle fragend an und dieser junge, kräftige Soldat, der sich kurz zuvor um sein Seelenheil besorgt gezeigt hatte, weinte wie ein kleines Kind und konnte gar nicht mehr damit aufhören. Dies war ein Moment der Gnade, wie alle Momente, in denen man eine Seele durch Gebet und aufrichtigen Beistand zu Gott führen kann. Es war einer dieser typischen Augenblicke, in denen jemand, der dem Tod ins Auge blickt, seine Vergangenheit in Sekundenschnelle an sich vorbeiziehen sieht und im Glauben zu einem vollkommen neuen Leben wiedergeboren wird. Dieser Bunker, in dem wir uns befanden, war wie ein ‚Grab‘, aus dem alle zu einem neuen Leben auferstanden. Kein Priester kann jemals einen solchen Moment vergessen, in dem das Wirken des Heiligen Geistes so klar und greifbar wird.

Nach einigen Wochen sah ich jenen jungen Soldaten wieder und fragte ihn, wie es ihm ergangen sei. Er antwortete mir: „Father, ich bin zwar sicherlich kein Engel, aber mittlerweile kann man wohl sagen, dass die Dinge zwischen mir und meinem neuen Freund bestens laufen!“

„Wir sehen uns dann am Sonntag in der Kapelle“, antwortete ich ihm. „Sicher, Father! Sie können sich auf mich verlassen!“ Dann setzte er seinen Rundgang fort.

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