Gebetsinitiative eines deutschen Abiturienten gewinnt Auszeichnung bei Südtiroler Woche für das Leben

Rudolf Gehring: Gebet ist ähnlich wie der Zaubertrank bei Asterix und Obelix

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WÜRZBURG, 31. Mai 2012 (ZENIT.org). - Seit 1999 wird jährlich während der „Woche für das Leben", in diesem Jahr vom 19. bis zum 26. Mai 2012, von der „Bewegung für das Leben-Südtirol“ eine besondere Initiative zum Schutz des Lebens prämiert. In diesem Jahr erhielt ein junger Mann aus Würzburg diese Auszeichnung: Rudolf Gehrig. Er hat mit zwei weiteren Jugendlichen im sozialen Netzwerk Facebook die Aktion „AIAC“ (Abortion Is A Crime - Abtreibung ist ein Verbrechen) gestartet und eine Seite zum Lebensschutz eingerichtet. Das Thema Abtreibung bewegt ihn schon seit Jahren, vor allem die Tatsache, dass so viele Kinder ihr Leben bereits im Mutterschoß lassen müssen und ebenso viele Frauen traumatisiert werden. Sie begannen, jeden Abend um 20 Uhr ein Vaterunser für das Leben zu beten, und dehnten diese Aktion dann auf Facebook aus.

Der Bürgermeister von Meran, Dr. Günther Januth, überreichte dem Preisträger am 20. Mai bei einem Festakt den „Preis des Lebens“, eine Holzskulptur.

Die näheren Ausführungen des jugendlichen Preisträgers der ganzen Entstehungsgeschichte brachte die Zuhörer, bei aller Dramatik des Themas an sich, immer wieder zum Schmunzeln.
Rudolf Gehring bei der Preisverleihung:

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Kennen Sie dieses Gefühl? Diese sich im Innern aufstauende, sich langsam steigernde Wut? Sie wächst heran, wird dann konfrontiert mit der Erkenntnis der eigenen Ohnmacht, wird so zur Verzweiflung und endet schließlich in Resignation. Ich denke, die meisten der hier Anwesenden kennen diese Gefühle, besonders die, die sich für den Lebensschutz engagieren. Mir geht es nicht anders. Es wollte und will einfach nicht in meinen Kopf gehen, dass täglich tausende ungeborene Kinder so ausgelöscht, ja, ermordet werden! Und der Staat, der Vater Staat, spricht währenddessen stolz vom technischen Fortschritt. Und jammert natürlich auch über den „demografischen Wandel“… Ich habe schon früh angefangen, Infomaterial über die Abtreibung zu sammeln. Unter anderem fiel mir da auch die „Lebe“ in die Hand und wenn ich dann manchmal abends noch dasaß und diese schockierenden und unfassbaren Berichte gelesen habe, konnte ich ewig nicht einschlafen, so arg hat mich das aufgewühlt. Ich lag dann im Bett, hab mich hin und her gewälzt und mich immer wieder gefragt, wie der Mensch so tief sinken kann. Keine Maus der Welt käme auf die Idee, eine Mausefalle zu bauen!

Abtreibung (man nannte das ja früher noch „Kindstötung im Mutterleib“, was in meinen Augen viel ehrlicher klingt) ist eine himmelschreiende Dummheit. Und nicht nur das: Diese Bestialität schreit zum Himmel! Diese traumatisierten und seelisch zerstörten Frauen schreien doch zum Himmel! Diese unschuldigen, millionenfachen Opfer schreien doch zum Himmel! Warum - und diese Frage stand eines Nachts während einer solchen Wut-Verzweiflungs-Resignations-Attacke so verblüffend einfach im Raum - warum schreie ich nicht zum Himmel? Es ist schön und gut, sich über Abtreibung zu informieren, Zeitschriften zu lesen und entsetzt den Kopf zu schütteln, Texte zu schreiben, die den Staat anklagen (wie der anfangs zitierte), es ist auch sicher nicht verkehrt, mal im Biounterricht die Hand zu heben „Ähhhhhm, ja, also, ich bin ja der Meinung, dass das Leben bereits bei der Empfängnis beginnt und so…“, aber ist das alles in allem nicht etwas… feige und selbstgenügsam? In einem Rausch von Enthusiasmus beschloss ich, eine Beratungsstelle für Mütter in Not zu gründen, oder eine Straßenmission, vielleicht eine Gehsteigberatung, oder ich fahre nachts in Deutschland rum und spraye an Stadtmauern: „Abtreibung ist Mord. Immer.“ Nun ja, meine Familie, mein straffer schulischer Zeitplan und mein fast konstanter finanzieller Tiefflug haben mich sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Aber irgendeine Möglichkeit muss es doch geben, ich wollte irgendetwas tun, um nicht tatenlos zusehen zu müssen, wie systematisch meine Mitmenschen ausradiert werden!

Da war dann eines Tages Laura. Laura ist etwa zwei Jahre jünger als ich und mehr oder weniger mit mir befreundet, eine Bekanntschaft vom Pausenhof. Irgendwann kam sie mal in unsern Schülerbibelkreis, und eines Nachts bekomme ich eine SMS von ihr, dass sich ihre Eltern scheiden lassen wollen und ich ihr irgendwie helfen solle. Und so haben wir ausgemacht, dass wir jeden Abend genau um 20 Uhr ein Vaterunser für ihre Eltern beten, wir beide gleichzeitig. Es hat funktioniert, ihre Eltern haben sich noch mal zusammengerissen, einen Neuanfang gestartet, und Lauras Aussagen zufolge läuft es mittlerweile wieder super zwischen beiden.

Diese Erfahrung war schließlich der Geburtshelfer für AIAC. AIAC sind die Anfangsbuchstaben für „Abortion is a crime“ - Abtreibung ist ein Verbrechen. Es entstand in der Nacht des 10. Januars 2011. Wieder mal in der „Lebe“ gelesen, wieder mal eine Wutattacke, wieder mal verzweifelt, dass ich so schwach und hilflos dastehe. Ich machte meinem Ärger Luft, in dem ich einer Freundin aus Regensburg eine SMS geschrieben habe und mich regelrecht auskotzte. Es war schon sehr spät in der Nacht, aber Theresa Häusl hat mir zurückgeschrieben und meine Meinung, ja, auch meine Wut geteilt. In dieser Nacht beschlossen wir, von nun an täglich um 20 Uhr ein Vaterunser für das ungeborene Leben zu beten. Es war von Anfang an klar, dass es immer besser ist, für etwas zu beten (zum Beispiel für die Ungeborenen, für die Schwangeren, für die Ärzte), als gegen etwas (pauschal gegen Abtreibung). Das Gebet ist ähnlich wie der Zaubertrank bei Asterix und Obelix: Der Druide Miraculix, der ja um die Rezeptur des Trankes weiß, stellt diesen nur unter der Bedingung her, wenn er für Verteidigungszwecke gebraucht wird, nicht aber für Angriffe.

Zum ersten Mal spürte ich einen Ansatz von Frieden in meinem Herzen, weil mir so langsam klar wurde, dass ich durch mein Gebet wahrscheinlich mehr „anrichte“, als mir eigentlich klar ist. Ein Spruch sagt: „Beten ist die radikalste Form, sich einzumischen.“ Es war fantastisch: Jeden Abend um 20 Uhr klingelte mein Handy, piepste meine Uhr, um mich daran zu erinnern. Es fühlte sich für mich an wie eine kleine Verschwörung: Theresa und ich gegen den Rest der abtreibenden Welt. Gegen? Naja, also für das ungeborene Leben…

Wir wollten unsere kleine Verschwörung ausweiten, haben uns aber Zeit damit gelassen. Es kostete ein wenig Überwindung, diesen Schritt zu tun, auf Facebook eine offizielle AIAC-Seite einzurichten und sich so vor seinen Freunden und Bekannten zu outen. Wir sammelten vorher Email-Adressen, um eine Rundmail zu versenden, die viel zu lang und ausführlich war, aber die Reaktionen waren überwältigend. Ich merkte, dass ich ernst genommen wurde. Es schrieben erwachsene Leute, Vorstände von Lebensschutzorganisationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, Priester, Ordensleute, ja, sogar Politiker wie Rudolf Gehring aus Österreich, der witzigerweise fast denselben Namen hat wie ich…

Ich, der kleine Siebzehnjährige, noch grün hinter den Ohren und unerfahren, kam sich auf einmal ungeheuer wichtig vor und war mächtig stolz. Ich legte mich mit Veganern aus unserm Landkreis an, weil sie darauf beharrten, wenn gegen Abtreibung, dann muss man auch was gegen den Mord an Tieren tun, weil Tiere sind ja schließlich auch nur Menschen usw. Als diese Vereinigung dann noch eine kleine Hetzjagd auf mich startete, fühlte ich mich wie der König von Deutschland. Ich genoss das regelrecht, von ein paar Leuten, die ich ja im Grunde nur verachtete, an die Wand gestellt zu werden, aber weiter für eine Sache zu kämpfen, von der ich wusste, dass sie viel wichtiger war als alles Geschwätz. Ich war stolz auf meine Opferrolle, so stolz, dass ich das eigentliche Ideal aus den Augen verlor.

Ich merkte, wie ich immer mehr mich und meine Duelle mit meinen Gegnern in den Mittelpunkt stellte, aber die eigentliche Sache, den Kampf für das Leben, irgendwie nur noch Beiwerk war. Und Gott ließ das einfach zu. Es ist manchmal wirklich unbegreiflich für mich. Er sieht zu, wie ich von meiner Mission abkomme, wie ich seine Gaben und Eingebungen als meine verkaufe, er sieht zu, wie ich ihn zwar verkünde, aber nur um mich dadurch selbst zu inszenieren, wie ich ihn einfach beiseite schiebe. Er lässt es einfach geschehen. Wie schmerzhaft muss das gewesen sein für sein väterliches Herz?!

Ich wurde mit der Zeit etwas träge, ja, fast schon dekadent. Den Sprung ins kalte Wasser hatte ich hinter mir, bald wusste auch der letzte an meiner Schule, dass ich Abtreibung „nicht so gut finde“. Zum Beispiel hat man mir erzählt, wie der evangelische Religionslehrer bei einer Klasse in einer Stunde zum Thema Abtreibung vorgeschlagen hat, diesen Rudolf aus der elften Klasse mal zu holen und ihn mal zu fragen, was er denn für eine Meinung zu dem Thema hat... Ich war erstaunt, als mir plötzlich selbst die ärgsten Gegner für meine Haltung und diese Aktion Respekt zollten. Und ich wurde hochmütig. Dieser Hochmut sorgte zum Beispiel dafür, dass ich es nicht mehr für nötig hielt, in der Schule bei Diskussionen zum Lebensschutz meine Stimme zu erheben, weil „die kennen ja meine Meinung eh schon.“ Auch mein „Rekrutierungsenthusiasmus“ ließ nach, wo ich anfangs noch bei Jugendcamps oder einer Generalversammlung eines katholischen Vereins fleißig Mitbeter gesammelt habe, lehnte ich mich nun zurück.

Dieser Hochmut war erst die Vorstufe. Irgendwann begann ich am ganzen Projekt zu zweifeln. Ich sah, was andere auf die Beine stellten, wie andere viel mehr den Kopf hinhalten als ich, wie andere Lebensschützer einfach viel mehr bewirken als ich jämmerlicher Wicht mit einer kleinen Aktion auf Facebook.

Der liebe Gott ist ein genialer Stratege, wen er liebt, den züchtigt er heißt es. Nachdem er so meine Arroganz wieder etwas zurecht gestutzt hatte, kam Teil zwei seines Aufbauplanes: Das Radio. Eines Morgens beim Aufstehen höre ich im Radio die Meldung, dass irgendein Bundesstaat in den USA die Organisation „Planned Parenthood“, die dort die meisten Abtreibungskliniken betreibt, nicht mehr finanziell unterstützen wird. Ist das Zufall? Niemals! Während ich so halb verschlafen dasaß, wie sich ein fettes Grinsen in meinem Gesicht breit machte… kann es nicht sein, dass wir alle mit unserm Gebet vielleicht einen Anteil an dieser Meldung haben?

AIAC gibt es mittlerweile seit über einem Jahr. Marcel Urban aus Würzburg, der zurzeit in Heiligenkreuz in Wien studiert, ist zum AIAC Team dazu gestoßen und eine wahnsinnig große Hilfe. Ihm ist es zu verdanken, dass die von mir amateurhaft aufgebaute Facebookseite jetzt viel frischer aussieht, er hat ein neues Logo entworfen und postet täglich einen wichtigen Kommentar oder ein Bild, das den Rest der Facebook-Gemeinschaft immer wieder zum Nachdenken bringt. Ich bin dem lieben Gott unendlich dankbar, dass er ihn mir über den Weg geschickt hat! Ein besonderer Dank gilt auch der Martha Zöggeler von der Bewegung für das Leben. Sie war eine der ersten, die mir damals auf die Mail geantwortet hat, ich hatte ihre Adresse aus der Lebe-Zeitschrift. Zwischen uns hat sich ein reger Email und Facebook-Kontakt entwickelt, sodass sie auch immer wieder außerhalb von AIAC als „Lebensberaterin“ mir zur Verfügung stand. Und ich finde es ungeheuer spannend, dass ich sie schon längst als meine „geistige Tante“ adoptiert habe, obwohl wir uns heute am 20. Mai 2012 zum ersten Mal sehen.

Als Martha bei mir angerufen und mich quasi hierher bestellt hat, war ich erst einmal sprachlos und auch, als das Telefonat beendet war, war die Information noch nicht ganz da oben angekommen. Der Preis des Lebens, eine Auszeichnung für diejenigen, die Engagement für den Schutz des menschlichen Lebens zeigen ich finde ihn für diese Sache irgendwie unverdient. Ich habe mir mal durchgelesen, wer sonst noch so diesen Preis gewonnen hat und immer mehr wurde mir klar, dass ich derjenige bin, der ihn am wenigsten verdient. Ich bitte Sie, dass Sie mir glauben, dass das keine geheuchelte Demut ist oder keine Strategie, um mir noch mal in allem Detailreichtum sagen zu lassen, was für ein toller Mensch ich bin. Ich sag das jetzt nicht wie eine Frau, die ständig behauptet, zu dick zu sein, um sich vom Mann sagen zu lassen, dass sie es nicht ist. Vielmehr sage ich es wie jemand, der auf der Waage steht und weiß, dass er zu dick ist, weil auf der Anzeige plötzlich steht: „Bitte nur eine Person darauf stellen“.

Ich habe also mit Gott darüber gesprochen, dass es unmöglich ist, meine Eltern davon zu überreden, am zwanzigsten Mai nach der Hochzeit meines Cousins und mitten in der Abiturzeit nach Südtirol zu fahren. Und so habe ich mir gesagt, dass das dann ein Zeichen sein soll, dass ich den Preis sowieso nicht annehmen soll. Ich wusste, dass Gott solche Deals ernst nimmt. Erst ein paar Wochen zuvor habe ich an drei Schreibwettbewerben teilgenommen und zu Gott gesagt: „Pass auf, du kennst mich und meinen Hochmut. Wenn du der Meinung bist, dass mein Ego den Gewinn eines Schreibwettbewerbes nicht verkraften kann, dann lass mich ausscheiden.“ Prompt bekam ich einige Tage später gleich von zwei Wettbewerben eine Email, dass es meine Geschichten leider nicht in die zweite Runde geschafft haben. Jetzt stehe ich aber trotzdem hier in Südtirol und soll einen Preis entgegennehmen, bei dem weiterhin das Gefühl bleibt, dass er an den Falschen geht. So ist es also klar, dass der Preis nicht an eine Person, sondern an die Aktion AIAC Gebete für das Leben verliehen wird. Diese Aktion ist gerade mal ein Jahr alt, der Preis somit eine Aufgabe, eine Motivation da weiterzumachen, wo man mit ein paar Facebook-Klicks angefangen hat.

Heute Abend am 20. Mai 2012 wird zum 487. Mal das Vaterunser gesprochen von einer Gebetsgemeinschaft, die einen Schritt in Richtung Weltverbesserung tut, indem sie sich je nach Sprechgeschwindigkeit - 20 bis 30 Sekunden Zeit nehmen, obwohl jetzt „Zeitnehmen“ doch sehr gönnerhaft klingt.

Wir laden Sie alle dazu ein, sich anzuschließen, damit wir alle gemeinsam einen regelrechten Gebetssturm entfesseln können. Danke.