„Gebt die Hoffnung nicht auf“: Benedikt XVI. ermutigt alle, die von Scheidung oder Abtreibung betroffen sind

Ansprache an die Teilnehmer einer Internationalen Tagung des Instituts für Ehe und Familie der Päpstlichen Lateran-Universität

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ROM/WÜRZBURG, 11. April 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- „Das Evangelium der Liebe und des Lebens ist immer auch das Evangelium der Barmherzigkeit, das sich an den konkreten Menschen und an den Sünder richtet, der wir sind, um ihm nach jedem Fall wieder aufzuhelfen und ihn sich von jeder Verletzung wieder erholen zu lassen.“

Diese Worte richtete Papst Benedikt XVI. am 5. April an die Teilnehmer eines Symposiums über mögliche Antworten auf die Plagen von Abtreibung und Scheidung. Die vorrangige Pflicht besteht nach Worten des Heiligen Vaters darin, sich den Betroffenen „mit Liebe und Feingefühl, mit Aufmerksamkeit und mütterlicher Sorge zu nähern, um die barmherzige Nähe Gottes in Jesus Christus zu verkünden. Er ist – wie die Väter es lehren – der wahre barmherzige Samariter, der sich zu unserem Nächsten gemacht hat, der Öl und Wein auf unsere Wunden gießt und uns zur Herberge, der Kirche, bringt, wo er für uns sorgen lässt, indem er uns seinen Dienern anvertraut und für unsere Heilung persönlich im Voraus bezahlt.“

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Meine Herren Kardinäle,
verehrte Brüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Es ist mir eine große Freude, aus Anlass der Internationalen Tagung „,Öl auf die Wunden?. Eine Antwort auf die Plagen von Abtreibung und Scheidung“, die vom Päpstlichen Institut „Johannes Paul II.“ für Studien über Ehe und Familie in Zusammenarbeit mit den Kolumbusrittern ausgerichtet wird, mit Ihnen zusammenzutreffen. Ich beglückwünsche Sie zu der äußerst aktuellen und komplexen Thematik, die in diesen Tagen Gegenstand Ihrer Überlegungen ist, und vor allem zu dem Verweis auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25–32), das sie als Schlüssel ausgewählt haben, um sich den Plagen der Abtreibung und der Scheidung anzunähern, die mit so großem Leid für das Leben der Personen, der Familien und der Gesellschaft verbunden sind. Ja, die Männer und Frauen unserer Zeit finden sich manchmal wirklich beraubt und verletzt am Rande unseres Weges, häufig ohne dass jemand ihren Hilferuf hört und zu ihnen geht, um ihren Schmerz zu lindern und sie zu heilen. In der häufig rein ideologischen Diskussion entsteht ihnen gegenüber eine Art verabredetes Schweigen. Nur im Ausdruck der barmherzigen Liebe kann man den Opfern nahe sein, um ihnen Hilfe zu leisten und ihnen zu ermöglichen, aufzustehen und den Weg des Daseins wieder aufzunehmen.

In einem kulturellen Umfeld, das von wachsendem Individualismus, von Hedonismus und allzu häufig auch von einem Mangel an Solidarität und entsprechender sozialer Hilfe gekennzeichnet ist, sieht sich die menschliche Freiheit angesichts der Schwierigkeiten des Lebens in ihrer Schwäche häufig zu Entscheidungen gedrängt, die im Gegensatz zur Unauflöslichkeit des Ehebundes stehen oder zu dem Respekt, der dem menschlichen Leben, das sich noch im mütterlichen Schoß befindet, von der Zeugung an gebührt. Scheidung und Abtreibung sind natürlich Entscheidungen unterschiedlicher Natur, die manchmal unter schwierigen und tragischen Umständen heranreifen sowie häufig zu einem Trauma führen und Quelle tiefen Leids für diejenigen werden, die eine solche Entscheidung fällen. Sie treffen auch unschuldige Opfer: das gezeugte, noch nicht geborene Kind, die Kinder, die von der Auflösung der familiären Bindungen betroffen werden. In allen hinterlassen sie Wunden, die das Leben auf unauslöschliche Weise prägen. Das ethische Urteil der Kirche hinsichtlich der Scheidung und des Schwangerschaftsabbruchs ist eindeutig und allen bekannt: es handelt sich um eine schwere Schuld, die auf unterschiedliche Weise und unter Berücksichtigung der Bewertung der subjektiven Verantwortlichkeit die Würde der menschlichen Person verletzt, die zu tiefem Unrecht in den menschlichen und sozialen Beziehungen führt und die Gott selbst verletzt, den Garanten des Ehebundes und Schöpfer des Lebens. Dabei hat die Kirche jedoch – nach dem Vorbild ihres göttlichen Meisters – stets die konkreten Personen vor Augen, vor allem die Schwachen und die Unschuldigen, die Opfer des Unrechts und der Sünden sind, aber auch jene Männer und Frauen, die sich durch Begehen solcher Handlungen mit einer Schuld befleckt haben, die sie innerlich verletzt hat, und die Frieden sowie die Möglichkeit eines Wiederbeginns suchen.

Die Kirche hat die vorrangige Pflicht, sich diesen Personen mit Liebe und Feingefühl, mit Aufmerksamkeit und mütterlicher Sorge zu nähern, um die barmherzige Nähe Gottes in Jesus Christus zu verkünden. Er ist – wie die Väter es lehren – der wahre barmherzige Samariter, der sich zu unserem Nächsten gemacht hat, der Öl und Wein auf unsere Wunden gießt und uns zur Herberge, der Kirche, bringt, wo er für uns sorgen lässt, indem er uns seinen Dienern anvertraut und für unsere Heilung persönlich im Voraus bezahlt.

Ja, das Evangelium der Liebe und des Lebens ist immer auch das Evangelium der Barmherzigkeit, das sich an den konkreten Menschen und an den Sünder richtet, der wir sind, um ihm nach jedem Fall wieder aufzuhelfen und ihn sich von jeder Verletzung wieder erholen zu lassen. Mein verehrter Vorgänger, der Diener Gottes Johannes Paul II., dessen dritten Todestag wir soeben feierlich begangen haben, hat bei der Einweihung des neuen Heiligtums der Göttlichen Barmherzigkeit in Krakau gesagt, „dass es für den Menschen keine andere Quelle der Hoffnung als das Erbarmen Gottes geben kann“ (17. August 2002). Ausgehend von dieser Barmherzigkeit setzt die Kirche ein maßloses Vertrauen in den Menschen und seine Fähigkeit zu einem Wiederbeginn. Sie weiß, dass die menschliche Freiheit mit Hilfe der Gnade zur endgültigen und treuen Selbsthingabe fähig ist, welche die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau als unauflöslichen Bund möglich macht, dass die menschliche Freiheit auch unter schwierigsten Umständen zu außergewöhnlichen Gesten des Opfers und der Solidarität in der Lage ist, um das Leben eines neuen Menschen anzunehmen. So kann man sehen, dass das „Nein“, das die Kirche in ihren moralischen Anweisungen ausspricht und auf das die öffentliche Meinung manchmal auf einseitige Weise fixiert ist, in Wirklichkeit ein großes „Ja“ zur Würde des Menschen, zu seinem Leben und zu seiner Fähigkeit zu lieben, darstellt. Dies ist Ausdruck des beständigen Vertrauens, dass die Menschen trotz ihrer Schwächen der höchsten Berufung entsprechen können, zu der sie geschaffen sind: der Berufung, zu lieben.

Bei derselben Gelegenheit fuhr Johannes Paul II. fort: „Dieses Feuer des Erbarmens (müssen wir) an die Welt weitergeben. Im Erbarmen Gottes wird die Welt Frieden ... finden“. Hieraus geht die große Aufgabe der Jünger des Herrn Jesus hervor, die sich mit so vielen Brüdern, Männer und Frauen guten Willens, gemeinsam auf dem Weg befinden. Ihr Programm, das Programm des barmherzigen Samariters, „ist das ,sehende Herz‘. Dieses Herz sieht, wo Liebe not tut und handelt danach“ (Deus caritas est, 31). In diesen Tagen des Nachdenkens und des Dialogs habt Ihr Euch über die Opfer gebeugt, die durch Scheidung und Abtreibung verletzt worden sind. Ihr habt vor allem die manchmal traumatischen Leiden festgestellt, von denen die sogenannten „Scheidungskinder“ betroffen sind, und die ihr Leben so sehr zeichnen, dass ihr Weg weitaus beschwerlicher wird. Es ist in der Tat unvermeidbar, dass vor allem die Kinder unter dem Zerreißen des Ehebundes leiden, die Kinder, die das lebende Zeichen seiner Unauflöslichkeit darstellen. Das solidarische und pastorale Augenmerk muss daher darauf abzielen dafür zu sorgen, dass die Kinder nicht zu unschuldigen Opfern der Konflikte zwischen Eltern werden, die sich scheiden lassen, dass so weit wie möglich die Kontinuität in der Verbindung zu ihren Eltern gewährleistet wird, sowie auch jene Beziehung zur eigenen familiären und gesellschaftlichen Herkunft, die für eine ausgeglichene menschliche und psychologische Entwicklung unerlässlich ist.

Sie haben Ihre Aufmerksamkeit auch auf die Tragödie des Schwangerschaftsabbruchs gerichtet, der in der Frau, die ihn durchführen lässt, sowie in den Personen, von denen sie umgeben wird, tiefe und manchmal unauslöschliche Spuren hinterlässt und der verheerende Folgen für die Familie und die Gesellschaft hervorruft, auch aufgrund der lebensverachtenden materialistischen Mentalität, die dadurch gefördert wird. Wie viel egoistische Mittäterschaft findet sich nicht häufig am Ursprung einer schwierigen Entscheidung, die viele Frauen alleine haben treffen müssen und deren noch unverheilte Wunde sie in der Seele tragen! Obwohl das Begangene ein schweres Unrecht bleibt und in sich nicht wieder gutzumachen ist, mache ich mir die Aufforderung zu eigen, die in der Enzyklika Evangelium vitae an jene Frauen gerichtet ist, die eine Abtreibung haben vornehmen lassen: „Lasst euch jedoch nicht von Mutlosigkeit ergreifen und gebt die Hoffnung nicht auf. Sucht vielmehr das Geschehene zu verstehen und interpretiert es in seiner Wahrheit. Falls ihr es noch nicht getan habt, öffnet euch voll Demut und Vertrauen der Reue: Der Vater allen Erbarmens wartet auf euch, um euch im Sakrament der Versöhnung seine Vergebung und seinen Frieden anzubieten. Euer Kind aber könnt ihr diesem Vater und seiner Barmherzigkeit mit Hoffnung anvertrauen“ (Nr. 99).

Ich möchte allen sozialen und pastoralen Initiativen meine tiefe Wertschätzung aussprechen, die auf die Versöhnung und auf die Sorge um die Menschen ausgerichtet sind, die unter der Tragödie der Abtreibung und der Scheidung leiden. Diese Initiativen stellen gemeinsam mit anderen Formen des Engagements wesentliche Elemente für den Aufbau jener Zivilisation der Liebe dar, derer die Menschheit heute mehr denn je bedarf.

Indem ich den barmherzigen Gott, unseren Herrn, darum bitte, dass er Euch Jesus, dem barmherzigen Samariter immer ähnlicher werden lässt, damit sein Geist Euch lehre, die Wirklichkeit der leidenden Brüder mit neuen Augen zu sehen, euch helfe, nach neuen Maßstäben zu denken und euch dazu dränge, mit selbstlosem Einsatz im Hinblick auf eine authentische Zivilisation der Liebe und des Lebens zu handeln, erteile ich euch allen meinen besonderen Apostolischen Segen.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller; © Die Tagespost vom 10. April 2008]