Gedanken der Familie zum Kreuzweg

Interview mit dem Ehepaar Zanzucchi, den Verfassern der Meditation zum Kreuzweg am Kolosseum

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Von Salvatore Cernuzio

ROM, 6. April 2012 (ZENIT.org). – Heute um 21.15 wird der Heilige Vater dem traditionellen Kreuzweg am Kolosseum vorstehen. Mit der Vorbereitung der Meditationstexte zu den verschiedenen Stationen des Karfreitagskreuzweges  beauftragte der Heiligen Stuhl zum diesjährigen Osterfest das Ehepaar Annamaria und Danilo Zanzucchi, die der Bewegung Neue Familien von Grottaferrata angehören.  Die Wahl steht im Einklang mit dem pastoralen Jahr der Familie. Die ursprünglich aus Parma stammenden Eheleute sind Eltern von fünf Kindern und waren bereits Berater im Päpstlichen Rat für die Familie sowie Mitbegründer und wichtige Impulsgeber der im Jahre 1967 auf Wunsch von Chiara Lubich entstandenen Initiative Neue Familien. Ziel dieser Initiative ist es, der Familie ihren Wert zurückzugeben. Mehr als je zuvor steht diese tragende Säule der Gesellschaft heute in der Krise und ist Angriffen ausgesetzt.

Darüber sprachen Danilo und Annamaria in einem Interview mit ZENIT, das wir im Folgenden wiedergeben.

ZENIT: Mit welchen Gefühlen haben Sie beide diesen ehrenvollen Auftrag des Heiligen Vaters entgegengenommen?

Danilo und Annamaria Zanzucchi: Als wir davon erfuhren, dass die Wahl Papst Benedikts XVI. für die Zusammenstellung der Meditationstexte für den Karfreitag auf uns gefallen war, verspürten wir Verwunderung und Ergriffenheit, und ehrlich gesagt auch Angst und Furcht.

Andererseits war unsere Freude darüber ausgesprochen groß: Die Tatsache, dass der Papst eine Familie mit dem Verfassen der liturgischen Texte für den Kreuzweg betraut hat, ist für uns ein Zeichen dafür, dass die Familie in der Kirche selbst nicht nur Gegenstand der Evangelisierung ist, sondern ein tatsächlicher „Weg“, um das Evangeliums zu leben und zu verbreiten. Aus den Gedanken Johannes Pauls II. in seinem Brief an die Familien auf dem Jahre 1994 ist eine lebendige Praxis geworden.

ZENIT: Das zentrale Thema Ihrer Texte ist die Familie. Wie fließt dieses Thema in Ihre Gedanken zum Kreuzweg ein?

Danilo: Wir sind von der Betrachtung des Familienlebens als Kreuzweg ausgegangen. Unsere Paarbeziehung und auch die Erfahrung mit der Bewegung Neue Familien haben uns zu einer Begegnung mit dem Schmerz geführt.  Wir erkannten viele Schicksale als Bilder des Kreuzweges in der Familie und konnten so in gewisser Weise Anteil am Schmerz dieser Familien nehmen.

Der Schmerz in der Familie ist immer ein Rätsel. Er betrifft den Menschen selbst und auch den Ehepartner und die Kinder, sofern vorhanden. Es handelt sich um einen geteilten Schmerz, der auch Auswirkungen auf die Gesellschaft hat.

Annamaria: Wir sind allmählich zur Einsicht gekommen, dass der Kreuzweg sehr eng mit dem Leben des Menschen und der Familie verbunden ist, und bei letzterer vor allem mit den Momenten des Schmerzes.

Nehmen wir als Beispiel die fünfte Station, bei der Simon von Zyrene Jesus hilft das Kreuz zu tragen: Dieses sich Verbeugen vor dem Schmerz eines Verwandten, der Einsatz aller Kräfte um ihn wieder aufzurichten… Das sind Beispiele für wahre, gelebte Momente in der Familie.

Der Kreuzweg ist eine lebendige Realität. Wir sind in diese Tradition der Kirche eingedrungen und haben sie so als Realität verstanden, die es uns erlaubt, nicht nur einen kleinen Teil aus dem Leben Jesu nachzuleben, sondern in ihm das gesamte menschliche Leben in all seinen Lagen, in all seinem Schmerz zu erfahren.

ZENIT: Worum geht es sich bei der von Ihnen vertretenen Bewegung (Neue Familien) und was sind ihre Inhalte?

Danilo und Annamaria Zanzucchi: Neue Familien ist eine von Chiara Lubich im Jahr 1967 ins Leben gerufene Initiative der Fokolarbewegung. Es handelt sich um eine Bewegung der Familien zum Dienst an den Familien, damit diese ihr Potenzial im heutigen Leben entfalten können; in einem Kontext, der ihre Funktionen nicht anzuerkennen scheint.  

In der Liebe des Evangeliums liegen der Ursprung und die Inspiration für einen erneuerten und stärkeren Einsatz dieser Familien für die Paarbeziehung, die Kindererziehung, den konstruktiven Dialog mit anderen Familien im Geiste der Spiritualität der Einheit.

Mit Initiativen der Familien und der Gemeinschaft in allen fünf Kontinenten führt die Bewegung Bildungsveranstaltungen für Paare und Menschen unterschiedlicher Altersstufen und mit unterschiedlichen Rollen innerhalb des Familienlebens. Außerdem koordiniert sie über das Patenschaftsprogramm AFN 102 Projekte der Entwicklungszusammenarbeit in 54 Ländern, die 18.000 Kinder und ihre Familien bis zur Erlangung der Autonomie durchgehend unterstützen.

ZENIT: Welche Probleme der natürlichen Familie von heute sind von größter Dringlichkeit?

Danilo und Annamaria Zanzucchi: Da wären zumindest zwei zu nennen: Zunächst die Präsenz extremistischen Gedankengutes, das alle Formen des Zusammenleben mit der Familie gleichstellen möchte, und dabei die wahre Bedeutung und die spezifischen Aufgaben der Familie de facto aushöhlt.

Das zweite ist die unzureichende Aufmerksamkeit, die die Familie in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Nöte von den politischen Entscheidungsträgern und den Organen der Legislative erhält. In diesem Sinne ist die Betonung der Familie durch unseren vom Papst erhaltenen Auftrag ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung von Seiten der Kirche.

ZENIT: Wie kann der Glaube einen Schutz für die Ehe vor den vielen Angriffen und negativer Kritik darstellen?

Danilo und Annamaria Zanzucchi: Der Glaube liefert uns auch als Familie den Impuls, uns zusammenschließen und zu handeln. Aus diesem Grund engagieren wir uns seit 1992 für das Forum der Familienverbände, das in Italien, Spanien und anderen europäischen Ländern aktiv ist. Vor allem ist aber unser Einsatz bei den lokalen Institutionen wesentlich bei der Erreichung des Ziels, der Familie bei der Erfüllung ihrer „primär soziale“ Funktion die nötige Anerkennung und Hilfe entgegenzubringen, denn die Familie ist jener Ort, der die Gesellschaft mit den Ressourcen der Menschlichkeit nährt, und die durch das Beispiel der Unentgeltlichkeit, auf der sich die familiären Beziehungen gründen, auch ein Lebensmodell für die Gesellschaft ist.

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]