Gedanken zum Fest

Zweites Vatikanisches Konzil war Wunsch nach neuer Epiphanie Christi vor der Welt

Rom, (ZENIT.org) | 755 klicks

Betrachtungen zum Fest Epiphanie von Papst Benedikt XVI.:

Zwanzig Jahrhunderte sind vergangen, seitdem dieses Geheimnis offenbart wurde und in Christus Wirklichkeit geworden ist, doch seine Vollendung hat es noch nicht erlangt. Mein geliebter Vorgänger Johannes Paul II. schrieb in der Einleitung seiner Enzyklika über die Mission der Kirche: „Ein Blick auf die Menschheit insgesamt am Ende des zweiten Jahrtausends zeigt uns, dass diese Sendung noch in den Anfängen steckt“ (Redemptoris missio, 1). Da erheben sich spontan einige Fragen: Inwiefern ist Christus heute noch „lumen gentium“, Licht der Völker? Wie weit ist – wenn man das so sagen kann – diese universale Wanderschaft der Völker zu ihm hin gelangt? Befindet sie sich in einer Fortschritts- oder Rückschrittsphase? Und weiter: Wer sind heutzutage die Sterndeuter? Wie können wir beim Gedanken an unsere heutige Welt diese geheimnisvollen Gestalten aus dem Evangelium deuten? Um auf diese Fragen zu antworten, möchte ich auf das zurückkommen, was die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils dazu gesagt haben. Und gern füge ich hinzu, dass der Diener Gottes Paul VI. gleich nach dem Konzil, also vor vierzig Jahren, genau am 26. März 1967, seine Enzyklika Populorum progressio der Entwicklung der Völker gewidmet hat.

Das ganze Zweite Vatikanische Konzil war tatsächlich von dem Bestreben motiviert, der zeitgenössischen Menschheit Christus als Licht der Welt zu verkünden. In der Herzmitte der Kirche, angefangen von der Spitze ihrer Hierarchie, erhob sich der vom Heiligen Geist geweckte dringliche Wunsch nach einer „neuen Epiphanie Christi vor der Welt“, einer Welt, die die moderne Zeit zutiefst verändert hatte und die zum ersten Mal in der Geschichte vor der Herausforderung einer globalen Zivilisation stand, in der nicht mehr Europa und auch nicht jene Regionen, die wir den Westen und Norden der Welt nennen, im Mittelpunkt stehen konnten. Es erhob sich die Forderung, eine neue politische und wirtschaftliche, aber zugleich und vor allem geistige und kulturelle Weltordnung, das heißt einen erneuerten Humanismus, auszuarbeiten. Mit wachsender Offensichtlichkeit setzte sich diese Feststellung durch. Eine neue wirtschaftliche und politische Weltordnung funktioniert nicht, wenn es keine geistliche Erneuerung gibt, wenn wir uns nicht wieder Gott nähern und Gott mitten unter uns finden können. Bereits vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil hatte das erleuchtete Gewissen christlicher Denker diese epochale Herausforderung erahnt und sich mit ihr auseinandergesetzt. Am Beginn des dritten Jahrtausends befinden wir uns nun mitten in dieser Phase der Menschheitsgeschichte, die unter dem Wort „Globalisierung“ inzwischen zum Thema geworden ist. Auf der anderen Seite bemerken wir heute, wie leicht man die Ziele dieser Herausforderung aus dem Blick verlieren kann, gerade weil man in sie miteinbezogen ist: Eine Gefahr, die enorm verstärkt wird durch die gewaltige Ausbreitung der Massenmedien: Während diese auf der einen Seite die Informationen unendlich vermehren, scheinen sie andererseits unsere Fähigkeit zu einer kritischen Synthese zu schwächen. Das heutige Hochfest kann uns diese Perspektive bieten, ausgehend von der Erscheinung eines Gottes, der sich in der Geschichte als Licht der Welt offenbart hat, um die Menschheit zu führen und schließlich in das verheißene Land zu geleiten, wo Freiheit, Gerechtigkeit und Friede herrschen. Und wir sehen immer mehr, dass wir allein die Gerechtigkeit und den Frieden nicht fördern können, wenn sich uns nicht das Licht eines Gottes offenbart, der uns sein Antlitz zeigt, der uns in der Krippe von Betlehem erscheint, der uns auf dem Kreuz erscheint.

[Aus der Predigt zum Fest Erscheinung des Herrn, 2005]