Gedanken zum priesterlichen Dienst in der Welt von heute

Vorlesung von Diözesanbischof Dr. Alois Schwarz in Heiligenkreuz

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HEILIGENKREUZ, 10. Mai 2008 (ZENIT.org).- „Unter der Führung des Heiligen Geistes“ soll der Priester seinen Dienst ausüben, heißt es in der Weihezeremonie. „Deshalb verlangen Berufung und Priestersein heute ein Leben in der ‚Gespanntheit des Geistes‘ bei einer großen Treue in ‚liebender Geistesgegenwart‘“, betonte Bischof Dr. Alois Schwarz am 8. April im Zisterzienserstift Heiligenkreuz.



In seiner Vorlesung über den priesterlichen Dienst beleuchtete der Diözesanbischof von Gurk die besonderen Umstände der heutigen Zeit und bekräftigte unter anderem: „Der Priester kann sein Leben in der heutigen religionsfreundlichen Zeit nur dann bestehen, wenn er wahrnimmt, dass es in seiner eigenen Lebensgeschichte Wachstum und Wachstumskrisen gibt und geben muss. Dafür ist erhöhte Wachsamkeit gefordert. Er muss in seinen Empfindungen und Schwingungen des Herzens die Welt seiner Gedanken und Gefühle ordnen, eigene Schuldanteile redlich herausfiltern, nach ihren Ursachen wie nach ihren Gründen forschen.“

Die Aufgabe des priesterlichen Wirkens beginne in der Stille „nachdenkenden Betens und betenden Nachdenkens“.

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Mit einem Gebet, das dem heiligen Augustinus zugeschrieben wird, möchte ich beginnen:

Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist, dass Heilige liebe.
Stärke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere.


In Heiligenkreuz, an diesem profilierten Studienort, an dem die „vertiefte Verbindung von wissenschaftlicher Theologie und gelebter Spiritualität möglich ist“ wie Papst Benedikt XVI. am 9. September 2007, sagte, besteht für jeden Vortragenden – und das sehe ich auch für mich jetzt so – der Anspruch, den beiden Elementen des Studiums gerecht zu werden: der wissenschaftlichen Intellektualität und der gelebten Frömmigkeit. Beide Dimensionen sind für das priesterliche Leben und für den Ordensstand unverzichtbare Koordinaten. Meine „Gedanken“ haben an dem Maß zu nehmen, was Papst Benedikt XVI. als Voraussetzungen benannte „damit eine Berufung zum Priestertum oder zum Ordensstand heute das ganze Leben lang treu durchgehalten werden kann“ nämlich eine Ausbildung, die Glauben und Vernunft, Herz und Verstand, Leben und Denken integriert.“

Und weiter sagte der Papst, bedarf es „in der Nachfolge Christi“ der „Integration der gesamten Persönlichkeit. Wo die intellektuelle Dimension vernachlässigt wird entsteht allzu leicht ein frömmlerisches Schwärmertum“, und wo die „spirituelle Dimension vernachlässigt wird, entsteht ein dünner Rationalismus, der aus seiner Kühle und Distanziertheit nie zu einer begeisterten Hingabe an Gott durchbrechen kann. Man kann ein Leben in der Nachfolge Christi nicht auf solche Einseitigkeiten gründen; man würde mit diesen Halbheiten selbst unglücklich werden und wohl folglich auch geistlich unfruchtbar bleiben. Jede Berufung zum Ordensstand und zum Priestertum ist ein so wertvoller Schatz, dass die Verantwortlichen alles tun müssen, um die adäquaten Wege der Ausbildung zu finden, so dass zugleich fides et ratio – Glaube und Vernunft, Herz und Hirn gefördert werden“. (1)

1. Im Lichtschein der Osterkerze mit dem Evangelium als Lesehilfe

Wenn wir vom Priester in der Welt von Heute sprechen, dann gilt es mit dem Evangelium als Lesehilfe und mit der Osterkerze als Lichtquelle auf die Welt zu schauen und in ihr auf den Menschen, der wie Papst Johannes Paul II. sagte, „der Weg der Kirche ist“. Wir sollen auf die Zeichen der Zeit achten und sind gefordert mit großer Wachsamkeit mit der Unterscheidung der Geister den Willen Gottes zu erkennen.

Ordensleute und Diözesanpriester, Geistliche Schwestern und Mönche dürfen in Österreich mit der großen Zusage des Papstes leben, dass sie an der Seite jener stehen, die um Sinn ringen gegen allen Unsinn und gegen alle Verzweiflung. „Betend und bittend seid ihr Anwälte derer, die nach Gott suchen“ sagte der Papst Benedikt XVI. in Mariazell. „Ihr gebt Zeugnis von einer Hoffnung, die gegen alle stille und laute Verzweiflung hinweist auf die Treue und Zuwendung Gottes. Damit steht ihr auf der Seite aller, deren Rücke gekrümmt ist durch drückende Schicksale und die von ihren Lastkörben nicht los kommen. Ihr gebt Zeugnis von der Liebe, die sich für die Menschen dahin gab und so den Tod besiegt hat. Ihr steht auf der Seite jener, die nie Liebe erfahren haben, die an das Leben nicht mehr zu glauben vermögen. Ihr steht so gegen die vielfältigen Weisen von versteckter und offener Ungerechtigkeit wie gegen die sich ausbreitende Menschenverachtung“. (2)

Diese Worte des Heiligen Vaters über Priester und Ordensleute in Österreich werden zur Herausforderung und zum Anspruch, denn wir sind gerufen, so wie Johannes der Täufer eine „brennende und leuchtende Lampe“ zu sein und unser Licht hineinleuchten zu lassen „in unsere Gesellschaft, in die Politik, in die Welt der Wirtschaft, in die Welt der Kultur und der Forschung“. (3)

Zum Priester-Sein heute genügt nicht bloß eine gedankenlose Wiederholung von frommen Sätzen. Es genügt auch nicht den säkularen Erlebnismarkt einfach um eine christliche Facette zu bereichern. „Nicht jedes starke Gefühl ist bereits vom Heiligen Geist gewirkt, nicht jede fromme Gestimmtheit bereits ein Transzendenzvollzug und nicht jedes Entspannungsgefühl Ausdruck einer Erlösungsgewissheit.“ (4)

Bei der Priesterweihe wird dem Neupriester aufgetragen: „Bedenke was du tust, ahme nach, was du vollziehst und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes.“

2. Theologische Nachdenklichkeit in religionsfreundlicher Zeit


Der Priester von heute muss mit theologischer Nachdenklichkeit eine große geistliche Zeitgenossenschaft leben und mit den anderen Religiositäten und Religionen im Dialog sein, um die normative Bedeutung der anderen Wege, auch für das eigene Selbstsein kritisch und evangeliumsorientiert reflektieren zu können.

Die großen christlichen Kirchen kommen nicht daran vorbei, sich auf das neue „Erlebnisformat“ der religiösen Sinnsuche einzustellen. Hans-Joachim Höhn meint, dass es der Glaube heute nicht verträgt, dass man mit Gedankenlosigkeit das Christ Sein lebt. „Es genügt nicht, den säkularen Erlebnismarkt um eine christliche Dublette zu bereichern“ sagt er und folgert, dass „nicht jedes starke Gefühl ist bereits vom Heiligen Geist gewirkt“ ist, und „nicht jede fromme Gestimmtheit bereits ein Transzendenzvollzug und nicht jedes Entspannungsgefühl Ausdruck einer Erlösungsgewissheit. Oft werden religiöse Einbildungen mit religiösen Widerfahrnissen gleichgesetzt“. (5)

Also weder mit Gedankenlosigkeit noch Bedenkenlosigkeit soll der Priester heute der gesellschaftlichen Situation begegnen. Wir brauchen so etwas wie eine neue religiöse Nachdenklichkeit. Bedenke, was du tust!

Paul Michael Zulehner weist in religionssoziologischen Studien nach, dass Religion im Wachsen begriffen ist. Er kommt zu dem Ergebnis, dass das Bedürfnis nach Religion nicht unmittelbar zu den Toren der Kirche führt. Laut Zulehner werden die Menschen zu „Religionskomponisten“, die sich ihre Weltanschauung aus verschiedenen Quellen, durchaus auch aus der christlich-spirituellen Tradition zusammenbasteln. (6)

Den Kirchen wird dann eine als Chance eingeräumt, wenn sie weniger auf Moral und mehr auf Mystik setzen. Johann Baptist Metz bilanziert die heutige Situation als „Religion und Spiritualität ja – Gott (eher) nein“. (7)

Das zeitgenössische kulturelle Klima huldigt eher einer religionsfreundlichen Gottlosigkeit bzw. Mythenfreudigkeit. Religion wird als kompensatorischer Freizeitmythos gesehen in einer noch oder nachmodernen Welt. Religion ist willkommen als Glücksgewinnung durch Leid- und Trauervermeidung, aber auch als Beruhigung vagabundierender Ängste, als psychologisch-ästhetische Unschuldsvermutung. Die christliche Religion verliert mit ihrem am biblischen Gott orientierten Begriff ihr Fundament. Als personaler Gott wird der christliche Gott heute anfechtbar, in Frage gestellt, ja oft verwechselbar und austauschbar.

Wir dürfen heute nicht übersehen, dass viele Menschen von ihren Bedürfnissen ausgehen und diese Bedürfnisse zu Zielen ihres Lebens umdeuten. Dabei ist für uns von der Seelsorge her wichtig, darauf zu achten, dass die Sorge um die transzendente Bedeutung nicht in eine Sorge um Bedürfnisbefriedigung umgebogen wird. „Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir“ beten wir im Psalm 63.

Nach dem jüdischen Rabbiner und Religionsphilosophen Abraham Joshua Heschel sterben mehr Menschen an Bedürfnisepidemien als an Krankheitsepidemien. Er definiert die Zivilisation als Anpassung von Umweltbedingungen an menschliche Bedürfnisse. Gebet und geistliches Leben werden danach beurteilt, ob es eine technologisch orientierte Gesellschaft erfüllen kann oder nicht. Wörtlich sagt er: „Geistliches Leben ist kein Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen. Es ist so wichtig, uns nicht anzugewöhnen, unsere Geisteshaltung vom Funktionellen her bestimmen zu lassen wie eine Maschine, die man in Betrieb setzen kann oder wie ein Geschäft, das man nach eigenen Berechnungen betreibt. Die Ordnung des geistlichen Lebens ist geistlich…deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass von Gott gegebener Sinn spirituell ist. Dass das Erfassen dieses Sinnes an geistliche Bereitschaft gebunden ist. Und dass dieser Sinn im Handeln erfahren wird“. (8)

3. Religion als prägender Faktor der Lebenswelt

Wir leben in Europa auf einem Kontinent, auf dem wir die Erfahrung machen, dass es eine Trennung von Religion und Leben gibt. Weltweit ist Religion ein prägender Bestandteil der Lebenswelt. Mit dieser Beobachtung wird inzwischen die Frage verknüpft, ob der europäische Weg der Trennung von Öffentlichkeit und Religion global gesehen ein Sonderweg ist, oder ob Mitteleuropa sich allmählich wieder dem anderen Trend zuneigt, nämlich Religion und Gesellschaft viel mehr und deutlicher zu verknüpfen. Wie erleben so etwas wie eine „Renaissance des Religiösen“. Es gibt in Europa eine „Suche der Menschen nach Spiritualität, nach Existenz bestimmender Sinngebung und einem authentischen Lebensstil zu beobachten.“ (9)

Die „neue“ Religiosität tritt nach Bernhard Nitsche in der Regel mit einem „antiinstitutionellen Affekt“ auf. „Dieser richtet sich vor allem gegen stark organisierte Religionsformen wie die römisch-katholische Kirche. Typisch ist die zentrale Bedeutung der Meditation, das neue Leib- und Körperbewusstsein und das energetischen Denken“. Zu diesen Formen der „geistlichen Leibwahrnehmung“ gehören „heilende Hände“ oder geistlich-somatisch Zentren (Chakren). „Mitunter entwickeln sich magische Praktiken, die dem Bedürfnis entspringen, das eigene Schicksal beeinflussen und es ‚in die Hände nehmen’ zu können.“ (10)

Es ist nach Bernhard Nitsche kein Wunder, dass „die individuell komponierten global kompilierten Formen der neuen Religiosität in einer Zeit des unüberschaubaren und orientierungslosen Pluralismus auch das entgegengesetzte Bedürfnis nach orientierungsfähiger Klarheit evozieren. Angesichts des ‚anything goes’ und einer fortschreitenden Kommerzialisierung aller Lebensbereiche sind die Menschen auf geistige Orientierung und die ethisch-geistliche Widerstandskraft der großen Religionen angewiesen. Die Suche nach eindeutigen Profilen, erprobten Spiritualitäten und einer gewachsenen religiösen Urteilskraft muss nicht in das Gegenteil des unscharfen Pluralismus, d. h. in einen ideologischen und praxeologischen Fundamentalismus umschlagen. Die Religionen haben durch ihren Transzendenzbezug ja nicht nur eine gegenwartsbestätigende oder traditionsbildende Funktion. Die Bezugnahme auf eine große Transzendenz erzeugt immer auch delegitimierende und traditionskritische Potentiale. Diese können zur ‚gefährlichen Erinnerung’ (J. B. Metz) werden, z. B. wenn sie eine vom Egoismus befreite Anhaftungslosigkeit und Hingabe als Ziel des religiös erfüllten Menschseins erinnern.“ (11)

Daraus folgert Nitsche , dass die Suche nach einer individuell authentischen Spiritualität daraufhin zu befragen ist, „ob der ontologische oder kontemplative Dank des Daseins auch zu jenen kommunialen Formen des Gedenkens führt, welche den Menschen als Person, als ein verantwortliches Glied der Menschengemeinschaft verständlich machen. Das Eintauchen in das eigene Selbst schließt dann das solidarische Auftauchen beim Anderen in sich ein. Echte menschliche Hoffnung hofft nie für sich alleine. Umgekehrt ist darauf zu achten, dass die personale und soziale Verantwortung sowie die qualitätsorientierte Bindung an Tradition, die individuelle Authentizität sowohl zur Voraussetzung als auch zum Ziel hat. Solche Authentizität begründete jene geistliche Glaubwürdigkeit, für die Menschen wie Edith Stein und Dietrich Bonhoeffer oder Mahatma Gandhi und Mutter Theresa ZeugInnen sind. Im Lichte der christlichen Unterscheidungskraft, die alles prüft und das Gute bewahrt ( 1 Thess 5,21), darf all das angenommen und befördert werden, was ausdrücklich oder unausdrücklich dem Leben in Christus Jesus entspricht (Phil 2,5-11; Mt 25). Die geistliche Zeitgenossenschaft mit anderen Religiositäten und Religionen schließt so die Aufgabe in sich ein, die normative Bedeutung der anderen Wege auch für das eigene Selbstsein zu reflektieren.“ (12)

„Der heutige Mensch“ sagte Papst Paul VI „hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind“ Daraus folgert er dann dass die Evangelisierung der Welt „vor allem durch das Verhalten, durch das Leben der Kirche“ geschieht, das heißt durch „das gelebte Zeugnis der Treue zu Jesus dem Herrn, durch das gelebte Zeugnis der Armut und inneren Loslösung und der Freiheit gegenüber den Mächten dieser Welt, kurz, der Heiligkeit.“ (13)

4. Priesterberufung unter erhöhtem Rechtfertigungszwang


Wir leben in einer Zeit, in der die Frage nach Gott die Menschen umtreibt. Wir sehen aber auch, dass sich denkerische Hilflosigkeit ausbreitet und die Theologie der Berufung unter „erhöhten Rechtfertigungszwang gerät“. Viele Menschen haben kein Verständnis mehr für die Teilnahme an einer kirchlichen Sendung, weil ja die Kirche selbst oft dem „gnadenlosen Röntgenblick des Skeptikers“ ausgesetzt ist. Man versteht sie noch als Trägerin einer großen Tradition, als unüberhörbare Stimme im Konzert der Meinungen – das ändert aber nichts an der sehr kritischen Haltung der Kirche gegenüber.

„So ist es konsequent, den Berufenen als jenseitigen Menschen zu definieren, eine Haltung der Fremdheit, des Aufbruchs und Abbruchs und des Mutes zum Problematischen ist sein Markenzeichen. Sehnsucht und Heimweh nach dem Ewigen beherrschen seine Gedankenwelt“. (14)

Es ist nicht zu übersehen, dass – wer immer in seine Lebensgeschichte eine Berufungsgeschichte einschreiben lässt, eine starke Persönlichkeit sein muss und in Treue eine Lebensentscheidung durchzutragen hat, die ihm viel zumutet und viel Kraft abverlangt, um gegen den Zeitgeist von heute sein Gesicht am Evangelium auszurichten.

Umso wichtiger ist es dafür, in der Kirche eine geistige Heimat und eine Gemeinschaft zu haben, die innere Stütze und äußere Kraftquelle der Communio ist. Es geht ja nicht bloß darum, eine theologische Persönlichkeit zu sein, sondern auch darum, gleichzeitig eine kirchliche Persönlichkeit darzustellen.

Denn der Einzelne, der von Gott berufen ist zu einer lebenslangen Bindung in der Nachfolge hat ja seine Sendung als Sendung der Kirche zu leben, sich die Sendung der Kirche zu eigen zu machen und in der Öffentlichkeit sich zeitlebens daran messen zu lassen. „Loyalität ist ohne intellektuelle Redlichkeit nicht zu haben. Bisweilen fehlt es dazu an vertrauensvoller Kommunikation“ sagt Klaus Demmer. (15)

Wenn die Theologie heute auskunftsfähig über Gott und anschlussfähig an die Gesellschaft bleiben soll, bedarf es einer Wachsamkeit, dass sich der theologisch Gebildete und Berufene nicht entmutigen lässt und seine in ihm wachsenden Aufbrüche erstickt werden, weil das System über die Person siegt, der Ausgleich über den Durchbruch. Wie oft bleiben Funken des Geistes in ihrer zündenden Kraft ohne Wirkung und wie oft bleiben sie auch systemimmanent stecken, weil die Mutlosigkeit zum prophetischen Zeugnis wie eine lähmende Dunstglocke über den Aufbruch der Kirche in eine neue Gesellschaft hinein siegt.

Man muss sich in der Theologie zuhause fühlen und ständig die gedankliche Ungeheuerlichkeit der christlichen Botschaft sich selbst und im Studium abringen. Vielleicht liegt in der theologischen Gedankenwelt der Schlüssel für die übrige Bildung. Es ist zu fordern, dass die Priester umfassend gebildete Menschen sind, wenn sie als Theologen in der Öffentlichkeit bestehen wollen. Wer heute auskunftsfähig sein will, der muss sich der theologischen Redlichkeit und der intellektuellen Herausforderung im Studium und in der gedanklichen Annäherung an das Mysterium stellen.

5. Unter der Führung des Heiligen Geistes

Bei der Weihe wird dem Einzelnen gesagt, dass er unter der Führung des Heiligen Geistes seinen Dienst ausüben soll. Deshalb verlangen Berufung und Priestersein heute ein Leben in der „Gespanntheit des Geistes“ bei einer großen Treue in „liebender Geistesgegenwart“. (16)

In der Weihe wird der Geist der Heiligkeit in den Kandidaten erneuert. Im Weihegebet heißt es „Das Amt, das sie aus deiner Hand, o Gott, empfangen, die Teilhabe am Priestertum sei ihr Anteil für immer“. Dann strecken sie die Hände aus und der Bischof schreibt sich ein mit dem Salböl des Chrisam, wobei er sagt: „Unser Herr Jesus Christus, den der Vater mit dem Heiligen Geist und mit Kraft gesalbt hat, behüte dich. Er stärke dich in deinem Dienst, das Volk Gottes zu heiligen und Gott das Opfer darzubringen“.

Christus hat sich gleichsam in die Handflächen eingeschrieben, damit wir ihm zu Diensten sind, also „Handlanger“ Christi sind, geschmeidig den Menschen die Hand reichen in segnenden Berührungen, im Aufrichten und im Sein bei ihnen. Priester sind Gesalbte, auf denen der Geist des Herrn ruht, wie der Prophet Jesaja sich gesalbt wusste vom Geist des Herrn. Oder wie Jesus in der Synagoge gelesen hat: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Armen die gute Nachricht zu bringen“ (Jes 61,1).

Die ausgestreckten Hände sind leer und offen, damit Christus sich einschreibe in die Handflächen, damit die Priester vom Geist Gottes Gesalbte sind und Christus mit ihrem Leben darstellen, sodass die Menschen, die ihnen begegnen, an ihnen Christus ablesen können. Bei jeder Taufe berührt der Priester und bei jeder Firmung berührt der Bischof als von Christus geprägter und Gesalbter zunächst selbst das Salböl, um die Gnade zu erneuern und dann den Kandidaten damit zu salben.

6. Mit den Gaben des Volkes Eucharistie feiern

In die geheiligten und gesalbten Hände des Priesters werden die Gaben des Volkes gelegt für die Feier des Opfers und damit ist wohl die Eucharistiefeier gemeint.

Die Priester vertreten hier ja in besonderer Weise Christus, der sich für das Heil der Menschen als Opfergabe hingegeben hat. „Da im eucharistischen Opfer das unablässig wirkende und derart beständige Werk der Erlösung vollzogen wird, sollte sich diese Beständigkeit auch in der täglichen Feier der Eucharistie zeigen, gleichsam als Repräsentanz des zuverlässigen wirksamen Aktes Christi und zugleich als Repräsentanz der Kirche und für die Kirche, denn das Messopfer wird, da es ja das universale Erlösungswerk Christi vergegenwärtigt, nicht nur mit denen und für die vollzogen, die anwesend sind, sondern mit dem ganzen und für das ganze Volk Gottes, so dass der Vergegenwärtigung des universalen Heilswerkes auch die Vergegenwärtigung aller Adressaten und aller Adressantinnen dieses Heilswerkes entspricht.“ (17)

Es ist also für den Priester wichtig, dass er bei der Feier der Heiligen Messe eine persönliche Beziehung mit Christus eingeht:

„Er soll von Herzen an der Liebe dessen teilnehmen, der sich den Gläubigen zur Speise gibt. Die persönliche Wirkung besteht also darin, dass er die den Menschen geschenkte Liebe Gottes selbst erspürt und so die Kraft bekommt, aus dieser Erfahrung heraus diese Liebe in die pastorale Tätigkeit hinein weiter zu geben. Was hier von der Eucharistie gesagt wird, gilt, so fährt Das Dekret über Dienst und Leben der Priester fort, auch für die Spendung aller anderen Sakramente, in der sich die Presbyter mit der darin symbolisierten Absicht Christi dem Menschen gegenüber vereinen. Ein neben der Eucharistie besonders herausragender Vorgang dieser Liebe ist die Versöhnung mit den Sündern und Sünderinnen, wie sie insbesondere im Sakrament der Buße verwirklicht wird.“ (18)

Das Konzil sagt wörtlich: „Während sich so die Priester mit dem Tun des Priesters Christus verbinden, bringen sie sich täglich Gott ganz dar und genährt mit dem Leib Christi, erhalten sie wahrhaft Anteil an der Liebe dessen, der sich seinen Gläubigen zur Speise gibt.“ (19)

„Die Eucharistie zieht uns“, schreibt Papst Benedikt XVI., „ in den Hingabeakt Jesu hinein. Wir empfangen nicht nur statisch den inkarnierten Logos, sondern werden in die Dynamik seiner Hingabe hinein genommen. Das Bild von der Ehe zwischen Gott und Israel wird in einer zuvor nicht auszudenkenden Weise Wirklichkeit: Aus dem Gegenüber zu Gott wird durch die Gemeinschaft mit der Hingabe Jesu Gemeinschaft mit seinem Leib und Blut, wird Vereinigung: Die ‚Mystik’ des Sakraments, die auf dem Abstieg Gottes zu uns beruht, reicht weiter und führt höher, als jede mystische Aufstiegsbegegnung des Menschen reichen könnte.“ (20)

Daraus leitet dann der Papst ab, dass die „Mystik“ des Sakraments einen sozialen Charakter hat. Wir werden in der Kommunion mit dem Herrn vereint wie alle anderen Kommunikanten und haben aus dieser Vereinigung mit Christus gleichzeitig eine Vereinigung mit allen anderen, denen er sich schenkt. „Ich kann Christus nicht allein für mich haben, ich kann ihm zugehören nur in der Gemeinschaft mit allen, die die Seinigen geworden sind oder werden sollen. Die Kommunion zieht mich auch mir heraus zu ihm hin und damit zugleich in die Einheit mit allen Christen.“ (21)

Es kann eigentlich keine Entgegensetzung mehr von Kult und Ethos geben. „Im ‚Kult’ selber, in der eucharistischen Gemeinschaft ist das Geliebtwerden und Weiterlieben enthalten. Eucharistie, die nicht praktisches Liebeshandeln wird, ist in sich selbst fragmentiert, und umgekehrt wird, wie wir noch ausführlicher bedenken werden müssen – das ‚Gebot’ der Liebe überhaupt nur möglich, weil es nicht bloß Forderung ist: Liebe kann ‚geboten’ werden, weil sie zuerst geschenkt wird.“ (22)

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Predigt von Papst Benedikt XVI. in Mariazell, wo er sagte, dass Christus uns in seine Freundschaft hinein nimmt und dass Christentum ein Leben aus dieser Freundschaft ist. Christentum sagte der Papst ist mehr „als Moral, eben das Geschenk einer Freundschaft, darum trägt es in sich auch eine große moralische Kraft, deren wir angesichts der Herausforderungen unserer Zeit so sehr bedürfen.“ (23)

7. Wachsamkeit für Wachstum

Der Priester kann sein Leben in der heutigen religionsfreundlichen Zeit nur dann bestehen, wenn er wahrnimmt, dass es in seiner eigenen Lebensgeschichte Wachstum und Wachstumskrisen gibt und geben muss. Dafür ist erhöhte Wachsamkeit gefordert. Er muss in seinen Empfindungen und Schwingungen des Herzens die Welt seiner Gedanken und Gefühle ordnen, eigene Schuldanteile redlich herausfiltern, nach ihren Ursachen wie nach ihren Gründen forschen.

Vielleicht verlangen die äußeren Lebensumstände eine Neuordnung, vielleicht lässt sich auch das aus begangenen Fehlern Erfahrene korrigieren und ändern. Schuld kann sich ja dann unter der Hand in eine „felix culpa“ wandeln. Sie birgt die Verheißung besserer Lebensmöglichkeiten in sich. Freilich helfen dazu nur eine theologische Fundierung und eine hohe Gedankenkultur.

Der Priester muss wissen, was er in seiner Gedanken- und in seiner Innenwelt an sich heran lässt, wo er schützende Schranken und Filter aufbauen soll, wo er in seiner persönlichen Welt dem Gegenwind und der Trivialität standhalten kann. Denn das Denken wird zur Steuerung des Tuns und lenkt es in Bahnen der Hingabe und der gottgemäßen Ordnung des Lebens.

8. Persönliche Gottesbeziehung

Jeder Priester muss sich in der heutigen Zeit immer wieder auch persönlich und ausführlich mit der ihm eigenen Leidenschaft der Gottesfrage stellen und das Zugehen auf Gott zur ersten Aufgabe seines priesterlichen und menschlichen Handelns machen. Denn dort, wo Gott aus dem gesellschaftlichen Leben, auch aus dem persönlichen priesterlichen Leben ausgeblendet wird, besteht die große Gefahr, dass auch die Würde des Menschen mit Füßen getreten wird. Der Priester hat nicht bloß von Gott als dem obersten Orientierungspunkt seines Lebens zu sprechen, sondern diesen immer wieder auch in seinem persönlichen Leben zu bezeugen.

Die Aufgabe priesterlichen Wirkens beginnt in der Stille „nachdenkenden Betens und betenden Nachdenkens“ (Klaus Demmer). Es bedarf also in der ganzen Geschichte des Lebens, wenn jemand die eine oder andere Glaubenswahrheit ein wenig tiefer ergründen will und mit heilsamem Erschrecken feststellt, welche Ungeheuerlichkeit man vertritt, der Kraft des Heiligen Geistes, dass der Funke auf das eigene Leben wie auf das der Menschen überspringt, denen man begegnet und für die es als Seelsorger eine unabtretbare Verantwortung gibt. Wir haben ja nicht beziehungslose Parallelwelten aufzubauen, sondern uns einzustellen, dass die Menschen das Wort der Treue zu liebender Geistesgegenwart im Zeugnis des Lebens eines Priesters erfahren. (24)

Der Priester muss mit der Dialektik rechnen, dass seine Identität Aufbruch fordert, dass eine Kultur des begleitenden Gewissens eine Selbstverständlichkeit sein muss und dass die Denkrichtung von innen nach außen verläuft, also von der Welt des Heiligen und des Mysteriums in die Gesellschaft und in die Welt der Menschen in ihren Alltagssituationen.

Wenn in dieser Vorlesung von der Welt von Heute die Rede sein soll, dann darf ich mich zunächst beziehen auf einen Text aus den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils aus dem Dekret über Dienst und Leben der Priester. Da heißt es in Nummer 4:

„In der Welt von heute, in der die Menschen so vielen Geschäften nachzukommen haben und von so vielfältigen Problemen bedrängt werden, die oft nach einer schnellen Lösung verlangen, geraten nicht wenige in Not, weil sie sich zersplittern. Erst recht können sich Priester, die von den überaus zahlreichen Verpflichtungen ihres Amtes hin und her gerissen werden, mit bangem Herzen fragen, wie sie mit ihrer äußeren Tätigkeit noch das innere Leben in Einklang zu bringen vermögen. Zur Erzielung solcher Lebenseinheit genügt weder eine rein äußere Ordnung der Amtsgeschäfte noch die bloße Pflege der Frömmigkeitsübungen, sosehr diese auch dazu beitragen mögen. Die Priester können sie aber erreichen, wenn sie in der Ausübung ihres Amtes dem Beispiel Christi des Herrn folgen, dessen Speise es war, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hatte, um sein Werk zu vollenden.“ (25)

Die Konzilsväter machen sich also Sorge, dass der Druck vieler Aufgaben und vielfältiger Probleme die Priester ängstigen können und auch nicht schnell gelöst werden sollen in der Gefahr sich darin zu verzetteln und in der eigenen Existenz sich zu zerstreuen. Es gibt wirklich zahlreiche Verpflichtungen, die die einzelnen hin- und herreißen und in Situationen bringen, wo sie Furcht haben den äußeren Alltag und ihr inneres Leben zusammenzubringen. Oft wird der äußere Alltag sich durchsetzen und die spirituellen Anforderungen werden zu kurz kommen. Die Diözesanpriester haben in dieser Hinsicht eine viel schwierigere Situation als die Ordenspriester, die durch geregelte Tagzeitenliturgie hinein genommen werden in einen Tagesrhythmus von beten und arbeiten. Der pastorale Alltag hat in den Pfarrgemeinden eine andere Lebens- und Arbeitsstruktur etwa als in einem Kloster. Man kann zwar durch Teilnahme an Managementkursen eine äußere Ordnung lernen um die Symptome etwas erträglicher zu machen, das Problem wird aber damit nicht gelöst den Menschen aus der Spannung herauszuheben in die er hineingezogen wird in der täglichen Alltagsgestaltung.

Es genügt auch nicht bloß durch Frömmigkeitsübungen das bloße Gefühl zu steigern, etwas geleistet zu haben. Wir brauchen eine innere Verbindung von pastoralem Arbeiten und pastoralem Alltag und einer spirituellen Tiefe, die die Quelle der Gnade und der Kraft für alles andere erreicht. Ottmar Fuchs sagt in seinem Kommentar zu dem Dekret über Dienst und Leben der Priester:

„Die Priester können ihrem Leben nur so eine einheitliche Linie geben, wenn sie sich mit Christus verbinden in der Anerkennung des Willens des Vaters und in der Hingabe ihrer selbst an die ihnen anvertraute Gemeinde, mit Bezug auf Augustinus: ‚Die Herde des Herrn zu weiden muss ein Dienst der Liebe sein.’ In der Betätigung der Hirtenliebe werden sie das Band finden, das ihr Leben und ihr Wirken zur Einheit verknüpft. Darin finden sie die priesterliche Vollkommenheit. Ein konkreter Ort, wo diese Mitte und Wurzel erlebt werden kann, ist das eucharistische Opfer, worin sich der Presbyter im Sakrament mitopfert, aber gerade darin zugleich die Kraft bekommt, dies zu tun.“ (26)

Wichtig ist, dabei festzuhalten, dass der Christusbezug sich in der Pastoral ereignet und dass die Pastoral der Vollzugsort des Handelns Christi durch den Priester ist. Der tägliche Andrang pastoral notwendiger Tätigkeiten ist einfach daraufhin anzusehen, was darin der Wille Gottes ist. Es geht in der Pastoral immer zugleich um die Unterscheidung der Geister was zu tun ist und was zu lassen ist. Spiritualität und Pastoral sind eine Einheit von der das Dekret „Dienst und Leben der Priester“ die Hoffnung hat, dass sich darin auch die Einheit des priesterlichen Lebens in den genannten Problemen der Zerrissenheit ergibt.

Die Eucharistie ist ja genau jener Ort, wo die Verbindung von Christusrepräsentanz und pastoraler Hingabe gefeiert und wo aus diesem Geheimnis heraus der Priester die Kraft für sein Tun empfängt. Nun haben wir natürlich auch ständig zu fragen: „Was gibt es außer der Eucharistiefeier noch an spirituellen Wegen in der Frömmigkeit sich einzuüben?“.

Wann ist Energie und Zeit dafür da sich betend in das Geheimnis Gottes zu vertiefen oder was ist zu tun, damit dies möglich ist. Er braucht auch eine gewisse Muße, etwa für die Lektüre von Literatur, für die Wahrnehmung von Kunstwerken, vor allem auch sensibel zu bleiben für Erfahrungen und Sehnsüchte der Menschen, die sich gerade auch durch Literatur und Kunst ausdrücken.

Gerade Priester sollen ja Spurenleser nach der Gnade Gottes sein und dem Anspruch Gottes in den verschiedenen schöpferischen Ausdrucksweisen des Lebens. Das Aussteigen in die Zeit der Ruhe, des Daseins, der Stille ist nicht um den hektischen Alltag zu entfliehen, sondern um wieder innere Kraft zu finden, um „geistlich“ zu bleiben und zu handeln.

Das II. Vatikanische Konzil hat im Dekret über Dienst und Leben der Priester folgendes formuliert: „Die Priester gelangen auf ihnen eigene Weise zur Heiligkeit, nämlich durch die aufrichtige und unermüdliche Ausübung ihrer Ämter im Geist Christi.“ (27)

Das Konzil betont, dass die Diener des Wortes Gottes beim Lesen und Hören von Gottes Wort, das sie täglich vollziehen und das sie anderen lehren sollen, … „werden sie von Tag zu Tag vollkommenere Jünger des Herrn nach den Worten des Apostels Paulus an Timotheus schrieb: „Darauf richte deinen Sinn, darin lebe: dass dein Fortschritt allen offenbar werde. Hab acht auf dich selbst und auf die Lehre; verharre darin. Denn wenn du das tust, wirst du dich retten und die, welche dich hören (1 Tim 4,15 - 16).“ (28)

Der Priester ist einer der daran glaubt, dass Christus selbst die Herzen der Menschen öffnet und dass er dies weder im Griff haben noch dass er über das hinweg gehen darf, was die Gläubigen in dieser Öffnung erfahren und zu sagen haben. Dazu benötigen die Priester sagt Ottmar Fuchs in seinem Kommentar zum Dekret über Dienst und Leben der Priester „Eine Spiritualität, die die Wirkung der Verkündigung der Tiefe, Erhabenheit und dem Glanz der Gotteskraft zuschreibt, nicht dem Prediger. Die Wirkung ist Gott selbst zu überlassen: Was er in den Gläubigen wirkt, kommt aus der Tiefes des Geistes Gottes selbst.“ (29)

Also in der Verkündigung des Wortes Gottes wird dem Priester so Anteil an Christus geschenkt und damit erfährt er auch etwas von der Liebe Gottes selbst. Damit schließt sich der Kreis „von der Heiligung zur Tätigkeit und vom Dienst wieder zur Heiligung.“ (30)

9. Mit Dornbuscherfahrungen im Da-Sein für die Menschen leben

Wenn wir an die Liturgiefeier der Priesterweihe denken, dann wird zu Beginn der Kandidat vorgestellt, der auf die Vorstellung und den Hinweis darauf, dass niemand gegen seine Weihe Einspruch erhebt, antwortet: „Hier bin ich“. Früher lautete die Antwort – und die älteren Priester haben sie in lateinischer Sprache gegeben – „adsum“ bzw. auf Deutsch „Ich bin bereit“. Heute ist die Formulierung mit „Hier bin ich“ ganz bewusst in Anlehnung an das Gotteswort gewählt, das im Buch Exodus Mose als Antwort auf seine Frage gegeben wird: „Was soll ich den Israeliten sagen, wer unser Gott ist?“. Da hörte er: „Der ‚Ich bin da und werde für dich da sein’.“

Aufgabe des Priesters ist es, bereit zu sein für das Dasein, für das, was wir theologisch die ontologische Seite priesterlichen Lebens nennen. Es geht um das Sein vor dem Tun, um das Dasein des Einzelnen in seiner Lebensgeschichte, in seinem Ich, das er zur Weihe mitbringt und das ihn dann in seinem priesterlichen Leben und Wirken bestimmen wird.

In der pastoralen Tätigkeit des Priesters kann sein seelsorgliches Tun Quelle geistlicher Erfahrungen und damit auch der Gnade sein. Andererseits aber muss er darauf achten, dass der pastorale Einsatz, wenn der Tag davon dicht angefüllt ist, ihn so beanspruchen kann, dass weder Zeit noch Kraft für ein spirituelles Leben bleiben, d. h. er hat keine Offenheit mehr, sich der Gnade Gottes zu schenken und aus dieser Verbundenheit heraus in seiner Pastoral spirituell zu wirken. Es besteht die Gefahr, in einer Art „Leistungspastoral“ die „Gnadenbezogenheit der Pastoral“ zu verlieren.

Bernhard von Clairvaux hat diese Gefahr der Leistungspastoral in seinem Werk „Considerationes“ an Papst Eugen deutlich gesehen und dies auch zum Ausdruck gebracht, wenn er sagt:

„Womit also soll ich beginnen? Gestatte, dass ich`s mit Deiner Vielbeschäftigung tue, denn hier bedaure ich Dich am meisten … Zunächst erscheint eine Sache Dir unerträglich, mit der Zeit gewöhnst Du Dich dran, sie scheint Dir weniger schlimm, über kurzem kommt sie Dir leicht vor, bald fühlst Du sie überhaupt nicht mehr, und schließlich vergnügst Du Dich dran. So verhärtet sich das Herz allgemach, und zuletzt wendet man sich ab. … Daher meine Ängste, die ich Deinetwegen schon immer litt und weiterhin leide: dass Du die Arznei hinausschiebst, aber das Leiden nicht ertragend, Dich aus Verzweiflung unwiderruflich in die Betriebsamkeit versenkst. Ich fürchte, dass Du von Beschäftigungen umringt, deren Zahl nur ansteigt und deren Ende Du nicht absiehst, Dein Antlitz verhärtest und Dich ganz allmählich gleichsam eines rechten und nützlichen Schmerzgefühls beraubst. Weit klüger wäre es, Dich alldem wenigstens für eine Zeit zu entziehen, als Dich davon ziehen zu lassen und allgemach dorthin, wo Du nicht hin willst, gezogen zu werden. Wohin? fragst Du. Nun, zum harten Herzen. Frag nicht weiter, was dieses sein mag, erschrickst Du nicht davor, so hast Du’s bereits. Eben dies ist das harte Herz, das sich vor sich selbst nicht entsetzt, weil es sich nicht mehr spürt. …Schau: In diese Richtung könnten Deine verfluchten Beschäftigungen Dich drängen, falls Du so weiterfährst wie Du begannst: Dich ihnen rückhaltlos auszuliefern und nichts für Dich selber übrigzubehalten. Du verlierst deine Zeit. Lass mich Dir als ein neuer Jethro (wie dieser Mose ermahnte) den Rat geben: Du reibst Dich mit unnütziger Arbeit auf, die nichts weiter ist als Geistesplage, Ausweiden der Seele, Vergeudung der Gnade. Was ist die Frucht von alledem? Nichts als Spinnweb.“ (31)

10. In der Gnade des Gehorsams zu Identität und Freiheit finde
n

Mit Verweis auf Romano Guardini hat Papst Benedikt XVI. in Mariazell darüber gesprochen, dass der Mensch in den entscheidendsten Phasen seines Lebens die innere Orientierung dadurch findet, wenn er sich ganz an Jesus Christus hingibt, wenn er die Selbstverwirklichung im eigenen Sich-Loslassen und Sich-Verlieren zulässt. Freilich, die Frage bleibt: Wohin darf ich mich verlieren? Wem mich verschenken? Dieser Frage hat der Hl. Vater dann noch die Fragen dazu gefügt: Wer ist Gott? Wo ist Gott? und darauf aufmerksam gemacht, dass Guardini begriffen hat, dass der Gott, an den er sich verlieren darf, nur in Jesus Christus konkret und der nahe gewordene Gott ist. Es bleibt allerdings auch noch die Frage: Wo finde ich Jesus Christus? Wie kann ich mich ihm wirklich geben?

Mit Romano Guardini verweist Papst Benedikt XVI. dann darauf, dass Jesus Christus konkret in seinem Leib in der Kirche zu finden ist und dass Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes immer auch Gehorsam gegenüber Jesus Christus ist und ganz konkret und praktisch demütig kirchlicher Gehorsam sein muss.
Es gibt die „Gnade des Gehorsams“, um dadurch zu Identität und Freiheit zu finden.

Wenn der Papst all das zusammengefasst findet in dem Gebet des Hl. Ignatius von Loyola, dann sagt er gleichzeitig in einer unübertrefflichen Ehrlichkeit und in großer Demut, dass ihm selbst dieses Gebet immer wieder zu groß ist, dass er es fast nicht zu beten wagt, aber dass wir uns dieses Gebet doch selbst immer wieder abringen sollten.

Ich mut ihnen zu, was der heilige Vater uns zuspricht und ich spreche das gebet mit der Einladung an Sie, es sich immer wieder abzuringen: „Nimm hin, Herr und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen. Du hast es mir gegeben; Dir, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist Dein, verfüge nach Deinem ganzen Willen. Gib mir nur Deine Liebe und Deine Gnade, dann bin ich reich genug und verlange weiter nichts.“ (32)


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(1) Die österreichischen Bischöfe Nr. 8, Papst Benedikt XVI. in Österreich, 2007, S. 71
(2) Ansprache Papst Benedikt XVI. bei der Vesper in Mariazell, 8. September 2007, Die Österreichischen Bischöfe, Nr.8, 52f.
(3) Ansprache Papst Benedikt XVI. bei der Vesper in Mariazell, 8. September 2007, Die Österreichischen Bischöfe, Nr.8, 52f.
(4) Hans-Joachim Höhn: Erlebnisgesellschaft! – Erlebnisreligion?: In Klaus Hofmeister und Lothar Bauerochse (Hrsg.:): Die Zukunft der Religion, Würzburg 1999, S. 11-22, hier S. 22
(5) Hans-Joachim Höhn: Erlebnisgesellschaft! – Erlebnisreligion?: In Klaus Hofmeister und Lothar Bauerochse (Hrsg.:): Die Zukunft der Religion, Würzburg 1999, S. 11-22, hier S. 22
(6) Paul Michael Zulehner u.a. Kehrt die Religion wieder? Religion im Leben der Menschen 1970-2000. Ostfildern 2001
(7) Zitiert nach Manfred Scheuer, Von Gott reden in einer relgionsfreundlicher Gottlosigkeit, St. Georgener Gespräche 20. – 22.9.2007
(8) Abraham Joshua Heschel: Der Mensch fragt nach Gott. Untersuchungen zum Gebet und zur Symbolik. Neukirchen 1999, S. 74
(9) Bernhard Nitsche: Religiosität und Religionen. In: das II. Vatikanische Konzil und die Zeichen der Zeit heute. Hrsg. von Peter Hünermann. Freiburg 2006, S. 146-160, hier S. 147f.
(10) Bernhard Nitsche: Religiosität und Religionen. In: das II. Vatikanische Konzil und die Zeichen der Zeit heute. Hrsg.von Peter Hünermann. Freiburg 2006, S. 146-160, hier S. 147f.
(11) Bernhard Nitsche: Religiosität und Religionen. In: das II. Vatikanische Konzil und die Zeichen der Zeit heute. Hrsg. von Peter Hünermann. Freiburg 2006, S. 146-160, hier S. 147f.
(12) Bernhard Nitsche: Religiosität und Religionen. In: das II. Vatikanische Konzil und die Zeichen der Zeit heute. Hrsg von Peter Hünermann. Freiburg 2006, S. 146-160, hier S. 150
(13) Papst Paul VI. Apostolisches Schreiben Evangelii Nuntiandi. Die Evangelisierung in der Welt von heute.Nr.41
(14) Klaus Demmer, Treue zur empfangenen Berufung. Eine Lebensaufgabe im Dienst der Kirche, In: Internationale Katholische Zeitschrift ‚Communio’ 36 (2007) S. 362-370; hier 365.
(15) Klaus Demmer, ebd. 365
(16) Klaus Demmer, ebd. 365
(17) Ottmar Fuchs: Das Leben der Presbyter. Herders Theologischer Kommentar zum II. Vatikanischen Konzil, hrsg. von Peter Hünermann und Bernd Jochen Hilberath, Freiburg 2005. Band 4, S. 486f.
(18) Ottmar Fuchs, Das Leben der Presbyter. Herders Theologischer Kommentar zum II. Vatikanischen Konzil, hrsg. von Peter Hünermann und Bernd Jochen Hilberath, Freiburg 2005. Band 4, 486f.
(19) Kleines Konzilskompendium, Dekret über Dienst und Leben der Priester, Nr. 13, S. 584
(20) Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 171, Enzyklika Deus caritas est, 25.12.2005, Nr. 13, S. 21
(21) Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 171, Enzyklika Deus caritas est, 25.12.2005, Nr. 14, S. 22
(22) Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 171, Enzyklika Deus caritas est, 25.12.2005, Nr. 14, S. 22
(23) Die österreichischen Bischöfe Nr. 8, Papst Benedikt XVI. in Österreich, 20
(24) Klaus Demmer, Treue zur empfangenen Berufung. Eine Lebensaufgabe im Dienst der Kirche In: Internationale Katholische Zeitschrift ‚Communio’, 36 (2007), hier 365.
(25) Kleines Konzilskompendium, Dekret über Dienst und Leben der Priester, Nr. 14, S. 585
(26) Ottmar Fuchs, Das Leben der Presbyter. Herders Theologischer Kommentar zum II. Vatikanischen Konzil, hrsg. von Peter Hünermann und Bernd Jochen Hilberath,Freiburg 2005. Band 4, S. 493
(27) Kleines Konzilskompendium, Dekret über Dienst und Leben der Priester, Nr. 13, S. 583
(28) Kleines Konzilskompendium, Dekret über Dienst und Leben der Priester, Nr. 13, S. 583
(29) Ottmar Fuchs, Das Leben der Presbyter. Herders Theologischer Kommentar zum II. Vatikanischen Konzil, hrsg. von Peter Hünermann und Bernd Jochen Hilberath, Freiburg 2005. Band 4, S. 486f.
(30) Fuchs, 486
(31) Bernhard von Clairvaux: Was ein Papst erwägen muss 15.17-18; zitiert nach: Herders Theologischer Kommentar zum II. Vatikanischen Konzil, hrsg. von Peter Hünermann und Bernd Jochen Hilberath, Freiburg 2005. Band 3, S. 456f.
(32) Die österreichischen Bischöfe Nr. 8, Papst Benedikt XVI. in Österreich, 2007, S. 55

[Von Bischof Schwarz zur Verfügung gestelltes Original]