Gedemütigt und bußfertig

Zur Standortbestimmung der Kirche in Irland

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Von Professor P. Vincent Twomey SVD

WÜRZBURG, 15. Juni 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Der Bericht der Kommission zur Untersuchung von Kindesmissbrauch, der von der irischen Regierung in Auftrag gegeben und unter Vorsitz von Sean Ryan veröffentlicht wurde, schildert eine Herrschaft des Schreckens, in der das Böse heimisch geworden war. Das Böse bricht in unser Herz durch unsere eigene Zustimmung ein. Die Sünde beginnt bei der menschlichen Schwäche, die sich, wenn sie nachsichtig behandelt wird, zum Laster entwickelt. Die schwerwiegendsten Sünden sind spiritueller Natur, wie Stolz und Arroganz.

Der traditionelle irische Katholizismus ließ andere sein Gefühl der Überlegenheit verspüren, er strömte eine Arroganz aus, die einfach unglaublich ist; wir hielten uns ja für soviel besser als alle anderen. Niemand hätte uns irgendetwas beibringen können. Außerdem hatten wir eine Gesellschaft, die durchdrungen von engstirniger Aufgeblasenheit war, dass Priestertum und Ordensleben leicht zu einem Statussymbol wurden, wohingegen jene am untersten Rande der Gesellschaft (Bedürftige, Waisen, Landarbeiter, kleine Diebe etc.) von Kirche, Staat und Gesellschaft als Unpersonen - eben nur als Nummern - betrachtet wurden. Kleriker und Ordensleute waren allmächtig. Sie waren über jeden Verdacht erhaben und - sie wussten es. Sie konnten ohne Angst vor Strafe handeln. Die menschliche Schwäche des Fleisches - wozu auch übersteigertes Machogehabe und Sadismus zählen, die ihre Wurzeln in einer frustrierten Sexualität haben, die einem repressiven Puritanismus und dem Fehlen einer echten Berufung oder dem Mangel an spiritueller Ausbildung angelastet werden muss - tritt oftmals in Kombination mit spiritueller Arroganz und Borniertheit auf.

Der Bodensatz davon, die negative Seite dieses traditionellen irischen Katholizismus, war verantwortlich für die Erziehungsanstalten, die Gewerbeschulen und die Pflegeheime. Das Ergebnis war die Perversion der Anordnung unseres Herrn: „Lasset die Kinder zu mir kommen" (Mk 10, 14).

Wie kann es sein, dass das Gewissen dieser Ordensleute von ihren alltäglichen religiösen Ritualen überhaupt nicht berührt wurde? Wie kann es sein, dass sie sich niemals zu Selbstkritik verpflichtet fühlten? Der traditionelle irische Katholizismus war, trotz all seiner unbestrittenen Bedeutung, in weiten Teilen eine gedankenlose, wenn nicht gar durchtriebene Organisation. Eine eingeschränkte Ausbildung bedeutete, dass die meisten nicht mit der Weltliteratur, der Kunst oder seriöser Theologie in Berührung gebracht wurden, was ihren Geist geweitet und ihren Glauben zu einem kritischen gemacht hätte. Provinzialismus und Konformismus konnten so uneingeschränkt die Herrschaft übernehmen. Moralische Tapferkeit war selten.

Doch ein ungeprüftes Leben, so Sokrates, sei für den Menschen nicht nur nicht lebenswert, es könne sogar furchtbaren Schaden für andere anrichten. Ein ungeprüftes christliches Leben ist ein Leben, das sich einer Konfrontation mit dem Evangelium verweigert, ist selbstgefällig und wenn es sich so verweigert sein Gewissen zu prüfen, dann drückt es Ungerechtigkeiten gegenüber anderen ein Auge zu - und läuft weg von dem Mann, der unter die Räuber fiel. Um es noch mild auszudrücken: Bischöfe und Priester der damaligen Zeit können kaum absolut nichts davon gewusst haben, was unter ihren Augen geschehen ist - und dennoch, so scheint es, sind auch sie weggelaufen.

Wo stehen wir nun als Kirche? In der Gosse, was die übrige Welt betrifft, gedemütigt, und - so hoffe ich - bußfertig. Wir wollen eine bessere Kirche sein - erneut in Harmonie mit dem Evangelium - als Ergebnis dieser kollektiven Gewissensprüfung, die uns aufgezwungen wurde.

Wir Kleriker und Ordensleute müssen außerdem Buße leisten, wozu auch eine öffentliche Buße gehört. Religiöse Orden müssen großzügige Entschädigungen zahlen, und zwar umgehend.

Aber wir können auch sagen: Wir danken Gott für das Zweite Vatikanische Konzil und die Reformen, die es eingeführt hat. Im festen Bewusstsein, dass der Teufel nie ruht und dass die gefallene menschliche Natur auch weiterhin ihr hässliches Haupt erheben wird, selbst in den bestgeführten Gemeinschaften und Institutionen, wird es unsere Aufgabe als Ortskirche sein, das (authentisch ausgelegte) Konzil zur Realität in unserem Leben zu machen, indem wir umkehren zur persönlichen und gemeinsamen Suche nach der Wahrheit, der Gutheit und der Schönheit, die im Zentrum des christlichen Lebens stehen, dessen Basis die Demut und die Liebe Gottes ist. Mehr als je zuvor braucht die irische Gesellschaft die Botschaft des Evangeliums, einschließlich seiner Botschaft der Vergebung und der Hoffnung. Sie braucht Männer und Frauen, für die Jesus Christus die Wirklichkeit in ihrem Leben ist. Sie braucht eine erneuerte und lebendige katholische Kirche. Es ist unsere Aufgabe, zu gewährleisten, dass sie sie auch bekommt.

[Der Autor promovierte 1977 bei Joseph Ratzinger in Regensburg. Er ist emeritierter Professor für Moraltheologie in Maynooth in Irland und gehört den Steyler Missionaren (SVD) an; aus dem Englischen von K. Krips-Schmidt; © Die Tagespost vom 13. Juni 2009]