Gedicht zum Sonntag - "Wo bist du hingeflohn, geliebter Friede?" - Beten wir für den Frieden!

"An den Frieden" (1760) von Karl Wilhelm Ramler (1725-1798)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 598 klicks

Folgen wir dem Aufruf von Papst Franziskus und beten wir für den Frieden: „Das Gebet vermag alles. Nutzen wir es, um Frieden in den Nahen Osten und in die ganze Welt zu bringen. #weprayforpeace“ (Tweet vom 7. Juni 2014)

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Wo bist du hingeflohn, geliebter Friede?
Gen Himmel, in dein mütterliches Land?
Hast du dich, ihrer Ungerechtigkeiten müde,
Ganz von der Erde weggewandt?

Wohnst du nicht noch auf einer von den Fluren

Des Oceans, in Klippen tief versteckt,
Wohin kein Wuchrer, keine Missethäter fuhren,
Die kein Eroberer entdeckt?

Nicht, wo mit Wüsten rings umher bewehret,
Der Wilde sich in deinem Himmel dünkt?
Sich ruhig von den Früchten seines Palmbaums nähret?
Vom Safte seines Palmbaums trinkt?

O! wo du wohnst, laß endlich dich erbitten:
Komm wieder, wo dein süßer Feldgesang
Von heerdevollen Hügeln, und aus Weinbeerhütten
Und unter Kornaltären klang.

Sieh diese Schäfersitze, deine Freude,
Wie Städte lang, wie Rosengärten schön,
Nun sparsam, nun wie Bäumchen auf verbrannter Heide,
Wie Gras auf öden Mauern stehn.

Die Winzerinnen halten nicht mehr Tänze;
Die jüngst verlobte Garbenbinderin
Trägt, ohne Saitenspiel und Lieder, ihre Kränze
Zum Dankaltare weinend hin.

Denn ach! der Krieg verwüstet Saat und Reben
Und Korn und Most; vertilget Frucht und Stamm;
Erwürgt die frommen Mütter, die die Milch uns geben,
Erwürgt das kleine fromme Lamm.

Mit unsern Rossen fährt er Donnerwagen,
Mit unsern Sicheln mäht er Menschen ab;
Den Vater hat er jüngst, er hat den Mann erschlagen,

Nun fordert er den Knaben ab.

Erbarme dich des langen Jammers! rette
Von deinem Volk den armen Überrest!
Bind' an der Hölle Thor mit siebenfacher Kette
Auf ewig den Verderber fest.

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Karl Wilhelm Ramler (1725-1798) war ein deutscher Dichter und Philosoph und zählt zu den Vertretern der Aufklärung und Empfindsamkeit. Er wurde am 25. Februar 1725 in Kolberg geboren. Er studierte Theologie in Halle, später Medizin in Berlin, schloss aber keines der begonnenen Studien ab, sondern arbeitete zunächst als Hauslehrer. Von 1748 bis 1790 war er Dozent für Philosophie an der Kadettenanstalt in Berlin. In Berlin veröffentlichte er mit Johann Georg Sulzer (1720-1779) die „Critischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit“ (1750/51) und verkehrte mit dem Künstler- und Gelehrtenkreis in Berlin, dem u.a. Gottfried Ephraim Lessing (1729-1781) oder Ewald Christian von Kleist (1715-1759) angehörten. Ab 1786 war Ramler Mitglied er Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. 1790 übernahm er die Direktion des Nationaltheaters. Karl Wilhelm Ramler starb am 11. April 1798 in Berlin.