Gefährdetes Christentum im Nahen Osten (Erster Teil)

Patriarch Louis Raphael I. Sako trifft Papst Franziskus

Rom, (ZENIT.org) Junno De Jesús Arocho Esteves | 545 klicks

„Wir werden uns nicht mit einem Nahen Osten abfinden, in dem es keine Christen mehr gibt.“ Das sind die Worte, die Papst Franziskus vergangene Woche an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für die Orientalischen Kirchen richtete.

Vor dieser Audienz hatte der Heilige Vater ein Treffen mit den Patriarchen und wichtigsten Erzbischöfen des ganzen Nahen Ostens und hatte bei dieser Gelegenheit mit ihnen die schwierige Lage in Ländern wie Syrien und dem Irak besprochen, wo dem Christentum oft offene Gewalt entgegengebracht wird. Gezielte Angriffe gegen Christen haben viele gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, und manche Beobachter befürchten schon den nahezu völligen Verlust der christlichen Identität im Nahen Osten.

Louis Raphaël I. Sako, Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche, ist eine der vielen Stimmen, die die Christen im Orient auffordern, in ihrer Heimat zu bleiben. ZENIT sprach mit ihm über sein Treffen mit Papst Franziskus und über die Probleme im Nahen Osten.

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ZENIT: Die Patriarchen der orientalischen Kirchen hatten hier in Rom ein Treffen, um über die Lage der Christen im Nahen Osten zu diskutieren. Was waren die wichtigsten Themen, über die in diesen drei Tagen gesprochen wurde?

Patriarch Sako: Das Treffen hat sich in einem wirklich sehr positiven und entspannten Klima abgespielt. Wir sind ermutigt worden, mit den Kardinälen, der Kurie und den andern Vertretern der orientalischen Kirchen über alle Probleme zu sprechen, denen das Christentum sich im Orient gegenübersieht. Dafür möchte ich Kardinal Leonardo Sandri und seinen Mitarbeitern danken. Man hat uns das Gefühl gegeben, dass die Christen im Orient wichtig sind. Vielleicht kann dieses Treffen dazu beitragen, in der Öffentlichkeit ein tieferes Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es uns Christen im Nahen Osten gibt und unter welchen Bedingungen wir dort leben müssen.

Eines der Probleme im Nahen Osten ist der Krieg. Im Irak kennen wir seit zehn Jahren keine Sicherheit mehr. Bombenangriffe und Entführungen gehören zum Alltag. Dasselbe geschieht jetzt in Syrien, wo zahlreiche Christen leben. Im Irak sind heute noch etwa 500.000 Christen geblieben; vor der amerikanischen Invasion waren es 1.264.000. Ein weiteres Problem für uns ist die Frage, wie wir unseren Leuten in der Diaspora helfen können, mit ihrer Mutterkirche in Kontakt zu bleiben. Wir würden ihnen eine pastorale Rolle geben wollen, damit sie ihre Traditionen, Liturgien, Bräuche und ihren Glauben erhalten können. Das ist nicht leicht. Wir bräuchten mehr Pfarreien, mehr Priester in der Diaspora, doch andererseits sage ich Ihnen, dass ich als Patriarch besorgt bin, Priester oder gar Bischöfe ins Ausland zu schicken, denn dadurch schwächen wir unsere Position in der Heimat und das könnte noch mehr Menschen veranlassen auszuwandern.

Dann gibt es noch andere Bedrohungen. Der politische Islamismus nimmt zu. Wer steht dahinter? Wer finanziert die Islamisten? Es sind immer mehr Waffen im Umlauf. Es hat den Anschein, als versuche irgendeine Großmacht, die Spannungen im Nahen Osten anzuheizen. Vielleicht gibt es sogar einen Plan zur völligen Vertreibung der christlichen Gemeinden.

ZENIT: Wie steht es zurzeit um die Sicherheit der Christen im Irak?

Patriarch Sako: Wir erleben gerade einen neuen Umbruch. Der Kampf wird immer mehr zu einer Auseinandersetzung zwischen Schiiten und Sunniten. In Syrien steht es vielleicht ähnlich. Es gibt zwei Lager: Der Iran, der Irak, Libanon und Syrien unterstützen die Schiiten, während Saudi Arabien, Katar und die Türkei die Sunniten unterstützen. Sie alle sind Muslime; sie sollten sich vertragen und einen stabilen Dialog aufbauen, denn sich gegenseitig zu bekämpfen ist ein Verlust für alle. Menschen sterben, und die Infrastruktur des Landes wird zerstört.

ZENIT: Nächsten Monat werden Sie auf einem von der Georgetown University organisierten Kongress einen Vortrag über eines der folgenschwersten Probleme halten, denen sich der Nahe Osten gegenübersieht: den Massenexodus der Christen, die aus der Region fliehen. Können Sie für uns kurz zusammenfassen, was Sie dort sagen werden?

Patriarch Sako: Der Exodus der Christen bedeutet für jedes einzelne Land im Nahen Osten einen großen Verlust. Der Beitrag der Christen zum Leben dieser Länder war wirklich groß. Als die Muslime den Irak und Syrien besetzten, fanden sie dort Kirchen, Klöster, Schulen, Krankenhäuser und Studienzentren vor. So haben die Christen ihnen geholfen, ihre eigene Kultur zu bilden, denn auch wenn die Muslime meinen, dass sie allein Allah verehren, verehren wir doch in Wahrheit alle denselben Gott, auch wenn wir unterschiedlichen Religionen angehören.

Auch in der Zeit der Abbasiden haben die Christen den Muslimen viel gegeben. Alle Ärzte in Bagdad waren Christen, auch die Leibärzte der Kalifen. Das Bait al-Hikma (Haus der Weisheit), eine Arzt Akademie, wurde ursprünglich von Christen geleitet. Sie übersetzten die alten Philosophie- und Wissenschaftswerke aus dem Griechischen ins Syrische und Arabische. Auch dem modernen Irak haben die Christen viel gegeben. Sie sind eine hoch gebildete Elite. Sie sind bestens qualifiziert, integer und geistig aufgeschlossen. Sie helfen den Muslimen, sich nicht zu sehr abzukapseln.

Dass es in der Region zwei Religionen gibt, bedeutet Reichtum und kulturelle Vielfalt; auch sprachliche Vielfalt, denn wir sprechen Chaldäisch, Syrisch, Armenisch. Von dieser Vielfalt profitieren alle.

ZENIT: Könnte man sagen, dass die Christen das Rückgrat der irakischen Kultur bilden?

Patriarch Sako: Was würde geschehen, wenn es nur noch Muslime gäbe? Darum denke ich, dass die Welt den Christen helfen sollte, Hoffnung zu fassen und in ihrem Land zu bleiben. Man sollte die Christen, aber auch alle anderen Minderheiten beschützen und nicht dazu ermutigen, ihre Heimat zu verlassen.

[Der zweite Teil des Interviews mit Patriarch Sako folgt morgen, am Freitag, dem 29. November]