Gefährdetes Christentum im Nahen Osten (Zweiter Teil)

Patriarch Louis Raphael I. Sako trifft Papst Franziskus

Rom, (ZENIT.org) Junno De Jesús Arocho Esteves | 305 klicks

„Wir werden uns nicht mit einem Nahen Osten abfinden, in dem es keine Christen mehr gibt.“ Das sind die Worte, die Papst Franziskus vergangene Woche an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für die Orientalischen Kirchen richtete.

Vor dieser Audienz hatte der Heilige Vater ein Treffen mit den Patriarchen und wichtigsten Erzbischöfen des ganzen Nahen Ostens und hatte bei dieser Gelegenheit mit ihnen die schwierige Lage in Ländern wie Syrien und dem Irak besprochen, wo dem Christentum oft offene Gewalt entgegengebracht wird. Gezielte Angriffe gegen Christen haben viele gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, und manche Beobachter befürchten schon den nahezu völligen Verlust der christlichen Identität im Nahen Osten.

Louis Raphaël I. Sako, Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche, ist eine der vielen Stimmen, die die Christen im Orient auffordern, in ihrer Heimat zu bleiben. ZENIT sprach mit ihm über sein Treffen mit Papst Franziskus und über die Probleme im Nahen Osten.

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ZENIT: Was können Sie als Patriarch der chaldäischen Kirche tun, um die Christen in diesem Klima von Angst und Gewalt davon zu überzeugen, dass sie bleiben müssen?

Patriarch Sako: Sie müssen die Geschichte des nahöstlichen Christentums lesen. Durch die Jahrhunderte haben wir immer Probleme gehabt, und doch sind unsere Gläubigen geblieben und haben damit ein Zeugnis menschlicher und christlicher Werte abgelegt. Auch jetzt wieder gibt es Schwierigkeiten, doch wir sind einfach Teil dieses Landes und dieser Nation. Als Christen wissen wir, dass jeder, der sich wirklich als Christ empfindet, ein Missionar ist, auch wenn er Laie ist. Deshalb haben wir die Pflicht, das Evangelium zu verkünden. Vielleicht nicht gerade, indem wir auf offener Straße eine Predigt halten; aber zum Beispiel, indem wir ein christliches Leben führen. Das ist auch eine wichtige Art, das Evangelium zu bezeugen.

Es gibt zwar Probleme, doch wir können versuchen, sie zu lösen. Wenn die Leute ein Sicherheitsproblem haben, können sie in andere Gegenden im Inland ziehen, die sicherer sind. Der Norden des Landes zum Beispiel ist sehr sicher. Wenn sie Hilfe brauchen, sind wir als Kirche dazu da, ihnen zu helfen. Wenn sie wollen, können wir alle zusammen an unserer gemeinsamen Zukunft arbeiten. Auch zusammen mit anderen. Die irakische Bevölkerung, die muslimische Bevölkerung, besteht ja nicht aus schlechten Menschen. Es sind ja nicht alle Muslime fanatisch oder gewalttätig. Das sind einzelne Gruppen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist gegen sie. Wenn wir unsere Kräfte zusammenlegen, mit viel Geduld und Hoffnung, dann bin ich sicher, dass wir eine bessere Zukunft gestalten können.

ZENIT: Sie haben sich viel dafür engagiert, die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen zu verbessern, besonders auch im Dialog mit den religiösen Autoritäten in Kirkuk. Welche Initiativen verfolgen Sie zurzeit, um diesen Dialog aufrecht zu erhalten?

Patriarch Sako: Nun, wir haben versucht, auch in Bagdad gute Beziehungen zu den religiösen und auch politischen Autoritäten aufzubauen. Ich habe schon dreimal den Ministerpräsidenten getroffen und auch versucht, einen Streit zwischen der Regierung und einem muslimischen Führer zu schlichten. Das war nach unserer Synode. Wir treffen uns auch, wenn Probleme sind; auch nach jedem Attentat schicke ich eine Solidaritätsbotschaft an unsere muslimischen Brüder. Und seit meiner Ernennung zum Patriarchen haben sich bis heute keine Angriffe auf Christen mehr ereignet. Aber in den zehn Jahren davor haben die Christen einfach ihr Vertrauen in die Lage und in die Regierung verloren, und wenn nun haben sie Angst. Deshalb sind sie besorgt, aber es droht ihnen zurzeit keine unmittelbare Gefahr. Auch in den vergangenen Jahren, als Attentate gegen Christen stattfanden, gab es zwar eine Art Verfolgung, aber sie war eher politischer Natur. Natürlich gibt es fanatische Menschen, die schlicht und einfach nicht wollen, dass es Christen im Lande gibt. Aber das ist nicht der Wille der Bevölkerung, und auch nicht der Regierung oder der muslimischen Geistlichen.

ZENIT: Gibt es etwas, das Papst Franziskus im Zusammenhang mit dem Nahen Osten gesagt oder getan hat, das Sie besonders betroffen hat?

Patriarch Sako: Ich habe mich immer für die Errichtung eines zivilen Bürgerrechts ausgesprochen, das allen Bürgern gleiche Rechte zugesteht, ganz gleich, ob sie der muslimischen Mehrheit oder einer religiösen Minderheit angehören. Der Papst hat genau dasselbe gefordert. Er sagte, dass wir dieses Projekt der bürgerlichen Gleichberechtigung unterstützen müssen. Ich habe vor ungefähr sieben Monaten einen Artikel geschrieben, in dem ich die Meinung vertrat, unsere Länder müssten jetzt den Schritt von der Toleranz zum Bürgerrecht tun. Denn Toleranz ist ein schlechter Begriff. Wenn man mich toleriert heißt das, dass man mich eigentlich nicht mag. Toleriert werden ist eine Beleidigung für die Minderheiten, für alle, die keine Muslime sind. Bürgerliche Rechte hingegen bedeuten, dass wir alle gleichgestellt sind. Religion ist eine persönliche Sache zwischen mir und Gott. Gut, wir leben in einer muslimisch geprägten Kultur, und wir haben auch nichts dagegen, doch deshalb die islamische Scharia allen Menschen im Land aufzuzwingen wäre unannehmbar. Es wäre einfach unlogisch und undurchführbar.

ZENIT: Was versprechen Sie sich von diesem dreitägigen Treffen mit dem Heiligen Vater?

Patriarch Sako: Nun, wir haben große Hoffnungen. Erstens, die Solidarität und Zusammenarbeit aller Teilnehmer der Vollversammlung. Sie alle haben uns Solidarität gezeigt. Diese Solidarität kann viele Früchte tragen. Zum Beispiel könnten Vertreter des Heiligen Stuhls oder der Bischofskonferenzen uns in unseren Ländern besuchen. Oder uns helfen, unsere Projekte zu finanzieren. Oder sich am Dialog mit den muslimischen religiösen Führern beteiligen. Wichtig ist in diesem Dialog, dass gewisse Tonfälle in den religiösen Ansprachen geändert werden. Eine religiöse Rede darf keine Spannungen provozieren. Sie muss Frieden und Verständnis fördern, Koexistenz und Kooperation begünstigen. Auch der Heilige Stuhl kann einen Einfluss auf den Nahen Osten haben, um dort die Achtung der Menschenrechte zu fördern, aber auch, um unsere Kirchen zu ermutigen, damit sie stärker werden. Unseren Gläubigen helfen, zu bleiben, aber auch, uns helfen, mehr Priester auszubilden. Viele irakische Priester haben ihr Land verlassen, und das ist ein Skandal. Wir haben Pfarreien ohne Pfarrer. Ein Priester sollte bei seiner Gemeinde bleiben, auch wenn es ihn Opfer kostet, wie ein guter Hirte.

ZENIT: Viele unserer Leser haben die Situation im Nahen Osten aufmerksam verfolgt. Was können sie tun, um den Christen in diesen Krisengebieten zu helfen?

Patriarch Sako: Zunächst, denke ich, können sie beten, denn es gibt eine geistige Gemeinschaft. Das syrische Wunder wurde durch Beten und Fasten bewirkt, und das kann wiederholt werden. Dann kann jeder dazu beitragen, dass eine Kultur des Dialogs Fuß fasst. Andere Menschen auffordern, Minderheiten zu respektieren. Wenn Attentate stattfinden, sollte man die Ungerechtigkeit solcher Gewaltakte gegen Christen im Irak oder in Syrien öffentlich anprangern.

Auch können die Menschen in Europa von ihren Regierungen fordern, dass sie auf ehrliche Weise den Leidenden und Verfolgten helfen. Sie sind ja nicht nur Anführer einer Herde, sondern sie tragen Verantwortungen. Zum Beispiel durch ihren Einfluss auf die Vereinten Nationen. Kurz, die Christen müssen ihre Stimmen hörbar machen.

[Der erste Teil des Interviews mit Patriarch Sako wurde gestern, am Donnerstag, dem 28. November veröffentlicht]