Gefängnisse: ein italienisches Martyrium

Papst Franziskus gibt Gefangenen Hoffnung

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 1230 klicks

Papst Franziskus hatte keine Eile bei der Zelebrierung der Messe in coena domini. Die Gestik seiner Hände war langsam und eindringlich. Er selbst schien völlig versunken in das vorösterliche Waschungsritual. Das Bild, wie der 76jährige Pontifex vor den jugendlichen Gefängnisinsassen kniete und jedem einzelnen die Füße wusch, abtrocknete und küsste, mag bisher die stärkste Botschaft dieser erst zweiwöchigen Amtszeit sein: seine Hinwendung zur Jugend und zu den „Ausgestoßenen“ der Gesellschaft. 

Es war nicht der erste Papstbesuch in der Jugendstrafvollzugsanstalt „Casal del Marmo“ am trostlosen nordöstlichen Stadtrand von Rom. Johannes Paul II. setzte als erstes Kirchenoberhaupt 1980, zum Fest der Epiphanie, den Fuß in das Gefängnis; und ihm folgte Benedikt XVI. im Jahre 2007, während der Fastenzeit. Doch ist es das erste Mal, dass eine wichtige päpstliche Liturgie an einem so profanen Ort wie einem Gefängnis stattfindet. Die Fußwaschung am Gründonnerstag, mit der das triduum paschale beginnt, fand bisher im Lateran statt, der „Mutter aller christlichen Kirchen“ und ersten Bischofskirche von Rom. Papst Franziskus greift damit einen Brauch auf, den er sich als Erzbischof in Buenos Aires zu eigen gemacht hatte. 

„Der Priester, der wenig aus sich herausgeht, der wenig salbt, versäumt das Beste unseres Volkes: dasjenige nämlich, das das tiefste Innere seines Herzens zu rühren weiß“, sagte Papst Franziskus bei der morgendlichen Chrisammesse im Petersdom. 

Aus Rücksichtnahme auf die minderjährigen Gefangenen musste die Presse vor der Haftanstalt warten. Einen Eindruck vom Zeremoniell und der Stimmung in der kleinen Gefängniskapelle lieferte das anschließend geführte Interviews mit dem Kaplan Gaetano Greco. „Lasst euch nicht die Hoffnung rauben. Verstanden? Geht immer voran mit Hoffnung!“ waren die ermutigenden Worte des Papstes vor den 50 Jugendlichen. Er war es, der auf den Vorschlag des Kaplans einging und auch zwei Mädchen, eine Italienerin und eine muslimische Bosnierin, unter die „auserwählten zwölf Aposteln“ aufnahm. Das hatte er einmal zuvor in Buenos Aires getan. 

Damit nicht genug der revolutionären Neuerungen. Nur 8 der Insassen sind Katholiken und Italiener. Die Mehrheit sind Orthodoxe, Muslime und Konfessionslose aus Osteuropa. Daher wurden unter den zwölf Jugendlichen Repräsentanten aller Konfessionen und Nationalitäten auserwählt. Auch hier ist die Botschaft klar und deutlich, die trennenden Grenzen der Konfessionen zu überschreiten und die Hände der Ökumene entgegenzustrecken. Sie werden ein wesentliches Element dieses Pontifikats werden. 

Nach dem Gottesdienst nahm sich „Papa Bergoglio“, wie sie ihn nennen,  noch Zeit für eine kurze Begegnung mit allen Häftlingen. Als Geschenk überreichten sie ihm ein Holzkreuz und eine Betbank, die sie in der anstaltseigenen Tischlerei selbst geschnitzt hatten. Franziskus hingegen verteilte als Mitbringsel die typische italienische Ostersüßigkeiten: die „Colomba“, ein Kuchen in Form der Friedenstaube, und riesigen Schokoladeneier, die mit kleinen Geschenken gefüllt sind. 

„Ich habe viel Liebe gesehen in Ihrem Blick nach der Fußwaschung. Und ich habe diesen Geist des Dienstes gesehen, den wir alle haben sollen gegenüber den Menschen, die im Gefängnis sind und die leiden“, kommentierte die anwesende Justizministerin Paola Severino. Sie begrüßte den Papst persönlich nach der Messe in der Bibliothek des Gefängnisses. Severino hat sich in ihrer kurzen Amtzeit als Justizministerin der Monti-Regierung verstärkt für bessere Haftbedingen in den hoffnungslos überfüllten italienischen Gefängnissen eingesetzt. Sie kämpft um die Durchsetzung einer Amnestie für niedere Straftaten und alternativen Strafvollzug, um die schlimmste Not zu lindern. Erst am 8. Januar hat der europäische Gerichtshof für Menschenrechte Italien zu einer Entschädigungszahlung verurteilt, weil das Land die Mindestraumgröße von 3 qm pro Gefangenen (7qm in Einzelzellen) nicht einhielte. Mit einer Überbelegung von fast 140% steht Italien an der traurigen Spitze in der Europäischen Union: 67.000 Gefangene sind auf 45.000 Plätze verteilt. Aber der fehlende Raum – der Staat versäumte in den letzten beiden Jahrzehnten Investitionen in den Bau von neuen Gefängnissen - ist nicht das alleinige Übel. Es gibt zu wenig Personal, so dass die meisten Gefangenen die winzigen Zellen, in denen sie sich nur auf der Pritsche liegend aufhalten können, nur für eine Stunde am Tag zum Luftschnappen im Hof verlassen dürfen. Die ärztliche Versorgung, vor allem die psychologische Betreuung ist miserabel, die Drogenrate beträgt 30 Prozent. Darauf führt man die hohe Sterberate in den Gefängnissen zurück: letztes Jahr starben 214 Häftlinge hinter Gitter, oft an den Folgen von verschiedenen nicht behandelten Krankheiten, allein 54 davon verübten Selbstmord. 

Die Jugendstrafanstalt Casal Del Marmo mit ihren nur 50 Insassen gilt hingegen als eine der wenigen „Modelle“ in Italien. Platzprobleme gibt es in dem Sinne nicht. Für Schul- und Handwerksausbildung ist gesorgt, es stehen Aufenthaltsräume, eine Sporthalle und eine Bibliothek zur Verfügung. Was hier fehlt, ist die Finanzierung von Integrations- und Rehabilitationsprojekten. Ohne eine Chance auf einen Arbeitsplatz nach der Verbüßung der Haftstrafe riskieren die Jugendlichen wieder rückfällig zu werden. 

„Wir hätten den Papst auch gerne unter uns gehabt“, sagte gestern etwas enttäuscht Don Sandro Spriano, Kaplan der Strafanstalt Rebibbia, gegenüber der Wochenzeitschrift Famiglia Cristiana. Rebibbia ist das größte unter den drei römischen Gefängnissen und hat auch mit all den genannten Problemen tagtäglich zu kämpfen. „Aber was nicht ist, kann ja noch werden“, hofft Don Sandro. Die Verlegung der Gründonnerstagsmesse in ein Gefängnis hat natürlich unter den Gefangenen landesweit für Aufsehen gesorgt und Hoffnung gestiftet. Auf jeden Fall sieht der Kaplan mit der Geste des Papstes, vor jungen Straftätern niederzuknien, eine entscheidende Wende. Das gebe ihnen nicht nur eine Teil ihrer verlorenen Würde zurück, sondern wäre eine noch wichtigere Botschaft an die Gesellschaft: „Strafvollzug darf kein Racheakt sein, er darf den Menschen nicht erniedrigen oder zerstören. Er darf nur einen erzieherischen Sinn haben. „Sündern“ muss verziehen werden; sie müssen nach ihrer Reue wieder in der Gemeinschaft aufgenommen werden, genauso wie Christus predigte und praktizierte.“