Gegen Missbrauch ist Nulltoleranz nicht genug, Vorbeugung ist nötig

Pater Lombardi erklärt die Initiative der Päpstlichen Universität Gregoriana

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ROM, Montag, 6. Februar 2012 (ZENIT.org) – Das Symposium mit dem Titel „Verso la guarigione e il rinnovamento“ (Der Weg zur Heilung und Erneuerung), das vom 6. zum 9. Februar stattfinden wird, versucht, in Fällen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Kleriker, jenseits der strengen Strafen für dieses Verbrechen Wege zu finden, um den Opfern zu helfen und die Voraussetzungen zu schaffen, damit solche Sünden sich in Zukunft nicht wiederholen können.

Es handelt sich nicht nur um eine Tagung, denn mit dem Symposium soll eine Einrichtung ins Leben gerufen werden, die dessen Arbeit fortsetzen und es ermöglichen soll, Kontakte aufrecht zu erhalten, um den nötigen Rat und Hilfe zu finden.

Das hat am vergangenen Freitag im palazzo Frascara der Päpstlichen Universität Gregoriana der Pressesprecher des Vatikans, Pater Federico Lombardi, S.I., in einem Interview an Zenit nach der Pressekonferenz über die Veranstaltung erklärt.

Was hat sich seit dem Rundschreiben der Kongregation für die Glaubenslehre im vergangenen Jahr verändert?

Pater Lombardi: Zahlreiche Bischofskonferenzen haben eigene Kommissionen gebildet, um die vom Rundschreiben geforderten Leitlinien festzulegen. Dieses Symposium findet genau in dieser Phase statt, in der die Bischofskonferenzen, nach dem Erhalt des Rundschreibens, daran arbeiten, ihre Leitlinien zu erstellen.

Was bedeutet das: Leitlinien zu erstellen?

P. Lombardi: Das bedeutet, ein Dokument auszuarbeiten, aber auch, es in die Praxis umzusetzen. Deshalb ist ein Austausch der persönlichen Erfahrungen wichtig. Und dann die Gründung dieser Einrichtung, welche die Arbeit des Symposiums fortsetzen wird und es ermöglichen soll, Kontakte aufrecht zu erhalten, Fragen zu vertiefen, zu lernen und Zugang zu den Erfahrungen zu bekommen, die in anderen Ländern gemacht wurden.

Was heißt das genau?

P. Lombardi: Ein tätiges Vorwärtsschreiten in der Kirche, um eine immer größere Fähigkeit zu erlangen, es mit diesen Problemen aufzunehmen und sie zu überwinden. Sowohl, indem man den Opfern zuhört, ihr Leiden verstehen lernt, ihnen hilft über das Geschehene hinweg zu kommen; als auch, indem man Problemen dieser Art vorbeugt, damit sie sich nicht wiederholen.

Wenn man dem Symposium also z.B. den Titel „Nulltoleranz“ gegeben hätte, wäre das der Veranstaltung nicht gerecht geworden…

P. Lombardi: „Nulltoleranz“ scheint mir ein sehr beschränkter Titel zu sein, denn er bedeutet nur Strenge. Streng muss man sein, man darf angesichts schwerer Verbrechen nicht nachsichtig sein. Aber uns geht es vor allem um einen konstruktiven Weg, der irgendwie versuchen soll, Schäden wiedergutzumachen und zu verhindern, dass neue entstehen.

Das heißt, Strenge allein reicht nicht aus?

P. Lombardi: Es geht nicht nur darum, strenge Regeln zu setzen, sondern zu begreifen, was die betroffenen Menschen erleben und wie man in einem lebenden Körper, einem lebenden Wesen wie es die Kirche ist, die ihrerseits Teil des lebenden Körpers der Gesellschaft ist, mit solchen Dingen umzugehen hat.

Wird es auch eine Bußandacht geben?

P. Lombardi: es wird im Verlauf dieses Symposiums zwei Andachten geben. Die erste wird eine Bußandacht sein und findet am Dienstag Abend statt. Hier wird Kardinal Marc Ouellet, Präfekt der Kongregation für die Bischöfe, um Vergebung und Wiederversöhnung bitten. Die zweite Andacht ist eine Eucharistiefeier mit Kardinal Fernando Filoni, Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker.

Ist diese Hilfsplattform so eine Art Notrufnummer?

P. Lombardi: Nein, solche Notzentren sollen lokal errichtet werden. Die Kirche muss in ihren Aktionsplänen in den einzelnen Ländern Zentren vorsehen, wo es Menschen gibt, die dafür geschult sind, sich die Probleme der Opfer anzuhören. Nein, es geht hier um eine höhere Stufe, es geht um E-learning, um spezielle Kurse zur Vertiefung der Themen, um Dokumentationszentren, in denen Erfahrungsberichte und wissenschaftliche Auswertungen gesammelt werden und denen zur Verfügung gestellt werden sollen, die auf diesem Gebiet arbeiten, beruflich oder seelsorgerisch.

Wie ist diese wichtige Initiative entstanden und was verbindet sie mit der Gregoriana?

P. Lombardi: Diese Initiative ist in der Gregoriana entstanden und ist als Dienst für die Kirche gedacht. Die Gregoriana ist eine päpstliche Universität und lebt daher im Dienst der Kirche. Sie ist ein bedeutendes akademisches Zentrum, in dem es das Know-how gibt, um eine Initiative wie diese zu organisieren, die theologische, moralische, juristische, seelsorgerische und psychologische Kompetenzen erfordert. Das Institut für Psychologie der Gregoriana, welches das Symposium organisiert, wird auch diese Einrichtung leiten, die daraus folgen soll. Die Gregoriana hat außerdem viel Erfahrung im Dienst für die Kirche, die Bischöfe und den Klerus. Daher ist es recht selbstverständlich, dass die Päpstliche Universität zur Schirmherrin einer Veranstaltung wie dieser wird.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]