Gegen Wellness-Religion und einen infantilisierten Kuschelgott

Provokationen fröhlich aufnehmen

Rom, (ZENIT.org) Jan Bentz | 448 klicks

Gegen „das Wortgeklingel in Betroffenheits-Predigten“, einen infantilisierten Kuschelgott, gern androgyn gedacht, und eine „Wellness-Religion“, die empfehle, sich gegen den bösen Kapitalismus im heilen Innenraum der Kirche zu isolieren, richtet sich der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf von der Ludwig-Maximilians-Universität in München in betont pointiert formulierter Kritik. Manchmal sei es eben nötig, in der medialen Welt zu provozieren; es sei aber durchaus möglich, solches fröhlich aufzunehmen, so hatte der evangelische Theologe in einem Interview mit der FAZ vom 27.3.2011 seine gewollt überspitzen Formulierungen verteidigt. Gleichzeitig fordert er eine „Wiederanknüpfung an eine vom selbstbewussten Bürgertum getragene, kulturprotestantisch inspirierte Volkskirche“. Diese habe Wissenschaft und Arbeitsethik mit dem Heilsglauben verbunden. Ein solches Ideal verhindere auch das Versinken seiner Glaubensgemeinschaft in „esoterische Kleinzirkel“.

Der Münchner Theologe beklagt außerdem eine „Feminisierung der evangelischen Pfarrhäuser“. Aus einem ehemals von Männern dominierter Beruf sei durch den Strukturwandel ein Beruf für junge Frauen geworden, was das Rollenprofil des Berufes verändert habe. Der Beruf sei dadurch für Männer nicht mehr attraktiv.

In der Religionskultur seien zwei Trends zu beobachten, so Graf, der sich grundsätzlich auch sehr kritisch gegenüber der katholischen Kirche und dem Papsttum äußert. Zum einen die Eventisierung, dazu gehörten Papstbesuch und Kirchentage. Der zweite sei das Umstellen auf einen Psychojargon, in dem es permanent um das „Fühl dich wohl“ gehe und in dem elementare Spannungen und Widersprüche des Lebens kaum noch eine Rolle spielten.

Es komme aber gerade darauf an, die existentiellen Spannungen des Lebens religiös zu deuten und nicht einfach durch ein bisschen Wohlfühlrhetorik zum Verschwinden zu bringen.

In seinem Buch „Kirchendämmerung“ (angelehnt an Nietzsches „Götterdämmerung“) macht Graf den Niedergang der deutschen evangelischen Kirche an sieben Untugenden fest. In dem zitierten Interview mit der FAZ erläuterte er eine davon, die Sprachlosigkeit. Die Predigtkultur sei einst ein wichtiges Kennzeichen des Protestantismus gewesen. Heute erlebe man eine Infantilisierung der Kommunikation. Man vermeide, die Menschen „vom Kopf her“ anzureden, und lande dann beim heutigen Psycho-Jargon.

Man könne in einer Gesellschaft, in der die Komplexität permanent gesteigert werde, nicht in der Religionskultur den Gegenkurs fahren und auf seicht und infantil setzen. Damit fühlten sich die Menschen nicht ernst genommen.

Ein weiterer Kritikpunkt sei die in der Geschichte der Bundesrepublik zu erlebende permanente Moralisierung der religiösen Kommunikation. „Wenn einem nichts mehr einfällt, wirklich überhaupt nichts mehr, dann fällt einem noch Moral ein. Moralisieren ist nämlich eine intellektuell relativ anspruchslose Veranstaltung. Und wenn Sie sich das anschauen, was Bischöfe oder Ratsvorsitzende so verlautbaren, dann sind das fast immer moralische Pathosbotschaften“, so Graf.

Gerade bei Kirchentagen seien weniger Interventionen, aber prägnantere und durchdachtere nötig. Graf: „Der Ausstieg aus der Atomenergie. Wunderbar. Aber dann fragen Sie sich doch mal, woher dann der Strom kommen soll. Also insofern findet dort immer eine moralistische Reduktion von Komplexität statt. Das ist langfristig ruinös.“

Dem Vetreter des neuen, aggressiven Atheismus, Richard Dawkins, wirft Graf mangelnde Quellenkenntnis und ein äußerst niedriges Reflexinsniveau vor. Er wiederhole wenig Originelles.

Friedrich Wilhelm Graf (geb. 1948) ist protestantischer Theologe und Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München (LMU). Sein Forschungsschwepunkt liegt auf dem wilhelminischen Kultusprotestantismus und dem Werk von Ernst Troeltschs (1865-1923), für dessen Kritische Gesamtausgabe er als Präsident der Ernst-Troeltsch-Gesellschaft maßgeblich verantwortlich ist. Graf wurde 1999 mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet und ist seit 2001 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.