"Geh, und folge diesem Wagen. Philippus lief hin." (Apg 8, 29f)

Eröffnungsreferat des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zur Herbst-Vollversammlung der DBK

Fulda, (DBK PM) | 388 klicks

Wir dokumentieren im Folgenden das Eröffnungsreferat des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz 2013 am 23. September 2013 in Fulda.

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Zur missionarischen Präsenz der Kirche in der Gesellschaft

Heute halte ich zum letzten Mal das Referat zu Beginn der Herbst-Vollversammlung. Beim ersten Mal habe ich meinen Vortrag dem missionarischen Dialog der Kirche mit unserer Zeit gewidmet (2008). Später ging es um die Sendung der Kirche im weltanschaulichen Pluralismus Deutschlands (2009) und ein anderes Mal um den Weg „zu den Orten des Lebens“, von denen Papst Benedikt XVI. zum Auftakt des Jahr des Glaubens sprach (2012). Vor allem habe ich im Jahr 2010 mein Plädoyer für eine pilgernde, hörende und dienende Kirche gehalten. Es wurde die Grundlage unseres Gesprächsprozesses, den wir vor zehn Tagen in Stuttgart zum Thema „Liturgie“ fortgesetzt haben; und es wurde – so war in den vergangenen Wochen in den Medien zu sehen und zu hören – der Impuls zu einer neuen Etappe auf dem Weg der Kirche unseres Landes in die Zukunft.

Eine neue Etappe, das ist ein kühnes Wort. Ich benutze es im Blick auf gewisse Verschiebungen und so manche Brüche, die es innerhalb der Kirche ebenso gibt wie in ihren Beziehungen nach außen. An der Oberfläche betrachtet ist es die Erfahrung, dass der christliche Glaube in der Gesellschaft immer weniger Akzeptanz findet, die Kirche an Ansehen verloren hat und ihr Einfluss abnimmt; dass die Zahl der Getauften auf jeden Fall deutlich zurückgeht. All das attestiert man uns. Aber nach meiner Auffassung lohnt es sich, sich die Mühe zu machen, genauer hinzuschauen und hinter die Symptome zu blicken. Wir erkennen dann eine tiefergehende Verschiebung im geistigen und gesellschaftlichen Leben, die sich selbstverständlich auch kirchlich bemerkbar macht. Sie besteht darin, dass sich das Verhältnis zwischen dem Individuum und seiner Freiheit auf der einen und dem sozialen Verbund auf der anderen Seite an vielen Stellen neu austariert. Es neigt sich deutlich auf die Seite der Freiheit des Individuums. Dieser Zuwachs an Freiheit des Einzelnen macht sich auch im Glauben und im Leben der Kirche bemerkbar. Wir spüren deutlich, dass sich die Menschen die Freiheit nehmen, ihren Glauben wie aus einem Fundus der Kirche auszuwählen und auch mit Überlieferungen und Formen anderer Religionen zu kombinieren. Wir spüren ebenso einen schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt in Form gemeinsamer Auffassungen, Kulturen und Institutionen. Zugleich richten sich aber auch diffuse Erwartungen an die Institution Kirche. Die britische Religionssoziologin Grace Davie beschreibt diese mit ihrer These von der „Vicarious Religion“; der „Stellvertreter-Religion“ als einer spezifisch westeuropäischen Form der Religiosität: „Kirchen und Kirchenführer praktizieren Rituale im Auftrag anderer, Kirchenführer und Kirchgänger glauben im Auftrag anderer (...) [und] verkörpern im Auftrag anderer moralische Werte, Kirchen können schließlich Räume bieten für die stellvertretende Debatte über die ungelösten Fragen der modernen Gesellschaft.“1 Kirchen zählen so zu den Einrichtungen der Daseinsvorsorge im öffentlichen Raum, in denen man nicht selbst aktiv sein muss. Es gibt nicht wenige, die auf diese Weise „ohne Bindung mit der Kirche in Verbindung bleiben“. Die Kirche wird somit als Dienstleister in die persönliche Gestaltung des Lebens eingruppiert. Insgesamt entwickelt sich so eine neue Verhältnisbestimmung im Bereich von Glauben und Kirche, wie dies im Übrigen auch in anderen Bereichen des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens der Fall ist – ich denke etwa an das politische Engagement in Parteien. Die Soziologie spricht auch nur vorsichtig von der „anderen Gesellschaft“, die sich abzuzeichnen beginnt, ohne dass deren Grundlagen bereits neu manifest würden. Auf diese neue Situation haben wir zu reagieren, ja mehr noch: Wir sind gefordert, proaktiv zu agieren, überzeugt die Botschaft des Evangeliums zu leben und kreativ den christlichen Glauben weiterzugeben. Was heißt das?

Wir wollen eine Kirche sein, die missionarisch ist und sich nicht bequem ausruht – in der völlig falschen Annahme, wir könnten es aufhalten, dass das Netz alter Sicherheiten zerreißt. Wir haben von Jesus Christus selbst den Auftrag, missionarische Kirche zu sein, wir haben den Auftrag, das Evangelium zu leben und die frohe Nachricht vom Reich Gottes zu verkünden. Die Vollversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe 2007 in Aparecida hat dies – unter der Federführung des heutigen Papstes – sehr deutlich und zugleich einfach formuliert: Der Christ von heute ist dazu gerufen, „Jünger und Missionar“ zu sein. „Der Ruf, Jünger und Missionare zu werden, verlangt von uns, dass wir uns eindeutig für Jesus und sein Evangelium entscheiden, dass Glauben und Leben miteinander übereinstimmen, dass die Werte des Reiches Gottes in uns Fleisch und Blut annehmen, dass wir zur Gemeinschaft der Jünger gehören und immer mehr zur Gemeinschaft der Liebe werden.“2 Zum Jüngersein und

Missionar Christi werden, gehört immer auch die Bereitschaft, aufzubrechen und bis daher scheinbar unaufgebbare Sicherheiten hinter sich zu lassen. Müssen auch wir unter den veränderten Bedingungen einer neuen Epoche kirchlichen Lebens in diese innere Freiheit der Jünger Jesu nicht noch stärker hineinwachsen? Dazu will ich einige Überlegungen darlegen.

Impulse von Papst Franziskus

Liebe Mitbrüder! Man braucht weder katholisch noch christlich zu sein, ja noch nicht einmal religiös, um zu erkennen, welche wertvollen Impulse Papst Franziskus derzeit gibt. Weltweit beeindruckt er Menschen und regt – unaufdringlich, aber eindringlich – zum Nachdenken an. Erinnern wir uns etwa an die Überraschung, als er zum ersten Mal nach der Wahl vor die Öffentlichkeit trat. Er sagte, er sei Bischof von Rom, den die Kardinäle vom Rand, ja beinahe vom Ende der Welt geholt hätten. Er ist ein Pilger, der nun auch unermüdlich und unerschrocken vom römischen Zentrum an die Ränder der Welt geht. Damit lenkt er unseren Blick auf Menschen und Themen, die in Gefahr stehen, in den Herausforderungen des Alltags unterzugehen. Dabei sollten wir doch deren Anwalt und Fürsprecher sein: Kinder und Familien, Arme und Flüchtlinge – um nur einige wenige zu nennen. In beeindruckender Weise findet er den Weg an die Ränder der Gesellschaft – und wohl auch deswegen in die Herzen der Menschen; nicht nur derer, die an den Peripherien zu finden sind. So haben es ihm die beiden großen Heiligen vorgelebt, die sein Leben bestimmen: der heilige Franziskus von Assisi, dessen Namen er sich auswählte; und der heilige Ignatius von Loyola, der die Gesellschaft Jesu gründete. Dessen geistliches Tagebuch ist der „Bericht des Pilgers“ – Erinnerungen an den Weg, den der Heilige nach seiner Bekehrung zur Nachfolge Jesu von der baskischen Heimat aus nahm und der ihn nach Jerusalem und schließlich nach Rom führte – hin zu den Menschen, die krank waren, die kaum Bildung hatten und die gerade auch in geistlicher Hinsicht Hunger und Durst litten. Das sind die Lebensimpulse eines Pilgers für die Botschaft Jesu Christi, wie auch Papst Franziskus einer ist.

Was mich besonders beeindruckt, ist die unermüdliche Suche des Heiligen Vaters nach Nähe zu den Menschen und seine Art des unmittelbaren Umgangs mit ihnen. Wer Papst Franziskus begegnet oder gar von ihm angesprochen oder angeschrieben wird, erfährt eine große Wertschätzung. So wundert es nicht, dass unser Heiliger Vater bei seiner Begegnung mit den brasilianischen Bischöfen vor zwei Monaten in Aparecida deutlich hervorhob: „Nähe schafft Gemeinschaft und Zugehörigkeit, Nähe macht Begegnung möglich. Nähe nimmt die Form eines Dialogs an und schafft eine Kultur der Begegnung.“ Und weiter verweist er darauf, dass Nähe und Begegnung die Weise darstellen, in der Gott sich in der Geschichte offenbart hat. Er ist der nahe Gott für sein Volk. Er ist der Gott, der hinausgeht, der seinem Volk entgegengeht. Er ist der Gott, der selbst Mensch wird, um mitten unter uns zu sein. Deshalb darf unsere Pastoral nicht auf Distanz zu den Menschen gehen, sondern hat Beziehung zu stiften, hat auf Begegnung und Nähe hinzuführen: Begegnung mit Jesus Christus und Begegnung mit den Schwestern und Brüdern. Wir glauben, dass wir im Anderen und besonders in den Machtlosen wirklich Christus selbst begegnen. Das verlangt ein ehrfürchtiges Verhältnis zu ihnen. Die Menschen sind Selbstoffenbarung Gottes und sie verdienen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Darin zeigt sich Papst Franziskus als ein Meister, wenn er etwa die Angestellten des Vatikans zu sich einlädt oder sie gar in den einzelnen Betrieben besucht: Ein Hirte, der offene Ohren und ein hörendes Herz hat.

Ein gläubiger Mensch und zumal ein Bischof, liebe Mitbrüder, ist immer dazu berufen, den Mitmenschen zu dienen, das eigene Amt als Dienst am Dienst der anderen zu verstehen. Anderes verdient nicht, Nachfolge dessen genannt zu werden, der gekommen ist, nicht zu herrschen, sondern zu dienen. Papst Franziskus ist dieser Wahrheit Jahr für Jahr in den Exerzitien begegnet, in denen der heilige Ignatius dem Beter schon ganz am Anfang empfiehlt: Bete in der Meditation der Weihnachtsgeschichte darum, dem Herrn, der als Neugeborener in der Krippe liegt, ein „kleiner Diener“ – ein servulus – zu sein. Uns gehen die Begriffe „Dienst“ und „Dienen“ zumeist leicht und oft vielleicht auch unbedacht über die Lippen. Fast sind sie bloße Bezeichnung für das, was wir tun, ohne doch eine inhaltliche Bestimmung, die uns die Orientierung schenken könnte, um zu unterscheiden und richtig zu priorisieren. Papst Franziskus will ein guter Diener der Menschen und der Kirche sein, „mit viel Milde, geduldig und barmherzig“3. Dazu geht er zuweilen überraschend ungewohnte Schritte, wie wir es etwa am Gründonnerstag erlebt haben, als er den Abendmahlsgottesdienst in der römischen Jugendhaftanstalt Casal del Marmo mit 49 jungen Gefangenen feierte. Oder auch bei seinem Besuch der Flüchtlinge auf Lampedusa.4 Es sind Zeichen, die weltweit für Aufmerksamkeit und auch bei kritischen Zeitgenossen für ein nachfragendes Interesse sorgen. Sein Dienst, liebe Mitbrüder, fordert uns als Kirche zum Nachdenken über das eigene Tun heraus.

Das Bild einer missionarischen Kirche

Gestattet mir, verehrte Mitbrüder, dass ich diese Überlegungen mit meinem Plädoyer verknüpfe für eine pilgernde, hörende und dienende Kirche, die aus der biblischen Offenbarung erwächst und im Zweiten Vatikanischen Konzil, in den verschiedenen Synoden in Deutschland und bei der Suche nach Orientierung unserer Bischofskonferenz maßgeblich ist. In sehr treffender Weise kommt dies in einer biblischen Stelle zum Ausdruck, die allen von uns bestens vertraut ist: in der Begegnung des Philippus mit dem Kämmerer der Königin von Äthiopien (Apg 8, 26-40).

Philippus verkündet, wie die anderen Apostel, inmitten der Verfolgung, der die junge Kirche ausgesetzt ist, das Wort Gottes. Er ist zunächst Missionar in Samarien. Aus der dortigen Gemeinde bricht er auf und geht zur Straße, die nach Gaza führt. Vorbei kommt der Wagen mit dem Finanzverantwortlichen der Königin von Äthiopien. Im Geist wird Philippus aufgefordert: „Geh und folge diesem Wagen. Philippus lief hin“ und fragt den Beamten, ob er denn auch verstehe, was er laut liest – ein Stück aus dem Propheten Jesaja, das auf den Herrn hinweist. „Wie könnte ich, da mich keiner anleitet?“, fragt der Äthiopier. Philippus erklärt ihm alles und weckt in ihm den Wunsch nach der Taufe. Nachdem er den Mann getauft hat, geht er seinen Weg weiter, um an anderen Orten missionarisch tätig zu werden. Der Neugetaufte aber kehrt „voll Freude“ in seine Heimat zurück.

Philippus und die Apostel waren geradezu beseelt von dem Wunsch, das Werk des Herrn fortzuführen und – wie er selbst – Menschen ihr „Zeugnis des Lebens“ und ihr „Zeugnis des Wortes“5 zu geben. Jesus führte als Wanderrabbi ein Leben der Wanderschaft, die ihn hinauf nach Jerusalem führte, wo er sein Leiden auf sich nahm. Die Heilige Schrift kennt eine Fülle an Weggeschichten, wo Menschen sich bewegen und in Bewegung setzen lassen, wie etwa beim Aufbruch Abrahams und im Auszug Israels aus Ägypten. Nach der Auferweckung des Herrn überwinden auch seine Apostel ihre Starre und machen sich mit ihrer Botschaft auf den Weg. Sie gehen entlang den Straßen des weiten römischen Reichs, um überall Menschen aufzusuchen, die für den Glauben ansprechbar sind. Das Bild der pilgernden Kirche festigt sich von da aus: eine Gemeinschaft, deren Gläubige sich auf dem Weg wissen zu Gott, der das Ziel ihrer Wanderschaft ist, und der selbst mit seiner Kirche hin zu den Menschen auf dem Weg ist.

Philippus demonstriert, wie eine pilgernde Kirche sich auf die Straße wagen muss – eben dahin, wo man den unterschiedlichsten Menschen begegnet, gerade auch den fremden, fremdelnden und suchenden; denen, wie der Äthiopier, die etwas gehört oder gelesen haben, was sie nicht verstehen, das ihnen jemand erschließen muss; und Menschen, die Fragen haben. Gibt es doch zu allen Zeiten eine ungebrochene Sehnsucht des Menschen nach Gott: die Sehnsucht nach Liebe, die treu ist und auch dann nicht aufgekündigt wird, wenn man elend, schwach und müde geworden ist. Die Sehnsucht nach dem, was wir theologisch Gnade nennen – sie überdauert den Wechsel der Zeiten und Umstände. Zugleich gibt es die Sehnsucht Gottes nach den Menschen: Eine kühne Formulierung, die richtig nur verstehen kann, wer Gott als Gott der Liebe versteht, dessen Freude und Ehre es ist, die Menschen zu lieben und bei den Menschen zu wohnen. In der Menschwerdung seines Sohnes wurde diese Liebe in unüberbietbarer Weise fassbar. Und „Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung“ (LG 22). Das ist bleibende Gabe und Aufgabe.

Da wir Bischöfe auf besondere Weise am Apostelamt teilhaben, tun wir gut daran, das Beispiel des Philippus als charakteristisch für unser Wirken zu verstehen und im gleichen Sinn hinaus auf die Straßen zu gehen. Wir tun gut daran, keine Berührungsängste zu haben – auch nicht mit denen, die uns auf den ersten Blick fremd vorkommen und deren Leben uns unverständlich erscheint. „Die Kirche, mit der wir denken und fühlen“, so sagt es Papst Franziskus, „ist das Haus aller – keine kleine Kapelle, die nur ein Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen kann.“6

Dass es dazu vor allem eine hörende Kirche braucht, macht die Begegnung des Äthiopiers mit Philippus eindrucksvoll deutlich: Er wollte verstanden sein und ein offenes Ohr finden, bevor der Apostel bei ihm ein offenes Ohr findet, um die Schrift zu erschließen und den Glauben zu erklären. Der Mensch ist der Weg der Kirche. Verkündigung des Evangeliums lebt vom Hören – auf Gottes Wort wie auch auf die Fragen und Freuden, Sorgen und Anliegen der Menschen. Wir brauchen offene Ohren und hörende Herzen für die Menschen, um deren Leben und Denken zu begreifen, um sie zu respektieren und uns auf sie einlassen zu können. Wir begegnen ihnen mit dem Blick Gottes. Nichts anderes tat Philippus. So erst sind wir in der Lage, an das anzuknüpfen, was die Menschen bewegt. Dem Reden und Handeln geht das Sehen und Hören voraus. Und zwar ein Sehen und Hören sowohl derer, die innerhalb der Kirche ihren Lebensweg gehen, wie auch der distanzierten Getauften, der Ungetauften oder auch Nichtgläubigen. Sie sind ja in manchen Teilen Deutschlands die größte Personengruppe. Hier wollen wir im November in Berlin mit den Veranstaltungen im Rahmen des „Vorhofs der Völker“ ein exemplarisches Zeichen setzen, das nachhaltig und in der Breite wirken soll. „Es ist an der Zeit“, so schreibt Papst Franziskus in seinem eindrucksvollen Brief an den Herausgeber der italienischen Tageszeitung „Repubblica“, Dr. Scalfari, dass nach einer Wegstrecke der „Kontaktunfähigkeit zwischen der Kirche bzw. der christlich orientierten Kultur einerseits und der modernen, aufklärerisch geprägten Kultur andererseits, der Anfang kommt für einen offenen, vorurteilslosen Dialog, der die Türe für eine ernste und fruchtbare Begegnung wieder öffnet.” Damit dies gelingt, müssen wir besonders dann hellhörig sein, wenn man uns innerhalb und außerhalb der Kirche vorhält, wir würden über Fragen sprechen, die keiner gestellt hat, oder Antworten geben, die kaum einer mehr versteht. Zu Recht ruft uns deshalb Papst Franziskus in Erinnerung: „Die Kirche darf sich nicht von der Einfachheit entfernen. Manchmal verlieren wir diejenigen, die uns nicht verstehen, weil wir die Einfachheit verlernt haben.“ Diese Aufgabe, der „Grammatik der Einfachheit“ zu folgen, ist uns Bischöfen in besonderer Weise gestellt. Sie stellt sich letztlich auch allen Getauften, die auf ihre eigene Weise Anteil haben am Apostolat der Sendung Jesu.

Dabei erinnert das Beispiel des Philippus auch an die dritte Eigenschaft einer missionarischen Kirche: das Dienen. Philippus will für das Wohl und Heil des Äthiopiers wirken und willigt, da sich die Gelegenheit dazu ergibt und er darum gebeten wird, in dessen Taufe ein. Das ist wichtig: der Wille des Anderen findet Respekt, seine Entscheidung fällt selbstbestimmt und frei. Wer so in Geduld handelt, hat Vertrauen, dass letzten Endes Gott alles zum Guten lenkt und dass das Entscheidende nicht vom eigenen Tun kommt. Er kann engagiert und zugleich gelassen handeln, geduldig und demütig gegenüber Gott und dem Anderen. Wenn das Werk getan ist, geht der Apostel weiter, um am nächsten Ort im Namen Jesu zum Heil der Menschen zu wirken. Es zeigt sich eine wohltuende Selbstlosigkeit. Nicht die größere eigene Ehre, das vermehrte Ansehen oder der Ausbau der Macht von Kirche und Apostel bestimmen das Handeln einer missionarischen Kirche, sondern eben die Ehre Gottes wie der Dienst für den, der sich an den Straßenkreuzungen finden lässt, zu dem man hingeht, von dem man um Wegbegleitung gebeten wird.

Zeitansagen

Nehmen wir uns den biblischen Philippus als Vorbild und wählen wir uns den Heiligen Vater als Weggefährten, wenn wir im Deutschland unserer Tage missionarisch Kirche sein wollen! Ich möchte versuchen, unter vier Aspekten exemplarisch zu entfalten, was das bedeuten kann und welche Herausforderungen daraus erwachsen.

1. Eine glaubensstarke Kirche: Immer wieder betonen die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus die zentrale Bedeutung des Glaubens an Jesus Christus, ohne den es die Kirche nicht gäbe. Wenn sich das kirchliche Leben, so heißt es in Lumen Fidei, nach Art einer großen Nichtregierungsorganisation gestaltet, dann hat es den richtigen Weg verlassen. Umso mehr bedarf es unserer steten Vergewisserung, dass wir selbst tief in Gott verankert sind. Wie könnte einer dem Anderen helfen, die Wasseradern des Glaubens freizulegen, wenn er selbst nicht die Brunnen der Liebe Gottes kennt? Wie können wir den Menschen Weggefährten sein und Helfer, mitten im Alltag die Spuren Gottes zu entdecken, wenn wir selbst zu wenig mit ihm vertraut sind? Es geht um die gemeinsame engagierte Suche nach der „veritas semper maior“. Und bei dieser gemeinsamen Suche geht es zuerst darum, die Menschen durch unser ganzes Verhalten die unbedingte Sympathie Gottes, die selbstlose Liebe Gottes für den einzelnen Menschen erfahren zu lassen. Es ist diese Liebe und Zuwendung, auf die viele Menschen gerade auch in einer hochtechnisierten und globalisierten Welt warten. Oder in den Worten von Papst Franziskus, die er in seinem vergangenen Freitag veröffentlichten Interview wählte, kurz und prägnant zusammengefasst: „Die Verkündigung der heilbringenden Liebe Gottes muss der moralischen und religiösen Verpflichtung vorausgehen.“

Liebe Mitbrüder, als wir im Frühsommer dieses Jahres mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken in Berlin einen Studientag zum Verhältnis zwischen öffentlichem Leben und Kirche veranstalteten, hat uns der Religionssoziologe, Professor Dr. Armin Nassehi, einige Thesen vorgetragen. Dabei ging es um die Situation von Glauben und Gläubigen in der Gegenwart. Danach hat die christliche Religion unverändert eine signifikante Bedeutung. Die Menschen schätzten, so heißt es im Sprachgebrauch der Soziologen, dass der Glaube das Unbestimmte des Jenseits bestimmt deute. Allerdings stehe der kirchliche Glaube vor dem Problem der neuen Epoche, von der ich gesprochen habe, in der eine starke Stellung des Individuums die soziale Verbundenheit durch gemeinsame Auffassungen und Werte schwächt. Im Leben der Menschen gebe es immer mehr „Inkonsistenzen“, das heißt Brüche und Widersprüche in der Lebensführung und den Überzeugungen. Es gelte, in einer Welt voll dieser Inkonsistenzen, die Konsistenz von Glaubensannahmen wachzuhalten und anzubieten. Professor Nassehis Vorschlag, der die missionarische Kraft der Kirche betrifft: Eine vertretbare und begründete Toleranz solchen Inkonsistenzen gegenüber, die Brüche nicht einebnet, aber ernst nimmt und in den Glauben einordnet. Dies werde die Anschlussfähigkeit und die Glaubwürdigkeit der Kirche fördern.7 Ist das ein Plädoyer für Relativismus? – so werden sich manche fragen. Verrät es den Wahrheitsanspruch des Glaubens? Angesichts der empirischen Befunde, die belegen, dass heute viele selektiv mit den Glaubenswahrheiten umgehen, lohnt es sich, uns diesen Fragen zu stellen: Wer ist wann ein Katholik? Wie bieten wir denen eine Heimat, die im modernen Sinn eben voller Inkonsistenzen, voller Brüche und auch Widersprüche in ihrem Weltbild und den Überzeugungen leben? Was ist Glaubensstärke in einem Umfeld der Unsicherheiten und der vorläufigen Festlegungen der Menschen und der Gläubigen, oft auch der Hauptberuflichen?

Dabei ist klar: Eine missionarische Kirche ist und bleibt selbst auch eine suchende Kirche, die trotz der Klarheit des Glaubens, des Katechismus und der Konsistenz der Glaubenslehre eben auch voller Ungewissheiten und voller Orientierungsbedarf ist.8 Es gilt eben, beides im Blick zu behalten: Jünger und Missionar zu sein – oder: als Missionar immer auch Jünger, d. h. Schüler Jesu, des Herrn, zu bleiben. Der tschechische Priester und Professor Tomas Halik hat sich in seinem neuesten Buch „Berühre die Wunden“ mit dem Zweifel des Apostels Thomas auseinandergesetzt. Darin stellt er heraus, dass Glaube seine Vergewisserung vor allem darin findet, dass die „Wunden der Liebe“ bleiben und so die Authentizität der Liebe bekräftigen: „Die Wunden bleiben Wunden. Aber derjenige, der ‚die Krankheiten von uns allen getragen hat‘, … ist weiterhin (unbegreiflich) bei uns.“9 Oder anders formuliert: Es braucht unseren Mut, auch in die Nacht unseres Lebens und in die Finsternis unseres Zusammenlebens hinabzusteigen, ohne selbst vom Dunkel durchdrungen zu werden, ohne die Orientierung und den Halt zu verlieren. Ich bin überzeugt: Wenn die Kirche in Deutschland diese treue Liebe des Herrn in Wort und Tat deutlich macht, ist sie glaubensstark und weckt missionarisch Glaubensstärke. Und sie kann sich mutig in eine multioptionale Gesellschaft hineinwagen.

2. Eine hoffnungsfrohe Kirche: Papst Johannes XXIII. eröffnete das Konzil u. a. mit den Worten: „Wir aber sind völlig anderer Meinung als diese Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergang stünde. In der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse, durch welche die Menschheit in eine neue Ordnung einzutreten scheint, muss man viel eher einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung anerkennen.“ Bis heute streiten sich die Verfechter der Säkularismusthese, wonach die moderne Entwicklung die Religion tötet, mit denen, die eine bleibende Aktualität oder gar neue Blüte des Glaubens – nicht unbedingt des Kirchlichen – analysieren. Doch gegen die genannte Säkularismus-These sprechen nicht zuletzt einige Entwicklungen in den hoch industrialisierten Ländern des Fernen Ostens wie Südkorea, Singapur oder auch China. Hier ist im Kontext einer komplexen und industrialisierten Gesellschaft ein tendenziell eher zunehmendes Interesse an Religion und auch wachsendes kirchliches Leben zu spüren.10 Ich plädiere nachdrücklich dafür, es nicht bei akademischen Diskussionen zu belassen, sondern ganz konkret die Hoffnung der Menschen zu bestärken und dadurch den Glauben zu verlebendigen. Das beginnt mit dem Gespräch am Bett des Schwerkranken oder Sterbenden. Es schließt ein, dass wir deutlicher bewusst machen, wie viel Hoffnung und Zuversicht durch die soziale Hilfe im Kleinen einerseits und die Projekte der weltweiten Hilfe und Unterstützung durch die Kirche andererseits erwachsen. Gottvertrauen führt auch zu einem kraftvollen Nein zu dem Zynismus und Pessimismus, welche die öffentliche Kommunikation nicht selten prägen. Eine Kirche des Jammerns, der Klage und des Zynismus ist nicht missionarisch. Die Klage gleicht einem „Bumerang, der zurückkommt und schließlich das Unglück noch vergrößert. […]Das Jammern hilft nie, nie, um Gott zu finden. Die Klage darüber, wie barbarisch die Welt heute sei, will manchmal nur verstecken, dass man in der Kirche den Wunsch nach einer rein bewahrenden Ordnung, nach Verteidigung hat. Nein, Gott kommt im Heute entgegen.“ (Papst Franziskus). Es geht für uns um weit mehr als die biedere Forderung, positiv zu denken („think positive“) und guter Dinge auch am Abgrund zu sein. Wir wollen Zeugen sein eines Glaubens an Gott, der größer ist als die Engpässe, in denen wir uns befinden und die uns oft genug auch ratlos machen. Dabei kommt der Kraft der Liebe eine besondere Rolle zu: Ja, die Liebe ist die Dimension, in der jenseits der Gottesfinsternis die Transzendenz in dieser Welt aufscheinen kann. Sie lässt uns ahnen und erfahren, dass es mehr und etwas anderes gibt als das Zähl- und Berechenbare.

3. Eine bescheidene und barmherzige Kirche: Als wir vor drei Jahren im Zuge der Aufdeckung der sexuellen Übergriffe und des Missbrauchs von Minderjährigen in eine enorme Vertrauenskrise gerieten, konnte man erleben, wie sehr die Kirche von so manchen als zu machtvoll im Auftreten, als respektlos und unbarmherzig wahrgenommen wurde. Es wurde deutlich, wie tief der Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit bisweilen auch bei uns ist. Geistliche, als Hirten Garanten einer beschützenden Nähe zu den Menschen, und mit ihnen die Kirche wurden als fern empfunden. Dies empfinden nicht wenige auch mit Blick auf die Umstrukturierung der Pastoral: In einer Zeit, in der die Kirche in Deutschland in großem Umfang diözesane Neugliederungen auf den Weg bringt, wächst der Eindruck bei vielen Menschen auch im inneren Bereich unserer Kirche, wir seien weit weg von ihnen; wir gingen nicht genügend auf die Menschen zu und zu wenig auf ihre Fragen, Sorgen und Anliegen ein. „Für viele Menschen“, so stellt der Innsbrucker Professor für interkulturelle Pastoraltheologie und Missionswissenschaft, Franz Weber, nüchtern fest, „geht Kirche nicht mehr. Und sie ziehen daraus die Konsequenz, dass sie gehen, weggehen und austreten. … Bis in die Kernschichten unserer Pfarreien hinein sind die Menschen von der Kirche enttäuscht, weil in ihr offensichtlich nichts weitergeht, weil diese Kirche nicht mehr geht, sondern steht, stehengeblieben ist.“11 Diese Einschätzung artikuliert sich auch in der alten und neuen Kritik an der kirchlichen Sexualethik als menschenfern und argumentativ nicht länger anschlussfähig. Ähnlich wird unsere Ehepastoral im Blick auf die Gläubigen, die zivil wiederverheiratet sind, als ungerechtfertigt distanzierend erlebt.

Solches Misstrauen gegenüber dem kirchlichen Amt, den kirchlichen Strukturen, der Lehre und pastoralen Praxis ist für uns ein Alarmzeichen: Misstrauen hebt Vertrauen auf; aber ohne Vertrauen kann unsere Glaubensverkündigung keine Frucht bringen! Wir stehen neu vor der Frage: Wie können wir heute die Botschaft des Evangeliums authentisch leben und als Kirche und Christen überzeugend auftreten? Wir müssen herausfinden, wie wir mehr Barmherzigkeit mit den Menschen zeigen und bezeugen können, die in einer Welt – ich wiederhole mich – voller Inkonsistenzen, voller Brüche und Widersprüche leben. „Es drohe die Gefahr“, so sagte Papst Franziskus vor zehn Tagen beim Angelusgebet, „dass die Christen sich selber für gerecht hielten und von Gott verlangten, die anderen Sünder zu bestrafen, anstatt ihnen zu vergeben.“ Es gelte die Spirale des Auge um Auge, Zahn um Zahn zu durchbrechen. Das sei der Weg Gottes, den auch wir einzuschlagen haben.

Ich bin überzeugt, dass wir uns auch theologisch mit den Konsequenzen heutiger Freiheit und Vielfalt der Optionen wie auch der Brüchigkeit der sozialen Verbundenheit und Gemeinschaft stärker befassen sollten. Und es braucht, wenn wir den Zusammenhalt von Kirche und Gesellschaft stärken wollen, neue Wege der Nähe, indem wir – wie der biblische Philippus und wie Papst Franziskus – an die Ränder gehen, um die Bekanntschaft der Menschen zu schließen und nahbar statt unnahbar zu sein. Der Phantasie sind diesbezüglich keine Grenzen gezogen.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir in Bezug auf die Ehepastoral eine bischöfliche Arbeitsgruppe eingerichtet haben, die die soziologischen wie auch die kirchlich-normativen Fakten rund um Ehe und Familie analysiert und unserer Konferenz Anregungen für das vertiefende Gespräch geben soll und geben wird. Wir haben ja gespürt, wie viel Aufmerksamkeit die Forderung fand, die der Heilige Vater in verschiedenen Zusammenhängen aufwarf, wonach zu prüfen sei, in welchem Sinn die Kirche noch mehr Barmherzigkeit zeigen könne. Vielleicht auch für die zivil Wiederverheirateten? Dabei ist uns sicherlich auch eine große Hilfe, dass unser Heiliger Vater selbst dieses Thema Anfang Oktober mit den acht Mitgliedern des neu von ihm eingerichteten Kardinalrates, zu dem auch Kardinal Reinhard Marx gehört, beraten und in zwei Jahren auf einer Weltbischofssynode eigens besprechen wird.

4. Eine Kirche praktizierter Kollegialität: Die Person des Philippus kann uns auch hier einen wichtigen Hinweis geben. Zwar handelt Philippus bei seiner Begegnung mit dem Äthiopier in der erwähnten Schriftstelle allein. Doch schauen wir zurück auf seine eigene Berufung, wie sie uns im Johannes-Evangelium geschildert wird (Joh 1, 43-50). Philippus wird persönlich von Jesus angesprochen und in seine Nachfolge gerufen. Doch erst im Gespräch mit Natanaël erschließt sich auch Philippus tiefer, wer Jesus ist. Der Glaube wächst durch die persönliche Begegnung mit Jesus und zugleich durch die lebendige Gemeinschaft im Kollegium derer, die Jesus nachfolgen und ihn zu den Menschen bringen. So finden sich im Neuen Testament viele Stellen, in denen die Kollegialität der Apostel und ihrer Nachfolger begründet wird. In diesem Sinne hat auch das Zweite Vatikanische Konzil die kollegiale Dimension des Bischofsamtes neu zur Geltung gebracht – ohne die Autorität und Kompetenz jedes Ordinarius und insbesondere den Lehramts- und Jurisdiktionsprimat des Nachfolgers Petri infrage stellen oder schwächen zu wollen. Für uns Bischöfe in Deutschland sind zunächst einmal regionale Foren auf Metropolieebene, als „Südwestkonveniat“, als „Freisinger Bischofskonferenz“ oder als Treffen der ostdeutschen Bischöfe, wie es Bischof Heiner Koch kürzlich neu initiiert hat, Orte des Zusammenwirkens und gemeinsamer Urteilsbildung – also der Einbindung in den größeren kirchlichen Zusammenhang. Hier finden wir in der Bischofskonferenz die Möglichkeit zu praktischer Kollegialität.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich während der zehn Jahre als Erzbischof von Freiburg in dieser Bischofskonferenz ein diözesanübergreifendes, anregendes und kirchlich nützliches Zusammenwirken erleben und dieses verantwortlich mitgestalten konnte. Ich habe viel tragende und solidarische Brüderlichkeit erlebt. Besonders bin ich froh darüber, dass die Abendgespräche im Ständigen Rat mehr und mehr eine Stunde sehr aufrichtiger und offener Aussprache geworden sind. Wir spüren aber auch deutlich die Unterschiede, die es etwa in Bezug auf die Einschätzung der Gesellschaft und die daraus resultierenden pastoralen Prioritäten gibt. Ich rege an, dass wir auf den verschiedenen Ebenen, auf denen wir uns begegnen, die Zeit bis zur Neuwahl des Vorsitzenden verstärkt dazu nutzen, darüber zu sprechen: Welche Stärken, aber auch welche Schwächen sehen wir in unserer Bischofskonferenz? Die einen gilt es zu vermehren und die anderen zu überwinden. Ähnlich der äußerst positiven Erfahrungen, die vom Vorkonklave dieses Jahres berichtet werden, wo in einer offenen und konstruktiven Analyse die kirchliche Situation benannt wurde, sollten wir auch unsere eigene Situation benennen und beleuchten. Wir brauchen, so denke ich, auch „Generalkongregationen“ ganz eigener Art. Je klarer wir uns über die gemeinsamen und mehrheitlich gewollten Ziele sind, desto besser können wir Fragen über die Struktur unseres Arbeitens, die Erwartungen an den neuen Vorsitzenden und die richtige Unterstützung durch die verschiedenen Dienststellen klären und angehen.

Ich habe eben von der gemeinsamen Meinungsbildung gesprochen. Nach meinem Verständnis ist diese auch im Blick auf die weltweite Kollegialität der Bischöfe und die Verbundenheit mit und unter dem Papst unverzichtbar. Weltkirchliche Festlegungen erfolgen in Rom und doch dürfen wir uns nicht davon dispensieren, eigene Standpunkte zu erarbeiten, die wir – wohl wissend, dass die Entscheidungskompetenz nicht bei uns selbst liegt – gegenüber dem Heiligen Vater und seinen Mitarbeitern zur Geltung bringen. In diese Richtung gehen ja bereits manche unserer Bemühungen. In diese Richtung ermutigt uns auch Papst Franziskus.

Liebe Mitbrüder, in den zurückliegenden Jahren haben wir im säkularen Bereich große Umbrüche erlebt. Einige davon habe ich benannt. Das hat Auswirkungen für die Verkündigung, für das persönliche Glaubensleben und das Wirken der Kirche. Nicht weniger für die Orden, geistlichen Gemeinschaften bis hin zu den Verbänden. Auch auf die Stellung der Kirchen und Religionsgemeinschaften im Recht und im öffentlichen Leben, auf die Selbstbestimmung der Kirche in bestimmten Bereichen und auf ihre Werke und Institutionen. Die neuerliche Debatte vor allem über die kirchlichen Krankenhäuser und Altenhilfeeinrichtungen bestätigt dies. Wir haben ohne Zweifel eine neue Etappe begonnen, die nun das Bewährungsfeld unseres Ziels ist, missionarisch Kirche zu sein: eine pilgernde, hörende und dienende Kirche. „Geh und folge diesem Wagen. Philippus lief hin.“ Solche Dynamik für uns selbst und in unseren Bistümern zu erlangen, das ist eine wichtige wie notwendige Etappe auf unserem Weg.12 Reden wir darüber, wie wir jetzt und in Zukunft dieses Ziel als Bischofskollegium in Deutschland erreichen können und wie wir in Wertschätzung und Achtung des Priestertums aller Getauften gemeinsam mit Ehrenamtlichen und Hauptberuflichen, mit Laien, Ordensleuten und Geweihten den Weg in die Zukunft gehen.

Eine neue Etappe stellt uns vor neue Herausforderungen und lädt uns zum Aufbruch ein, um die Gegenwart im Blick auf die Zukunft zu gestalten und Jesus und sein Evangelium fruchtbar einzubringen. Dieser Herausforderung stellten sich die Apostel, das tat Philippus. Das war das Anliegen und Ziel unserer großen Glaubensboten, so auch des heiligen Bonifatius. Denn das steht am Anfang des Evangeliums, ja bereits in der ersten Stunde der Verkündigung. So ist denn auch das Erste, was Maria tut, als sie erfahren hatte, dass sie Mutter des Sohnes Gottes werden sollte, dass sie aufbricht ins Bergland zu Elisabeth und Zacharias, um Jesus zu den Menschen zu bringen, noch ehe sie ihn geboren hatte. Lassen wir uns von ihr leiten! Stellen wir uns unter ihren Schutz und nehmen wir Maß an ihr! Machen wir wahr, wovon Papst Franziskus spricht, wenn er sagt: „Ich träume von einer Kirche als Mutter und Hirtin. Dazu müssen die Diener der Kirche barmherzig sein, sich der Menschen annehmen und sie begleiten – wie der gute Samariter, der seinen Nächsten wäscht, reinigt aufhebt. […] Sie müssen in der Lage sein, die Herzen der Menschen zu erwärmen.“13 Liebe Mitbrüder! Brechen wir neu auf, um Jesus und sein Evangelium den Fragenden und Suchenden, den Zweifelnden und mit so manchen Brüchen und Widersprüchen lebenden Menschen zu bringen. Wir haben ihnen etwas Entscheidendes zu geben.

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FUSSNOTEN

1 Bernhard Spielberg, Noch drin, weil nicht ausgetreten, in: Herder Korrespondenz 67 (2013) S. 122.

2 Aparecida 2007. Schlussdokument der 5. Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik (=Stimmen der Weltkirche 41, hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz) S. 13.

3 Papst Franziskus, Ansprache an den CELAM-Koordinierungsausschuss am 28. Juli 2013, Nr. 4.

4 Damit setzt Papst Franziskus in die Tat um, was er in seinem Interview vom 19. August 2013 mit den Zeitschriften des Jesuitenordens formulierte: „Ich sehe ganz klar, dass das, was die Kirche braucht, die Fähigkeit ist, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu erwärmen – Nähe und Verbundenheit.“

5 Vgl. Die deutschen Bischöfe, Zeit zur Aussaat. Missionarisch Kirche sein. (= Die deutschen Bischöfe 68 vom 26. November 2000, hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz).

6 Papst Franziskus, Interview vom 19. August 2013 mit den Zeitschriften des Jesuitenordens.

7 Vgl. etwa Armin Nassehi, Die Organisation des Unorganisierbaren. Warum sich Kirche so leicht, religiöse Praxis aber so schwer verändern lässt; in: Isolde Karle (Hg.), Kirchenreform. Interdisziplinäre Perspektiven (Leipzig 2009) S. 199-218.

8 Papst Franziskus geht in dem bereits erwähnten Brief an Dr. Eugenio Scalfari auf den Wegcharakter des Glaubens ein: „Sie fragen mich auch, ob es ein Irrtum oder eine Sünde sei zu glauben, dass es keine absolute Wahrheit gebe. Ich würde zunächst auch für einen Glaubenden nicht von ,absoluter‘ Wahrheit sprechen – für den Christen ist die Wahrheit die Liebe Gottes zu uns in Jesus Christus, also eine Beziehung! Und jeder von uns geht von sich selbst aus, wenn er die Wahrheit aufnimmt und ausdrückt: von seiner Geschichte, Kultur, seiner Lage usw. Das heißt nicht, dass Wahrheit subjektiv oder veränderlich wäre, im Gegenteil. Aber sie gibt sich uns immer nur als Weg und als Leben. Hat nicht Jesus selbst gesagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit, das Leben?“

9 Tomas Halik, Berühre die Wunden. Über Leid, Vertrauen und die Kunst der Verwandlung (Freiburg 2013) S. 21.

10 Vgl. dazu auch: Hans Joas, Glaube als Option (Freiburg 2012) 192ff.

11 Franz Weber, Ja, Kirche geht. Ein persönliches und pastoraltheologisches Bekenntnis zur Dynamik lokaler Kirchenentwicklung; in: Christian Hennecke (Hg.), Kirche geht. Die Dynamik lokaler Kirchenentwicklung (Würzburg 2013) S. 15.

12 Vgl. auch die Aussage von Papst Franziskus in seinem Interview vom 19. August 2013 mit den Zeitschriften des Jesuitenordens: „Statt nur eine Kirche zu sein, die mit offenen Türen aufnimmt und empfängt, versuchen wir eine Kirche zu sein, die neue Wege findet, die fähig ist, aus sich heraus und zu denen zu gehen, die ganz weggegangen oder die gleichgültig sind.“

13 Papst Franziskus, Interview vom 19. August 2013 mit den Zeitschriften des Jesuitenordens.