Geist und Sinn zur unendlichen Herrlichkeit Gottes erheben: Ergreifende Musik aus drei Jahrhunderten

Glanzvolles Musikfestival in Rom, zehn Jahre Stiftung Pro Musica e Arte Sacra

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Von Jan Bentz

ROM, 4. November 2011 (ZENIT.org). – „Kunst rettet Kunst“: Dieses Jahr erlebt das „Festival Internazionale di Musica e Arte Sacra“ (Internationales Festival für sakrale Musik und Kunst) in der ewigen Stadt sein zehnjähriges Jubiläum, ausgerichtet von der „Fondazione pro Musica e Arte Sacra“. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, „die große Bedeutung der sakralen Kunst wieder ins Bewusstsein zu bringen“ und fähige Männer und Frauen zu gewinnen, die andere zur konkreten Umsetzung dieser Tradition durch ihr Mäzenatentum bewegen, damit „Kunst die Kunst retten“ kann: Die Stiftung kümmert sich unter anderem um die Restaurierungsarbeiten der vier päpstlichen Basiliken Roms. Veranstaltungen wie Konzerte, Kirchenmusik, Wettbewerbe und Tagungen erlauben es der gemeinnützigen Körperschaft der Stiftung mit Hilfe von Spenden, Erbschaften, Schenkungen und Vermächtnissen Restaurierungsarbeiten zu unterstützen oder in die Wege zu leiten. Zwei Aspekte kommen damit zum Tragen: die Großartigkeit der aufgeführten Werke und die Großzügigkeit der Mäzene.

Dreizehn große Restaurierungsprojekte wurden bereits umgesetzt: von der Vatikanischen Nekropole bis zur deutschen Kapelle im „Päpstlichen Heiligtum des Heiligen Hauses in Loreto“ bei Ancona; von der Kuppel der „Cappella di Sisto V“ in der Basilika Santa Maria Maggiore bis zur Tamburini-Orgel in der Basilika Sant’Ignazio di Loyola in Rom. Der Kulturtourismus, der mit den letzten Herbsttagen abklingt und an Weihnachten wieder zu neuen Höhen ansteigen wird, profitiert dadurch in hohem Maße von den Arbeiten der Stiftung.

Gründer und Generalpräsident der Stiftung ist Sen. Dr. h.c. mult. Hans-Albert Courtial. Er sieht seine Ziele als wahre „Mission“, und ihre Umsetzung beseelt Rom seit der Gründung der Stiftung im Jahre 2002. Der derzeitige Bürgermeister von Rom, Gianni Alemanno, zählt die Veranstaltungen zu den bedeutendsten Kulturereignissen der Heiligen Stadt: „Die außergewöhnlichen musikalischen Erlebnisse überwinden die geographischen und sprachlichen Grenzen und berühren die Herzen und den Geist der Menschen, woher auch immer sie kommen mögen.“

Nicht nur die Herkunft der Musikliebhaber umfasst viele Nationalitäten, auch die Musiker selber entstammen den renommiertesten Musikzentren aus der ganzen Welt. Dieses Jahr darf das Publikum den Chor der römischen Oper, die Chorvereinigung St. Augustin aus Österreich, die Oratorio Society New Yorks, den Tölzer Knabenchor aus Deutschland, das Orchester der Cappella Ludovicea aus Italien, das Orchester der Oper Roms, das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo aus Monaco und die Wiener Philharmoniker genießen. Unter den zahlreichen Solisten, die dem Festival ihre Stimme oder ihren Bogen leihen, sind Katia Castelli, Julia Fischer, Günter Haumer, Cornelia Horak, Alexander Kaimbacher und Wiebke Lehmkuhl. Dirigenten sind Juanjo Mena, Ildebrando Mura, Andreas Pixner und Georges Prêtre, Gerhard Schmidt-Gaden, Kent Tritle und Jaap van Zweden.

Detaillierte Lebensläufe der aufgeführten Künstler wie auch aller anderen Solisten sind in dem ausführlichen und informativen Konzertprogramm aufgeführt, das jedem Teilnehmer zur Verfügung gestellt wird.

Diese zehnte Ausgabe des Festivals ist der heiligen Jungfrau Maria, der Mutter Gottes gewidmet. Es findet im 1580. Jahr des Konzils von Ephesus statt (431 n.Chr.), auf dem das Dogma von Maria als Gottesmutter (Theotokos) definiert wurde. Dazu erklärte Angelo Kardinal Comasti, Generalvikar Seiner Heiligkeit für die Vatikanstadt und Erzpriester der Päpstlichen Basilika St. Peter, Ehrenpräsident der „Fondazione pro Musica e Arte Sacra“  in seinen einführenden Worten, „dass sich in der europäischen Geschichte eine ‚marianische Einmischung‘ finde, die Hoffnung für die Zukunft Europas gibt“. Er zitierte in diesem Zusammenhang T.S. Eliot, den Amerikaner mit Wahlheimat Europa, der erklärt hatte: „Ein Bürger Europas mag nicht glauben, dass das Christentum wahr sei; und doch geht all das, was er sagt und tut, aus der christlichen Kultur hervor, deren Erbe er ist. Ohne das Christentum hätte es auch Voltaire oder Nietzsche nicht gegeben. Wenn das Christentum verloren geht, so geht unser eigenes Antlitz verloren.“ So lassen sich die Worte von Friedrich Nietzsche auf dieses Festival anwenden: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum…“

Hans-Albert Courtial wünschte allen Teilnehmern des Festivals 2011 „Augenblicke der tiefen spirituellen Berührung“. Die Musik möge „uns tragen, werden wir eins mit ihr, und erleben wir etwas, das über uns hinausgeht – die unendliche Herrlichkeit Gottes“.

Den Ehrenpreis der Stiftung erhielten im Jahre 2010 Prälat Prof. Dr. Georg Ratzinger, Apostolischer Protonotar und Domkapellmeister i.R.; Domenico Kardinal Bartolucci (damals noch Prälat), Maestro Perpetuo des Päpstlichen Chores „Cappella Sistina“; Dr. h.c. Hans Urrigshardt, Mäzen, und Prof. Dr. Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker.

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Eine ganz besondere musikalische Darbietung durften die Zuhörer am 28. Oktober in der Basilika Santa Maria Maggiore, der größten Marienkirche Roms, genießen. Das Philharmonische Orchester von Monte Carlo konzertierte unter der Leitung von Juanjo Mena. Nach dem Anfang mit Bachs „Sinfonie aus der Cantata – Gott allein soll meine Herze haben“ entfaltete sich das akustische Erlebnis über Mozarts „Konzert für Violine und Orchester Nr. 1“, und schwoll mit Dvořáks „7. Symphonie“ zu einem imposanten Höhepunkt an. Begonnen unter den Kolonnaden der Evangelienseite der Basilika mit einem filigranen Orchester, stellte Bachs Werk den zarten Beginn des Musikabends dar und stimmte die Herzen auf das Höchste ein. Nach diesem „Introitus“ füllten sich die Reihen des nunmehr in der Mitte der Basilika platzierten Orchesters für Mozarts Konzert für Violine und Orchester. Mit diesem Werk öffnete sich den Zuhörern der durch die vergoldete Hauptschiffdecke der Basilika angedeutete Himmel. Violinsolistin Julia Fischer entlockte ihrer Giovanni-Battista-Guadagnini-Geige aus dem Jahre 1742  zauberhaft in die Höhe schwebende Töne, mit denen die Musik das erfüllte, was Hans-Albert Courtial angedeutet hatte: Wenn wir uns von der Musik tragen lassen, „werden wir eins mit ihr und erleben wir etwas, das über uns hinausgeht – die unendliche Herrlichkeit Gottes.“

Den mitreißenden Abschluss bildete Dvořáks 7. Symphonie in d-moll. Dirigiert wurde das Meisterwerk des Tschechen, das als seine beste Symphonie gilt, von Juanjo Mena. Menas fähiger Leitung gepaart mit der perfekten Umsetzung war es zu verdanken, dass die wahre Essenz der Musik Wirklichkeit wurde und „die Menschen verband, ihren Geist bereicherte und ihre Seele erhob“, wie es Smadar Eisenberg, Präsidentin der „Amis Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo“ ausgedrückt hatte. Wirklichkeit wurde so auch Dvořáks Intention, die er während der Entstehung der Komposition mit ihren abwechselnd ruhigen und aufgewühlten Passagen auf die Frage, was er im Sinn habe, so erklärt hatte: „Liebe, Gott und mein Vaterland“.

Durch diese drei Werke konnten sich die Zuhörer in der atmosphärischen Marienbasilika durch drei Meisterwerke der Musik auch spirituell berühren lassen. In gewisser Weise machte der Abend damit drei Momente des Lebens von Maria lebendig, ihr sanftes „fiat mihi“ auf die Verkündigung Gottes hin, ihr tägliches Leben mit dem Gottessohn in seiner Zeit der Vorbereitung auf sein öffentliches Wirken und schließlich die aufwühlenden Momente der Passion Christi auf Erden. Auf diese Art stand der Abend ganz im Zeichen Marias, wie es dem Geist der zehnten Ausgabe des internationalen Festivals entspricht.

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Die nächste Station des musikalischen Ereignisses war die Jesuitenkirche Sant’Ignazio ganz im Zentrum der Stadt nahe des Pantheon. Eine der beiden größten Jesuitenkirchen Roms birgt die sterblichen Überreste der hll. Aloysius von Gonzaga und Kardinal Roberto Bellarmin. Die Themen von Leid, Tod und die Hoffnung auf die Auferstehung schlugen das  Publikum hier am Vorabend der kirchlichen Feste Allerheiligen und Allerseelen, die besonders auf die eschatologische Dimension des menschlichen Lebens verweisen, in den Bann. Im Schein der Kronleuchter erklang nach Wolfgang Amadeus Mozarts „Ave verum“, der innigen Verehrung des fleischgewordenen Wortes, Giovanni Battista Pergolesis „Stabat Mater“, sein bekanntestes sakrales Werk. Bei dieser Neuinterpretation des Marienhymnus aus dem 13. Jahrhundert, der in der Basilika erklang, hätte man als Zuhörer den Worten des romantischen Dichters Ludwig Tieck zustimmen können, der bei einer Aufführung geäußert hatte: „Ich musste mich wegdrehen, um meine Tränen zu verstecken“. Das tiefe Mitleiden mit den sieben Schmerzen Marias beim Leidensweg ihres Sohnes wurde vom überaus weichen Timbre und zartfühlender Stimmführung von Claudia Farneti und Katia Castelli erlebbar. Das Orchester der „Cappella Ludovicea“ stand unter der Leitung von Ildebrando Mura.

Als Krönung des Konzerts folgte dann das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart in d-moll für Soli, Chor und Orchester. Die Chorvereinigung St. Augustin präsentierte zusammen mit dem Orchester der „Cappella Ludovicea“ unter dem Dirigenten Andreas Pixner dieses Werk aus Mozarts letzter Lebenszeit mit all seiner Dramatik: Hier wurde das Erschaudern vor Gottes Gericht im „Dies Irae“ lebendig, das sich in zitternder Ehrfurcht beim „Rex Tremendae“ steigerte, gefolgt von der Ergebung der Seele an Gott in den Offertoriumsgesängen, bis schließlich der Hoffnungsschimmer des „Lux aeterna“ die Herzen erfüllte. Somit wurde die Mission des hl. Ignatius selber in die Herzen getragen, der zu Lebzeiten ergebungsvoll erklärt hatte: „Wir müssen alles tun, was wir können, aber am Ende steht das Vertrauen auf Gott.“ Cornelia Horak, Sopran, Gabriele Sima, Alt, Alexander Kaimbacher, Tenor und Günter Haumer, Bass, bildeten ein überzeugendes Solistenquartett, perfekt im Zusammenklang wie auch bei der Interpretation der religiösen Thematik.

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Am Samstag, dem 5. November, folgen als weitere Glanzpunkte des diesjährigen Ereignisses die Heilige Messe zum Fest Mariä Heimsuchung im Petersdom, zelebriert von S. Em. Angelo Kardinal Comastri, die vom Tölzer Knabenchor unter Gerhard Schmidt-Gaden festlich liturgisch gestaltet wird. Neben dem Ordinarium Missae, der „Missa Tira Corda“ von Orazio Benevoli (1605 – 1672), werden Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Wolfgang Amadeus Mozart, Michael Hayn, Giovanni Giorgi und Giuseppe Ottavio Pitoni erklingen.

Am Abend folgt dann in der Basilika Sant’Ignazio di Loyola die „Große Messe in c-moll“ von Wolfgang Amadeus Mozart, mit dem Chor und Orchester der Opera di Roma unter Leitung von Jaap van Zweden.

In derselben Basilika wird das Festival am Sonntagabend mit sechs Bachmotetten und dem Tölzer Knabenchor meditativ ausklingen.