„Geistlich sind wir alle Semiten“

Die Päpste und die jüdische Gemeinde Roms

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Von Ulrich Nersinger

WÜRZBURG, 18. Mai 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Der 13. April 1986 ist für Juden wie Christen ein historisches Datum. In den späten Nachmittagsstunden dieses Tages hatte Papst Johannes Paul II. (1978-2005) den Apostolischen Palast im Vatikan verlassen, um die Synagoge in der Ewigen Stadt aufzusuchen. Der Kilometerzähler des Wagens, der das Autokennzeichen „SCV-1" trug, notierte für die Fahrt zum Lungotevere De Cenci nur eine kurze Wegstrecke, und dennoch wurde mit ihr eine Distanz von zwei Jahrtausenden bewältigt. Der Besuch Johannes Pauls II. in der Synagoge schlug ein neues Kapitel in der Geschichte der jüdischen Glaubensgemeinschaft und der katholischen Kirche auf. Tief bewegt dankte der Papst dafür, „dass Er es im Geheimnis seiner Vorsehung gewollt hat, dass am heutigen Abend in diesem eurem großen Tempel die jüdische Gemeinde, die seit der Zeit der alten Römer in dieser Stadt lebt, mit dem Bischof von Rom und obersten Hirten der katholischen Kirche zusammentrifft".

Zahlreiche jüdische Persönlichkeiten hatten dem Papst in der Synagoge das Geleit gegeben, so auch Sir Sigmund Sternberg. Der britische Geschäftsmann und Philan-throp war vielen der Anwesenden bekannt und hatte deren neugierige Blicke auf sich gezogen - er trug nämlich die Uniform eines Komturs des päpstlichen Gregoriusordens. Sir Sigmund war nur wenige Wochen zuvor von Johannes Paul II. für seine Verdienste im christlich-jüdischen Dialog mit dieser Auszeichnung bedacht worden. Eine jüdische Persönlichkeit in so exponierter Weise an der Seite des Papstes zu sehen, stellte jedoch keine geschichtliche Besonderheit oder Einmaligkeit dar. Seit dem frühen Mittelalter kannte man am römischen Hof das Amt des Archiatra, des päpstlichen Leibarztes. Unter Martin V. (1417-1431) war Meister Elias aus dem Judenviertel Roms der Archiatra des Pontifex gewesen. Er sollte aber nicht der einzige seiner Glaubensgemeinschaft bleiben, den man in dieses hohe Amt berief. Bis ins 16. Jahrhundert fanden sich immer wieder Leibärzte mosaischen Bekenntnisses am Hof des Papstes, so der berühmte, aus Spanien stammende und dann in Rom lebende Samuel Sarfadi, der in den Diensten Julius II. (1503-1513) und Leos X. (1513-1521) stand.

Die jüdische Gemeinde war in das öffentliche Leben des päpstlichen Rom eingebunden. Zu Beginn seines Pontifikats zog der Papst in feierlicher Reiterprozession zum Lateran, um dort von Basilika und Palast Besitz zu ergreifen, den sogenannten Possess zu vollziehen. Bei der Kavalkade huldigten die Juden in einer besonderen Zeremonie dem neuen Herrn der Stadt. Auch übernahmen sie einen Teil der Ausschmückung des Prozessionsweges. Das beliebteste weltliche Fest in der Ewigen Stadt war der Karneval. Zu den zahlreichen Vergnügungen gehörten die „corsi", Rennläufe von Menschen und Tieren; einer der „corsi" war den Juden reserviert. Die jüdische Gemeinde gehörte auch zu jenem Kreis von Personen und Institutionen, der zur Finanzierung des Karnevals herangezogen wurde. In einer Geschichtsschreibung, die der katholischen Kirche nicht gewogen war und ist, wurden die Huldigung bei der Besitzergreifung des Lateran und die Beteiligung an den römischen Karnevalsfeiern als zutiefst diskriminierende Maßnahmen dargestellt. Den Kontext zum Gesamtgeschehen unterschlugen diese Historiker ganz bewusst. Bei der Possesskavalkade wurde von allen Bewohnern Roms Huldigungen und Unterwerfungsgesten erwartet. So kniete bei der Treppe des Kapitols der Senator der Ewigen Stadt vor dem Papst nieder, legte ihm das Amtszepter vor die Füße und küsste dann das auf den päpstlichen Schuhen eingestickte Kreuz. Zur Finanzierung des Karnevals hatten viele Berufs- und Volksgruppen ihren Tribut zu leisten; so waren von Sixtus IV. (1471-1484) die Gehälter der Lektoren der römischen Universität, der „Sapientia", mit drei Prozent besteuert worden.

Beschämend waren zweifelsohne die Ausschreitungen, zu denen es immer wieder beim Possess oder bei der Feier des Karnevals kam. Gegen sie schritten die Päpste jedoch mit äußerster Härte ein. In den Archiven der päpstlichen Tribunale finden sich noch heute die Unterlagen, die detailliert die drakonischen Strafen auflisten, die man über den Mob verhängte. Überhaupt verstanden sich die Päpste als Schutzherren der jüdischen Gemeinde. Die Anzahl der päpstlichen Dekrete und Bullen, die den Juden Roms Dispensen erteilten, Privilegien gewährten und sie vor Übergriffen und Injurien bewahrten, ist beeindruckend. Als weltliche Herrscher und Kinder ihrer Zeit waren die Bischöfe Roms jedoch Ansichten und Überzeugungen ausgesetzt, die sie zu Verordnungen bewogen, die für uns heute nur schwer erklärbar sind. Aber man „kann und darf nicht vergessen, dass die geschichtlichen Umstände der Vergangenheit recht verschieden gewesen sind von denen, die in den Jahrhunderten mühsam herangereift sind", gab Johannes Paul II. bei seinem Besuch in der Synagoge zu bedenken, „zur allgemeinen Anerkennung einer berechtigten Vielfalt auf sozialer, politischer und religiöser Ebene ist man nur unter großen Schwierigkeiten gelangt". Man muss mit dem Papst eingestehen, „dass die Akte der Diskriminierung, der ungerechtfertigten Einschränkung der religiösen Freiheit und der Unterdrückung auch auf der Ebene der bürgerlichen Freiheit gegenüber den Juden objektiv äußerst bedauerliche Vorfälle gewesen sind".

Die Gräuel, die den Juden im Zwanzigsten Jahrhundert auf so schreckliche und unentschuldbare Weise angetan wurden, nahmen die Päpste für das Volk des Alten Bundes ein, bewirkten ihre Solidarität und ein konkretes Agieren. 1938 erklärte Pius XI. (1922-1939) vor Pilgern aus Belgien: „Geistlich sind wir alle Semiten"; der Papst hatte schon zuvor demonstrativ seine Haltung zum Antisemitismus dargelegt und in die von ihm wiederbegründete Päpstliche Akademie der Wissenschaften jüdische Gelehrte als Vollmitglieder berufen. Auf die helfende und schützende Hand Pius XII. (1939-1958) verwies Johannes Paul II. bei seinem Besuch in der römischen Synagoge, „als sich in den dunklen Jahren der Rassenverfolgung die Pforten unserer Ordenshäuser, unserer Kirchen, des Römischen Seminars, Gebäude des Heiligen Stuhles und des Vatikanstaates selbst weit geöffnet haben, um so vielen von ihren Verfolgern gehetzten Juden in Rom Zuflucht und Rettung zu bieten". Alle Päpste seit Pius XII. intensivierten ihre Kontakte zum Judentum und empfingen jüdische Persönlichkeiten und Gruppierungen in Audienz. Der selige Johannes XXIII. (1958-1963) ließ bei einer Autofahrt, die ihn an der Synagoge vorbeiführte, den Wagen anhalten, um die Schar der Juden, die gerade das Gotteshaus verließen, zu segnen. Das II. Vatikanische Konzil, das in den Jahren von 1962 bis 1965 tagte, gab dann den entscheidenden Impuls für ein neues, Vorurteile und Missverständnisse ausräumendes Miteinander.

In ihrer Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra aetate" erinnerten die Väter der Kirchenversammlung an das Band, „wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist". Sie forderten alle Katholiken dazu auf, dafür Sorge zu tragen, „dass niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht". Die Konzilsväter stellten klar, dass den Juden als Volk keine ewig währende oder kollektive Schuld wegen der „Ereignisse des Leidens Jesu" angelastet werden kann. Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam habe, beklage die Kirche „alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben".

Die Beziehungen des Oberhauptes der katholischen Kirche zur Synagoge von Rom, zu allen jüdischen Gläubigen, werden heute von der Achtung und Liebe zu den „älteren Brüdern" (Johannes Paul II.) getragen. „Wir wissen, dass die Brüderschaftsbande eine ständige Einladung darstellen, sich besser kennenzulernen und sich zu respektieren", bekräftigte Papst Benedikt XVI. im vergangenen Jahr bei einer Begegnung mit französischen Juden. Irritationen, Missdeutungen und Fehleinschätzungen waren in der Vergangenheit nicht zu vermeiden und werden auch in der Zukunft nicht auszuschließen sein. Das jeweilige Verständnis vom eigenem Glauben und dem Weg zu Gott lässt auch weiterhin unterschiedliche Auffassungen zu. Manche von ihnen gewinnen immer wieder von neuem an Aktualität, und manche erfahren ihre Auflösung letztendlich nur durch die Weisheit Gottes.

In früheren Zeiten boten die Abgesandten der jüdischen Gemeinde dem Papst bei seinem Ritt zur Besitzergreifung des Lateran ihre Gesetzesrolle dar: „Allerheiligster Vater, wir hebräischen Männer flehen Eure Heiligkeit im Namen unserer Synagoge an, dass wir gewürdigt werden möchten, dass uns das Gesetz, vom allmächtigen Gott dem Moses, unserem Hirten, auf dem Berge Sinai übergeben, möge bestätigt und gebilligt sein, wie auch andere erhabene Päpste, die Vorgänger Eurer Heiligkeit, es bestätigt und gebilligt haben." Der Papst nahm die Rolle entgegen, verehrte sie, las aus ihr einige Worte und erklärte feierlich: „Wir bestätigen das Gesetz, aber Eure Auslegung verdammen Wir, weil der, von dem Ihr sagt, dass er kommen werde, gekommen ist, unser Herr Jesus Christus, wie es die Kirche lehrt und predigt". Die mittelalterliche Zeremonie sah nicht vor, dass bei diesem Akt irgendjemand ein „Amen" sprach, denn, so kommentiert es Franz Wasner, „Israel selbst wird es sprechen, an dem Tag, den Gott alleine kennt, zu der Stunde, die Er von Ewigkeit her bestimmt hat".

[Die Tagespost vom 16. Mai 2009]