Geistliche Bildbetrachtung zum Gründonnerstag

Brannte uns nicht das Herz in der Brust?

Stuttgart, (ZENIT.org) Nicki Schaepen | 1276 klicks

Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610), Das Mahl in Emmaus, 1601, Öl und Tempera auf Leinwand 141x196,2cm, The National Gallery, London.

Das Bild findet sich hier.

Gebannt richten sich die fassungslosen Blicke der Emmausjünger auf die segnenden Hände ihres auferstandenen Herrn, der in rote und weiße Gewänder gehüllt, mit jugendlichem Antlitz dem Betrachter zugewandt an einem reich gedeckten Tische sitzt. Die beiden Jünger bringen ihre momenthafte Fassungslosigkeit durch eine erregte Gestik und Mimik zum Ausdruck. Die Augen des rechten Jüngers, der mit dem Pilgergewand angetan beide Arme weit ausspannt, sind auf den linken Handrücken des Herrn geheftet. Auch die Augen des Jüngers im Scherenstuhl rechts sind weit aufgetan und ebenfalls auf den linken Handrücken des Herrn gerichtet. Dieser Jünger ist im Begriff, sich von seinem Sitz aufzurichten und schafft durch seine leichte Drehbewegung und die schräge Rückansicht ein beliebtes Repoussoirelement, das dem Betrachter gestattet, sich am leeren Platz an der Vorderseite des Bildes einzufinden. So wird dieser nicht nur Zeuge des Geschehens, sondern im eigentlichen Sinne Beteiligter desselben.

Die Dreieckskomposition der Figurengruppe vollendend und diese gleichsam irritierend steht leicht hinter dem Herrn offenbar ein Gastwirt dessen verschattete Miene den geringsten Affekt der den Herrn umstehenden Figuren bezeugt. Ein zweiter, sorgsamer Blick auf die Szenerie lässt sodann auch beim Betrachter einen Moment der Irritation, ja der Verstörung eintreten, wenn er zwei Bildelemente entdeckt, die mit den geläufigen Gesetzen der Natur nur schwerlich zu vereinen sind: Vom linken oberen Bildrand bricht nämlich ein Lichtkegel herein, der die Leinenkappe des Wirtes erhellt und gleichzeitig auch den auferstandenen Herrn beleuchtet. Da der Wirt aber direkt im Lichtkegel steht, müsste sein Schatten den Herrn in Finsternis hüllen. Stattdessen fällt der Schatten aber auf die rückliegende Wand, und zwar in seltsamer die Figur des Auferstandenen noch rahmenden und hervorhebenden Weise. Das zweite Bildelement, das irritiert, ist der Früchtekorb an der vorderen Tischkante. Reich bestückt mit Trauben, einem aufgebrochenem Granatapfel, Äpfeln und Birnen steht er gefährlich weit über und müsste eigentlich schon heruntergefallen sein, so aber doch bei der leisesten Erschütterung vom Tisch stürzen.

Die Merkwürdigkeit der dramatischen Szenerie lässt sich indes klären. Es gibt nämlich eine direkte Verbindung zwischen Gründonnerstag und Ostermontag, an dem traditionell die lukanische Perikope vom Emmausgang (Lk 24,13-35) gelesen wird, und welche die textliche Grundlage für das Gemälde Caravaggios bildet. Es ist der Moment des Brotbrechens, in dem die Jünger ihren auferstandenen Herrn erkennen, es ist der Moment der höchsten Nähe und zugleich der Moment, in dem sich der Herr ihren Augen wieder entzieht. Es ist der Moment, der den untrennbaren Zusammenhang von Leiden, Kreuz und Auferstehung ans Licht bring. Es ist der Moment der Wandlung in der hl. Eucharistie. Ein Moment, in dem alle Gesetze der Natur, wie sie uns bekannt sind, aufgehoben sind. Ein Toter wird lebendig, das Brot wird zu seinem Leib, der Wein zu seinem Blut. Auf dem Bilde sind es die Zeichen der Passion, der Granatapfel und die Trauben, die Zeichen der Auferstehung, der dem einbrechenden Licht weichende Schatten des Wirtes, die diese Unerklärlichkeit des göttlichen Handelns kundtun und gleichsam dem Betrachter die Worte des Psalmisten ins Gedächtnis rufen: „Denn du sprachst, und es ward alles“ (Ps 148,5).

Ildefons Schuster schreibt darüber: „‘Sie erkannten ihn am Brotbrechen‘. Hat Jesus in Emmaus Brot konsekriert? Und hat er sich den beiden Jüngern durch das Sakrament zu erkennen gegeben? Wahrscheinlich ja, denn der Ausdruck ‚Brotbrechung‘ hat beim hl. Lukas eine bestimmte Bedeutung und bezeichnet ganz allgemein das eucharistische Brot. Überdies heißt es: ‚Jesus nahm das Brot, segnete es und brach es‘, genau wie beim letzten Abendmahle. (…) das Geheimnis vom Gründonnerstag war ja bereits erfüllt, und die messianische Ära hatte ihre Vollendung gefunden. Die beiden Jünger erkannten daher den Auferstandenen wie am vorausgegangenen Donnerstag“ [1]

Wenn wir am Gründonnerstag der Einsetzung der hl. Eucharistie gedenken, dann ist es immer mit dieser Paradoxie von Emmaus. Im Moment der größten Nähe des Herrn, in der hl. Kommunion, ist er unseren Augen doch verborgen, ist er, obgleich als Mensch und Gott wahrhaft unter uns, doch immer auch unverfügbar. Selbst die beglückte Seele erfährt in den Freude der Kommunion mit dem auferstandenen Herrn das vorausgegangene Kreuz, handelt es sich doch nur um einen winzigen Moment der Verzückung und bleibt doch da die Sehnsucht nach endgültiger Einigung mit Ihm zurück.

Wie groß ist doch dieses Geheimnis der heiligsten Eucharistie, das uns der Herr geschenkt hat! Bekunden wir es mit den Worten des ehrwürdigen Thomas von Kempen, der schreibt: „Wahrhaftig, es ist etwas ganz Wunderbares und Glaubwürdiges, wenn es auch die menschliche Einsicht übersteigt, daß du, mein Herr und Gott, wahrer Gott und wahrer Mensch, unter den geringen Gestalten des Brotes und Weines unversehrt zugegen bist und, obgleich dich der Mensch genießt, unverzehrt bleibst, ewig unser Gott und unser Herr! […] Erleuchte meine Augen, damit ich dies Geheimnis schauen kann; stärke mich, damit ich an dieses erhabene Geheimnis felsenfest glauben kann. Denn es ist dein Werk, nicht Menschenwerk, deine heilige Einsetzung, nicht eines Menschen Erfindung“ [2].

Ja, Herr, tue unsere Augen auf, dass sie Dich im allerheiligsten Sakrament erkennen, entbrenne unsere Herzen in Liebe zu Dir, wie einst den Jüngern in Emmaus, so wie sich ja das Deinige nach uns verzehrt. Bewirke, daß wir durch die Gesinnung unseres Herzens die Früchte Deines Leidens erlangen, welches wir jetzt in diesem geheimnisvollen Opfer feiern [3]. Amen.

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[1] Ildefons Schuster, Liber Sacramentorum. Geschichtliche und liturgische Studien über das römische Meßbuch, übersetzt von P. Richard Bauersfeld O.S.B., IV. Band, Regensburg 1929, S. 84.

[2] Thomas a Kempis, Nachfolge Christi, übersetzt von Johann Michael Sailer, nachbearbeitet von Msgr. Franz Eulen, St. Augustin 1994, S. 222-223 u. S. 226 (Viertes Buch, Kapitel 3 und 4).

[3] Alte Sekret vom Gründonnerstag, zitiert nach Ildefons Schuster, Liber Sacramentorum. Geschichtliche und liturgische Studien über das römische Meßbuch, übersetzt von P. Richard Bauersfeld O.S.B., III. Band, Regensburg 1929, 212.