Geistliche Exerzitien im Vatikan: Jesus ruft die armen und sündigen Jünger zu sich

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ROM, 8. März 2006 (Zenit.org).- Jesus beruft die armen und sündigen Jünger, ihm zu folgen. Unter dieses Thema stellte Kardinal Marco Cé, Alt-Patriarch von Venedig, am Dienstag den zweiten Tag der geistlichen Übungen zur Fastenzeit im Vatikan.



Die ersten beiden Betrachtungen des Tages konzentrierten sich auf die Berufung der zwölf Apostel durch Christus, wie sie im Markusevangelium überliefert wird. Für den Exerzitienmeister ist die Berufung der Apostel eines der symbolischen Bilder des Glaubenslebens. Sie weist die charakteristischen Elemente des Aufrufs an jeden Christen auf, Jesus nachzufolgen: die "radikale Umkehr", der "Abstand", die Tatsache, dass sie in erster Linie eine "absolute Initiative Jesu" ist.

Kardinal Cé erinnerte an die Berufung der zwölf Apostel und verwies dabei laut einem Bericht von "Radio Vatikan" auf deren Szenarium: Galilea, ein Land armer Menschen. Die Demut in Kontrast zur von den Menschen zur Schau gestellten Weisheit ist eine Konstante des Lebens Christi, so der Prediger. Seine Auserwählten seien Fischer und Menschen, die sehen, wie die Einfachheit ihres normalen Lebens durch drei Worte erschüttert wird: "Kehrt um", "glaubt" und "frohe Botschaft". In diesem Zusammenhang betonte der Prediger: "Der radikalste Sinn der Umkehr, zu der uns die Fastenzeit einlädt, ist die Nachfolge Christi."

Für den Kardinal bedeutet "Umkehr nicht vor allen Dingen einen moralischen Kurswechsel im Leben. Umkehr ist eine neue Orientierung des Lebens hin auf die anbetungswürdige Person des Herrn Jesus, eine radikale Öffnung des Lebens zu Christus, ein Übergabe des Lebens an ihn". Jesus selbst habe sich dem Petrus und seinen künftigen Weggefährten genähert und so die Sitten der damaligen Zeit umgekehrt, weil es nicht üblich war, dass die Rabbiner ihren Jüngern entgegengehen. Dieser Stil zeige die Ankündigung von etwas "völlig Neuem", das Christus im Begriff sei, mit dem Reich Gottes zu tun. Er zeige damit den "ebenso neuen" Charakter seiner "Herrschaft" über seine Jünger: Er unterdrückt nicht, sondern befreit, indem er um eine volle Antwort auf seine Einladung bittet, ihm zu folgen.

Das Szenarium der zweiten Betrachtung des Morgens war das Fischerdorf Kafarnaum, das Haus des Apostels Petrus, wo Jesus einen Lahmen heilte, der von vier Personen, die sein Bett geschultert hatten, über das Dach heruntergelassen wurde. Sie beeindruckten Jesus mit ihrem Glauben. Die Solidarität dieser vier Menschen mit dem Kranken, erklärte der Patriarch, ist ein Bild für die Berufung derjenigen, die ihr Leben Gott in der Kirche geweiht haben.

"Manchmal kommt uns der Gedanke, dass unsere Rolle in der Kirche ziemlich weit weg von dem ist, was wir einst, als wir Priester geworden sind, erträumt haben", gab der Kardinal zu, indem er sich direkt an den Papst, die Kardinäle, Bischöfe, Priester und Ordensleute wandte. "Es kann vorkommen, dass das Alter oder die Krankheit uns unserer pastoralen Aktivität entfremden. Das ist der Augenblick, in dem an die Gemeinschaft zu denken ist, die uns in der Kirche an alle bindet und uns alle zu notwendigen Zuarbeitern für das Heil der Brüder macht. Dann hat unsere verborgene oder wenig befriedigende Arbeit einen Sinn, dann haben die Mühe und die zeitweilige Härte der zu bewältigenden Situationen einen Sinn, dann haben – und wie! – die Krankheit und auch das Alter mit seiner größeren Gebrechlichkeit und seiner Verminderung der Kräfte einen Sinn."

In einigen dieser Situationen, so schloss Kardinal Cé, "eröffnen sich aber auch Räume der inneren Freiheit – wenn unsere Schwäche für diejenigen zur Kraft wird, die in schwierigen Bereichen der Verkündigung des Evangeliums arbeiten."