Gelebte Ökumene: Erfahrungen einer konfessionsverschiedenen Ehe

Interview mit Georg und Joan Zedlacher

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WIEN, 22. Januar 2007 (ZENIT.org).- Die persönliche Bekehrung und das liebevolle, aufrichtig Anteil nehmende Gespräch sind nach Joan Zedlacher die Grundpfeiler eines Erfolg versprechenden Strebens nach voller Einheit unter Christen unterschiedlicher Konfessionen.



Joan Zedlacher, katholisch, leitet einen Chor. Einmal im Monat ist die gebürtige Engländerin für die musikalische Gestaltung der „Stunde der Barmherzigkeit“ im Wiener Stephansdom zuständig. Ihr Ehemann Georg, evangelisch und aus der Steiermark, arbeitet als Manager in der Computerbranche.

Im vorliegenden ZENIT-Interview zur Gebetswoche für die Einheit der Christen 2007 gehen die beiden jungen Eheleute auf den großen Schmerz der konfessionellen Trennung ein, aber auch auf die Bereicherung, die sie jeden Tag aneinander erfahren dürfen.

ZENIT: Ihre Ehe ist gewissermaßen das Idealbild für eine Ökumene, die im Sinne Christi von echter Zuneigung und Liebe getragen wird. Was bedeutet für Sie und Ihren Alltag die Suche nach der christlichen Einheit?

--Georg: Es gibt viele schöne Möglichkeiten, Gott zuzuhören und zu ihm zu sprechen, ganz unabhängig von der Konfession. Für uns ist das: Beten, Bibellesen, Singen. Die christliche Einheit realisiert sich meiner Erfahrung nach zudem genau dort, wo die wohlbekannte Nächstenliebe gefragt ist. Dass diese Liebe für uns neben der zwischenmenschlichen auch eine konfessionelle Dimension besitzt, macht sie umso pflegenswerter.

--Joan: Die Suche nach christlicher Einheit im Alltag bedeutet, Vertrauen zu haben, dass Gott und mein Mann es gut meinen mit mir. Im Alltag heißt es neben den von Georg genannten Beispielen zu versuchen, eine gesunde Ehe zu führen. Sonst, muss ich sagen, beschäftige ich mich nicht tagtäglich mit der Einheit der Christen.

ZENIT: Welchen Rat würden Sie beide jenen Menschen geben, die sich in ökumenischen Initiativen engagieren oder dies vorhaben? Worauf sollten sie besonders achten, welche Prioritäten sollten sie setzen?

--Joan: Fragen; den anderen etwas über sein Leben fragen. Man weiß so wenig von einander, glaubt gleich, dass der andere uns vereinnahmen will, und traut sich nicht einmal zu fragen, wie der andere das sieht, was er glaubt. Man muss dann nicht seine Meinung oder Auffassung haben, aber fragen. Der andere ist viel mehr berührt von einer kleinen Frage als von einem Haufen theologischer Einwände.

Versuchen, den anderen als Mensch kennen zu lernen, nicht als Evangelischen, Orthodoxen oder Freikirchler. Wer ist die Person, die vor mir steht?

Diese Vorarbeit der Ökumene – auf der menschlichen, nicht auf der theologischen Ebene – wird unterschätzt. Hier kann ein liebendes Herz sehr viel bewirken. Prioritäten müssen sein, dass wir Gutes übereinander reden. Georg hat zum Beispiel sehr oft Katholiken in Schutz genommen, als bei Bekannten Böses über die Kirche gesagt wurde, gerade zur Zeit von innerkirchlichen Skandalen. Reden wir Gutes über die Evangelischen? Oder sagen wir: „Er ist zwar evangelisch, aber trotzdem ein lieber Mensch“?

--Georg: Gott wird seine Kirche bestimmt unkonventioneller vereinen als ich mir das heute vorstellen kann. Jeder Christ, jede Konfession wird dazu etwas Kostbares beitragen. Wir sind heute nicht in der Lage, große ökumenische Profite einzustreifen, deshalb müssen wir das Investieren intensiv fortsetzen. Ich kann Joan nur Recht geben. Gibt es nicht genug Unterschiede, die wir noch begreifen und achten lernen müssen? Eine kleine Warnung: Es wird wehtun!

ZENIT: Inwiefern erfahren Sie die noch nicht vollkommene Einheit im religiösen Bereich als Wunde, wie gehen Sie damit um?

--Georg: Die Streichung von der Gästeliste Gottes während der Eucharistie empfinde ich als besonders schmerzhaft. Joan begreift diesen Schmerz, das macht ihn erträglicher.

--Joan: Es ist eine Wunde, und zwar eine tiefe. Es ist aber auch das Kreuz, das ich umarmen will. Wir haben uns entschlossen, diesem Leid nicht aus dem Weg zu gehen; nicht zu tun, als wäre es nicht da. Es tut oft weh: bei der Kommunion, am Sonntag, bei den Festtagen, in der Marienfrömmigkeit. Es ist aber auch der Schmerz, den Christus selbst trägt. Das ist mein Trost.

ZENIT: Dadurch, dass Sie unterschiedliche Bekenntnisse haben, sind Sie ständig herausgefordert, über das richtige Christusverständnis nachzudenken. Ist die zuvor angesprochene „Wunde“ in diesem Sinn nicht auch eine große Bereicherung? Können Sie nicht vieles voneinander lernen?

--Georg: Absolut. Diese Frage ist so klug gestellt, dass ich nichts mehr hinzufügen kann.

--Joan: Für mich ist das Gute, dass ich nicht einen Partner habe, der alles als selbstverständlich annimmt. Ich muss über jedes Geheimnis des Glaubens, jedes Dogma, jeden Satz der Kirchenlehre, der mich gerade beschäftigt, tiefer nachdenken, als wenn ich mit einem Katholik verheiratet wäre. Als Katholiken nehmen wir Vieles aus Gehorsam an, und das ist gut so. Mit einem Evangelischen zusammenzuleben heißt für mich, gehorsam anzunehmen, was die Kirche mir sagt, und gleichzeitig versuchen, es zu verstehen, um es dann überzeugend erklären zu können. Man kann sich also nicht ausruhen in seinem Christusverständnis.

Eine große Bereicherung ist die Liebe zum Wort Gottes. Im Katholischen haben wir so eine Vielfalt an Frömmigkeiten, von Novenen bis Heiligenverehrung, von Pilgerfahrten bis Andachten, dass die Kenntnis der Heiligen Schrift manchmal nicht so tief ist. Ich liebe es zum Beispiel, alttestamentliche Geschichten von meinem Mann vorgelesen zu bekommen. Bereicherung ist auch das bewusste Gebet zum Vater. Es wird immer vor dem Essen gebetet, auch wenn ich manchmal keine Lust dazu habe.

Noch etwas Wesentliches: Im 16. und 17. Jahrhundert, in einer Zeit konfessioneller Spaltungen, wurde soviel wunderbar tiefe Musik geschrieben. Heute ist sie für uns eine sprudelnde Quelle der Einheit.

ZENIT: Die Suche nach der Einheit aller Christen bedeutet zuallererst, eins zu sein mit Christus, ihm ähnlicher zu werden. Wie schaut der Weg der christlichen Nachfolge aus, zu dem Sie der Herr berufen hat?

--Joan: Bekehrung – für mich ist alles in diesem einen Wort vorhanden. Ich habe keine Antwort darauf, wie vollkommene Ökumene zu erreichen ist. Ich bin nur überzeugt, dass jede Schwierigkeit, die ich in ökumenischen Fragen erlebe, nicht die Bekehrung des anderen, sondern meine eigene verlangt. Eine Bekehrung zum Vertrauen, auch wenn ich keine Antwort habe.

--Georg: Der genaue Wegverlauf ist mir offen gestanden unbekannt, wir sind eine junge Familie. Ich mache mir einfach Gedanken darüber, was Gott uns beiden heute geschenkt hat und wie wir es weitergeben können.