Gelehrter zwischen den Fronten

Der Großonkel des Heiligen Vaters, Georg Ratzinger – katholischer Sozialreformer im 19. Jahrhundert

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Von Michael Karger



WÜRZBURG, 21. August 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- In der Familie Ratzinger gab es bereits vor Joseph Ratzinger einen promovierten Priestertheologen und Wissenschaftler. Es ist Georg Ratzinger, der 1899 verstorbene Großonkel des Papstes, nicht zu verwechseln mit dem namensgleichen, emeritierten Domkapellmeister und älteren Bruder des Heiligen Vaters, Prälat Georg Ratzinger. Diese Entdeckung regte eine Tagung an, die sich im vergangenen Jahr in Regensburg mit Leben und Werk des heute vergessenen Georg Ratzinger befasste. Ein vierhundert Seiten umfassender Band dokumentiert die Referate. Johann Kirchinger und Ernst Schütz eröffnen mit der Biografie: Bereits mit fünfundfünfzig Jahren verstarb Ratzinger nach einer Magenoperation in München, wo er auf dem Ostfriedhof beigesetzt wurde.

Er stammte aus einem Bauernhof im niederbayerischen Rickering bei Hengersberg. Von diesem Hof stammt auch Josef Ratzinger, der Vater des Papstes. Nach der Lateinschule und dem bischöflichen Knabenseminar in Passau erhielt Georg Ratzinger ein Stipendium und wurde in das Münchener Priesterseminar Georgianum aufgenommen. In das schwer zerstörte Georgianum zog auch der Großneffe als junger Theologe nach dem Zweiten Weltkrieg ein.

Eine Preisaufgabe, die der bekannte Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger seinem begabten Schüler auf den Leib schneiderte, wurde als Promotionsschrift mit dem Titel „Geschichte der kirchlichen Armenpflege“ anerkannt. These Ratzingers war: Die blühende Armenpflege im Mittelalter sei durch die Reformation zerstört worden.

Auch die Promotion von Joseph Ratzinger geht auf eine Preisaufgabe zurück, die Professor Söhngen speziell für seinen „Meisterschüler“ gestellt hat. Nach der Kaplanszeit in Berchtesgaden begann Ratzinger, für katholische Zeitungen zu schreiben. Seine herausragende schriftstellerische Begabung und seine Neigung zur Polemik führten auf dem Höhepunkt des Kulturkampfes zur Beschlagnahmung einer Ausgabe und zu Untersuchungshaft.

Zeitweilig war Ratzinger Chefredakteur des „Fränkischen Volksblattes“ in Würzburg. Ratzinger gehörte zu den wichtigsten, meist aus dem Klerus kommenden Vorkämpfern der entstehenden kirchlichen Publizistik. Zugleich machte er sich einen Namen als Sozialethiker mit seinem 1881 veröffentlichten Hauptwerk „Die Volkswirtschaft in ihren sittlichen Grundlagen“. Als Mitbegründer dessen, was wir heute Wirtschaftsethik nennen, versuchte Ratzinger auch auf die Gesetzgebung Einfluss zu nehmen, als er mit seiner Agrarprogrammschrift „Die Erhaltung des Bauernstandes“ (1883) die politische Bühne betrat. Da Ratzinger bereits sehr früh durch seine entschiedene Verteidigung der Kirche im Kulturkampf bei der liberalen bayerischen Staatsregierung in Ungnade gefallen war, suchte diese mit Erfolg jede auskömmliche Lebensstellung Ratzingers zu verhindern. Als konservativer Döllinger-Schüler war Ratzinger bei Staat und Kirche suspekt, was eine akademische Karriere als Kirchenhistoriker unmöglich machte. Ein Benefizium, das ihm seine wissenschaftliche und publizistische Arbeit ermöglicht hätte, verhinderte der Staat. Für den Bayerischen Bauernbund wurde Ratzinger 1893 in den Landtag gewählt.

Auf die Suche nach den Vorfahren der Familie Ratzinger macht sich Herbert Wurster. Zeugnisse weisen zurück zu einem Ratzingergut zu Ratzing in Oberösterreich. „Bis zum Vater des Papstes herauf waren diese Ratzinger Bauern, die im Laufe der Jahrhunderte auf unterschiedlichen Bauernhöfen im Umkreis von Passau ... ansässig waren.“ Georg Ratzinger, Bruder des Großvaters des Papstes, wurde 1844 auf dem so genannten Strassergut zu Rickering geboren, das seit 1801 in Besitz der Familie war.

Äußerst informativ sind die Ausführungen von Claudia Stein über die Beziehungen Ratzingers zu Ignaz von Döllinger, beleuchten sie doch die dramatischen Auseinandersetzungen um die Definition der Unfehlbarkeit des Papstes. Die Verfasserin nennt in diesem Zusammenhang Ratzinger den einzigen Sekretär Döllingers, der nicht mit der Kirche gebrochen habe. Von 1866 bis 1869/70 war Ratzinger für Döllinger als wissenschaftlicher Assistent tätig. 1890 versuchte Ratzinger, zum Sterbebett Döllingers vorgelassen zu werden, um ihn mit der Kirche zu versöhnen. Er wurde abgewiesen und Döllinger empfing die Sterbesakramente von einem Altkatholiken. Als tendenziös beurteilt die Verfasserin die Monographie über die Armenpflege im Mittelalter: „Ziel ist nicht primär der historische Erkenntnisgewinn, sondern der historische Überblick steht im Dienst von Ratzingers gesellschaftspolitischen Reformforderungen.“ Auch hierin folgte Ratzinger der wissenschaftlichen Arbeitsweise Döllingers.

Den Beitrag Ratzingers zur bayerischen Geschichtsschreibung stellt Ernst Schütz vor. Der Verfasser würdigt die außerordentliche Quellenkenntnis der historischen Arbeiten Ratzingers zur Armenpflege im Mittelalter und zur Passauer Bistumsgeschichte. Detailliert zeichnet Freya Amann die politische Karriere von Ratzinger nach. Einen Förderer hatte Ratzinger in Ludwig Graf von Arco-Zinneberg, der ihn und seine politisch-sozialethischen Ziele sowie seine publizistischen Aktivitäten finanziell unterstützte. Als Abgeordneter war Ratzinger für die Wahlkreise Tölz (1875) und Rosenheim (1877) im Parlament. Als Hauptredner sprach er sich auf dem Katholikentag 1876 in München für eine harte Haltung im Kulturkampf aus.

Als Ratzinger 1877 für den Reichstag kandidierte, wurde er vom politischen Gegner verleumdet. Er soll 1875 eine Kellnerin in Tölz unsittlich angegriffen haben. Nach fünf von Ratzinger angestrengten Prozessen wurde die Kellnerin der Lüge überführt und ein Amtmann, Drahtzieher im Hintergrund, zu einer Geldstrafe verurteilt. Trotzdem gab es keinen klaren Freispruch. Von den Parteifreunden fallengelassen endete Ratzingers politische Karriere bereits kurz nach ihrem Höhepunkt mit dem Einzug in den Reichstag. Schon 1875 hatte Ratzinger in einem Brief geschrieben: „Im übrigen ist es allerdings für einen Geistlichen unendlich schwer, hier im öffentlichen Leben zu wirken. Die Verleumdung verfolgt einen auf Schritt und Tritt mit einer gewissen Planmäßigkeit.“

Über den Bayerischen Bauernbund kam es zu einem Comeback: Ab 1893 war Ratzinger wieder im Landtag und ab 1898 erneut Mitglied des Reichstages. Sein Tod im Dezember 1899 machte allen Hoffnungen auf eine überregionale Wirksamkeit ein rasches Ende. Malte Langenbach gibt Einblick in die Fundamentalkritik Ratzingers an der Reichsgründung. Über die seelsorgliche Tätigkeit des Priesters Georg Ratzinger informiert Tobias Appl. Ratzingers Hinwendung zur Politik wird vom Verfasser mit dessen sozialem Engagement begründet.

Ratzingers Veröffentlichungen zum Thema Judentum geht Manfred Eder nach. Unter Pseudonym veröffentlichte Ratzinger 1892 die Broschüre „Jüdisches Erwerbsleben“, die bis 1893 fünf Auflagen erlebte. Darin finden sich schwere Ausfälle gegen das Judentum: „Das Judentum muss im Erwerbsleben die Schranken der christlichen Lehre anerkennen, oder es wird sich mit Notwendigkeit ein Ausscheidungsprozess dieses Volkes ergeben. Das Parasitentum im Erwerbsleben kann ebenso wenig geduldet werden wie die Parasiten im Naturleben. Würde demselben nicht Einhalt geboten, so würden sie alle anderen Lebewesen höherer Ordnung überwuchern. So ist es im Naturleben, so im Erwerbsleben.“ Ähnliches findet sich auch in der ebenfalls unter Pseudonym erschienenen Schrift „Das Judentum in Bayern“ (1897). Auch wenn nach Meinung des Verfassers der Antisemitismus bei Ratzinger nicht über den in katholischen Kreisen damals verbreiteten hinausgeht und sich kein Rasseantisemitismus bei ihm findet, schmälert doch diese Seite seiner Publizistik das Bild des gelehrten Sozialethikers und Priesters für uns heute beträchtlich.

Eine genaue Analyse der beiden Auflagen von „Die Volkswirtschaft in ihren sittlichen Grundlagen“ (1881 und völlig umgearbeitet 1895) erstellt Frank Zschaller. Ratzingers Rückbindung der Wirtschaftstheorie an eine christliche Ethik stellte die soziale Frage in den Mittelpunkt und nahm wesentliche Einsichten der späteren Sozialethik vorweg. Zugleich macht der Verfasser auf die Eigenschaft der „maßlosen, den angenommenen Gegner vernichtenden Polemik“ bei Georg Ratzinger aufmerksam.

Ratzingers sozialethische Agrarpolitik, ausgehend von seinem Agrarprogramm von 1883, wird von Johann Kirchinger zusammengefasst: Durch Abgrenzung von der kapitalistischen und industriellen Wirtschaft habe Ratzinger erstmals der Landwirtschaft eine „qualitativ herausgehobene“ Funktion in der Volkswirtschaft zugewiesen. Seine Forderung nach Kredit- und Absatzgenossenschaften waren wegweisend. Auch wenn der Verfasser dem wirtschaftstheoretischen Gedankengut von Ratzinger keine Originalität zubilligt, so benennt er doch die Themen Tausch- und Verteilungsgerechtigkeit und die Einschränkung des Liberalismus als Beispiele für seinen Einfluss auf die Wirtschaftswissenschaft. Sein unermüdliches Wirken für die Gründung einer katholischen bayerischen Volkspartei, die wirtschaftlich nur die bayerischen Interessen im Blick haben sollte, scheiterte.

Mit einer Bilanz des Lebenswerkes von Georg Ratzinger beschließen Johann Kirchinger und Ernst Schütz die Reihe der Aufsätze. Ein begabter Nachwuchswissenschaftler wurde durch den Staat im Kulturkampf an der Entfaltung seiner Begabung gezielt gehindert, wobei der Kirche der exkommunizierte Doktorvater Döllinger suspekt war. Auf den sprachmächtigen „demagogischen Pionier der katholischen Pressearbeit“ wurde der Hochadel aufmerksam und versuchte, ihn für seine Interessen einzusetzen. Damit begann Ratzingers Weg in die Politik. Nach dem raschen Aufstieg kam der schnelle Fall aufgrund einer gezielten Verleumdungskampagne. Versuche in der Pfarrseelsorge waren eher glücklos. Ratzingers Platz als bedeutender Gelehrter des sozialen Katholizismus ist allerdings unbestritten. Seine Suche nach einer menschengerechten Wirtschaftsordnung war zum Beispiel wegweisend für die Entstehung berufsständischer Formen der Selbstverwaltung. Sein Hang zur Polarisierung und seine Kompromisslosigkeit haben Georg Ratzinger unter seinen Zeitgenossen isoliert. Heute überschattet der Antisemitismusvorwurf das Andenken dieses katholischen Sozialreformers.

Eine Zeittafel, ausgewählte Quellentexte, ein Werkverzeichnis, zeitgenössische Nachrufe sowie ein Personenregister und ein Autorenverzeichnis beschließen den Band. Georg Ratzinger verdankt diese voluminöse Monographie und sein Auftauchen aus dem Vergessen der Tatsache, dass sein Großneffe Papst geworden ist. Über die Ahnentafel der niederbayerischen, väterlichen Vorfahren des Papstes hinaus werden die detailreichen Beiträge für Sozialethiker oder (bayerische) Kirchenhistoriker von Interesse sein können.

[Johann Kirchinger, Ernst Schütz (Hrsg.): Georg Ratzinger (1844–1899). Ein Leben zwischen Politik, Geschichte und Seelsorge. Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2008, gebunden, 400 Seiten, EUR 34,90; © Die Tagespost vom 20.8.2009]