Gelobt sei die Scham, wenn sie mit Demut vor Gott hintreten lässt

Der Beichtstuhl ist weder ein Ort der Bestrafung noch eine Wäscherei, in der Flecken beseitigt werden

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Salvatore Cernuzio | 577 klicks

Den Kerngedanken der Predigt, die Papst Franziskus gestern Morgen im Domus Sanctae Marthae gehalten hatte, bildete die „Scham“. Dieser im Allgemeinen mit negativen Konnotationen behaftete Begriff wird laut dem Papst im Licht der christlichen Demut zur Tugend.

Unter den Zuhörern der tiefgehenden Betrachtung von Papst Franziskus befanden sich diesmal eine Gruppe von Ordensfrauen und Mitarbeiter der „Amministrazione del Patrimonio della Sede Apostolica“1Güterverwaltung des Heiligen Stuhls APSA, inklusive ihres Präsidenten Kardinal Domenico Calcagno, der gemeinsam mit dem Präsidenten der „Peregrinatio ad Petri Sedem“2  Erzbischof Francesco Gioia konzelebrierte.

Einmal mehr stellte der Heilige Vater eine Betrachtung zum Bußsakrament an und entlarvte die Vorstellung vom Beichtstuhl als Ort des Grauens, in dem das Gottesurteil über den Menschen ergeht, als Mythos. Ebenso wenig sei er eine Reinigung, bei der die Flecken der Sünde aus dem Kleid unserer Seele einfach ausgewaschen würden.

Als Ausgangspunkt seiner Predigt wählte der Papst den ersten Brief des Apostels Johannes. Die Worte des Evangelisten zitierend, erläuterte der Papst zunächst den Unterschied zwischen Gott, der „Licht ist und in dem keine Finsternis herrscht“,und uns allen, „in deren Leben Dunkelheiten vorhanden sind“, längere oder kürzere Abschnitte, in denen „selbst das Gewissen nicht erleuchtet ist.“

Unmittelbar danach nahm der Papst eine Präzisierung dieser Formen der Dunkelheit vor: „In die Dunkelheit gehen bedeutet, mit sich selbst zufrieden zu sein; überzeugt davon zu sein, dass man das Heil nicht benötigt. Das sind die Dunkelheiten! Wenn jemand den Weg der Dunkelheiten fortsetzt, ist eine Umkehr sehr schwierig.“

Vor diesem Hintergrund formulierte der hl. Johannes folgende Feststellung in seinem Brief: „Wenn wir uns als ohne Sünde bezeichnen, betrügen wir uns selbst,und die Wahrheit ist nicht in uns.“Diesen Worten fügte der Papst Folgendes hinzu: „In jenem Augenblick, da wir uns zu unseren Sünden bekennen, offenbart uns das Sakrament jedoch den Herrn, der uns durch die Fülle seiner Güte, seiner Treue und seiner Gerechtigkeit Vergebung schenkt.-“

Der erste Schritt sei daher die Erkenntnis seiner selbst als Sünder, der Hilfe benötigt. In diesem Zusammenhang erteilte Papst Franziskus folgende Mahnung: „Seht eure Sünden an, unsere Sünden: Wir alle sind Sünder, wir alle …“

Zur Vergebung fand der Heilige Vater folgende Worte: „Wenn der Herr uns verzeiht, schafft er Gerechtigkeit, vor allem sich selbst gegenüber, denn er ist gekommen, um uns zu retten und um uns Vergebung zuteilwerden zu lassen.“Gleich jener Dynamik der Liebe, die zwischen einem Vater und seinem Kind bestehe, ist der Herr sanftmütig zu jenen, die ihn fürchten, die zu ihm kommen. Er verstehe die Menschen immer und schenke ihnen jenen Frieden, den nur er geben könne.

Im Grunde vollziehe sich genau das im Sakrament der Beichte, so Papst Franziskus. Die Gläubigen würden die Bedeutung allerdings oft verzerren und den Gang zur Beichte oft mit dem Besuch einer Wäscherei gleichsetzen. Jesus im Beichtstuhl sei keine Wäscherei. Es handle sich um eine Begegnung mit Jesus, „doch mit dem Jesus, der uns so erwartet, so wie wir sind.“

Mit einer Mischung aus Ironie und Empfindsamkeit äußerte der Papst folgende kurze Betrachtung zur Scham: „Wir schämen uns, die Wahrheit zu sagen: ‚Aber Herr, ich bin so …, ich habe dies getan und jenes gedacht.‘Die Scham ist eine wahrhaft christliche und menschliche Tugend […]. Scham zu empfinden,ist eine Tugend des Demütigen, eines demütigen Mannes und einer demütigen Frau. Gelobt sei die Scham!“, so der Aufruf des Papstes.

In diesem Geist, in Anerkennung des Sünder-Seins, mit Demut und Milde und ungeschminkt sollen die Gläubigen laut der Empfehlung des Papstes vor den Herrn hintreten. Der Heilige Vater betonte, dass die Menschen dabei vor allem vom Vertrauen und von der Gewissheit getragen sein sollten, dass Jesus Christus, der Gerechte, sie verteidigen werde, wenn sie sündigen.

Wie die herausragenden Predigten seines Namensgenossen aus Assisi, der umfassende Begriffe mit den schlichtesten Worten zu erläutern vermochte, endete die Predigt des Heiligen Vaters gleich einer der gelungensten Szenen des Katechismus. Er wandte sich mit folgenden Worten an die Anwesenden: „Wir können Jesus eine Frage stellen. Ist der Beichtstuhl daher nicht wie eine Folterkammer? Nein, er ist ein Ort, an dem wir Gott preisen können, denn wir Sünder sind von ihm erlöst worden. Er wartet nicht darauf, mich zu schlagen, sondern um mich mit Sanftmut zu empfangen. Und wenn ich morgen ebenso handle? Dann kehre zurück, kehre immer wieder zurück … Er wird stets auf uns warten. Die Sanftmut des Herrn, seine Güte, seine Milde …“.

Den Abschluss bildete folgendes Gebet: „Möge der Herr uns die Gnade und den Mut dazu schenken, immer mit der Wahrheit, die das Licht ist, und nicht mit der Finsternis von Halb-Wahrheiten oder der Lüge vor Gott hinzutreten.“

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Fußnoten

1  APSA; die Güterverwaltung des Heiligen Stuhls

2  PAPS; eine päpstliche Institution zur Unterstützung von nach Rom und an andere Orte der Religiosität reisenden Pilgern