Gemeinsames Dokument über die Jungfrau Maria fördert die Einheit zwischen Anglikanern und Katholiken

Interview mit dem katholischen Sekretär der Internationalen Anglikanisch-Katholischen Kommission

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SEATTLE, 19. Mai 2005 (ZENIT.org).- Das kürzlich veröffentlichte Dokument über die theologische Rolle Mariens sei ein wesentlicher Schritt vorwärts in den Beziehungen zwischen der katholischen und der anglikanischen Kirche, erklärte Pater Bolen, katholischer Sekretär der "Internationalen Anglikanisch-Katholischen Kommission" ("Anglican-Roman Catholic International Commission", ARCIC).



Die Mitglieder dieser Theologenkommission hatten rund fünf Jahre lang an der Abfassung einer gemeinsamen, übereinstimmenden Erklärung über die Rolle Mariens in Leben und Lehre der beiden Kirchen gearbeitet. Am 16. Mai wurde sie in Seattle (US-Bundesstaat Washington) vorgestellt. Sie nennt sich "Mary: Grace and Hope in Christ" ("Maria: Gnade und Hoffnung in Christus").

Pater Bolen, der katholische Sekretär der "Anglican-Roman Catholic International Commission" (ARCIC) und Mitglied des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, ging im Gespräch mit ZENIT auf die wesentlichen Inhalte des neuen Dokuments ein.

ZENIT: Wer sind die Autoren dieser Erklärung?

Pater Bolen: "Mary: Grace and Hope in Christ" ("Maria: Gnade und Hoffnung in Christus"), auch bekannt als "Erklärung von Seattle", ist das Ergebnis der Arbeit der "Internationalen Anglikanisch-Katholischen Kommission" (ARCIC), die das offizielle Werkzeug des theologischen Dialogs zwischen der katholischen Kirche und den Kirchen der anglikanischen Föderation sind.

Der Dialog, zu dem Paul VI. und Erzbischof Michael Ramsey von Canterbury zum ersten Mal im Jahr 1966 aufgerufen hatten, wurde 1970 eröffnet. Im den letzten zwanzig Jahren hat die Kommission vier gemeinsame Erklärungen veröffentlicht: "Salvation and the Church" ("Heil und die Kirche", 1987), "The Church as Communion" ("Kirche als Gemeinschaft", 1991), "Life in Christ" ("Leben in Christus", 1994) und "The Gift of Authority" ("Geschenk der Autorität", 1999).
1999 haben 18 Mitglieder damit begonnen, die Rolle der heiligen Jungfrau Maria im Leben und in der Doktrin der Kirche herauszuarbeiten. Diese Arbeiten konnten im vergangenen Jahr beendet werden. Diese anglikanischen Mitglieder dieser Kommission wurden von Erzbischof von Canterbury in Absprache mit dem "Anglican Communion Office" ernannt, die katholischen Mitglieder vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen. Den Vorsitz leiteten gemeinsam Alexander J. Brunett, Erzbischof von Seattle, und Reverend Peter Carnley, Erzbischof von Perth und Primas der anglikanischen Kirche in Australien.

Mit der Veröffentlichung von "Maria: Gnade und Hoffnung in Christus” wird die zweite Arbeitsphase der Anglikanisch-Katholischen Kommission abgeschlossen. Es wird davon ausgegangen, dass eine dritte Arbeitsphase für ARCIC in Aussicht steht.

ZENIT: Welche Autorität besitzt der Text?

Pater Bolen: "Maria: Gnade und Hoffnung in Christus" ist die Arbeit der Theologenkommission von ARCIC und wurde mit der Erlaubnis des Gemeinsamen Anglikanischen Büros und des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen veröffentlicht. Es handelt sich nicht um lehramtliches Schreiben der katholischen Kirche oder der anglikanischen Kommission. Diese werden das Dokument studieren und beurteilen. Die Autoritäten, die diese Theologenkommission einberufen haben, gaben ihre Erlaubnis zur Veröffentlichung, damit man die Ergebnisse sehen und über sie diskutieren kann.

ZENIT: Warum wurde gerade die Rolle Mariens in der Kirche als Untersuchungsgegenstand gewählt?

Pater Bolen: Die "Seattle-Erklärung" ist das Ergebnis des ersten internationalen bilateralen Dialogforums, das sich mit dem Thema der Rolle Mariens in der Kirche auseinandergesetzt hat. Die Einleitung des Dokuments erläutert, das ARCIC von anglikanischen und römisch-katholischen Kirchenführern darum gebeten wurde, die Rolle Mariens zu studieren.

Die Jungfrau Maria nimmt im Leben und in der Liturgie der anglikanischen und der römisch-katholischen Kirche einen bedeutenden Platz ein. Die beiden Mariendogmen und die Verehrung Mariens innerhalb der katholischen Kirche wurden ursprünglich als ein Hindernis zwischen den beiden Kirchen betrachtet.

ZENIT: Welche gemeinsamen Aussagen über Maria bestanden vor der Veröffentlichung dieses Dokuments?

Pater Bolen: ARCIC hat das Thema Maria schon einmal im Jahr 1981 angesprochen, und zwar in der Erklärung "Authority in the Church II" ("Autorität in der Kirche, Teil 2"). Im Paragraph 2 der neuen Erklärung von Seattle werden die wesentlichen Übereinstimmungen über die Jungfrau Maria aus dem Jahr 1981 dargelegt. Dann wird ein älterer Text zitiert, in dem die bleibenden Unterschiede angedeutet werden. Eine besondere Rolle spielen dabei die Mariendogmen: "Die Dogmen von der Unbefleckten Empfängnis Mariens und der Aufnahme Mariens in den Himmel sind besonders für jene Anglikanern ein Probleme, die nicht der Meinung sind, dass diese Lehren von der Heiligen Schrift ausreichend begründet seien."

ZENIT: Welche Grundlagen werden durch "Maria: Gnade und Hoffnung in Christus" gelegt, damit die Frage der Mariendogmen angegangen werden kann?

Pater Bolen: Von Anfang an hat ARCIC diesen "im Evangelium und in den alten Schriften begründeten" Dialog (vgl. Gemeinsame Erklärung von Papst Paul VI. und Erzbischof Michael Ramsey von Canterbury, 1966) befürwortet und versucht, "unser gemeinsames Glaubensgut zu entwickeln" (4). Diese Bemühung für gemeinsame Fundamente zeigen die ersten beiden Kapitel des Dokuments.

Der erste große Abschnitt des Dokumentes (6-30) handelt von der Bedeutung Mariens in der Heiligen Schrift. Er macht fast ein Drittel der gesamten Erklärung aus und könnte fast unabhängig vom übrigen Inhalt verwendet werden, eben als Studie über die Rolle Mariens in der Bibel (vgl. 80). Der Text besagt, dass die Bibel "ein normatives Zeugnis für den Heilsplan Gottes ablegt", und als solches ist sie der Ausgangspunkt für die Überlegungen von ARCIC. Der Text schließt mit der Bemerkung, dass "es unmöglich ist, der Bibel treu zu sein, ohne der Person Mariens eine entsprechende Aufmerksamkeit" zu schenken (77).

Wie Maria in der Bibel behandelt wird, fasst Paragraph 30 zusammen: "Das Zeugnis der Schrift lädt die Gläubigen aller Generationen dazu ein, Maria die 'Gesegnete' zu nennen – diese jüdische Frau aus einfachem Haus; diese Tochter Israels, die stets auf die Gerechtigkeit für die Armen hoffte und die Gott gesegnet und dazu erwählt hat, die jungfräuliche Mutter seines Sohns zu werden durch die Herabkunft des Heiligen Geistes. Wir sollen sie als 'Magd des Herrn' preisen, weil sie ihre einfache Zustimmung zur Erfüllung des göttlichen Heilsplans gegeben hat; als die Mutter, die alle Dinge in ihrem Herzen bewahrte; als Flüchtling, die im Ausland um Asyl ansuchte; als Mutter, die vom unschuldigen Leiden ihres eigenen Kindes durchbohrt wurde und als Frau, der Jesus seine Freunde anvertraute. Wir sind vereint mit ihr und den Aposteln, wie sie um die Ausgießung des Geistes auf die entstehende Kirche beten, die eschatologische Familie Christi. Und wir können in ihr sogar die endgültige Bestimmung des Gottesvolkes sehen, das am Sieg ihres Sohns über die Mächte des Bösen und des Todes Anteil hat."

Der zweite Teil des Textes befasst sich mit den Aussagen über Maria in den alten universalen Überlieferungen, das heißt, in den Schriften der frühen kirchlichen Konzilien, die für beide – für Anglikaner wie für Katholiken – Geltung haben, und mit den Schriften der Kirchenväter, der Theologen der ersten Jahrhunderte des Christentums (vgl. 31-40).

Dieser Abschnitt betont die zentrale Bedeutung des Verständnisses über die Jungfrau Maria in der frühen Kirche als "Theotókos" (die Mutter des Mensch gewordenen Wortes Gottes, der "Gottesgebärerin"). Danach (vgl. 41-46) wird damit fortgefahren, "das Wachstum der Marienfrömmigkeit im Mittelalter und die damit zusammenhängenden theologischen Kontroversen darzulegen" und aufzuzeigen, "wie einige Auswüchse in der spätmittelalterlichen Frömmigkeit und die Gegenreaktionen der Reformer zum Bruch der Gemeinschaft unter uns" beigetragen haben (vgl. 77). Schließlich endet das Kapitel (47-51) damit, nachfolgende Entwicklungen sowohl innerhalb des Anglikanismus als auch innerhalb der römisch-katholischen Kirche aufzuzeigen und die Bedeutung hervorzuheben, dass Maria untrennbar ist von Christus und der Kirche.

ZENIT: Wie geht das Dokument mit dem Dogma der Unbefleckten Empfängnis von 1854 und dem Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel von 1950 um? Welche Übereinstimmung konnte ARCIC hier erzielen?

Pater Bolen: Die Annäherung, die in den ersten beiden Kapiteln des Textes erzielt wird, schafft die Grundlagen, von denen aus man sich diesen zwei Lehraussagen nähern kann. Das dritte Kapitel beginnt mit einem Blick auf Maria und ihrer Rolle in der Heilsgeschichte, im Rahmen einer "Theologie der Gnade und Hoffnung". Dieser Text nimmt Bezug auf eine Stelle des Briefes des heiligen Apostels Paulus an die Römer (Röm 8,30), wo dieser von einem wirksamen Muster der Gnade und der Hoffnung in der Beziehung zwischen Gott und Mensch spricht: "Die aber, die er vorausbestimmt hat, hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht."

Dieses Muster erkennt man ganz deutlich im Leben Mariens: Sie wurde "von Anfang an als die auserwählte, berufene und von Gott durch den Heiligen Geist für die vor ihr liegende Aufgabe begnadete bestimmt" (54). Im frei gesprochenen "fiat" Mariens – "Mir geschehe nach deinem Wort" (Lk 1,38) – erkennen wir "die Frucht ihrer vorherigen Vorbereitung, die ihrer Bestätigung durch Gabriel als 'Begnadete' zu entnehmen ist" (55). In Paragraph 59 verknüpft der Text diese Bestätigung mit dem, was im Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens steht: "Im Hinblick auf ihre Berufung, die Mutter des Allerhöchsten (vgl. Lk 1,35) zu werden, können wir gemeinsam bejahen, dass bei Maria das Erlösungswerk Christi zurückreicht bis zu den Tiefen ihres Wesens und zu ihren frühsten Anfängen. Das ist nicht gegen die Lehre der Bibel, sondern kann nur im Licht der Bibel verstanden werden. Römische Katholiken können darin anerkennen, was im Dogma durch den Lehrsatz 'bewahrt vor der Befleckung der Erbsünde' und 'vom ersten Moment ihrer Empfängnis an' ausgesagt werden soll."

Danach wird im Dokument erklärt, die Bibel liefere die Grundlagen für das Vertrauen, dass diejenigen, die Gottes Absichten treu folgen, ganz und gar in die Gegenwart Gottes hinein genommen werden – eben so, wie ja auch die Gnade am Anfang des Lebens von Maria wirksam war. Während es "in der Bibel kein direktes Zeugnis bezüglich des Lebensendes Mariens gibt" (56), haben "Christen aus Ost und West über Generationen hindurch das Wirken Gottes in Maria erwogen und ihren Glauben wahrgenommen". Und wir haben erkannt, "dass es angemessen ist, dass sie der Herr ganz zu sich genommen hat: In Christus ist sie bereits eine neue Schöpfung..." (58).

Wieder wird zwischen dem Verständnis von Gnade und Hoffnung, die im Leben Mariens wirksam waren, und dem Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel ein Bezug hergestellt und formuliert: "Gemeinsam können wir die Lehre bejahen, dass Gott im Einklang mit der Heiligen Schrift die heilige Jungfrau Maria in der Fülle ihrer Person in seine Herrlichkeit aufgenommen hat und dass dies tatsächlich nur im Licht der Schrift verstanden werden kann. Römische Katholiken können anerkennen, dass diese Lehre über Maria im Dogma enthalten ist" (58).

Die Kommission kann die Unterschiede in den Auffassungen von Anglikanern und Katholiken bezüglich der zwei Dogmen nicht gänzlich ausräumen, weil die oben genannten Folgerungen betreffen den marianischen Inhalt der Dogmen, nicht aber die Autorität, durch die sie definiert worden sind. Dennoch sind die Verfasser von ARCIC überzeugt davon, dass eine Annahme der im Dokument über Maria vorgelegten Stellungnahmen seitens der anglikanischen Gemeinschaft und der katholischen Kirche "die Frage über die Autorität, die aus den beiden Definitionen von 1854 und 1950 hervorgegangen ist, in einen ökumenischen Kontext stellen" würde (78; vgl. 61-63).

ZENIT: Was wird über die Marienandacht gesagt?

Pater Bolen: Das Schlusskapitel des Dokuments (64-75) berührt den Platz Mariens im Leben der Kirche und somit eine Frage, die zur Marienfrömmigkeit gehört. Das Kapitel beginnt mit einer starken Feststellung: "Wir stimmen darin überein, dass wir, weil wir Maria als vollkommenes menschliches Vorbild eines Lebens aus Gnade begreifen, selbst dazu aufgerufen werden, über die Lehre ihres in der Bibel aufgezeichneten Lebens nachzudenken und uns mit ihr als jemanden zu verbinden, der keineswegs tot ist, sondern wahrlich lebendig in Christus (65). Der Text unterstreicht, dass die Marienfrömmigkeit und die Anrufung Mariens die einzigartige Mittlerschaft Christi auf keine Weise verdunkeln oder verringern darf.

Abschließend heißt es: "Wir bejahen gemeinsam einmütig die einzigartige Mittlerschaft Christi, die im Leben der Kirche ihre Früchte hervorbringt. Wir sind nicht der Ansicht, dass die Praxis, Maria und die Heiligen um Fürsprache anzurufen, uns als Gemeinschaft trennt..., wir glauben, dass es keinen theologischen Grund mehr für eine kirchliche Spaltung in diesen Fragen gibt."

In der Schlussfolgerung (76-80) fasst die Theologenkommission alles zusammen, was sie ihrer Meinung nach mit "Maria: Gnade und Hoffnung in Christus" erreicht hat. Nach der erneuten Bekräftigung der Übereinstimmungen, die im zuvor erwähnten Dokument aus dem Jahr 1981 festgehalten wurden, schließt der Text mit der Überzeugung von ARCIC, dass "die gegenwärtige Erklärung diese Übereinstimmungen auf signifikante Weise" vertiefe und erweitere und ihnen einen Platz "in einer umfassenden Studie über Lehre und Frömmigkeit, die mit Maria in Zusammenhang stehen," einräumt (vgl. 76).