Gemüseanbau am Rand der Gräber: Überlebenshilfe auf den Philippinen

Pater Max Abalos hofft auf stärkeres Engagement der Kirche

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Michaela Koller

MÜNCHEN, 15. Dezember 2009 (ZENIT.org).- Pater Max Abalos, Steyler Missionar aus Cebu im Zentrum des Inselreichs der Philippinen, sehnt sich angesichts der Korruption und der Ungleichheit in seiner Heimat zurück zu den Zeiten, als die Kirche sich gegen die Diktatur von Ferdinand Marcos wandte . „Die Stellungnahmen der Kirche sind heute nicht mehr so stark wie früher", bedauert er bei einem Münchenbesuch gegenüber ZENIT. Der 66-jährige Geistliche geht selbst mit gutem Beispiel voran und engagiert sich pastoral wie spirituell, sozial wie auch politisch für die Ärmsten in Cebu: Unter einer Reihe Projekten widmet er sich 600 Familien, die auf Friedhöfen leben, weil sie nicht einmal wissen, wo sie eine Hütte bauen könnten.

Auf dem katholischen Friedhof leben 50 Familien, die wenigstens ein wenig Geld mit der Wiederverwertung von Wachsresten, Gebetsstipendien und Blumen verdienen", erzählt der graumelierte Pater mit dem dunklen Teint. Er und seine Unterstützer organisierten dreimal wöchentlich eine Essensausgabe für die Kinder bis zu zehn Jahren sowie für Schwangere. „Reis, Suppe, Fisch, Fleisch und Obst. Gemüse ernten sie zudem schon selbst. Wir haben ihnen gezeigt, wie sie es auf dem Gelände anbauen." Während auf deutschen Friedhöfen Birken und Trauerweiden die Friedhöfe schmücken, gedeihen um die Ruhestätten der Toten in Cebu Lebensmittel der Ärmsten. „Wir halten sie auch dazu ein, von dem wenigen Geld, das sie einnehmen, etwas zurückzuhalten und auf die hohe Kante zu legen", sagt der Steyler Missionar.

Durch die hohe Verzinsung kommt auch bei geringen Einlagen wenigstens etwas spürbar zurück und hilft so, kleine Einkommen zu generieren. „Sie können sich so sagen, sie sind keine Bettler" erklärt der Pater einen psychischen Nebeneffekt. Pastorale Schulung und Katechese tragen dem Filipino zufolge außerdem dazu bei, die Menschen in geistlicher Hinsicht zu verändern. Oftmals entlädt sich die ganze Spannung, die in den benachteiligten Familien herrscht, an den Schwächsten, den Kindern, durch Prügel und emotionale Vernachlässigung. „Durch die religiöse Erziehung lässt das nach", versichert der Pater. Die pastorale Arbeit unterstützt von Deutschland aus das katholische Hilfswerk Missio. Die Zusammenarbeit soll demnächst noch ausgebaut werden: ein Kindergarten und eine Vorschule für 400 Kinder auf dem öffentlichen Friedhof von Cebu.

Obwohl er sonst bevorzugt und leidenschaftlich den Armen nahe ist, trat Pater Max deshalb am vergangenen Wochenende im weißen Habit neben der Hollywood-Schauspielerin Salma Hayek, Tennis-Weltstar André Agassi und rund 350 anderen Prominenten der ZDF-Spendengala „Ein Herz für Kinder" auf, um mehr Spenden für das Vorhaben „Friedhofskindergarten" zu sammeln. Pater Max, der auch schon aufgrund seines Menschenrechtsengagements von Militärs als linker Guerillo verleumdet wurde, kommt so nicht mit leeren Händen nach Hause. „Gott liebt uns. Sein Sohn, Jesus Christus, hat uns das durch Tod und Auferstehung gezeigt. Und die Armen sollten diese Liebe erfahren" sagt der Pater plötzlich mit kräftiger Stimme. Er strebe deshalb eine ganzheitliche Evangelisierung an, „für eine ganzheitliche Entwicklung".

Seine philippinische Heimat hat im vorigen Jahr trotz der globalen Finanzkrise eine Wachstumsrate von 4,6 Prozent erreicht, vor allem durch beeindruckende Ergebnisse im Elektronikbereich und ein beachtliches Wachstum in der Tourismusbranche, die schön längst nicht mehr nur US-amerikanische Besucher in das feuchtheiß-tropische Inselreich mit schneeweißen Palmenstränden lockt. Vierzig Prozent der Arbeitnehmer sind aber noch immer nur in der Agrarwirtschaft beschäftigt, die aber lange keinen so hohen Anteil am Sozialprodukt hat. Anbau für den bescheidenen Eigenbedarf, Subsistenzwirtschaft, wie es die Volkswirte nennen, dominiert. Und wenn auch diese nicht mehr den Hunger stillen kann, wandern die Menschen in die größeren Städte, in die Slums, auf die Friedhöfe.

Profiteure des Wachstums sind die ohnehin schon reichen Clans, die sich wie das jüngste Massaker in Maguindanao auf der Insel Mindanao gezeigt hat, gegeneinander aufrüsten und blutige Schlachten liefern, wenn sie durch Bestechung nicht mehr den anderen übertrumpfen können. Auf die Frage, ob man in sicherheitspolitischer Hinsicht bei den Philippinen von einem zerfallenden Staat sprechen kann, nickt Pater Max lebhaft. Das Kriegsrecht in der südphilippinischen Provinz ist nun wieder aufgehoben worden. Den Pater erreicht die Nachricht nach seiner Ankunft in München, beim Gespräch mit Journalisten. Der zierliche und zugleich energiegeladene Geistliche atmet auf. Hintergrund des Massakers war ein Konkurrenzkampf um die Bewerbung für die Gouverneurswahlen in der Provinz. Der Steyler Missionar setzt weiterhin auf das Graswurzelengagement, dem er sich samt Mitstreitern verschrieben hat. „Die Kirche muss sich jetzt der Wählererziehung widmen", schließt der trotz allem hoffend.