Gender-Pay-Gap: Musterbeispiel der Manipulation

Kleinste Gehaltslücke in Italien und Malta, Ländern mit der geringsten Erwerbstätigkeit von Frauen

Rom, (ZENIT.orgIDAF) | 1061 klicks

Warum verdienen Frauen noch immer weniger als Männer? Statistisch betrachtet sind die Ursachen bekannt: Frauen üben häufiger schlechter bezahlte Berufe aus, sie haben seltener Führungspositionen inne und sie schränken häufiger ihre Erwerbstätigkeit ein, um „Sorgearbeit“, d. h. Kindererziehung oder Pflege, bewältigen zu können. Arbeitgebervertreter erklären dies als Ergebnis privater Entscheidungen freier Individuen; Feministinnen interpretieren dagegen diese Verhältnisse als erzwungen durch den Druck überkommener „Geschlechterhierarchien“ im Privat- wie im Berufsleben. Einig sind sich beide Seiten darin, dass die Frauen ihr Verhalten ändern sollen: Sie sollten häufiger lukrative technische Berufe wählen, ihre Erwerbstätigkeit trotz Kindern fortsetzen und sich statt für Teilzeit ‑ öfter für Vollzeitstellen entscheiden. Unterdessen habe der Staat für die Ganztagsbetreuung der Kinder zu sorgen ‑ als Best-Practice-Vorbild dafür firmieren die nordischen Staaten.

In Skandinavien sind Frauen besonders häufig erwerbstätig; ihre Erwerbsquoten bleiben kaum hinter denen der Männer zurück. Die feministische „Planvorgabe“ wäre erreicht, wenn die Frauen nun für ihre Arbeit auch genauso gut bezahlt würden wie die Männer. Genau das ist in Nordeuropa aber nicht der Fall: Je nach Land verdienen Frauen dort ‑ bezogen auf die Bruttostundenlöhne ‑ zwischen 16 Prozent (Schweden) und 20 Prozent (Finnland) weniger als Männer. Das „Gender Pay Gap“ (Gehaltslücke) ist damit etwas kleiner als in Deutschland (23 Prozent), zugleich aber deutlich höher als in Ländern, die gleichstellungspolitisch als „rückständig“ gelten, zum Beispiel Irland, Polen, Portugal und Italien. Die kleinste Gehaltslücke  findet sich nach Eurostat-Zahlen in Italien und Malta (ca. 6 Prozent), also ausgerechnet in den Ländern, in denen Frauen in Europa am seltensten erwerbstätig sind. Das gleichstellungspolitische Ideal geringer Verdienstunterschiede und zugleich einer hohen Frauenerwerbsquote ist in Europa nirgends zu finden. Mit höherer Frauenerwerbsquote nehmen die Verdienstunterschiede im Ländervergleich nicht ab, sondern tendenziell sogar zu.

Das scheint zunächst ein Paradox zu sein. Es lässt sich aber aus den Erkenntnissen der Geschlechterforschung heraus erklären: Demnach sind in hochzivilisierten Gesellschaften die Lebensentwürfe der Frauen vielfältiger als die der Männer, für die mehrheitlich beruflicher und finanzieller Erfolg Priorität hat. Zwar gibt es auch Frauen, die sich primär für Erwerbsberuf und Karriere interessieren, sie bilden aber nur eine Minderheit von etwa einem Fünftel aller Frauen. In der Öffentlichkeit sind sie überrepräsentiert, da fast alle Meinungsbildnerinnen, vor allem Journalistinnen und Politikerinnen, dieser Gruppe angehören und ihre Interessen vertreten. Den Gegenpol zu ihnen bilden Frauen, deren Lebensschwerpunkt Haushalt und Familie sind. In der Öffentlichkeit haben diese familienzentrierten Frauen keine Lobby, obwohl ihr Bevölkerungsanteil dem der Karrierefrauen vergleichbar ist (ca. 20 Prozent). Die Mehrheit der sog. „adaptiven“ Frauen (ca. 60 Prozent) versucht, Familie und Erwerbsarbeit zu verbinden, eine zentrale Rolle spielt dabei die Teilzeitarbeit.

Dieses Muster ist international vorherrschend, während sich die Frauenerwerbsquoten stark unterscheiden. Das bedeutet nun: In Ländern mit niedrigen Frauenerwerbsquoten sind die (relativ wenigen) Arbeitnehmerinnen eher karriereorientiert, sie arbeiten oft in Vollzeit und wählen ähnliche Berufe wie die Männer. Hohe Frauenbeschäftigungsquoten bedeuten dagegen, dass viele Frauen erwerbstätig sind, für die berufliche Karriere nicht das Zentrum ihrer Lebensplanung ausmacht. Sie präferieren oft eine Teilzeiterwerbstätigkeit oder wählen Berufe wie Lehrerin, die sich relativ gut mit der Familienarbeit vereinbaren lassen. Die entscheidende Frage ist dann nicht mehr, ob Frauen erwerbstätig sind, sondern für welche Art der Erwerbstätigkeit sie sich entscheiden. Gerade in wohlhabenden Ländern mit hohen Frauenerwerbsquoten wie Norwegen arbeiten Frauen häufig in Teilzeit und in „typisch weiblichen" Berufen und verdienen deutlich weniger als Männer.

Als Indikator für „Rückständigkeit“ eignet sich das „Gender Pay Gap“ also sicher nicht, seine undifferenzierte Skandalisierung in den letzten Jahren war ein Musterbeispiel politischer Demagogie.