Genie der Menschlichkeit und Friedenskämpfer: Albert Schweitzer

Ein Leben für Afrika: Film über protestantischen Heiligen im Kino angelaufen

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Angela Reddemann

MÜNCHEN, 31. Dezember 2009 (ZENIT.org).-Das Gesicht von Albert Schweitzer (1875 – 1965) kannte ich von einem kleinen, gut in Leinen gebundenen Buchband im Bücherschrank meiner Eltern: „Aus meinem Leben und Denken“. Daneben stand Max Tau: „Ein Flüchtling findet sein Land“. Lesehungrig musste ich mich an einem Winterabend entscheiden, aber das Cover, das der gütige Mann mit Schnurrbart zierte, verlor gegen Max Tau. Später wurde ich überrascht: Beide Friedensboten gehören zusammen. Tau, der erste Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels nach dem 2. Weltkrieg (1950) war es, der durch seine Hartnäckigkeit erreichte, dass Albert Schweitzer, den er 1951 für den Friedenspreis vorschlug, schließlich 1953 in Oslo diese Ehrung entgegennehmen konnte.

Tau erklärte damals: „Wer den Frieden will, muss erst den Frieden in sich selbst schaffen. Jeder Mensch wird mit einem Traum geboren. Er will das Wesentliche seines Eigenen in der Welt verwirklichen. Immer sind es Kinderaugen, und in diesem Augenblick erleben alle die Ehrfurcht vor dem Leben. Darum müssen wir versuchen, den Geist des Friedens in den Kinderherzen zu bewahren“.

Albert Schweizer, ein evangelischer Theologe, der auch als Arzt, Philosoph und Musiker wirkte, hatte in der Leben-Jesus-Forschung Pionierarbeit geleistet. Sein Beitrag zur Erforschung des historischen Jesus sollte so etwas wie das Drehbuch für sein eigenes Leben und das seiner Familie, werden. Das hatte mein Langzeitgedächtnis als Einziges vom Prüfungsstoff des Theologiestudiums behalten. Als ich seinen Namen jetzt im grellen Neonlicht beim Kino am Ende unserer Straße prangen sah, wurde ich neugierig: Albert Schweizer als Weihnachtsfilm: Ein Leben für Afrika.

Von Anfang an entführt uns der Film des Regisseurs Gavin Millars Biopic mit seinen großformatigen Panoramaaufnahmen der südafrikanischen Flusslandschaft des Ogooué um Lambarene, dem 1913 von Schweizer gegründeten Urwaldhospital, in die faszinierende Welt der Menschen und der Natur Gabuns.

Im Stile eines Thrillers deckt er die verschlungenen Pfade des amerikanischen Kolonialimperialismus in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg auf, in dessen Wahnsinn sogar auf einen evangelischen Pastor im afrikanischen Busch Druck ausgeübt wird.

Der Mann aus Lambarene, dessen Prinzip „Ehrfurcht vor dem Menschen“ lautet - so macht der Film mit seinen kurzen und gehaltvollen Szenen deutlich - ist eigentlich kein politisch ambitionierter Mensch, sondern ein Praktiker des wahren Humanismus.

Eine Reise zwecks Fundraising in die USA zeigt im Film die Freundschaft Albert Schweitzers (gespielt von Jeroen Krabbé) zu Albert Einstein (Armin Rohde). Dieser will Schweizer dazu gewinnen, dem Drang der USA, mit Nuklearwaffen den „Kalten Krieg“ zu entscheiden, Einhalt zu gebieten. Schweizer hat keine Angst, von den Medien als Kommunistenfreund verfehmt zu werden, aber der Film zeigt eindringlich, wie schwer es ihm fällt, sein Lebenswerk Lambarene und die Menschen dort wegen dieser Bedrohung zu opfern.

Seine Frau liefert den öffentlichen Gegenstimmen das tiefere Argument für diese Haltung:„Mein Mann schreibt Grußworte an Menschen aller Einstellungen und religiösen Überzeugungen. Er glaubt noch an die scheinbar altmodisch gewordene Praxis der universellen Bruderschaft“.

Jesus von Nazareth, Bach und die Medizin aus Liebe zu den Ärmsten, so die Botschaft des Films, werden die tragenden Säulen eines protestantischen Heiligen, der in seinem gutbürgerlichen europäischen Zuhause als Mitmensch der Ärmsten keine bleibende Heimat mehr zu finden mag.

Dass der 100 Minuten lange Streifen die Figur Schweizers, der seine Berufung, für die Ärmsten da zu sein, mit seiner Frau in Lambarene unter dem Primat der freiwilligen Armut umsetzt, partout nicht sensationell heldenhaft oder abgehoben zeichnen will, mag in der heutigen Kinolandschaft überraschend wirken.

Aber gerade dadurch bekommt "Ein Leben für Afrika“ eine nachhaltige Wirkung. Schweizer wird trotz seiner einmaligen Größe paradigmatisch zu einem Vorbild auf Augenhöhe. Humorvoll wird seine Schusseligkeit eingespielt, sein Hang zu starkem Kaffee und seine Dickköpfigkeit dargestellt, die oft zu Spannungen mit seiner Familie und dem Mitarbeiterkreis führen.

An keiner Stelle verklärt der Film die Figur dieses großen Protestanten. Für seine Tochter Rhena war es nicht leicht, ihm zu folgen: “Ich war ohne meinen Vater, damit du hier weitermachen kannst… Wir haben dieses Opfer gebracht… und jetzt wirfst du alles weg.

Ohne Scheu zeigt der Film, wie sein patriarchalischer charismatischer Leitungsstil zuweilen aneckt, aber in der ehrlichen Selbstkritik zu einer authentischen Form wird, das Evangelium revolutionär an der Seite der Ärmsten zu leben. Die beiden Amerikaner, die Fotografin Thérèse Bourdin (Judith Godrèche) und der als PR-Reporter getarnte CIA-Agent Figgis (Samuel West) stehen für die verschiedenen Sichtweisen auf dieselbe Realität.

Figgis, der Lambarene und das Lebenszeugnis des engagierten Teams über Wochen sieht, ändert seine Grundhaltung nicht. Schließlich wird er als Verräter von ehrlicher Menschlichkeit entlarvt. Er steht als Symbol für jede Form von ideologischer Verblendung, die unter Realitätsverlust und somit Herzlosigkeit leidet und letztlich für seine Auftragsgeber eine Marionette bleibt.

Der Film gipfelt in der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo im Oktober 1953 und hinterlässt nach den jüngsten Ereignissen die Hoffnung, dass sich eine solche altehrwürdige Weltinstanz darauf besinnt, dass sich der Friede als Preis nur mit wahren und radikalen Trägern verträgt.

[Weiterführendes dokumentarisches Material für Unterricht und Studium: Albert Schweizer. Leben mit einer Vision. DVD.]