George Weigel über den größten Zeuge des Christentums im 20. Jahrhunderts

Der bekannte Papst-Biograph zieht Bilanz

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NEW YORK, 4. April 2005 (ZENIT.org).- Papst Johannes Paul II. ist für George Weigel der "größte Zeuge des Christentums ims vergangenen Jahrhundert".



In einem Gespräch mit ZENIT zieht der Papst-Biograph aus den USA ("Zeuge der Hoffnung", Schöningh-Verlag, 2002) eine Bilanz von Leben und Wirken des Heiligen Vaters Johannes Paul II., der in der Nacht zum Barmherzigkeitssonntag gestorben ist.

-- Was hat Papst Johannes Paul II. für die Bedeutung der Kirche in internationalen Angelegenheiten getan?

--Weigel: Das Papsttum hat immer schon den Anspruch auf universale "Durchschlagskraft" gestellt. Johannes Paul II. hat diesem Anspruch wahre Bedeutung verliehen, weil er für die ganze Welt sozusagen zu einem Ein-Mann-Bezugspunkt für moralische Fragen geworden ist. Und dabei hat er die Welt daran erinnert, dass "internationale Angelegenheiten" immer moralisch beurteilt werden sollten.

Im Gegensatz zur Lehre der Realisten in der Außenpolitik ist internationale Politik keine "amoralische" Bühne. Es gibt nichts Menschliches, das von einer moralischen Begründung losgelöst wäre, nicht einmal zwischenstaatliche Politik. Ich bezweifle, dass die Welt das schon ganz begriffen hat, aber darauf hat Johannes Paul II. immer bestanden.

-- Was waren seine größten Erfolge in den Bereichen Geopolitik, Soziallehre, Theologie, Ekklesiologie?

-- Weigel: Die Schlüsselrolle von Johannes Paul II. beim Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa – er entfachte eine Gewissensrevolution, die schließlich die gewaltlose politische Revolution von 1989 hervorbringen konnte –, das war eine unglaubliche Errungenschaft.

Daneben sollten wir seine bedeutende Rolle in der Beilegung des Konflikts um den Beagle-Kanal zwischen Argentinien und Chile nicht vergessen, der in einen blutigen Krieg auszuarten drohte. Ebenso bedeutsam war seine Rolle für die Ausbreitung der Demokratie in Lateinamerika sowie seine Unterstützung für den Demokratisierungsprozess in den Philippinen und in Südkorea.

Die Verteidigung der Universalität der Menschenrechte in seiner Rede vor der UNO 1955 war auch ein sehr wichtiger Beitrag, gerade zu einer Zeit, in der das Konzept von "allgemein gültigen Menschenrechten" von Postmodernisten, Islamisten, den übrig gebliebenen Kommunisten und den autoritären Menschen in Ostasien bestritten oder verhöhnt wurde.

Im Bereich der Soziallehre gab der Papst der katholischen Soziallehre mit seiner Enzyklika "Centesimus Annus" aus dem Jahr 1991 eine neue empirische Sensitivität, insbesondere für wirtschaftliche Belange.

Einige sozial engagierte Katholiken hatten bereits auf die Möglichkeit eines "dritten Weges" neben Sozialismus und Kapitalismus hingewiesen. "Centesimus Annus" hat erkannt, dass eine vom Gesetz richtig geregelte marktzentrierte Wirtschaft tatsächlich dieser "dritte Weg" sei. Aber wiederum bin ich nicht sicher, ob diejenigen, die einem mythischen "dritten Weg" nachhängen, das auch so angenommen haben.

Die "Theologie des Leibes" erscheint mir die kreativste theologische Leistung von Johannes Paul II. zu sein, obwohl natürlich ein ungeheuer großer theologischer Schatz in seinen Enzykliken, Apostolischen Schriften, Postsynodalen Schreiben und Ansprachen verborgen ist, den die Kirche noch "verdauen" muss.

Seine Theologie der göttlichen Barmherzigkeit zum Beispiel muss noch genau erforscht werden, genauso wie seine Mariologie und Lehre vom "marianischen Profil" der Kirche, wonach die Jüngerschaft die fundamentalste Wirklichkeit der Kirche ist, ja sogar noch grundlegender als ihr "petrinisches" Profil, ihre Struktur als autoritative Gemeinschaft.

Zur Ekklesiologie: Ich glaube, es war wichtig, dass Johannes Paul II. die Kirche wieder in das richtige "Gleichgewicht" gebracht hat, denn die nationalen Bischofskonferenzen wären sonst vielleicht praktisch autonome "Synoden" nach orthodoxem Muster geworden. Das ist natürlich das genaue Gegenteil dessen, was die Kritiker des Papstes in den letzten 20 Jahren gefordert haben.

-- Was hat Johannes Paul II. Ihrer Meinung nach als das größte "unerledigte Werk" seines Pontifikats betrachtet?

-- Weigel: Natürlich kann ich nicht für den Papst sprechen, aber als sein Biograph glaube ich, dass das große "unerledigte Werk" in seinem Pontifikat die ökumenischen Initiativen von Johannes Paul II. einschließt, vor allem mit der Orthodoxie.

Scheinbar hat er 1978 wirklich daran geglaubt, dass die Bresche zwischen Rom und dem christlichen Osten, die formal 1054 aufgebrochen war, zu Beginn des dritten Jahrtausends geschlossen werden könnte. Offensichtlich ist das nicht geschehen. Der Grund dafür liegt meiner Meinung nach darin, dass die Orthodoxie nicht in derselben theologischen oder psychologischen Verfassung ist wie im Jahr 1054. Für viele Orthodoxe ist die Aussage, nicht in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom zu stehen, Teil ihrer Selbstbestimmung geworden. Solange sich das nicht ändert und solange die orthodoxen Christen nicht denselben leidenschaftlichen Wunsch wie der Papst den Orthodoxen gegenüber verspüren, mit Rom beim eucharistischen Mal eins zu sein, solange wird es keinen wesentlichen ökumenischen Fortschritt zwischen der Ostkirche und Rom geben können. Das alles ist sehr schmerzlich.

Aber wahrscheinlich ist es ein Merkmal von Johannes Paul II., dass er der Geschichte und dem, was sie ertragen kann, zu weit voraus gewesen ist.

-- Hat die Welt verstanden, dieses außergewöhnliche Pontifikat zu schätzen?

-- Weigel: Er wurde als kultivierter, menschlich sehr symphatischer, sehr mutiger, konsequenter und mitfühlender Mensch geschätzt. Ich frage mich aber, ob man ihn als den Menschen gewürdigt hat, der er wirklich war, nämlich als den größten Zeugen für das Christentum im vergangenen Jahrhundert.

Alle anderen Errungenschaften des Papstes entspringen aus dieser einen Tatsache: Hier war ein Mensch, der mit jeder Pore seines Wesens gespürt hat, dass Jesus Christus die Antwort auf die jene Frage ist, die letztlich jedes menschliche Leben ist.

-- Zum Vermächtnis von Johannes Paul II. gehören sicher seine entscheidende Bedeutung für den Zusammenbruch des Kommunismus, seine theologische Vertiefung der kirchlichen Lehre über Ehe und Sexualität und der neue pastorale und intellektuelle Schwung, mit dem er das Petrusamt ausgeführt hat. Dennoch ist heute, nach seinem über 26-jährigen Pontifikat, die Kultur des Todes bedrohlicher: Weit verbreitete Abtreibung, Stammzellenforschung bei Embryonen, Euthanasie… Ist es von einem Papst zuviel verlangt, das alles zu ändern?

-- Weigel: So ist es. Und wir sollten uns immer daran erinnern, woran sich auch Johannes Paul II. stets erinnert hat, dass nämlich die Kirche nicht nur der Papst ist.

Fehler im Umgang mit der Kultur des Todes, die man ändern will, sind die Fehler aller Menschen in der Kirche, denn sie alle haben die Chance, eine Kultur des Lebens zu errichten – und tun es doch nicht.

-- Der Heilige Geist inspirierte die Kardinäle bei der Wahl des Papstes aus Polen im Jahr 1978. Was waren die Folgen dieser Entscheidung, durch die die Jahrhunderte alte Tradition der italienischen Päpste gebrochen wurde?

-- Weigel: Ich hoffe, dadurch hat sich nun ein weites Feld möglicher Kandidaten aufgetan. Nationalität, Volkszugehörigkeit und Rasse werden eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Die große Frage, die wohl jeder potentielle Papst beantworten müssen wird, ist die, ob er ein Mann Gottes ist, der andere zu einer ähnlichen Glaubenstiefe mitreißen kann.

-- Wodurch hat Sie Papst Johannes Paul II. persönlich am meisten beeindruckt?

-- Weigel: Seine außergewöhnliche Tatkraft und die Tatsache, dass er immer nach vorn geschaut und an die Zukunft gedacht hat. Dass er sich gefragt hat: "Was wird jetzt von uns verlangt?"

Seine Energie war nicht die eines wilden oder leicht erregbaren Mannes: Sie war still und beständig und die Frucht eines bemerkenswert reichen inneren Lebens, seines Gebetslebens.

-- Wird die Welt nach seinem Tod wirklich bereit sein, seiner Botschaft zuzuhören?

-- Weigel: Wir wollen es hoffen. Vielem von ihm gilt es zuzuhören.