Georgien: Die russische Politik der verbrannten Erde und die Lage der Flüchtlinge

Interview mit Gabriela von Habsburg

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TIFLIS, 28. August 2008 (ZENIT.org).- Die Situation für die Flüchtlinge „ist nach wir vor sehr problematisch“, berichtete Gabriela von Habsburg gestern, Mittwoch, aus der georgischen Hauptstadt Tiflis. In einem Telefongespräch schilderte die Bildhauerin, die an der Kunstakademie Tiflis unterrichtet, gegenüber ZENIT die Not der Menschen nach den kriegerischen Auseinandersetzungen. Außerdem betonte sie, dass der Einmarsch der russischen Truppen von langer Hand vorbereitet worden sei.

„Es werden sicher nicht alle Flüchtlinge wieder zurückgehen können“, so Habsburg. „Unmöglich wird es sicher für jene sein, die aus Südossetien geflohen sind. Das heißt, für sie muss hier eine Lösung gefunden werden.“ Auch für Flüchtlinge aus Gebieten, die in Abchasien liegen, werde es sehr schwierig werden. Einige Flüchtlinge seien bereits jetzt in die rund 60 Kilometer von der georgischen Hauptstadt Tiflis entfernte Stadt Gori zurückgekehrt, die die russischen Truppen immerhin verlassen hätten. Ihre Not sei groß, es fehle an allem, auch wenn sich die Caritas und andere Hilfsorganisationen für all diese Menschen einsetze.

Am 26. August erklärte Caritas international, dass die georgischen Flüchtlinge vollständig auf Hilfe angewiesen seien. Sie benötigten vor allem „Kleidung, Schuhe, Wäsche, Hygieneartikel und medizinische Versorgung“. Außerdem seien sie „psychisch sehr angespannt und vor allem die Kinder sind teilweise starr vor Angst, viele stehen unter Schock. Für sie ist dringend psychologische Hilfe erforderlich.“

Die Hilfsgüter der internationalen Gemeinschaft treffen nach Worten von Habsburg per Flugzeug in Tiflis ein. Der Landweg bis nach Gori sei frei – dorthin könnten sie gebracht werden –, doch danach gebe es zahlreiche russische Kontrollposten. Sie könne nicht sagen, ob die Hilfslieferungen immer tatsächlich durchgelassen würden; man habe auch anderslautende Berichte vernommen.

Auf die Frage, ob die russischen „Friedenstruppen“ der Bevölkerung in den von ihnen besetzten Gebieten helfen und die zerstörten Häuser wieder aufbauen würden, erklärte Habsburg, dass eher das Gegenteil der Fall sei.

„Leider Gottes werden die ganzen Dörfer jetzt in Südossetien von den Russen komplett platt gemacht – mit Bulldozern niedergewalzt, so dass man gar nicht mehr sieht, dass da Häuser waren. Sie haben sogar Bienenhäuser in Brand gesteckt.“ Alles in Südossetien, was an Georgien erinnert, werde vollkommen zerstört. Ähnlich wie zur Zeit Stalins wolle Russland nun auch hier und jetzt die Vergangenheit des Gegners auslöschen.

„Als ich vor zehn Tagen nach Gori fuhr, bin ich Kilometer und Kilometer an brennenden Weizenfeldern vorbeigefahren“ – ein weiteres Anzeichen für das menschenunwürdige Vorgehen der russischen Truppen, die zudem Streubomben eingesetzt und zahlreiche Mienen gelegt hätten, die die humanitäre Hilfe sehr erschwerten.

Habsburg wies in dem Telefongespräch auch darauf hin, dass sich Russland bereits in der Vergangenheit sehr um eine Schwächung Georgiens bemüht habe: Nach einem Handelsembargo für Wasser und Wein aus Georgien vor rund einem Jahr – unter Angabe fandenscheiniger Gründe – habe sich das russische Regime für den Sturz des georgischen Präsidenten eingesetzt, der dann allerdings im Januar 2008 wiedergewählt wurde. So sei der Krieg eine logische Folge gewesen, was auch die Tatsache zeige, dass die russischen Truppen auf diesen „Einsatz“ besonders gut vorbereitet gewesen seien. In einem persönlichen Gespräch mit dem russischen General Borisov sei das Habsburg indirekt bestätigt worden.

Das Wasserschutzgebiet, wo das georgische Wasser herkommt, sei während des kriegerischen Konflikts durch Brandbomben schwer in Mitleidenschaft gezogen worden.

Die Vorteile, die sich für Russland durch den Kriegszug ergeben, liegen nach Angaben von Habsburg auf der Hand: Nun könne man auf die einzige Öl-Pipeline zugreifen, die noch nicht von Russland kontrolliert worden sei, und man bekomme Zugang zum Schwarzen Meer, dessen Küste nun in russischer Hand sei (Im einzigen russischen Hafen am Schwarzen Meer, Sotchi, könnten keine Kriegsschiffe einlaufen).

Die Schicksale, von denen sie erfahre, seien erschütternd. Flüchtlinge aus Südossetien hätten ihr einiges berichtet. „Eine Frau hat mir erzählt, dass sie gesehen hat, wie sie ihren Vater im Haus verbrannt haben, und ihr Sohn ist von einem Granatsplitter getroffen worden. Er war eine Weile ohnmächtig, hat sich dann aber in einen Wald flüchten können.“

Eine Lösung der Krise auf dem Kaukasus könne nur auf internationaler Ebene gefunden werden. Und nach Worten von Habsburg könne sie nur darin bestehen, „dass sich die Russen komplett aus Georgien zurückziehen“, zumindest aus dem georgischen Kernland.

Von Dominik Hartig