„Gerade diese Welt braucht unser Zeugnis!“ Prälat Brandmüller bestärkt 500 Pilger aus Bamberg

Festgottesdienst zum 1000-jährigen Bistumsjubiläum in Rom

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ROM, 22. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Prälat Walter Brandmüller, Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, am 2. September im Festgottesdienst anlässlich der Jubiläumswallfahrt des Erzbistums Bamberg nach Rom gehalten hat.



Rund 500 Kinder, Frauen und Männer hatten unter der Leitung von Erzbischof Ludwig Schick an der Jubiläumswallfahrt vom 31. August bis zum 6. September teilgenommen. Prälat Brandmüller ermutigte die Pilger, jeden Minderwertigkeitskomplex abzulegen und der Welt, die auf das Zeugnis der Gläubigen warte, mit frohem, dankbarem Selbstbewusstsein zu begegnen. „Nichts wie heraus aus dem Mauseloch, in das sich so viele aus Angst vor der ungläubigen Welt verkrochen haben!“

* * *

Liebe Bamberger Rompilger!

Ziel eurer Jubiläumswallfahrt ist – wie konnte es anders sein – Petrus der Fels, auf dem der Herr seine Kirche – und als einen Teil von ihr auch das Bistum – Erzbistum Bamberg gebaut hat. „Petrus“: d.h. das Grab des Apostelfürsten, d.h. der lebendige Petrus – der Papst.

An diesem Ort und aus diesem Anlass gewinnt der eben gelesene Abschnitt aus dem Hebräerbrief besondere Leuchtkraft: Die Kirche ist der Berg Zion, die Kirche ist die Stadt des lebendigen Gottes – ein irdischer Abglanz des himmlischen Jerusalem.

I

In der Tat mag man das auch von der Stadt Rom sagen, die gerade in den letzten Jahren immer mehr zum Mittelpunkt der christlichen Welt geworden ist. Die Millionen, die zu „Petrus“ kommen, bezeugen die Erfüllung der Prophetie des Jesaja: „Viele Nationen machen sich auf den Weg zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs, denn von Zion kommt die Weisung des Herrn und aus Jerusalem sein Wort!“ Das ist es, was die Ströme der Pilger – und auch Euch – hier herführt.

In dem lauten dissonanten Stimmenwirrwarr der Propheten des Zeitgeistes suchen wir klare Wegweisung. Hier finden wir sie, wo die Stimme des Stellvertreters Christi zu hören ist. Petrus, der Fels, ist der neue Berg Zion, von wo die Weisung des Herrn ausgeht. „Auf Zion hoch gegründet ist Gottes heilige Stadt, dass sie der Welt verkündet was Gott gesprochen hat“. So singt ihr in diesen Tagen mit neuer Überzeugung.

II

Alsdann ist in unserem Text die Rede von denen, die in diesem himmlischen Jerusalem wohnen. Es gilt auch euch Bambergern, wenn es da heißt: „ Ihr seid hingetreten zu tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung, zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind … zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten …“.

Interessant, dass der Text nicht heißt: „Ihr werdet einmal hintreten …“ Nein! Ihr seid schon hingetreten zu dieser Himmel und Erde umspannenden Gemeinschaft der Erlösten. Es ist Gegenwart, dass wir dazugehören. Die Grenzen zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen Himmel und Erde sind überschritten! Wir gehören heute, hier und jetzt – wenn immer wir im Einklang mit Gottes Geboten leben – schon zu jener Gemeinschaft der Heiligen, von der wir im Glaubensbekenntnis sprechen. Und diese Gemeinschaft der Heiligen ist eine festliche Versammlung. An ihr nehmen wir buchstäblich teil, wenn wir uns in den Kirchen unserer Heimat vor Gottes Angesicht zusammenfinden, und in Gemeinschaft mit der „festlichen Versammlung“ des Himmels und mit der Gemeinschaft der Heiligen auf Erden das Opfer des Neuen Bundes, die hl. Messe, feiern.

Dieses beglückende Dazugehören ist ja hier im Petersdom, auf dem Petersplatz, ganz nah zu erleben, wenn die zehn – manchmal hunderttausende von Katholiken aus allen Erdteilen in der gemeinsamen Muttersprache der Kirche singen: „Credo in unum Deum“ und „Pater noster, qui es in coelis“. Da weitet sich der Blick, da weitet sich das Herz und wir verstehen den Psalmvers: „Wie freute ich mich als man mir sagte zum Haus des Herrn wollen wir ziehen“!

Es ist dieses Dazugehören – das jeden ortskirchlichen Provinzialismus hinter sich lässt – wirklich beglückend! „Ich bin nicht allein, ich führe keinen einsamen Kampf, ich bin nicht verlassen in dieser Welt! Mit mir glauben, kämpfen, beten mehr als eine Milliarde Brüder und Schwestern, Mitbürger des himmlischen Jerusalem. „Wer glaubt ist nie allein“ haben die Bayern gesungen als der Papst seine Heimat besuchte.

Dann aber eröffnet sich eine erregende Zukunftsperspektive: Das Dazugehören zur Gemeinschaft der Heiligen, der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind, zu diesen Tausenden von Engeln und den Geistern der schon vollendeten Gerechten, um das wir bislang nur im Glauben wissen, das wird im Augenblick, da für uns die Ewigkeit beginnt, in ein unbeschreiblich seliges Erleben einmünden – übergehen, in ein unaussprechliches unendliches Glück.

Das Tor zu diesem Glück – wir nennen es „Himmel“ – das ist die Gemeinschaft der Heiligen auf Erden, die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, die der Herr auf Petrus den Felsen gebaut und ihr unerschütterlichen Bestand bis zu seinem Wiederkommen zugesichert hat. Mit welch tiefer Überzeugung dürfen wir singen: „Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad in seine Kirche berufen hat“! Die Bitte schließt sich an: „O lass im Hause dein uns all geborgen sein“!

III

Wie aber, meine Lieben, steht es um diesen Dank und diese Bitte im Alltag mancher Pfarreien? Ich muss die mannigfachen Krankheitssymptome, die da sichtbar werden, nicht beschreiben – Ihr kennt sie selbst! Die Frage ist nur, woher denn diese bleierne Müdigkeit, diese Selbstbezweiflung, diese besserwisserische Nörgelei kommen, die jede Begeisterung und Freude abwürgen?

Der Glaube, meine Freunde, der Glaube an die Wirklichkeit Gottes, an seine Gegenwart, an das Wirken des Geistes Gottes in Wort und Sakramenten der Kirche – der Glaube ist so matt und blutleer geworden. Wie das Kaninchen auf die Schlange, die es gleich verschlingen wird, so starren nicht wenige auf die Propheten des Zeitgeistes und ihre Parolen – und mancher möchte sagen: verzeiht mir, dass ich katholisch bin – ich will’s nie mehr tun! Man schämt sich, Katholik zu sein! Nein, dieser unglaubliche katholische Minderwertigkeitskomplex muss überwunden werden!

Vergesst auch nicht: Die Kirche hat seit 2000 Jahren noch jeden geistigen Tsunami und jedes politische Erdbeben überstanden! Weltmächte sind zerbrochen, Diktaturen haben sich in Luft aufgelöst, Ideologien und Weltanschauungen sind verdunstet – geblieben ist die katholische Kirche. Sie hat bis auf den heutigen Tag noch jeden ihrer Feinde überlebt. „Du bist’s, die über allen Grüften betet“ – sagt die Dichterin zur Kirche.

Liebe Bamberger: Es gibt nichts auf der Welt, was so wahr wäre wie der katholische Glaube, und dort, wo dieser Glaube das Denken und Handeln der Menschen bestimmt, da kommt – soweit das hier auf Erden überhaupt möglich ist – die Welt in Ordnung!
Diese durch die Erfahrung von 2000 Jahren bestätigte Überzeugung muss uns neu beseelen.

Ein frohes, dankbares Selbstbewusstsein muss die Katholiken wieder erfüllen – und dann: nichts wie heraus aus dem Mauseloch, in das sich so viele aus Angst vor der ungläubigen Welt verkrochen haben! Gerade diese Welt braucht unser Zeugnis!

Möge die Feier dieses 1000-Jahr Jubiläums des Erzbistums Bamberg einen Schlussstrich ziehen unter eine Zeit der Wirrnis und der Selbstbezweifelung. Wenn dann ein frischer Wind der Glaubensfreude und Glaubenstreue durch die Hallen unserer fränkischen Kirchen weht, dann mag mit dem zweiten Millennium ein neuer Frühling neues Leben wecken. Die Herzogin von Franken wir ihren Segen dazu geben!

[Vom Autor zur Verfügung gestelltes Original]