Gerechter unter den Völkern wird Seliger der Kirche

Papst erkennt Martyrium des italienischen Journalisten Odoardo Focherini an

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Von Jan Bentz

ROM, 14. Mai 2012 (ZENIT.org). – Papst Benedikt XVI. hat am 10. Mai im Zuge der Audienz mit dem Präsidenten der Kongregation für die Heiligsprechungen, Kardinal Angelo Armato, unter anderen das Dekret zur Anerkennung des Martyriums des italienischen Journalisten Odoardo Focherini, am 6. Juni 1907 in Carpi , Italien, geboren und am 27. Dezember 1944 im Außenlager Hersbruck, Deutschland, gestorben, zur Promulgierung freigegeben.

Bischof Elio Tinti von Carpi erklärte bei der Gedenkveranstaltung zum 100. Geburtstag im Jahr 2007 (ZENIT berichtete) in seiner Laudatio auf den Journalisten: „Er war ein Mann, der ins Leben zahlreicher Menschen Freude zu bringen vermochte, besonders in das Leben der 105 Juden, die er retten konnte. Aber er bot immer auch allen, denen er begegnete, ein glänzendes Vorbild von dem, was es heißt, ein Mann der Einfachheit zu sein.“ Bischof Tinti erwähnte auch die tiefe Liebe des Journalisten für seine Familie: „sein zärtliches Verhältnis zu seiner geliebten Frau und zu seinen sieben lieben Kindern – tiefe Bande, die sich uns aus den erstaunlichen Briefen offenbaren, die er schrieb; Bande aber, die ihn nicht daran hinderten, sein Leben für andere hinzugeben.“ Der Hirte brachte damals seine Hoffnung zum Ausdruck, dass dieser Mensch bald offiziell als Märtyrer anerkannt werden möge. „Sein Leben ist wirklich ein Loblied auf die Heiligkeit.“

Papst Benedikt hatte ihn zu diesem Anlass in seiner Botschaft an die Diözese als „unvergessliche Figur eines christlichen Ehemannes bezeichnet, dessen lebhaftes Zeugnis weiterhin zu der Kirche von heute spricht.“

Odoardo Focherini war bei seinem Tod 37 Jahre alt, Ehemann und siebenfacher Vater, ein glühender Katholik und Direktor der „Azione Cattolica“ (Katholische Aktion).

Am 6. Juni 1907 in der Bischofsstadt Carpi in der Region Emilia-Romagna als Sohn eines Eisenwarenhändlers geboren, engagierte er sich bereits in seiner Jugend in der „Katholischen Aktion“. Er wurde 1928 Präsident des katholischen Jungmännerbundes, gründete die Jugendzeitschrift „L’Aspirante“ und dann 1936 Präsident der „Katholischen Aktion“ in seiner Diözese. Er heiratete im Juli 1930 und wurde Vater von sieben Kindern. Nach einer Tätigkeit für eine katholische Versicherung wurde er Verwaltungsdirektor der Tageszeitung „L’Avvenire d’Italia“.

Im Jahr 1938 stellte Focherini den Juden Giacomo Lampronti, der wegen der Rassengesetze seinen vorherigen Job verloren hatte, beim Avvenire ein. Dieser ehrte Focherini nach dessen Tod mit seinen Erinnerungen „Mio fratello Odoardo" (Mein Bruder Odoardo), (Bologna, 1948).

In den folgenden Jahren baute Focherini unter Einsatz seines eigenen Lebens durch seine Kontakte zu vielen gläubigen Katholiken und dem Priester Don Dante Sala ein regelrechtes Netzwerk auf, mit Hilfe dessen es ihm gelang, 105 Juden das Leben zu retten, indem er ihnen zur Flucht aus Italien in die Schweiz verhalf.

Odoardo war unermüdlich tätig, stellte den Kontakt mit den Familien der Verfolgten her, kümmerte sich um die Dokumente und suchte Finanzierungsmöglichkeiten.

Er wurde von den Faschisten im Jahr 1944 bei einem Krankenbesuch des Juden Enrico Donati im Ramazzini-Spital in Carpi verhaftet, nach Bologna zur SS-Kommandatur gebracht und gelangte über das italienische Gefängnis S. Giovanni in Monte zunächst ins Konzentrationslager  Fossoli di Carpi, dann über das Durchgangslager Gries in Tirol nach Flossenbürg in Bayern und schließlich in das Lager Hersbruck bei Nürnberg, wo er am 27. Dezember an einer Blutvergiftung starb.

Während seiner Haft schrieb Focherini 166 Briefe, im letzten opferte er sein Leben ausdrücklich für den Papst, die „Katholische Aktion“ und die Wiederherstellung des Friedens: „Ich erkläre, dass ich im reinsten katholischen, apostolischen und römischen Glauben und in vollständiger Unterwerfung unter den Willen Gottes sterbe. Mein Leben will ich als Opfergabe für meine Diözese und die Katholische Aktion, für den Papst und die Wiederherstellung des Friedens auf dieser Welt hingeben."

1955 wurde ihm von der Jüdischen Gemeinde in Italien die Goldmedaille für besondere Verdienste verliehen, seit 1969 wird er in Yad Vashem als „Gerechter der Völker“geehrt.

Am 16. April 2007 ehrte ihn der Staat Italien mit der Goldenen Verdienstmedaille.

Der Seligsprechungsprozess wurde am 12. Februar 1996 eröffnet und auf diözesaner Ebene am 5. Juni 1998 abgeschlossen. Danach wurden die Akten nach Rom weitergegeben.

Der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“, eine Bezeichnung biblischen Ursprungs, ist eine von der Gedenkstätte Yad Vashem nach der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 verliehene Auszeichnung nicht-jüdischer Einzelpersonen, Organisationen oder Regionen, die sich zur Zeit des Zweiten Weltkrieges zur Rettung von Juden eingesetzt haben. Nachgewiesen werden muss eine konkrete und sicher bezeugte Rettungsaktion für Juden oder Teilnahme an einer solchen und ein dabei nachweislich eingegangenes persönliches Risiko, sowie kein Verlangen einer Gegenleistung für die gewährte Hilfeleistung.

Mit Stand von Ende 2011 gehörten 524 Italiener zu diesem Personenkreis.