Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Impuls zum Sonntagsevangelium am 33. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 11. November 2011 (ZENIT.org). - Auch das heutige Gleichnis von den Talenten ist den meisten Menschen geläufig, auch wenn sie keine Kirchgänger sind. Es ist ja auch außerordentlich einleuchtend. Jeder Mensch weiß im Grunde seines Herzens, dass irgendeinmal Abrechnung gehalten wird, und dass man jemandem – wer auch immer das ist – antworten muss auf die Frage: „Was hast du aus deinem Leben gemacht?“ Der gläubige Mensch weiß, dass dieser Jemand kein anderer als Gott ist. Die vielen, die sich selbst mit dem oft etwas modischen Wort ‚Agnostiker‘ bezeichnen, werden, je nach Temperament sagen: ob es eine solche übergeordnete Instanz überhaupt gibt, wissen wir ja nicht, aber die Vorstellung, dass alles, was man im Leben getan und unterlassen hat, irgendwie und irgendwo einmal zur Sprache kommen muss, ist auch ihnen nicht fremd. Leider bleiben sie auf diesem niedrigen Erkenntnisstand stehen. Sehr zu ihrem eigenen Nachteil, denn die daraus sich ergebende Unsicherheit kann bedrückend sein.

Um wie viel leichter hat es der gläubige Christ, der sich über solche Fragen nicht mehr den Kopf zu zerbrechen braucht, weil er „weiß“, dass Gott ein Richter ist, aber ein barmherziger Richter.

Auch dieses „Wissen“ bezieht er aus einem Gleichnis des Herrn, das eine gute Ergänzung des heutigen Gleichnisses darstellt. Es handelt sich um das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder, noch deutlicher gesagt, vom barmherzigen Vater. Im heutigen Sonntagsevangelium hören wir, dass Gott die Menschen gerecht beurteilt je nachdem, was sie aus den ihnen gegebenen Talenten gemacht haben. Diejenigen, die ihre Möglichkeiten gut genutzt haben, werden reich belohnt. Die Gerechtigkeit erfordert aber auch, dass derjenige, der sein Talent gar nicht benutzt hat, bestraft wird.

In dem anderen Gleichnis, dem von der Barmherzigkeit des Vaters, der ja kein anderer ist als der Himmlische Vater, ist auch von der Schuld eines Menschen die Rede, die eigentlich geahndet werden müsste. Aber sie wird ihm erlassen, weil er bereut. Im Gleichnis von den Talenten dagegen sehen wir bei dem Schuldigen keinerlei Reue, im Gegenteil, er macht dem Herrn freche Vorhaltungen und behauptet, dass er eigentlich die Arbeit der Menschen nicht beurteilen dürfe, da er ja selber nicht arbeite. Zwar hat er sich scheinbar korrekt verhalten, denn er hat das Talent ja nicht verprasst oder verloren, sondern händigt es dem Herrn wieder aus. Aber er sagt selbst, dass er Angst hat. Er hat Angst vor seinem Herrn, weil er keinerlei Vertrauen aufbringt.

Ich meine, dass diese beiden Gleichnisse, zusammen gesehen, dem heutigen Menschen in seiner vielfältigen Brechung sehr helfen können, auch dem, der sich als Agnostiker bezeichnet. Wir sehen deutlich, dass die Gerechtigkeit Gottes, die vollkommen ist, noch „übertroffen“ wird von seiner Barmherzigkeit. Wer denkt dabei nicht an die Enzyklika „Dives in misericordia“ des sel. Johannes Paul II., an die Einführung des sog. Barmherzigkeits-sonntags eine Woche nach Ostern, an die hl. Schwester Faustyna mit ihrem Barmherzigkeits-rosenkranz? Das alles ist gerade unserer Zeit von Gottes Vorsehung gegeben, um die Menschen daran zu erinnern: auf unsere Verdienste, und damit auf die Gerechtigkeit Gottes, können wir uns letztlich nicht berufen, denn wir sind alle Sünder. Das Gute, das wir getan haben, wird von dem Schlechten, das wir auch getan haben, infrage gestellt. Das was uns rechtfertigt, ist die Barmherzigkeit Gottes. Aber sie erfordert von unserer Seite ein Vertrauen, das die Angst überwindet, ein Vertrauen, das auf den Tugenden des Demut und der Liebe gründet. Wann werden wir endlich begreifen, dass Gott uns grenzenlos liebt, dass es ihn kränken muss, wenn Menschen sagen: wir wissen nichts Näheres über Gott. Die Offenbarungen Gottes im Alten wie im Neuen Bund sind doch glaubwürdig und deutlich genug.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.