„Gerettet auf die Hoffung hin“: Die Enzyklika „Spe salvi“ – ein Überblick

Von Armin Schwibach

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ROM, 30. November 2007 (ZENIT.org).- Seit 12.30 Uhr des heutigen 30. Novembers steht die zweite Enzyklika Papst Benedikts XVI. der Kirche zur Meditation zur Verfügung. Ein päpstliches Rundschreiben richtet sich in erster Linie an die Bischöfe und Christgläubigen. Der Papst legt in ihm wesentliche Leitlinien für das Leben der Kirche, die Wirklichkeit des Glaubens und den einzelnen als Christ in der Welt fest. Sie betreffen die Auslegung der Wirklichkeit und des Sinnes des Seins aller Menschen in der Welt – sei es, dass sie Gott schon gefunden haben, sei es, dass Gott ihnen fremd ist.



Nach der Enzyklika Deus caritas est (2005) über das Wesen des Christentums als Religion der Liebe, über die Gottes- und die Nächstenliebe stellt Benedikt XVI. eine zweite göttliche Tugend in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: die Hoffnung.

Jeder Mensch hat Hoffnungen. Jeder Mensch hofft auf das Gute oder das Bessere. Einige hoffen auf einen Gewinn im Lotto, der ihnen das Leben „umwirft“ (in welche Richtung der Wurf dann geht, sei dahingestellt). „Ich hoffe“, „hoffen wir“ – Ausdrücke, die wohl zu den am meisten gehörten und ausgesprochenen gehören. Und somit auch zu den leersten, die Gefahr laufen, im Gewirr des Alltags, in den Falten der Konsumgesellschaft, in den immer wieder aufkommenden revolutionären Ideologien verschüttet zu werden. Spe salvi geht es nicht um ein „Etwas“, eine Vielfalt von Dingen oder Umständen, auf die man hofft oder hoffen kann.

Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung der Enzyklika hatte der bekannte italienische Theologe Bruno Forte, Erzbischof der Diözese Chieti-Vasto und langjähriger Konsultor der Glaubenskongregation, erklärt, was der Papst in den Vordergrund stellen will: Die Hoffnung ist für den Christen eben kein „Etwas“, kein Wunsch, der sich nur in die Zukunft richtet, sondern ein „Jemand“, der kommen wird, insofern er schon da ist: Jesus Christus, das Fleisch gewordene Wort Gottes. Forte erläuterte, dass Benedikt XVI. auf den eschatologischen Sinn des Christentums hinweisen will, der angesichts der aktuellen Bedürfnisse allzu oft in den Schatten gestellt wird.

Der Einzelne aber kann einen Sinn nur in der Rückkehr auf die christliche Hoffnung finden. Ein Wort zur Hoffnung also betrifft die Frage nach der letzten Bestimmung des Menschen, des Lebens, des Todes, des ewigen Lebens. Eine Hoffnung, die in Gott ihren Grund hat und in Gott endet: durch sie kann der Sinn der Geschichte ausgemacht werden.

Die Hoffnung ist ein dem Papst teures Thema, denn: „Angesichts des wechselhaften und komplexen Panoramas der heutigen Zeit wird die Tugend der Hoffnung innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen auf eine harte Probe gestellt“ (23.9.2005). Dabei bleibt es jedoch für Benedikt XVI. die Hoffnung, die es dem Christen ermöglicht, nicht dem Pessimismus und dem Nihilismus zu erliegen. Zusammen mit der Liebe, die Gott ist („Deus caritas est“), ist also die Hoffnung als „theologale“ Tugend Eckstein des Gebäudes des wahren Lebens.

„Das ist also die Grundfrage: „Welcher Art ist denn diese Hoffnung, die es gestattet zu sagen, von ihr her und weil es sie gibt, seien wir erlöst? Und welcher Art Gewissheit gibt es da?“ (Spe salvi, 1).

Benedikt XVI. führt den Leser sofort in die innere Dynamik des Christentums hinein, das die Verzweigung und Verflechtung des göttlichen mit dem menschlichen Leben ist: „Spe salvi facti sumus“, das Wort des heiligen Paulus: „Durch die Hoffnung sind wir gerettet“ (Röm 8,24), interpretiert der Papst in der ersten Zeile sofort als ein Wort, das Richtung weist: „auf Hoffnung hin“ sind wir gerettet. Erlösung ist nicht einfach da, erklärt der Papst. Wir sind erlöst, weil uns Hoffnung geschenkt wurde. Diese Hoffnung ist es, die den Menschen mit seiner Gegenwart umgehen lässt. Die Zeitlichkeit des Daseins ist der Weg zum Ewigen, und das Ewige gibt dem Zeitlichen Sinn.

„Glaube ist Hoffnung“, so der Titel des ersten Abschnittes. Benedikt XVI. erläutert den Weg des Glaubens, der vor dem Verlaufen im Nichts bewahrt. Der Glaube ist kein Besitz, die christliche Botschaft keine reine „Information“. Sie ist „performativ“, was heißt: „Das Evangelium ist nicht nur Mitteilung von Wissbarem; es ist Mitteilung, die Tatsachen wirkt und das Leben verändert.“

„Die dunkle Tür der Zeit, der Zukunft, ist aufgesprengt. Wer Hoffnung hat, lebt anders; ihm ist ein neues Leben geschenkt worden.“

Worin besteht diese Hoffnung? Nicht ohne Gott in der Welt zu sein, antwortet der Papst mit einem Wort des heiligen Paulus. Die Hoffnung besteht „in der realen Begegnung mit Gott“.

Im zweiten Abschnitt setzt Benedikt XVI. „das Verständnis der Hoffnung des Glaubens im Neuen Testament und in der frühen Kirche“ auseinander. Den Briefen des heiligen Paulus ist zu entnehmen, dass die Christen die „gegenwärtige Gesellschaft … als uneigentliche Gesellschaft erkannt (haben); sie gehören einer neuen Gesellschaft zu, zu der sie miteinander unterwegs sind und die in ihrer Wanderschaft antizipiert wird“. Die Menschwerdung Christi kehrt das Weltbild um: „Nicht die Elemente des Kosmos, die Gesetze der Materie, herrschen letztlich über die Welt und über den Menschen, sondern ein persönlicher Gott herrscht über die Sterne, das heißt über das All; nicht die Gesetze der Materie und der Evolution sind die letzte Instanz, sondern Verstand, Wille, Liebe – eine Person“ (7). So wird der Mensch frei von der Macht der Materie und der Sklaverei des Zufalls.

„Glaube ist Hypostase dessen, was man hofft; der Beweis von Dingen, die man nicht sieht.“ Glaube ist, so Benedikt XVI. in der Auseinadersetzung mit einer bestimmten protestantischen Exegese in kritischer Haltung gegenüber der Übersetzung des Schriftwortes in der deutschen „Einheitsübersetzung“, kein Überzeugtsein. Es handelt sich vielmehr um eine „objektive Wertigkeit“ des Glaubens: „Der Glaube ist nicht nur ein persönliches Ausgreifen nach Kommendem, noch ganz und gar Ausständigem; er gibt uns etwas. Er gibt uns schon jetzt etwas von der erwarteten Wirklichkeit, und diese gegenwärtige Wirklichkeit ist es, die uns ein ‚Beweis‘ für das noch nicht zu Sehende wird. Er zieht Zukunft in Gegenwart herein, so dass sie nicht mehr das reine Noch-nicht ist. Dass es diese Zukunft gibt, ändert die Gegenwart; die Gegenwart wird vom Zukünftigen berührt, und so überschreitet sich Kommendes in Jetziges und Jetziges in Kommendes hinein“ (7).

Der dritte Abschnitt behandelt die Frage: Ewiges Leben – was ist das? Benedikt XVI. durchschreitet die existentielle Situation des Menschen auf seinem irdischen Weg, mit seiner Suche nach Glück, die ihn oft an den Abgrund des Verzweifelns drängt. Für den Christen aber besteht die Antwort darin, „aus der Zeitlichkeit, in der wir gefangen sind, herauszudenken und zu ahnen, dass Ewigkeit nicht eine immer weitergehende Abfolge von Kalendertagen ist, sondern etwas wie der erfüllte Augenblick, in dem uns das Ganze umfügt und wir das Ganze umfangen. Es wäre der Augenblick des Eintauchens in den Ozean der unendlichen Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vor- und Nachher mehr gibt. Wir können nur versuchen zu denken, dass dieser Augenblick das Leben im vollen Sinn ist, immer neues Eintauchen in die Weite des Seins, indem wir einfach von der Freude überwältigt werden“ (11).

Der vierte Abschnitt gilt der Frage: „Ist die christliche Hoffnung individualistisch?“ Im Gegensatz zu individualistischen Tendenzen in der Neuzeit hebt der Papst hervor, dass es zum Wesen des Christentums von seinen Anfängen her gehört, „dass das Heil immer als gemeinschaftliche Wirklichkeit angesehen wurde“ (14).

Der Abschnitt „Die Umwandlung des christlichen Hoffnungsglauben in der Neuzeit“ geht der Frage nach, wie sich die Vorstellung entwickeln konnte, dass die Botschaft Jesu streng individualistisch sei. „Wie kam es dazu, dass die ‚Rettung der Seele‘ als Flucht vor der Verantwortung für das ganze und so das Programm des Christentums als Heilsegoismus aufgefasst werden konnte, der sich dem Dienst für die anderen verweigert?“ (16).

Im Ausgang von der Analyse der Grundlagen der Neuzeit stellt Benedikt XVI. fest, dass der Glaube zwar nicht angezweifelt, allerdings in den Bereich des Privaten verlagert wird: „Die Wiederherstellung dessen, was der Mensch in der Austreibung aus dem Paradies verloren hatte, hatte man bisher vom Glauben an Jesus Christus erwartet, und dies war als ‚Erlösung‘ angesehen worden. Nun wird diese ‚Erlösung‘, die Wiederherstellung des verlorenen ‚Paradieses‘ nicht mehr vom Glauben erwartet, sondern von dem neu gefundenen Zusammenhang von Wissenschaft und Praxis“ (17). Die Kategorien der Vernunft und Freiheit traten in den Vordergrund, und „das Reich der Vernunft wird eben als neue Verfassung der ganz frei gewordenen Menschheit erwartet“ (18). Damit tritt in den Bereich der hoffenden Erwartung des Menschen der politische Bereich ein. Die geschieht zunächst mit der Französischen Revolution und dann mit der Entwicklung des Denkens Marx und des Marxismus. Das zu Erhoffende wurde endgültig in den Bereich des Endlichen verlegt, wobei das eigentlich Menschliche, die Freiheit des Individuums vergessen wurde: „(Marxens) eigentlicher Irrtum ist der Materialismus: Der Mensch ist eben nicht nur Produkt der ökonomischen Zustände, und man kann ihn allein von außen her, durch das Schaffen günstiger ökonomischer Bedingungen, nicht heilen“ (21).

Der vorletzte Abschnitt gilt den „Lern- und Übungsorten der Hoffnung“. Diese sind das Gebet als Schule der Hoffnung (32-34); das Tun und Leiden als Lernorte der Hoffnung (35-40) und das Gericht als Lern- und Übungsort der Hoffnung.

Die reinigende Kraft des Gebetes entfaltet sich dann, wenn es ganz persönlich ist, „Konfrontation meines Ich mit Gott, dem lebendigen Gott“. Dabei muss es gleichzeitig von den Gebetsworten der Kirche und der Heiligen sowie vom liturgischen Gebet erleuchtet werden (vgl. 34).

Den zweiten Lernort betreffend entwickelt Benedikt XVI. eine Theologie und Anthropologie des Leidens. Im Vordergrund steht für den Papst nicht die Idee der radikalen Eliminierung des Leiden, denn: „Die Fähigkeit, um des Wahren willen zu leiden, ist Maß der Humanität. Aber diese Leidensfähigkeit hängt an der Weise und an dem Maß der Hoffnung, die wir in uns tragen und auf die wir bauen. Weil die Heiligen von der großen Hoffnung erfüllt waren, konnten sie den großen Weg des Menschseins gehen, wie ihn uns Christus vorangegangen ist“ (39).

Wichtiger Lernort der Hoffung ist das Gericht und das Opfer: „Als Christen sollten wir uns nie nur fragen: Wie kann ich mich selber retten? Sondern auch: Wie kann ich dienen, damit andere gerettet werden und dass anderen der Stern der Hoffnung aufgeht? Dann habe ich am meisten auch für meine eigene Rettung getan“ (48). Dabei ist es die Begegnung des Menschen mit Christus, die „uns umbrennt und freibrennt zum Eigentlichen unserer selbst. Unsere Lebensbauten können sich dabei als leeres Stroh, als bloße Großtuerei erweisen und zusammenfallen. Aber in dem Schmerz dieser Begegnung, in der uns das Unreine und Kranke unseres Daseins offenbar wird, ist Rettung“ (47).

Benedikt XVI. beschließt die Enzyklika mit einer Betrachtung über Maria, den „Stern der Hoffnung“. Der Papst tritt in einen Dialog mit der Gottesmutter ein und entdeckt sie betend als Wegweiser der Hoffnung.

„Wie finden wir die Straße des Lebens? Es erscheint wie eine Fahrt auf dem oft dunklen und stürmischen Meer der Geschichte, in der wir Ausschau halten nach den Gestirnen, die uns den Weg zeigen. Die wahren Sternbilder unseres Lebens sind die Menschen, die recht zu leben wussten. Sie sind Lichter der Hoffnung. Gewiss, Jesus Christus ist das Licht selber, die Sonne, die über allen Dunkelheiten der Geschichte aufgegangen ist. Aber wir brauchen, um zu ihm zu finden, auch die nahen Lichter – die Menschen, die Licht von seinem Licht schenken und so Orientierung bieten auf unserer Fahrt. Und welcher Mensch könnte uns mehr als Maria Stern der Hoffnung sein – sie, die mit ihrem Ja Gott selbst die Tür geöffnet hat in unsere Welt?“