Gertrud Fussenegger: "Ich fühle mich in einem Hafen angekommen"

Die mitteleuropäische Autorin über das Christliche in der Dichtung, ihren Glauben und die Werte, die das Leben tragen

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MÜNCHEN, 9. April 2002 (ZENIT.org-Kirche in Not).- Am 8. Mai wird die Ehrenpräsidentin des Verbandes Katholischer Schriftsteller Österreichs Prof. Dr. Gertrud Fussenegger 90 Jahre alt. Am Donnerstag, dem 11. April, findet um 19 Uhr ein großer Literaturabend zu Ehren der Autorin in München statt: Adalbert-Stifter-Saal im Sudetendeutschen Haus, Hochstraße 8, am Gasteig, U- und S-Bahn-Haltestelle Rosenheimer Platz (näheres unter Telefon: 089/22800411 oder www.fussenegger.de.). Das Interview führte Michael Ragg für "Kirche in Not/Ostpriesterhilfe".



FRAGE: Frau Fussenegger, das Erzählen ist Ihre große Leidenschaft, man könnte auch sagen, es ist Ihre Berufung. Der Dichter Reiner Kunze schrieb einmal über Sie: "Beim Abendessen erzählte Gertrud Fussenegger, in Hall in Tirol hätten Klassenkameraden aus der Volksschule sie daran erinnert, dass sie schon als Kind Geschichten erzählt und ihnen, damit sie ihr zuhörten, die Schultasche getragen habe. Man muss wohl mit zehn bereit sein, anderen, damit sie einem zuhören, die Schultasche tragen, um mit achtzig Zuhörer zu haben, die einem gern die Schultasche tragen würden." Worin sehen Sie die Bedeutung des Erzählens, was zieht den Dichter an den Schreibtisch?

GERTRUD FUSSENEGGER: Erzählen ist ein Urzustand des Menschen. Bei einem Schriftsteller ist es so, dass einem im Kopf bestimmte Bilder herumgehen, Probleme oder Situationen. Man weiß zuerst gar nicht, was sie sollen. Aber sie wollen zueinander. Sie wollen von Sprache aufgefangen werden und sich in Sprache realisieren. So fängt es an. Dann kommt es dazu, dass man diese isolierten Dinge doch in ein höheres Bedeutungsmuster einordnen möchte.

FRAGE: Man nennt Sie eine "katholische" Schriftstellerin, obwohl Sie einmal gesagt haben, dass Sie mit dem, was gemeinhin katholische Literatur genannt wird, nicht viel anfangen können.

GERTRUD FUSSENEGGER: Ich glaube, da hat man mir vorher Namen genannt, die mir nicht viel gesagt haben. Christliche, katholische Literatur, hat mir schon einen großen Eindruck gemacht und zwar im "Renoveau Catholique". Das war eine Bewegung in Frankreich um das Jahr 1900 herum. Das sind die großen Namen Bernanos, Peguy und Bloy. In meiner Jugend hat mich auch Sigrid Undset, von der heute niemand mehr spricht, sehr beeindruckt. Das ist eine Norwegerin, die erst als ältere Frau zum Katholizismus übergetreten ist. Das waren schon tiefe Eindrücke. Aber man kann auch weltliche Bücher christlich lesen. Man kann in ihnen Derivate des Christlichen auffinden. Es war immer meine Sehnsucht und Freude, wenn ich solche Elemente auch in weltlicher Literatur entdeckt habe.

FRAGE: Was macht eigentlich christliche Literatur aus? Sie, Frau Fussenegger, schreiben ja nicht über Bischöfe oder Heilige und auch nicht etwas, was man als "fromme Erbauungsliteratur" bezeichnen könnte.

GERTRUD FUSSENEGGER: Ich glaube, christliche Literatur ist vor allem eine Literatur, die das Transzendente ernst nimmt.

FRAGE: Sie sprachen davon, dass Sie auch in der säkularen Literatur gerne nach Christlichem spüren. Es ist ja interessant, dass der Dichter bei uns als moralische Instanz gilt. Man erwartet, zumindest von einem "großen" Dichter Wegweisung, Orientierung. Gibt es einen besonderen Zusammenhang zwischen Dichtung und Wahrheit? Kann man sagen, dass große Dichtung immer eine gewisse Nähe zu grundlegenden Wahrheiten hat und damit auch eine Hinneigung zum Christlichen?

GERTRUD FUSSENEGGER: Dichtung ist ja immer auch Wahrheitssuche. Aber die dort gefundene Wahrheit unterscheidet sich grundlegend von der Wahrheit, die im abstrakten Diskurs gefunden werden kann. Dichtung arbeitet mit Bildern, mit Charakteren, mit ganz anderen Mitteln als eine abstrakte Abhandlung. Man kann Dichtung auch nicht so eindeutig deuten. Die Deutungen sind immer vielfältig. Das ist das Schöne daran, manchmal auch das Gefährliche, aber auch das, was den Autor reizt. Er muss ja mit sich selbst ins Reine kommen und das ist für ihn ein Lebensprozess, auch ein lustvoller Prozess. Ohne Lust könnte man nicht schreiben.

FRAGE: Sie haben ein bewegtes Leben hinter sich. Sie mussten sich immer wieder bewegen - von einem Land ins andere. Sie sind zwischen Böhmen, Bayern, Vorarlberg und Tirol unterwegs gewesen und mussten immer wieder neu Wurzeln schlagen. Bewegt war und wird Ihr Leben aber auch durch zwei Ehen, fünf Kinder, viele Enkel und Urenkel. Schließlich ist Ihr Leben geprägt durch all die geistigen Irrungen und Wirrungen, die es im vergangenen Jahrhundert reichlich gegeben hat. War Ihnen die Religion sozusagen in die Wiege gelegt, gehörte sie selbstverständlich zu Ihrem Leben oder war Ihre Religiosität Ergebnis eines langen Prozesses?

GERTRUD FUSSENEGGER: Wie ich dazu gekommen bin, eine praktizierende Katholikin zu werden, das ist allerdings ein Stück Lebensgeschichte. Es würde viel zu lange dauern, darüber zu sprechen. Aber - ich fühle mich jetzt in einem Hafen angekommen, nach vielen stürmischen Fahrten durch die Ideologien des 19. Jahrhunderts. Ich komme eigentlich aus einer liberalen Familie. Irgendwann sind wir aus Böhmen nach Vorarlberg und Tirol umgezogen. Das waren strikt katholische Länder. Das hat mir sehr imponiert. Ich wollte lieber herausgefordert als nur verwöhnt und gestreichelt sein. In meiner Jugendzeit hat man sich natürlich mit dem Sozialismus befasst, mit Nietzsche, mit Spengler, dann auch mit Freud. Aber immer wieder ist das Christliche, die große Frobotschaft, aus dem Meer der Irrtümer aufgetaucht und hat mich überzeugt.

FRAGE: Sie verfolgen ja schon lange die Geschichte Ihrer Kirche. Wie sehen Sie heute die Entwicklung der Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil?

GERTRUD FUSSENEGGER: Da bin ich mehr beunruhigt als erfreut, muss ich sagen. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist viel von Entmythologisierung die Rede. Abgesehen davon, dass schon "Mythos" im Bereich der Religion ein pejoratives Wort ist, wo fängt "Entmythologisierung" an und wo hört sie auf? Von der Kirche wünsche ich mir, dass wieder große Heilige in ihr entstünden, große charismatische Persönlichkeiten, die uns überraschen, die uns zu neuen Perspektiven führen. Diese neuen Perspektiven müssen durchaus nicht permissiv sein. Das wäre mein Wunsch an die Kirche, aber mehr noch an die göttliche Gnade.

FRAGE: Nun liegt die Kirche bei uns ja nicht gerade im Trend. Heute versucht die allgegenwärtige Werbung dem Menschen zu vermitteln, dass Geld verdienen und konsumieren die entscheidenden Werte sind. Was würden Sie aus Ihrer Lebenserfahrung heraus jungen Menschen sagen, wenn sie danach fragen, was eigentlich ein erfülltes Leben ausmacht?

GERTRUD FUSSENEGGER: Alle, ob jung oder alt, die nur auf Geld und Konsum schauen, tun mir leid. Was ein erfülltes Leben ausmacht?: Arbeit, so redlich wie möglich, da sein für andere Menschen - und dann eben der Blick hinüber in die andere große Welt.

FRAGE: Sie haben als Historikerin das vergangene Jahrhundert mit seinen Zeitströmungen sensibel beobachtet. Wenn Sie drei Wünsche an unser 21. Jahrhundert frei hätten, welche wären das?

GERTRUD FUSSENEGGER: Ich hoffe, dass all die Kurven, die jetzt so extrapoliert aufsteigen, wieder abflachen, bevor sie den kritischen Punkt des Absturzes erreichen. Ich wünsche mir, dass die Menschen die Zuversicht in ihre eigene Natur nicht verlieren. Schließlich ist die Menschheit schon Jahrmillionen alt und sie hat so viele Erfahrungen in sich deponiert, dass sie schließlich diese Erfahrungen, zwar betrunken von einem ungeheuren Schub von Neuerungen, nicht ganz vergisst und dass diese sich wieder zu Wort melden. Und dann hoffe ich, dass die Kirche und das Christentum den Menschen weiterhin Orientierung und Trost bringen.