Geschichte und Ziele der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften

Von Ulrich Nersinger

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WÜRZBURG, 12. Oktober 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wer schon einmal die Vatikanischen Gärten besucht hat, wird bestätigen können, dass es sich lohnt, bei der Casina di Pio IV. etwas länger zu verweilen. Das ehemalige Landhaus Pius IV. (1559–1565) gilt als einer der schönsten und malerischsten Orte im Kirchenstaat. In der Villa des Medici-Papstes trifft sich alljährlich ein Kreis dezent gekleideter Damen und Herren. Die vatikanischen Gendarmen, die den Zugang bewachen, legen ihre Hand forsch an die Schirmmütze und grüßen die Eintretenden mit einem respektvollen „Eccellenza“. Die so Titulierten gehören zur „Päpstlichen Akademie der Wissenschaften“.



Diese international bedeutende und geschätzte Institution des Heiligen Stuhls kann ihre Ursprünge bis in das Jahr 1603 zurückführen, auf die „Accademia dei Lincei“, zu deren Mitglieder einst auch Galileo Galilei gehörte. Federico Cesi hatte in diesem Jahr begonnen, aus seinem Freundeskreis alle zu sammeln, denen – wie es in der Gründungsurkunde hieß – „die Natur- und Geisteswissenschaften am Herzen lagen“. Der Name der Akademie („dei Lincei – der Luchs“) wollte man als Programm verstanden wissen: sich einem Luchs gleich mit scharfen Blick wissenschaftlichen Forschungen zu widmen.

Bis zum Pontifikat Papst Pius IX. (1846–1878) war das Wirken der Akademie von einem stetigen Auf und Ab begleitet. Pius IX. wollte dem abhelfen und unterzog das Institut schon zu Beginn seines Pontifikates einer grundlegenden Reform. Er benannte es 1847 in „Pontificia Accademia dei Nuovi Lincei“ um und gab ihm den Status einer offiziellen Akademie des Kirchenstaates. Nach dem Untergang des alten Kirchenstaates im Jahre 1870 wurde die Akademie von Italien in Besitz genommen und in eine „Königliche“ umgewandelt; jedoch blieben viele ihrer Mitglieder dem Heiligen Stuhl treu, so dass auch eine „Päpstliche“ fortbestand.

Im Jahr 1922 bestimmte Papst Pius XI. (1922–1939) die Casina Pius IV. zum neuen Sitz der Akademie. Dem Papst, selber ein Gelehrter, lag diese wissenschaftliche Einrichtung des Heiligen Stuhls besonders am Herzen. Mit dem Motu Proprio „In multis solaciis“ vom 28. Oktober 1936 gab er ihr eine neue Ordnung und benannte sie am 1. Juni 1937 in „Päpstliche Akademie der Wissenschaften“ um. Nach dem Wunsch des Papstes sollten in ihr Katholiken wie Nichtkatholiken Aufnahme finden, Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit keine Rolle spielen. Als Zeichen gegen die Rassengesetze der Nationalsozialisten und Faschisten berief der Ratti-Papst demonstrativ zwei jüdische Mathematiker, Tullio Levi-Civita und Vito Volterra, in die Akademie.

Schon in den ersten Jahren gehörten Wissenschaftler von weltweitem Ruf dem päpstlichen Institut an – so der Radiopionier Guglielmo Marconi, der Entdecker des Penicillins, Sir Alexander Fleming, der dänische Physiker Niels Bohr sowie aus Deutschland der Chemiker Otto Hahn und der Physiker Werner Karl Heisenberg. Heute sind in der Akademie so bekannte und verdienstvolle Wissenschaftler wie der amerikanische Physiker Stephen W. Hawking, der israelische Immunbiologe Michael Sela und der Wiener Biochemiker Hans Tuppy anzutreffen. Am 9. Oktober 2007 wurden der deutsche Physiker Klaus von Klitzing und der amerikanische Chemiker chinesischer Herkunft Yuan Tseh Lee an die Akademie berufen; beide Wissenschaftler erhielten in den vergangenen Jahren den Nobelpreis.

Die Wahl neuer Mitglieder geschieht durch die Angehörigen der Akademie selber. Der Papst entscheidet dann frei über deren Ernennung, die auf Lebenszeit erfolgt. Ursprünglich sahen die Statuten des Institutes vor, dass die Zahl der Akademiker 70 betrug; 1986 erhöhte Papst Johannes Paul II. sie jedoch auf 80. „Durante munere“, also während ihrer Amtszeit, zählen auch die Präfekten der Apostolischen Bibliothek und des Vatikanischen Geheimarchivs, der Direktor der Päpstlichen Sternwarte von Castel Gandolfo sowie der Direktor des Astrophysikalischen Labors des Observatoriums zum Kreis der Akademiemitglieder.

Als Pius XI. von der Akademie als seinem „wissenschaftlichen Senat“ sprach, war dies keine leere Worthülse. Der Papst erbat sich von den Wissenschaftlern ein engagiertes Forschen in allen Bereichen der Naturwissenschaften, verbunden mit dem Ansuchen, dass ihm die Gelehrten bei wissenschaftlichen Themen, die für den Glauben eine Relevanz besaßen, mit ihrem Rat zur Seite stehen sollten. „Die Kirche gewährt ihnen hierfür vollständige Freiheit in der Art und Weise des Forschens“, unterstrich Pius XII. 1940 in seiner Ansprache an die Vollversammlung der Päpstlichen Akademie.

In wissenschaftlichen Belangen lässt sich der Heilige Stuhl daher oft durch Mitglieder der Akademie vertreten; auf internationalen Fachkongressen sind die „Accademici Pontifici“ ebenso anzutreffen wie bei Konferenzen, die vom Europarat, dem Zusammenschluss der Amerikanischen Staaten oder den Vereinten Nationen ausgerichtet werden.

[© Die Tagespost vom 11. Oktober 2007]