Geschichtsepos über die Abschaffung der Sklaverei

Filmrezension: Lincoln

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 1179 klicks

Steven Spielbergs Spielfilm „Lincoln“ beginnt mit Originalaufnahmen von Sklaven in den Vereinigten Staaten. Damit macht der amerikanische Regisseur zweierlei deutlich: Einerseits konzentriert er sich bei seinem biografischen Film über Abraham Lincoln auf die Abschaffung der Sklaverei als bedeutendste Tat des 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Andererseits beansprucht Spielberg damit aber auch historische Authentizität bei seiner Darstellung des Weges zur Verabschiedung des 13. Zusatzartikels im Repräsentantenhaus und damit zur Abschaffung der Sklaverei. Dass es sich dabei um einen politischen und nicht in erster Linie einen militärischen Prozess handelt, verdeutlicht ebenfalls „Lincoln“, inszeniert Spielberg doch in seinem Film so gut wie keine kriegerische Auseinandersetzung. Die schmutzigen Bilder aus einer Schlacht im Schlamm, die der Zuschauer zu Beginn sieht, bedeuten denn auch bereits den Sieg der Union der Nordstaaten gegen die Konföderation der 1861 als Reaktion auf die Wahl Abraham Lincolns zum Präsidenten ausgetretenen Südstaaten. Bei seinem Besuch bei den Truppen unterhält sich der gerade wiedergewählte Präsident Lincoln (Daniel Day-Lewis) vornehmlich mit schwarzen Soldaten der Union. Obwohl die Armee der Südstaaten bereits über die Kapitulation verhandelt, knüpft Abraham Lincoln die endgültige Wiederherstellung des Friedens nach vierjährigem Sezessionskrieg an die Verabschiedung des 13. Zusatzartikels zur Verfassung an.

Während die konföderierten Unterhändler hingehalten werden, versucht der Präsident, die für die Verabschiedung des 13. Zusatzartikels erforderliche Zweidrittel-Mehrheit zusammenzubekommen – was angesichts der Kräfteverteilung im Repräsentantenhaus kaum möglich erscheint, so die entschiedene Meinung von Außenminister William Seward (David Strathairn). Aber Lincoln gibt sich nicht geschlagen: Er lässt drei Hintermänner bei den Abgeordneten auf Stimmenfang gehen, mit nicht immer ganz lauteren Methoden: Da werden Posten in Aussicht gestellt, manchmal auch handgreiflich gedroht. Hin und wieder sucht sogar der Präsident das Gespräch, um Abgeordnete umzustimmen. Nicht eindeutig ist die Haltung des linksrepublikanischen Kongressabgeordneten Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones), dessen radikale Attacken auf die Sklaverei sich manchmal kontraproduktiv auswirken. Auf der Gegenseite tritt besonders leidenschaftlich der Demokrat George Pendleton (Peter McRobbie) auf, für den es sich naturgemäß verbiete, den Schwarzen das Wahlrecht einzuräumen.

Die Inszenierung von „Lincoln“ besticht durch die authentischen Stoffe, die entsättigten Bilder des Kameramanns Janusz Kaminski, die mit einem guten Gespür für Rhythmus von Editor Michael Kahn montiert und mit dem einfühlsamen Soundtrack von John Williams unterstützt werden. Diese formalästhetischen Elemente dienen als Rahmen für eine Handlung, in der, anders als bei den meisten Spielberg-Filme Dialoge eine tragende Rolle spielen, so die politischen Gespräche mit dem Außenminister oder die langen Erklärungen im Kabinett. Gerade wegen dieser Betonung der Erzählung gegenüber den Bildern besitzt „Lincoln“ kaum die emotionale Kraft früherer Spielberg-Filme. Eine besondere Stärke besitzt „Lincoln“ jedoch im Spiel von Daniel Day-Lewis, dessen Ähnlichkeit mit dem Präsidenten insbesondere dadurch erreicht wird, dass er vorwiegend im Profil und halbdunkel im Gegenlicht wiedergegeben wird. Was allerdings die Leistung von Daniel Day-Lewis keineswegs schmälern soll. Denn mit seiner zurückgenommenen Mimik geht der irische Schauspieler in seiner Rolle geradezu auf. Aber auch Tommy Lee Jones stellt seinen Thaddeus Stevens mit einer breiten Palette an Gefühlen und Reaktionen dar, ohne jedoch zu chargieren.

Das Drehbuch von Tony Kushner, John Logan und Paul Webb verknüpft den politischen mit dem privaten Abraham Lincoln: Immer wieder wird sowohl seine nicht konfliktfreie Beziehung zu seiner Frau Mary Todd Lincoln (Sally Field) und zu seinem ältesten Sohn Robert (Joseph Gordon-Levitt) thematisiert, der gegen den Willen des Vaters unbedingt in den Krieg ziehen will. Der Zuschauer erlebt aber auch die fürsorgliche Liebe Lincolns zu seinem jüngsten, kränklichen Sohn Tad (Gulliver McGrath). Dies sorgt für ruhige Momente, die dramaturgisch zu der teilweise rasanten Action in der Haupthandlung einen Ausgleich schaffen. Andererseits bringt diese familiäre Seite des Präsidenten eine gewisse Vermenschlichung des Mythos „Abraham Lincoln“. Daran hält Regisseur Steven Spielberg zwar über weite Strecken seines Filmes fest. Mit zunehmender Filmdauer schleicht sich in „Lincoln“ aber ein Pathos ein, das dieser Absicht entgegenwirkt, sodass letztendlich Abraham Lincoln gewissermaßen als Erfinder der Menschenwürde dargestellt wird. Kennzeichnend für dieses Pathos ist darüber hinaus die in die Länge gezogene, mit unnötiger Dramatik wiedergegebene Abstimmung über den 13. Zusatzartikel am 31. Januar 1865, deren Ausgang ohnehin bekannt ist.

Spielbergs „Lincoln“ unterstreicht freilich auch die Bedeutung des 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten für die Einigung eines nach vierjährigem Bürgerkrieg zerrissenen Landes – mit durchaus aktuellen Bezügen. Außerdem hebt „Lincoln“ die am Naturrecht orientierte und christlich motivierte Haltung der Abolitionisten gegenüber dem Positivismus und einer diffusen Religiosität der Sklaverei-Befürworter hervor.