Gesunder Menschenverstand bei der Bekämpfung von AIDS

Interview mit Bischof Hugh Slattery von Tzaneen (Südafrika)

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TZANEEN, Südafrika, 22. Januar 2008 (Zenit.org).- Kondome seien keine effektive Lösung im Kampf gegen AIDS, betont Bischof Hugh Slattery. Die Situation in Südafrika gibt ihm Recht.



Im folgenden Interview mit ZENIT spricht der Hirte von Tzaneen in Südafrika über den preisgekrönten Dokumentarfilm Sowing in Tears („Sie säen unter Tränen“). Er arbeitete mit Produzent Norman Servais von „Metanoia Media“ zusammen.

Der Film, in dem auch der Durbaner Erzbischof Wilfrid Kardinal Napier eine Hauptrolle spielt, wurde beim 22. internationalen katholischen Film- und Multimediafestival „Niepokalanow 2007“ mit dem „Grand Prix“ ausgezeichnet.

ZENIT: Sie haben einen preisgekrönten Film über HIV/AIDS in Südafrika gedreht. In ihm schildern Sie die katastrophale Situation in der Provinz Limpopo. Könnten Sie davon berichten?

Bischof Slattery: Die Situation in dieser Provinz ist keineswegs die schlimmste in Südafrika. Diese Charakterisierung trifft eher auf KwaZulu Natal zu.

Die Lage ist jedoch in ganz Südafrika wirklich schlimm, und sie verschlimmert sich immer mehr. Die Provinz Limpopo ist eine der ärmsten des Landes.

Unter der erwachsenen Bevölkerung im Alter von 15 aufwärts beträgt die HIV/AIDS-Rate rund 20 Prozent. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die mit dieser Krankheit leben, wissen gar nicht, dass sie an ihr erkrankt sind. Infolgedessen breitet sie sich mit alarmierender Geschwindigkeit immer weiter aus.

Nach neuesten Prognosen beträgt - angenommen, HIV/AIDS breitetet sich weiterhin so schnell aus wie jetzt - die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine 15jährige Südafrikanerin im Lauf ihres Lebens mit HIV/AIDS infiziert, 50 Prozent. Bei Jungen liegt die Infektionsrate etwas niedriger.

Die Menschen wissen zwar inzwischen mehr über AIDS als noch vor einigen Jahren, aber oft ist ihr Wissen lückenhaft und unzutreffend. Aber dieses Bewusstsein und diese Kenntnis wirken sich selten auf das Verhalten aus.

ZENIT: Der Film führt die stetige Weiterverbreitung von HIV/AIDS unter jungen Menschen auf drei Ursachen zurück: mangelnde Orientierung durch die Eltern, Veränderungen in der Regierung und Beeinflussung von außen, durch Interessengruppen. Welche Rolle spielen diese Faktoren konkret?

Bischof Slattery: Die Eltern haben es wirklich sehr schwer, wenn es darum geht, ihren Kindern eine angemessene Orientierung zu geben. Die meisten von ihnen haben, als sie selbst heranwuchsen, diese Art von Unterweisung nicht bekommen, und sie besitzen im Allgemeinen nicht die Sachkenntnis, um ihre Kindern entsprechend zu unterweisen.

Der Übergang zur Demokratie in Südafrika hat zwar Freiheit gebracht, er hat aber auch seinen Preis gekostet, was besonders die jungen Menschen zu spüren bekommen. Sehr aggressiv ist eine sehr säkulare Menschenrechtskultur für alle, auch die Kinder, vorangetrieben worden. Als Folge davon erleben die Eltern, dass sie keine Autorität über ihre eigenen Kinder haben. Und sie lassen sie eben das tun, was sie wollen. Manchmal drohen Kinder auch ihren Eltern: „Wenn du mich anrührst, werde ich es der Polizei melden!“

Die Regierung hat Mitte der 90er-Jahre ein sehr liberales Abtreibungsgesetz verabschiedet, das es Minderjährigen erlaubt, ohne Zustimmung ihrer Eltern eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Sie werden lediglich beraten, aber nicht dazu verpflichtet, ihre Eltern zu informieren.
Vor kurzem verabschiedete die Regierung auch ein Gesetz, das die „Ehe“ gleichgeschlechtlicher Paare erlaubt.

Trotz der Propagierung von Kondomen in den Schulen ist die Schwangerschaftsrate unter Schulmädchen hoch. Mitunter beträgt sie bis zu 20 Prozent.

Der Einfluss von außen fördert und verstärkt all diese Verhaltensweisen. Man verdient ja auch in der Tat an dem Millionen-Dollar-Kondom-Geschäft eine Menge Geld.

Südafrika und die Nachbarländer Botswana und Swaziland haben die höchste Rate von HIV/AIDS-Infektionen weltweit, und es werden dort auch die meisten Kondome verteilt.

Der Schluss, dass mehr Kondome mehr AIDS-Fälle und mehr Todesfälle bedeuten, ist unausweichlich. Es ist natürlich hier genauso politisch unkorrekt („politically incorrect“) wie in der westlichen Welt, auch nur die Möglichkeit anzudeuten, dass Kondome tatsächlich die Ausbreitung dieser tödlichen Krankheit eher begünstigen als eindämmen.

ZENIT: In dem Film wird ein viel beschäftigter Bestattungsunternehmer interviewt. Er berichtet, dass Schülergruppen zu ihm gebracht zu werden pflegten, um ihnen das wahre Gesicht von AIDS zu zeigen. Dies sei anfangs wirksam gewesen. Inzwischen ließen sich die Kinder anscheinend von der Wirklichkeit des Todes nur mehr wenig beeindruckt. Wie stehen die jungen Menschen zu dem Virus?


Bischof Slattery: Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass einige Kinder glauben, dass sie jung an AIDS sterben werden. Ich denke dabei an jene, die ihre Eltern oder andere Familienmitglieder durch diese Krankheit verloren haben.

Es scheint so, dass viele Menschen begonnen haben, all die Beerdigungen an Wochenenden als etwas irgendwie Normales zu akzeptieren. Die meisten, die beerdigt werden, sind jung oder im mittleren Alter, und in der Vergangenheit wären solche Todesfälle als außergewöhnlich betrachtet worden. Heute herrscht wegen AIDS tiefe Hoffnungslosigkeit und Fatalismus in den Familien und den Gemeinden, viel Schmerz und großes Leid, Schweigen und Scham, Zorn und Schuldbewusstsein, Verwirrung und Schuldzuweisung an andere.

Zu Beginn dieses Jahres fragte ich nach der heiligen Messe eine Gruppe junger Mädchen im Alter von ungefähr 11 bis 15 Jahren über ihre Träume und Ängste für die Zukunft. Krank zu werden bezeichneten sie als ihre größte Angst.

Gerade in der letzten Woche sagte eine junge Frau, die in einer unserer Gemeinden als Krankenbetreuerin arbeitet, sie wolle gerade zur Beerdigung einer Verwandten gehen, dem neunten Familienmitglied beziehungsweise der neunten nahen Verwandten, die in diesem Jahr an dem „Virus” gestorben sei. Ja, der Tod ist sicherlich stark präsent im Bewusstsein vieler unserer Kinder.

Unsere Gesellschaft ist traumatisiert und lahmgelegt, da die Pandemie immer mehr außer Kontrolle gerät und die Zahl der AIDS-Waisen und der Haushalte, in denen nur noch Kinder sind, ständig zunimmt.

ZENIT: Können sie uns einige der kreativen Methoden nennen, die die Kirche anwendet, um die Ausbreitung dieser Krankheit zu stoppen, insbesondere angesichts der vorherrschenden Meinung, dass Kondome die große Lösung wären?

Bischof Slattery: Als Kirche versuchen wir, den Schleier der Geheimhaltung und Leugnung rund um HIV/AIDS zu lüften und die Menschen dazu zu bringen, offen darüber zu sprechen. Dies zu tun, ist sicherlich schwierig, besonders bei Männern. Man hat den Menschen in einer totalen Gehirnwäsche eingeredet, dass es in Wirklichkeit gar keine Krise gibt.

Sie erleben, dass eine Menge Menschen der jüngeren Generation sterben. Man sagt ihnen jedoch, die Menschen bekämen AIDS, weil sie die Kondome nicht richtig benutzten, die bewirken sollten, dass der Geschlechtsverkehr ungefährlich wäre. Dahinter verbirgt sich auch noch der weit verbreitete Aberglauben, dass Menschen, die an AIDS sterben, verhext wurden.

Der erste und entscheidende Schritt besteht darin zu versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, dass ein Problem da ist, ja dass ein wirklicher nationaler Notstand vorhanden ist. Das ist das Ziel der ersten DVD mit dem Titel „Sowing in Tears“.

Der nächste Schritt besteht darin, den Menschen auf überzeugende Weise zu zeigen, dass es auch eine wirksame Lösung gibt. Das ist das Ziel der zweiten DVD, „The Change Is On“ („Es bewegt sich was“). Sie zeigt, dass Enthaltsamkeit vor der Ehe und Treue innerhalb der Ehe die Ausbreitung von AIDS schnell stoppen wird.

Die dritte DVD wird sich mit der Betreuung der Kranken, der Sterbenden und der AIDS-Waisen befassen, und die letzte mit Ehe und Familie als der eigentlichen Lösung für die AIDS-Pandemie.

ZENIT: Der andere Film, den Sie erwähnt haben, ist gerade fertig gestellt worden. „The Change Is On“ dokumentiert die Methode, die Uganda zur Bekämpfung von AIDS angewendet hat, die Erziehung zur Enthaltsamkeit. Warum wird Uganda häufig als Erfolgsmodell hingestellt, und warum folgen andere Länder diesem Beispiel?

Bischof Slattery: Uganda war das erste Land, das das Problem der AIDS-Pandemie seit den frühen 90er-Jahren wirklich ernsthaft anpackte. Die starke, überzeugende Führerschaft seines Präsidenten Museveni war der entscheidende Faktor bei der Reduzierung der Ausbreitung von HIV/AIDS von über 25 auf sechs Prozent bis zum Jahr 2002.

Er predigte „common sense“ statt „condom sense“ („gesunden Menschenverstand“ statt „Kondomgläubigkeit“), als er sein Land mobilisierte, indem er Enthaltsamkeit vor der Ehe und Treue in der Ehe als kulturelle Werte propagierte. Er sagte wörtlich: „Ich habe mich nachdrücklich für eine Rückkehr zu unseren kulturellen Werten eingesetzt, die der Treue einen hohen Wert beigemessen und vorehelichen und außerehelichen Geschlechtsverkehr verurteilt haben.“

Uganda gilt zu Recht als Modellbeispiel für die Eindämmung von HIV/AIDS, für Afrika und die ganze Welt. Häufig jedoch wird der Grund für Ugandas Erfolg, besonders in den westlichen Medien, nicht der Wahrheit entsprechend dargestellt.

Es wird fälschlich behauptet, die Propagierung von Kondomen wäre der Hauptgrund für den Erfolg des Landes. Diese falsche Darstellung zusammen mit der aggressiven, unlauteren Werbung für Kondome scheinen die Hauptgründe dafür zu sein, warum andere Länder sich nur ziemlich langsam Ugandas Initiative anschließen, indem sie entschieden Enthaltsamkeit und Treue als Waffen gegen AIDS wählen.

Es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Weltaidstag jemals die Leitidee „Sei enthaltsam und treu“ zum Thema haben wird. Das jedenfalls wäre eine Antwort, die den Charakter bildet, ein gutes Familienleben gewährleistet, nichts kostet und eine 100prozentige Erfolgsgarantie bietet.

Neuerdings gab es in Südafrika in hohen Regierungskreisen einiges Gemunkel über die Rolle von Enthaltsamkeit und Treue bei der Bekämpfung von AIDS. Hoffentlich wird dieses Gemunkel lauter, und hoffentlich lassen sich die Menschen immer mehr von dieser sicheren Lösung überzeugen. Lassen wir uns von Uganda inspirieren, um dem Ansturm von AIDS Widerstand zu leisten.

[Das Interview führte Carrie Gress; Übersetzung aus dem englischen Original von Christine und Gerhard Gutberlet]