„Gewalt ist eine Krankheit, die alles vergiftet“: Schlussappell des interreligiösen Friedenstreffens 2007

„Der Dialog ist nicht die Illusion der Schwachen, sondern die Weisheit der Starken“

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NEAPEL, 25. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Das 21. Interreligiöse Friedenstreffen ist am Dienstag in Neapel mit einem eindringlichen Friedensappell zu Ende gegangen. Die Begegnung, die von der Gemeinschaft Sant’Egidio und der Erzdiözese Neapel gemeinsam organisiert worden war, widmete sich dem Thema: „Für eine Welt ohne Gewalt – Religionen und Kulturen im Dialog“.



Der gemeinsame Aufruf wurde den Vertretern aus der ganzen Welt während der Abschlusszeremonie von einer Gruppe von Kindern vorgetragen.

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Aus vielen Teilen der Welt sind wir, Männer und Frauen aus verschiedenen Religionen, in Neapel zusammen gekommen, um das Band unserer Geschwisterlichkeit zu stärken und Gott um die große Gabe des Friedens zu bitten. Der Name Gottes ist der Friede.

In dieser besonderen Stadt am Mittelmeer, der das Elend wie auch die Großzügigkeit gut vertraut sind, haben wir uns den Wunden der Menschheit ausgesetzt. Die Gewalt ist eine Krankheit, die alles vergiftet. Täglich begleitet und verdunkelt sie das Leben vieler Männer und Frauen dieser Erde. Sie bringt Kriege, Terror, Armut und Verzweiflung hervor und führt zur Ausbeutung unseres Planeten. Sie entsteht aus Verachtung und aus blindem Hass, sie lässt die Hoffnung sterben und sät Angst, sie trifft Unschuldige und entstellt die Menschheit. Die Gewalt führt das menschliche Herz in Versuchung und flüstert ihm ein: „Nichts kann sich ändern.“ Aus diesem Pessimismus erwächst die Überzeugung, dass ein Zusammenleben unmöglich ist.

Von Neapel aus können wir heute mit größerer Kraft sagen: Wer den Namen Gottes missbraucht, um andere zu hassen, Gewalt auszuüben oder Krieg zu führen, verflucht den Namen Gottes.

„Keiner, der den Namen Gottes anruft, darf das Böse und die Gewalt rechtfertigen.“ Mit diesen Worten wandte sich Papst Benedikt XVI. an uns.

Auf dem Hintergrund unserer religiösen Traditionen haben wir uns dem Schmerz des Südens der Welt gestellt. Wir haben die Last des Pessimismus verspürt, ein Erbe der Kriege und der zerbrochenen Illusionen des Zwanzigsten Jahrhunderts. Nur der kraftvolle Geist der Liebe kann uns helfen, die gespaltene Menschheit neu zu vereinen. Die Stärke des Geistes verwandelt das Herz des Menschen und die Geschichte.

In der Tiefe unserer religiösen Traditionen haben wir von neuem entdeckt, dass es ohne Dialog keine Hoffnung gibt, sondern nur die Verdammung zur Angst vor den Mitmenschen. Der Dialog räumt die Unterschiede nicht aus. Vielmehr bereichert er das Leben und vertreibt den Pessimismus, der die anderen Menschen als Bedrohung sieht. Der Dialog ist nicht die Illusion der Schwachen, sondern die Weisheit der Starken, die sich der schwachen Kraft des Gebetes anvertrauen. Das Gebet verändert die Welt und das Schicksal der Menschheit. Der Dialog schwächt nicht die Identität, sondern ruft alle dazu auf, das Beste am Anderen zu sehen. Nichts ist verloren durch den Dialog, alles ist möglich durch den Dialog.

Wer immer noch tötet, Terror sät und Krieg im Namen Gottes führt, dem sagen wir erneut: „Lasst ab davon! Tötet nicht! Die Gewalt ist immer eine Niederlage für alle.“

Wir verpflichten uns, die Angehörigen unserer Religion die Kunst des Zusammenlebens zu lehren. Es gibt keine Alternative zur Einheit der Menschheitsfamilie. In allen Kulturen und allen Religionen sind mutige Menschen nötig, die das Zusammenleben fördern. Wir brauchen eine Globalisiserung des Geistes, die uns erkennen lässt, was wir aus den Augen verloren haben: die Schönheit des Lebens und des Menschen, auch in den schwierigsten Situationen.

Unsere religiösen Traditionen lehren uns, dass das Gebet eine historische Kraft ist, die Völker und Nationen bewegt. Demütig stellen wir diese alte Weisheit in den Dienst aller Völker und aller Menschen für eine neue Zeit der Freiheit von Angst und Verachtung. Es ist der Geist von Assisi, der sich hier in Neapel mit Kraft und Mut dem Geist der Gewalt widersetzt und nicht zulässt, dass die Religion als Vorwand für Gewalt missbraucht wird.

In der Gewissheit, dass auf diesem Weg der Welt Frieden geschenkt werden kann, vertrauen wir uns dem Höchsten an.

Neapel, 23. Oktober 2007

[Von der Gemeinschaft Sant’Egidio veröffentlichte deutsche Fassung]