Gewerbliche Sterbehilfe soll verboten werden

Länder beschließen Entschließungsantrag

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BERLIN/WÜRZBURG/BASEL, 4. Juli 2008 (ZENIT.org).- „Wir haben kein Recht auf aktive Sterbehilfe. Das Leben jedes Menschen ist bis zum letzten Atemzug unantastbar“. Mit diesen Worten kommentierte der Würzburger Diözesanbischof Dr. Friedhelm Hofmann vor wenigen Tagen den Fall Roger Kusch: Der Hamburger Ex-Justizsenators Roger Kusch hatte einer 79-jährigen Würzburgerin beim Suizid assistiert und ihr Sterben auf Video festgehalten.



„Wir sind da, um einander zu helfen, und nicht, um einander zu töten“, bekräftigte Bischof Hofmann, der dazu aufrief, alte und pflegebedürftige Menschen in der letzten Lebensphase mit den vielfältigen medizinischen Möglichkeiten zu helfen und sie menschlich zu begleiten. „Der Lebensabend ist ein Geschenk und keine Strafe.“

Im Namen von mehr als 5.700 privaten Pflegeeinrichtungen nahm im Zuge des traurigen Ereignisses unter anderem auch Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste e. V. (bpa), zur Frage der so genannten „organisierten Sterbehilfe“ Stellung. „Niemand darf sich als Herr über Leben und Tod inszenieren!“, bekräftigte er. „Diese Debatte ist unerhört. Unerhört ist aber auch, dass ohne jeden Anlass versucht wird, die Pflegeeinrichtungen zu benutzen, um die Angst der Bevölkerung zu schüren.“

Schwer kranke und oft auch einsame Menschen fänden in den Heimen jene wohlwollende und umsorgende Pflege, „die in einer so schwierigen Zeit notwendig ist und häufig an anderen Orten nicht geleistet werden kann. Oft genug erleben neu eingezogene Heimbewohner, dass sich die vorher empfundene Einsamkeit durch die Kontakte im Heim deutlich mindert.“

Der dpa-Präsident kritisierte, dass wider besseres Wissen immer wieder falsch interpretierte Zahlen über eine schlechte Versorgung in der Pflege die Runde machten. „Niemand muss heute dauerhaft Schmerzen erleiden, wenn er ärztlich gut behandelt ist“, so Meurer. „Wir begleiten viele Menschen in ihrer sehr schweren letzten Lebensphase. Die Belastung ist nicht nur für die Pflegebedürftigen und die Angehörigen groß, sondern in besonderem Maße auch für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese mit hohen Anforderungen verbundene Tätigkeit verdient Respekt und Anerkennung. Pflege ist nicht das Schreckgespenst unserer Gesellschaft!“

Unter diesen Vorzeichen beschloss der deutsche Bundesrat heute, Freitag, den folgenden Entschließungsantrag zum Verbot gewerblicher Sterbehilfe:

Gegen „Kommerzialisierung des Sterbens"

„1. In Deutschland zeichnen sich Entwicklungen ab, die zum Ziel haben, die Beihilfe zur Selbsttötung in gewerblicher Form anzubieten. Hier besteht die Gefahr, dass aus einer momentanen Verzweiflungssituation die unumkehrbare Entscheidung zum Suizid getroffen wird, die ohne die erleichterte Verfügbarkeit von zur Selbsttötung geeigneten Mitteln und Gegenständen nicht erfolgt wäre. Im Übrigen kann sich daraus ein, wenn auch nur subjektiv empfundener, Erwartungsdruck auf schwerkranke und alte Menschen entwickeln. Darüber hinaus widerspricht es dem Menschenbild des Grundgesetzes, wenn mit dem Suizid und dem Leid von Menschen Geschäfte gemacht werden. Einer "Kommerzialisierung des Sterbens" muss unter allen Umständen Einhalt geboten werden.

2. Vor diesem Hintergrund sollten, um den betroffenen Menschen zu helfen, die Palliativmedizin und die Hospizarbeit gestärkt werden. Darüber hinaus sollte in Deutschland ein Straftatbestand geschaffen werden, mit dem die gewerbliche Suizidbeihilfe unter Strafe gestellt wird. Er sollte die folgenden Eckpunkte aufgreifen:

Unter Strafe gestellt werden

- das Betreiben eines Gewerbes, dessen Zweck oder Tätigkeit darauf gerichtet ist, anderen die Gelegenheit zur Selbsttötung zu gewähren oder zu verschaffen,

- das gewerbliche Anbieten und Vertreiben von Mitteln zum Zweck der Selbsttötung und

- die Übernahme einer maßgebenden Rolle in einem derartigen Gewerbe.

Zu prüfen bleibt, inwieweit auch die Gründung einer Vereinigung und eine maßgebliche Rolle in einer solchen Vereinigung, deren Zweck auf derartige Ziele gerichtet ist, unter Strafe gestellt werden kann.

3. Der Bundesrat hält es für erforderlich, dass auf dieser Grundlage noch in diesem Jahr gesetzgeberisch gehandelt wird."

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe, Berichterstatter für Bioethik der CDU/CSU-Arbeitsgruppe Gesundheit und in der 14. und 15. Wahlperiode stellvertretender Vorsitzender der Enquete-Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ begrüßte den Antrag. Er habe deutlich gemacht, „dass im Bundesrat große grundsätzliche Einigkeit über die gesetzliche Unterbindung der organisierten Sterbehilfe besteht“.

Nun sei nach Worten Hüppes die Bundesjustizministerin am Zug. Von ihr werde erwartet, dass sie die gesetzgeberischen Möglichkeiten unverzüglich prüfe. „Es darf keine Zeit verloren werden, in der selbsternannte Sterbehelfer ihre Organisationen ausbauen und ihr Gewerbe ausüben können.“

Was der Katechismus sagt
„Die Betreuung des Sterbenden ist eine vorbildliche Form selbstloser Nächstenliebe“ und sollte daher gefördert werden, heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche“ im Kapitel über Euthanasie (KKK 2276-2279). Zuvor wird betont, dass es nicht darum gehe, Therapien um jeden Preis aufrechtzuerhalten.

„Außerordentliche oder zum erhofften Ergebnis in keinem Verhältnis stehende aufwendige und gefährliche medizinische Verfahren einzustellen, kann berechtigt sein“ – schließlich wolle man dadurch nicht den Tod herbeiführen, sondern man nehme nur hin, ihn nicht verhindern zu können. Allerdings dürfe Pflege, die man für gewöhnlich einem kranken Menschen schuldet, auch dann nicht abgebrochen werden, „wenn voraussichtlich der Tod unmittelbar bevorsteht“.

Jede Handlung und jede Unterlassung, „die von sich aus oder der Absicht nach den Tod herbeiführt, um dem Schmerz ein Ende zu machen, ist ein Mord, ein schweres Vergehen gegen die Menschenwürde und gegen die Achtung, die man dem lebendigen Gott, dem Schöpfer schuldet. Das Fehlurteil, dem man gutgläubig zum Opfer fallen kann, ändert die Natur dieser mörderischen Tat nicht, die stets zu verbieten und auszuschließen ist“.

Würdevolles Sterben will gelernt sein
Das würdevolle Sterben kann uns sollte nach Worten des Bischofs von Basel schon vorzeitig „eingeübt“ werden. In einem ausführlichen Vortrag zum Thema Sterben, Tod und Sterbehilfe, den Bischof Kurt Koch Ende April im Pfarreiheim Rheinfelden hielt, erklärte er unter anderem: „Je mehr wir das Zubettgehen am Abend spirituell vollziehen und bewusst erleben, uns beispielsweise beim Einschlafen von unserer Welt verabschieden, uns von der alltäglichen Umklammerung durch Arbeit und Leistung lösen und uns selbst gelassen Gott übergeben, desto mehr könnte für uns das Einschlafen zu einer Vorerfahrung des eigenen Sterbens werden. Und je mehr wir Menschen es während unseres Lebens lernen, unsere verkrampften Hände zu lösen und uns selbst loszulassen im glaubenden Vertrauen auf Gott, desto leichter werden sich unsere Hände am Ende auch vom Leben selbst lösen können.“

Von Dominik Hartig