Gibt das Christentum der Geschichte den Sinn?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 271 klicks

Es klingt mir ziemlich unwirklich, wenn manche Prediger auf eine triumphalistische Weise predigen, dass das Christentum die Orientierung der gesamten menschlichen Geschichte gegeben hat. Es ist mir nicht klar, welche Orientierung es den Hinduisten, den Buddhisten und anderen Gläubigen der nichtchristlichen Religionen geben könnte? Welche Ausrichtung hat es gegeben oder gibt noch immer den Atheisten und den Verlorenen (ideologisch), denen ich täglich auf den Straßen unserer Stadt begegne?

Für die weltliche Geschichte bedeutet es wenig oder gar nicht. Es ist noch immer am Rande der Ereignisse. Vor dem Menschen der modernen Zivilisation machen wir uns mit solchen Behauptungen lächerlich. Denken Sie, dass das ein guter Weg der Evangelisierung der Nichtchristen ist?

Marin, Student

*

Wenn die Rede vom Christentum ist, besteht immer die Gefahr, dass wir dabei auf die äußere jetzige „gigantische“ Konstruktion der Kirche denken, mit den Gesetzen, mit dem Verwaltungsapparat, mit dem Geldverkehr, mit der Presse, mit diplomatischen Vertretungen und ähnlich. Wenn wir die heutige Struktur der Hierarchie betrachten, fragen wir uns, ob das noch die Kirche der Fischer vom See Gennesareth, des Produzenten des Zeltstoffes aus Tars, des Pfingstfestes, der Katakomben… ist?

Mit deiner Frage verweist du auf das innere Wesen und den Kern des Christentums, inwieweit es im Plan Gottes den Weg des Heiles jedes einzelnen Menschen und der gesamten Menschheit ist. Wenn die Kirche auch heute evangeliesert, und wenn sie evangelisieren will, was auch die Synode der Bischöfe, 1974, bestätigt hat, dann will sie das gleiche, das Petrus, Paulus und andere Apostel wollten: den Weg des Heiles so vielen Menschen, wie möglich, zu zeigen. Wenn das Christentum der Gipfel der Offenbarung in der Person Jesu Christi, des Gottmenschen, ist, dann begreifen wir ziemlich die Behauptung Hegels: „Die ganze Geschichte geht zu Christus hin und kommt von ihm her. Die Ankunft des Gottes Sohnes ist die Achse der Weltgeschichte.“  So „triumphalistisch“ wie Hegel, hast du kaum einen Prediger sprechen hören. Nun, versuchen wir einigermaßen auf deine Frage zu antworten.

Christus – das Ziel der menschlichen Geschichte

Vielleicht ist es günstig, zunächst zu schauen, was darüber das Konzil sagt. Ich erinnere mich nicht, dass irgendjemand das Konzil verklagt hätte, triumphalistisch zu reden. Seine Sprache ist ausgesprochen pastoral, einfach, zeitgemäß. Dieses Problem ergreift es wirklich aus seiner inneren natürlichen Sicht. Es betrachtet das Geheimnis Christi im Verhältnis zur Welt in emminent paulinischer Richtung des Denkens.

Nach dem Konzil, nimmt Christus die zentrale Stellung in der Geschichte des Kosmos und der Menschheit ein. Als das Wort des Vaters ist er das Zentrum der ganzen Wirklichkeit (LG 8) und des menschlichen Geschlechtes (GS 45), der Anfang und das Ende. Er ist das Alpha und das Omega der menschlichen Geschichte, weil wir von ihm stammen, für ihn leben und sind auf ihn hingeordnet (GS 45; AG 3). Er ist die Fülle der menschlichen Sehnsüchte (GS 45) und das Licht der Welt (GS 57). Schauen wir uns nur einen der Texte an:

„Gottes Wort, durch das alles geschaffen ist, ist selbst Fleisch geworden, um in vollkommenem Menschen alle zu retten und das All zusammenzufassen. Der Herr ist das Ziel der menschlichen Geschichte, der Punkt, auf den hin alle Bestrebungen der Geschichte und der Kultur konvergieren, der Mittelpunkt der Menschheit, die Freude aller Herzen und die Erfüllung ihrer Sehnsüchte. Ihn hat der Vater von den Toten auferweckt, erhöht und zu seiner Rechten gesetzt; ihn hat er zum Richter der Lebendigen und Toten bestellt. Von seinem Geist belebt und geeint, schreiten wir der Vollendung der menschlichen Geschichte entgegen, die mit dem Plan seiner Liebe zusammenfällt: ‚Alles in Christus dem Haupt zusammenzufassen, was im Himmel und was auf Erden ist’ (Eph 1, 10).

Der Herr selbst spricht: ‚Sieh, ich komme bald, und mein Lohn ist mit mir, einem jeden zu vergelten nach seinen Werken. Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, Anfang und Ende’ (Apk 22, 12-13)“ (GS 45).

Laut Konzil also, Christus ist derjenige, der durch seine Fleischwerdung alles in sich aufgenommen hat, alles in sich erhöht hat bis zum Gott, alles gerettet und von Neuem mit dem Vater vereint hat. Christus ist derjenige, der das ganze Menschengeschlecht in sich, in seine Menscheit  - wie im Kern – umfasst. Niemand von den Menschen kann noch zum Vater kommen, außer in Christus und durch Christus. Deshalb haben alte Lehrer Christus als „ostium“ bezeichnet – Christus ist die Türe zum Vater (Bonaventura). Und niemand kann vom Vater zu uns kommen, außer durch denselben Christus und seinen Geist. Der ganze Mensch, die ganze Menschheit ist in Christus und durch Christus, über Christus und mit Christus mit dem Vater verbunden. Einen anderen Weg zum Gott gibt es nicht. Eine andere Verbindung mit Gott erkennt die Offenbarung nicht an.

Demzufolge, im Plan Gottes ist der Mensch in Christsus jeder Mensch, die ganze Menschheit. Das bedeteutet, es gibt im Plan Gottes keinen Menschen mehr, der nicht homo christianus – Christ wäre, obwohl er von diesem Geheimnis nichts ahnt, obwohl er das gar nicht wünscht, obwohl er das vielleicht bewusst ablehnt. Theologisch gesehen, mit innerem metaphysischen, metahistorischen Blick des Glaubens – aufgrund der Offenbarung – viel mehr und tiefer als nur historisch, kulturell, zivilisatorisch oder mit irgendwelchen zeitlich-räumlichen Kategorien, ist und bleibt Christus das Alpha und das Omega der gesamten menschlichen Geschichte und allen Geschehens in der Wirklichkeit.

Damit haben wir auf das Fundament der christlichen Anthropologie aufgezeigt.

Christus – allumfassender Sinn der Geschichte

Jean Danielou, in seinem Werk Abhandlung über die Geheimnisse der Geschichte, nach dem unvergänglichen Sinn der Geschichte suchend, geht allmählich, aber für uns sehr instruktiv vor.

Als Fachmann in dieser Frage, betont er zunächst, dass wir die Geschichte des Reiches Gottes nicht in eine gewisse umfassendere Geschichte platzieren dürfen, wo sie einen Bestandsteil davon bilden sollte. Die heilige Geschichte oder die Heilsgeschichte vom Anfang bis zum Ende, d.h. von der Erschaffung bis zur Parusie, umfasst die gesamte Geschichte des Alls. Das Logos als Schöpfer und das Logos als Erlöser ist das gleiche Wort des Vaters. Gott des Alten Bundes und Gott des Neuen Bundes ist der eine. Und es wäre falsch, wesentlich unrichtig, die Auffassung, als würde es sich nur um Fortschritt im politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, zivilisatorischen Bereich handeln – im Bereich dessen, was man sieht und tasten kann – als wäre das innere, gnadenhafte, metahistorische Element Gottes ein Zusatz oder Ersatzbeitrag. Eigentlich, gibt es wesentlich nur eine Geschichte: heilige Geschichte der Werke Gottes. Neben allen philosophischen und theologischen Unterschieden, die wir hier durchführen konnten, bleibt die Geschichte des Reiches Gottes vollständig; die weltliche Geschichte geht unter, wenn sie sich von ihr trennt.

Daraus geht klar hervor, setzt Danielou seine Betrachtung fort, dass Christus, beziehungsweise das Christentum, auf diese Weise der Geschichte einen unvergänglichen Sinn gibt. Darin widersetzt er sich der uralten Auffassung von der ewigen Wiederholung, indem sich die grichiesche und indische Philosophie einig sind. Christus (Christentum) zeugt uns von der einmaligen geschichtlichen Auffassung, von einer solchen Einigkeit, dass dieses Geschehen weder rückgängig noch wiederholt werden kann. Christus ist, nach dem Brief an die Hebräer, einmal für immer „in das Heiligtum der Heiligtümer“ eingetreten.

Das Christentum lehnt die Übertreibung des existenzialistischen Gedankens ab, der die Geschichte als heterogene Folge von Wirken der freien Wesen, ohne irgendeine gegenseiteige Abhängigkeit ansieht. Im Gegenteil, die freien Wesen, sagt Danielou, sind durch ein Wesen verbunden. Und dieses ist das Wesen der Heilsökonomie auf dem objektiven und transzendenten Plan. Das kann nicht jemand begreifen, der in seiner Philosophie der Geschichte, ähnlich wie Jaspers, nur und ausschließlich  mit zeitlich-räumlichen Kategorien rechnet.

Das Christentum lehnt ab und zerstreut die Täuschungen des Evolutionismus vom Typus Darwins oder einer anderen positivistischen Richtung, der nicht  mit Christus rechnen würde. Gerade im fleischgewordenen Logos hat sich die Zeit erfüllt. Christus ist am Gipfel der Geschichte angelangt. In ihm ist jede Neuheit zum Ausdruck gekommen. Außerhalb von ihm gibt es eigentlich nichts Neues. Es existiert keinerlei Vollkommenheit, die nicht bereits in ihm existieren würde. Christus ist „novissimus“ – der Letzte. Mit ihm endet die Welt, mit ihm kommt das Ende, und zur gleichen Zeit auch die ewige Jugend der Welt. In ihm kommt jedes Wesen zu seiner evolutiven Kulmination. In Christus kommt der Mensch mit Gott zusammen. Niemand mehr kann außerhalb von Christus sein, und in der Welt gibt es keinen Menschen mehr im Plan des Vaters als „den Menschen Christen“ – den Menschen in Christus.

Hier kann noch präziser die Frage gestellt werden: auf welche Weise jemand „in Christus“ ist, ob durch offene Legitimierung der aktuellen Christen oder anonym, ohne die offene Legitimierung, diese wirkliche ontologische Abhängigkeit von Christus achtend, oder gegen sie kämpfend. In jedem Fall ist jeder Mensch in Christus. Das ist die Offenbarung. Das ist der Glaube. Das ist auch die Beendigung der evolutiven Entwicklung der Menscheit. Anders kann es nicht sein, ob das dem Willen eines konkreten Menschen entspricht oder nicht.

Das Christentum zerstreut ferner die Täuschung des Sinkretismus, der in verschidenen Religionen (Hinduismus, Buddhismus, Konfuzionismus, Islam…) entweder ähnliche Manifestationen einer vermeintlichen ursprünglichen Überlieferung oder vergängliche Phasen des Aufstiegs geistlicher Kräfte zu einem Glauben der Zukunft, sieht, wovon uns sinkretistische Futurologen überzeugen möchten. Den anderen Fachleuten ein Teil der Wahrheit nicht abstreitend, sagt Danielou, betont das Christentum doch seinen unvermindernden Wert, seine Unbestreitbarkeit und Ursprünglichkeit.Welche sind fundamentale Gründe, auf denen er das begründet?  Der Hauptgrund dafür, es wurde bereits gesagt, ist das fleichgewordene Logos, seine Auferstehung, die Offenbarung des Geheimnisses des Dreieiniges Gottes. Die großen nichtchristlichen Religionen widersetzen die Welt der Ewigkeit der vergänglichen Welt der Zeit. Sie wissen kaum von dem Durchbruch der Ewigkeit in diese unsere Kategorie der Zeit. Sie sind, traute sich Danielou zu sagen, im Verhältnis zum Christentum, „überholte Geschichtsanschauung“.

So versteckt die Geschichte in sich, unterhalb der oberflächlichen Betrachtung der Ereignisse, viel wesentlichere verborgene Bereiche, „geheimnisvoll gerichtete Kräfte, die den Verlauf der Geschichte bestimmen. Es ist klar, so aufgefasste Gescichte, kann nicht etwas anderes sein als völlige Übereinstimmung mit der Heilsgeschichte:  Christus (Christentum) verleiht der Geschichte allumfassenden Sinn.

Christus – die letzte klare „Zäsur“ der Geschichte

Um dir meine christliche Antwort noch klarer zu machen, stelle ich die Frage: ist es möglich, die gesamte Geschichte richtig zu strukturieren? Die Frage ist ziemlich schwierig, weil wir da an vielen Erscheinungen zeitlich-räumlichen Charakters nicht vorbeigehen können.

Derjenige, der den Sinn der profanen Geschichte darin sieht, dass der Mensch theoretisch und praktisch sich selbst findet und übernimmt mit Hilfe von progressiven Hominisieren und Humanisieren des Menschen selbst und seiner Umwelt (   ), dem gelingt es gar nicht in der Geschichte der Menschheit bestimmte Strukturen und Zäsuren zu bemerken, außer in einigen, vielleicht ganz bestimmten und unklaren Fällen. Wer sich in der profanen Geschichte mit der Offenheit des Geistes traut, den tieferen Sinn zu suchen, sagen wir, in der Geschichte Israels im Verlauf der ganzen alttestamentlichen Periode,  der kann nicht, wenn er objektiv betrachtet, diese Geschichte anderes auffassen als letzte Vorbereitung auf das Christus Ereignis. Die letzten 1000 oder 1500 Jahre vor der Christi Erscheinung, von Abraham oder Mose, stellen nur die unmittelbarste Prähistorie vor Christus dar.

Außer auf Christus, könnten wir die Bibel kaum auf einen einzigartigen Sinn herabführen: ein Volk in seiner langandauernden Geschichte kennt sich als Partnerjenes eines lebendigen Gottes, der richtet und die Gnade erteilt, und deshalb seine Geschichte grundsätzlich offen bewahrt für eine ihm unbekannte, aber für ihn heilwirkende Zukunft, die kommen wird. Mit dem konkreten Inhalt wird diese Geschichte vor Christus im Alten Testament, nicht zur Geschichte der Offenbarung, weil sich, kategorisch gesehen  (räumlich-zeitlich), eigentlich nichts ereignet, was nicht in jeder anderen Geschichte irgendeines Volkes auftreten würde.

Das charakteristische ist die Deutung dieser Geschichte als Ereignens der dialogischen Partnerschaft mit Gott – Jahwe Israels – und als perspektivische Sehnsucht  in Richtung der Zukunft. Daraus folgt, dass eine solche Geschichte auch in der Geschichte anderer Völker geschehen konnte. Dieses so charakteristische „Partnerelement“ bei dem kleinen Volk des Nahen Ostens erlaubt uns die Erkenntnis der Kontinuität und epohale Strukturität der besonderen Geschichte der Offenbarung, und eine solche Ähnlichkeit gibt es bei keiner der übrigen Geschichten der Religionen, und gewiss nicht in einer solchen Klarheit, in einem solch sicheren Ausdruck, in einer solchen Fülle. So kann die alttestamentliche Geschichte der Offenbarung als wirklich einzigartiger Fall der Geschichte der Offenbarung überhaupt betrachtet werden.

Wenn, ferner, die Deutung der alttestamentlichen Geschichte des Heiles und der Offenbarung  für uns ausschließlich in Hinsicht auf Christus, als Träger des Heiles, möglich ist, dann kann die alttestamentliche Geschichte, sonst profanen Charakters, für uns wirklich religiöse Bedeutung haben und das im Sinne als unmittelbarste und nächste Prähistorie des Christus selbst.

Damit existieren für uns nur zwei feste Punkte und eine Zäsur der wirklich entscheidenden Ordnung: das, was vor Christus war, das, was nach Christus ist, und die Zäsur bedeutet die Ankunft Christi selbst auf dem Planeten. Das kann man begründen in unserer eigenen Heilgeschichte der kategorialen Art: der Anfang der Heilgeschichte, die Fülle der Heilsgeschichte in Christus, die Erscheinung des Christus selbst. Diese Zäsur, mit solchem Anfang und Ende können wir nur in der Ganzheit der Geschichte überhaupt klar erkennen.

In der kurzen Periode von einigen Tausend Jahren, (laut Jaspers und Rahner), ist die Menschheit „zu sich gekommen“. Aber, in der gleichen Zeit ist sie auch zum Gottmenschen gekommen, zur geschichtlichen  Objektivation ihrer transzendenten Beziehung zu Gott, in der Objektivation Gott, der sich dem Menschen schenkt, und der Mensch, der die Gottes Hingabe in Jesus Christus empfängt, eins werden.

In Hinsicht auf die profane Geschichte hat die Menschheit den Eindruck bekommen, dass die Geschichte erst jetzt beginnt, weil sich jetzt die allmähliche Befreiung des Menschen von seinen verschiedenen „Entfremdungen“ verwirklicht: von der Entfremdung in der Natur, von der Entfremdung in der Religion, von der Entfremdung in der Gesellschaft… In Hinsicht auf die theologische Geschichte, können wir, natürlich, sagen, dass erst mit Jesus Christus die Fülle der Zeit eingetreten ist; Er hat endgültig die vielfältigen menschlichen Entfremdungen aufgehoben, Er ist derjenige, von dessen Seite der eshatologische Sieg der Geschichte der Zukunft garantiert ist,  und er wird damit geschichtlich ganz konkret und tastbar.

Auf diese Weise fallen die letzte und einzige grundlegende Zäsur der profanen Geschichte, als auch die letzte grundlegende Zäsur der Heils- und Offenbarungsgeschichte in den gleichen geschichtlichen Übergangsaugenblick: in die Geschichte Jesu Christi, des Trägers der Erlösung der Menschheit.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 307-311)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.