Gibt es keine schwere Sünde mehr? (2)

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 565 klicks

In der Vorbereitung auf die Firmung bemühte sich der Religionslehrer, uns den Unterschied zwischen der schweren (Todsünde) und der lässlichen Sünde klarzumachen. Er sagte, dass eine völlige Ablehnung Gottes schwere Sünde, während eine teilweise Ablehnung Gottes lässliche Sünde sei. Ich gebe zu, dass ich das nicht ausreichend verstanden habe. Meine persönlichen Sünden habe ich immer als schwere Sünden erlebt. Nach dem Besuch in Amerika weiss ich nicht mehr, was ich denken soll. Ich falle immer öfter, uns es scheint mir, dass der Teufel mich bereits ganz verdorben hat.

Auch das quält mich noch: bis jetzt hatte mir niemand erklärt, und ich hatte keine Gelegenheit zu lesen, was mit der Entscheidung vor Gott ist. Wenn ich gesündigt habe, tut es mir leid, ich könnte nicht sagen, dass es mir nicht leid tut. Ich treffe die Entscheidung, nicht mehr zu sündigen, und dann passiert es wieder…

Zur Beichte gehe ich, aber selten. Es quält mich die Gewissheit, dass ich erneut fallen werde. Ich werde nicht besser. Ich bin immer schlimmer. Ich falle so schnell, als wäre ich nie bei der Beichte gewessen und als hätte ich keinen Entschluss gefasst, nicht zu sündigen. Wenn mich die Leidenschaften erfassen, vergesse ich alles. Sind solche Beichten nicht ein Sakrileg?

Drago

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Vor allem bitte ich dich, geduldig zuzuhören und nichts zu dramatisieren. Ich schreibe dir als einem katholischen jungen Mann im Licht der katholischen Moraltheologie, und nicht vom Aspekt einer laizistischen Ethik, für die die Sünde nicht existiert.

Als erstes, du glaubst an Gott. Du sündigst zwar, aber du kennst deine Sünde, und es tut dir leid, dass es so ist. Du hast das Bußsakrament nicht ganz aufgegeben, aber bald nach der Beichte sündigst du wieder. Früher warst du standhafter. In dir wurde etwas zerstört. Du fühlst dich wie im Hexenkessel. Nun fragst du dich, wie deine Entscheidungen sind, die du so schnell vergisst. Es droht die Gefahr, dass du in Mutlosigkeit gerätst, dich den Leidenschaften überlässt und jeden Kampf für eine Besserung aufgibst. Ich habe den Eindruck, dass du das Gebet schon verlassen hast. Das ist schlecht, denn auf diese Weise schwinden die Kräfte zum Kampf. So sieht deine gegenwärtige seelische Situation aus.

Erlaube mir, nach der Reihenfolge deines Breifes zu antworten. Als Ausgangspunkt schauen wir uns an, wie Jesus sich der schweren Sünde oder der Todsünde gegenüber verhält, dann schauen wir uns den Unterschied zwischen der Todsünde und der lässlichen Sünde an. Schließlich, schauen wir uns den Wert des Bußsakramentes und das Leben in der Bekehrung an.

Jesus und die schwere Sünde – Jesus verurteilt die Sünde immer, aber er verurteilt nie die Person des Sünders. Nehmen wir nur den Beispiel mit der Ehebrecherin: „Frau, wo sind sie geblieben (die Schriftgelehrten und die Pharisäer, die sie nach dem Ehebruch steinigen wollten)? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: „Keiner, Herr.“ Da sagte Jesus zu ihr: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Joh 8, 10-11).

Christus kommt auf diese Welt aus einem Stamm, indem es Ehebrecher gab: Judas mit Tamar, Salomo mit Rahab, David mit Batseba… Ohne Unterbrechung verkündet er die Sündenvergebung, und er spricht die Sünder los. Die fundamentale Frage ist die Frage des menschlichen Herzens, denn daraus quellen alle Über hervor (vgl. Mk 7, 15-23). Die Sünde ist eine spirituelle Wirklichkeit. Auch die Sünde, die durch einen leiblichen Akt ausgeführt wird, wird im Herzen, im Willen und im Gewissen begangen. Christus lebt mit den Sündern, und für sie gibt er sein Leben her, und in der Kirche garantiert er weiter die Vergebung der Sünden, insbesondere durch das Sakrament der Taufe und der Buße.

Hl. Paulus und die Sünde – Hl. Paulus entfaltet die Theologie der Sünde. Aus dem Alten Testament übernimmt er das Bild der Ehe: Christus ist der Bräutigam, und die Kirche (Menschheit) ist die Braut (vgl. Eph 5, 29-32). Auf die Sünde schaut er im Licht der Liebe Christi, besiegelt mit dem Blut des Kreuzes, in dem der Neue Bund geschlossen wurde. Christus ist für unsere Sünden gestorben – um uns vor dem ewigen Tod zu retten. So ist das Schlüsselwort des Neuen Testamentes die Liebe. Die Liebe in Vergebung und Barmherzigkeit ist die Antwort Gottes auf unsere eigene Sünde, auf die Sünde der Welt, auf sündige Strukturen, noch mehr auf die „Kultur des Todes“, wie sich Johannes Paull II. in der Enzyklika Evangelium des Lebens ausdrückt.

Todsünde – lässliche Sünde – Den Unterschied finden wir in der Überlieferung. Man muss Extreme meiden. Man darf nicht überall Todsünde sehen. Man muss an die lässliche Sünde denken. Aber, es ist falsch zu sagen, dass die Todsünde nur die Sünde ist, mit der wir „Gott völlig ablehnen“. Die Fundamente der Unterscheidung finden wir in der Bibel: Kain, Thurm von Babel, das Verhalten der Töchter Lots, Sauls Ungehorsam Gott gegenüber, Davids Ehebruch… Alle diese und andere Sünden sind als Todsünden oder schwere Sünden bezeichnet worden.

Hl. Paulus führt die Sünden an, die aus dem Reich Gottes ausschließen: „Wisst ihr denn nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben“ (1 Kor 6, 9-10).

Ähnlich verhalten sich auch die Kirchenväter, besonders Chrysostomus, Augustinus, Hieronymus… Auch die kirchlichen Konzilien kennen diesen Unterschied zwischen den schweren Sünden (Todsünden) und den lässlichen Sünden, und das Konzil von Trient ist in dieser Sache am deutlichsten (siehe DS 1680, 1707). Von den neuesten Dokumenten des Johannes Paul II. erwähnen wir das Schreiben Versöhnung und Buße (1984), Katechismus der Katholischen Kirche (1992), Enzyklika Glanz der Wahrheit (1993) und Evangelium des Lebens (1995).

Eine Todsünde entsteht, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: schwere Materie (Gegenstand), volles Bewusstsein, volle Zustimmung. Die Folgen der schweren Sünde: Verlust der Gemeinschaft mit Gott, Verlust der heiligmachenden Gnade (geistlicher Tod, Selbstvernichtung des Menschen), Ausschluss aus dem Reich Gottes (ewige Strafe in der Hölle). Erinnere dich an das Gleichnis Jesu vom reichen Mann und dem armen Lazarus: nun leidet der reiche Mann qualvolle Schmerzen in der Unterwelt, und der arme Lazarus wurde von den Engeln in Abrahamsschoss getragen (Lk 16, 19-31).

Die lässliche Sünde ist der schweren Sünde nur ähnlich, weil für die schwere Sünde eine der erwähnten Voraussetzungen fehlt. Die Folgen der lässlichen Sünde: Schwächung der Gemeinschaft mit Gott, aber keine Zerstörung, das Leben an der Periphärie des Guten mit der Gefahr, in schwerere Sünde zu fallen, und dann zeitliche Sündenstrafen: Krankheiten, Unglücke, Misserfolge…

Einige möchten unterscheiden zwischen der schweren Sünde, der Todsünde und der lässlichen Sünde. Diese Unterscheidung spielt für das konkrete Leben keine Rolle, denn schwere Sünde und Todsünde sind gleich und haben die gleichen Folgen: Verlust der heiligmachenden Gnade und Ausschluss aus dem Reich Gottes.

Ist eine schwere Sünde im Knabenalter möglich? Die Katholische Überlieferung spricht vom „Unterscheidungsalter“, wenn die Präadoleszenten anfangen, moralische Werte und die Verantwortung vor Gott zu begreifen. Leider können sie schwere Sünde begehen. Die Erfahrung der Kirche sieht dieses Alter um das siebte Lebensjahr herum.

Sittliches Leben als Bekehrung – Das Alte Testament stellt die Bekehrung dar als die Rückkehr zu Gott des Bundes in religiöser Genugtung und in reinem Herzen. Das Neue Testament spricht von neuer Orientierung des Lebens im Lichte einer neuen Beziehung mit Gott, mit Christus. Die Bekehrung ist eine unverdiente Gabe Gottes. Keiner kann sie aus eigenen Kräften erreichen. Sie offenbart sich und wird bezeugt in einer aufrichtigen Nachfolge Christi. Nur er deutet vollkommen den Menschen. Wahre Bekehrung zum Glauben verlangt nach einem wahren sittlichen Leben. Glaubensleben und sittliches Leben sind miteinander verbunden und sie durchdringen sich gegenseitig, obwohl die Bekehrung zum sittlichen Leben schwieriger ist, weil es sich um das sinnliche Teil des Menschen handelt (Verzicht auf Leidenschaften, auf alte böse Gewohnheiten…), und meistens zögert es hinter dem Glaubensleben her. Durch die Bekehrung wird eine neue Erkenntnis Gottes geformt, es treten eine Ablehnung der Sünde und ein tugendhaftes Leben als eine würdige Antwort auf die Liebe Gottes ein. Es tritt auch eine neue Dimension des gesellschaftlichen Lebens ein, in Brüderlichkeit mit anderen Menschen, in konkreter Solidarität und Liebe.

Christliche Buße (Sakrament der Versöhnung, Sündenbekenntnis) befindet sich heute in Krise. In der Vergangenheit wurde nicht selten zu sehr auf die Vorschriften, Formalitäten, materielle Ganzheit, auf die Anzahl, geschaut. Ich betone: man muss die Anzahl schwerer Sünden bekennen, wie auch ihre Umstände, aber man muss genauso sehen, warum es zu diesen Fällen kommt?

Seit den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts, besonders seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, liegt die Betonung auf ehrlicher Reue und auf Bekehrung, also auf der persönlichen Dimension des Sakramentes und auf seiner kirchlichen Dimension: ich bekenne meine Sünden vor Christus innerhalb der Kirche und vor der Kirche, die ich durch meine Sünden verletzt habe. Deshalb soll die Beichte als das Sakrament der Bekehrung verstanden werden. Man soll sie innerhalb des Prozesses der Bekehrung erleben. Man soll dieses Sakrament nicht in Eile, unvorbereitet und mehanisch empfangen.

Es ist wichtig zu betonen: wenn wir im Voraus wissen, dass wir wieder fallen, bedeutet es nicht, dass wir den Willen haben, zu fallen. Im Gegenteil, du hast die beste Absicht, die Sünde zu meiden, und dazu ist die Beichte gut und notwendig. Die Beichte ist wie eine „neue Taufe“, ein erneutes Eintauchen in Christus, ein neues und willentliches Eintreten in das Österliche Geheimnis Christi: in das Leiden, in den Verzicht und in die Herrlichkeit mit neuen Triumphen. Aber das persönliche Gebet ist dringend notwendig, um im Guten auszuharren und eigene Schwächen zu überwinden.

Nach einer schweren Sünde ist die Beichte ein notwendiges Heilsmittel, das Jesus Christus eingesetzt hat. Nach dem Willen Christi ist die Kirche die Dienerin der Vergebung.

Das tut die Kirche durch ihre Priester. Der Sünder muss auch die Kirche um Verzeihung bitten, weil er in ihrer Heiligkeit und ihrer Sendung versagt hat, weil er die empfangenen Gnaden nicht gelebt und vermittelt hat. Durch die Buße (Sakrament der Versöhung) wird der Sünder erneut von Christus in die Gemeinschaft als lebendiges Glied eingeschlossen, und auch die Kirche wird dadurch erneuert, sie wird reiner. Die Kirche begleitet ihn mit Liebe und Gebet.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung,  Split, 2004, Seiten 343-346)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.