Glaube, Hoffnung und Liebe: Papst Benedikt XVI. skizziert den Aufstieg zu Gott

Generalaudienz im Zeichen des heiligen Johannes Climacus (* vor 579; † um 650)

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ROM, 11. Februar 2009 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. nahm bei der heutigen Generalaudienz seine Vorstellung der großen mittelalterlichen Kirchenschriftsteller wieder auf. Die Lehre des Mönchs Johannes Climacus (6. Jahrhundert) über den Aufstieg zu Gott richte sich nicht an moralische Helden, so der Papst. Sie zeige jedem Christen den Weg zur vollen Verwirklichung der Taufgnade, an dessen Ende die vollendete Dreiheit der theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe stehe.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Nach zwanzig Katechesen, die dem Apostel Paulus gewidmet waren, möchte ich heute wieder die Vorstellung der großen mittelalterlichen Kirchenschriftsteller der Kirche des Ostens und des Westens aufnehmen. Und ich stelle die Gestalt des Johannes vor, genannt „Climacus", die lateinische Umschreibung des griechischen Worts „klimakos", was so viel heißt wie „von der Leiter" („klimax"). Es handelt sich um den Titel seines Hauptwerks, in dem er den Aufstieg des menschlichen Lebens hin zu Gott beschreibt. Er wurde um 575 geboren. Sein Leben vollzog sich also in der Zeit, in der Byzanz, die Hauptstadt des römischen Ostreiches, mit der größten Krise seiner Geschichte konfrontiert war. Unvermittelt änderte sich das geographische Gesamtbild des Reiches, und der reißende Strom der Invasionen der Barbaren führte zum Einsturz all seiner Strukturen. Widerstehen konnten ihm nur die Strukturen der Kirche, die in diesen schwierigen Zeiten fortfuhr, ihre missionarische, menschliche und soziokulturelle Tätigkeit fortzusetzen - insbesondere durch das Netz von Klöstern, in dem große religiöse Persönlichkeiten wirkten wie eben Johannes Climacus.

Johannes lebte und erzählte seine geistlichen Erfahrungen in den Bergen des Sinai, wo Moses Gott begegnet war und Elias dessen Stimme vernommen hatte. Nachrichten über ihn sind in einer kurzen Vita überliefert (PG 88, 596-608), die vom Mönch Daniel von Raithu verfasst wurde: Mit 16 Jahren wurde Johannes Mönch auf dem Berg Sinai und begab sich in die Schule des Abtes Martyrius, eines „Ältesten", das heißt eines „Weisen". Mit ungefähr 20 Jahren wählte er das Leben eines Eremiten in einer Höhle zu Füßen des Berges in Thola, acht Kilometer vom heutigen Katharinenkloster entfernt. Die Einsamkeit aber hinderte ihn nicht daran, Menschen zu begegnen, die sich nach einer geistlichen Begleitung sehnten; ebenso wenig hinderte sie ihn daran, einige Klöster in der Nähe von Alexandrien zu besuchen. Sein Einsiedlerdasein war weit davon entfernt, eine Flucht aus der Welt und der menschlichen Wirklichkeit zu sein; es mündete vielmehr in eine brennende Liebe zu den anderen (Vita 5) und zu Gott (Vita 7). Nach 40 Jahren eines in der Liebe zu Gott und zum Nächsten gelebten Einsiedlerdasein - Jahre, in denen er weinte, betete und gegen die Dämonen kämpfte -, wurde er zum Abt des großen Klosters des Berges Sinai ernannt und kehrte so zum monastischen Leben im Kloster zurück. Einige Jahre aber vor seinem Tod, voller Heimweh nach dem Eremitendasein, überließ er dem Bruder, ebenfalls Mönch desselben Klosters, die Leitung der Gemeinschaft. Er starb nach 650. Das Leben des Johannes vollzieht sich zwischen zwei Bergen: dem Sinai und dem Tabor, und man kann wirklich sagen, dass von ihm das Licht ausstrahlte, das Moses auf dem Sinai gesehen hatte und das von den drei Aposteln auf dem Tabor geschaut worden war!

Wie ich schon gesagt habe, wurde er für das Werk „Die Leiter" („klimax") berühmt, das im Westen als „Scala Paradisi" bezeichnet wird (PG 88,632-1164). „Die Leiter" wurde auf dringliche Anfrage des Abtes des nahen Klosters von Raithu am Sinai verfasst. Sie ist eine vollständige Abhandlung über das geistliche Leben, in der Johannes den monastischen Weg, angefangen beim Verzicht auf die Welt bis hin zur Vollkommenheit der Liebe, beschreibt. Es ist ein Weg, der nach diesem Buch über 30 Stufen geht, von denen eine jede mit der nachfolgenden verbunden ist. Der Weg kann in drei aufeinander folgende Etappen zusammengefasst werden. Die erste kommt im Bruch mit der Welt zum Ausdruck, mit dem Ziel, in den Zustand der evangeliumsgemäßen Kindheit zurückzukehren. Das Wesentliche ist somit nicht der Bruch, sondern die Verbindung mit dem, was Christus gesagt hat, das heißt zur wahren Kindheit im geistlichen Sinn zurückzukehren, also wie die Kinder zu werden. Johannes kommentiert: „Ein gutes Fundament ist jenes, das aus drei Grundlagen und drei Säulen gebildet ist: Unschuld, Fasten und Keuschheit. Alle in Christus Neugeborenen (vgl. 1 Kor 3,1) sollten damit beginnen und sich dabei jene zum Vorbild nehmen, die leibhaftig Neugeborene sind" (1,20; 636). Der freiwillige Abstand von den Menschen und Orten, die einem teuer sind, gestattet es der Seele, in eine tiefere Gemeinschaft mit Gott einzutreten. Dieser Verzicht mündet in den Gehorsam, der der Weg zur Demut durch die Erniedrigungen - an denen es nie fehlen wird - seitens der Brüder ist. Johannes kommentiert: „Selig der, der seinen Willen bis zum Schluss erniedrigt und die Sorge um sich selbst seinem Meister im Herrn anvertraut hat: Er wird in der Tat zur Rechten des Gekreuzigten stehen!" (4,37; 704).

Die zweite Etappe des Weges besteht im geistlichen Kampf gegen die Leidenschaften. Jede Sprosse der Leiter ist mit einer Hauptleidenschaft verbunden, die genau benannt und diagnostiziert wird, mit Angabe der Therapie und der entsprechenden Tugend. Die Einheit dieser Sprossen bildet zweifellos die wichtigste Lehrschrift zu einer geistlichen Strategie, die wir besitzen. Der Kampf gegen die Leidenschaften aber wird dank des Bildes des „Feuers" des Heiligen Geistes in Positivität gekleidet - er bleibt nicht negativ: „Alle, die diesen schönen Kampf aufnehmen (vgl. 1 Tim 6,12), der hart und schwer ist, (...) sollen wissen, dass sie gekommen sind, um sich in ein Feuer zu werfen, wenn sie es wirklich wünschen, auf dass das unmaterielle Feuer in ihnen wohne" (1,18; 636). Das Feuer des Heiligen Geistes ist das Feuer der Liebe und der Wahrheit. Allein die Kraft des Heiligen Geistes sichert den Sieg. Nach Johannes Climacus ist es aber wichtig, sich bewusst zu sein, dass die Leidenschaften an sich nicht schlecht sind, sondern dass sie es durch den schlechten Gebrauch werden, den die Freiheit des Menschen von ihnen macht. Geläutert, erschließen sie dem Menschen den Weg zu Gott - mit Energien, die durch Askese und Gnade zu einem Ganzen verbunden sind. Und „wenn sie vom Schöpfer eine Ordnung und einen Anfang empfangen haben..., so ist die Tugend grenzenlos" ((26/2,37; 1068).

Die letzte Etappe des Weges ist die christliche Vollkommenheit, die sich entlang der letzten sieben Sprossen der „Leiter" entfaltet. Sie sind die höchsten Stadien des geistlichen Lebens, die von den „Hesychasten", den Einsamen, erfahren werden können: von jenen also, die zur Ruhe und zum inneren Frieden vorgestoßen sind. Diese Stadien sind aber auch für die eifrigsten Mönche in einem Kloster erreichbar. Von den ersten drei Stadien - Einfachheit, Demut und Unterscheidungsfähigkeit - hält Johannes den Wüstenvätern folgend das letzte für das Wichtigste, das heißt die Unterscheidungsfähigkeit. Jedes Verhalten ist der Unterscheidung zu unterstellen; alles nämlich hängt von den tiefen Beweggründen ab, die abzuwägen sind. An dieser Stelle betreten wir das Innere des Menschen, und es geht darum, im Einsiedler, im Christen die geistliche Sensibilität und den „Herzenssinn" zu wecken - Geschenke Gottes. „Als Leiter und Regel in allen Dingen müssen wir nach Gott unserem Gewissen folgen" (26/1,5;1013). Auf diese Weise gelangt man zur Seelenruhe, zur „hesychía", dank der die Seele an den Abgrund der göttlichen Geheimnisse treten kann.

Der Zustand der Ruhe, des inneren Friedens bereitet den „Hesychasten" auf das Gebet vor, das in Johannes ein zweifaches ist: das „leibliche Gebet" und das „Gebet des Herzens". Das erste gehört zu jenem, der sich von Körperhaltungen helfen lassen muss: die Hände ausstrecken, seufzen, sich auf die Brust schlagen usw. (15,26; 900). Das zweite ist spontan, da es eine Wirkung des Erwachens der geistlichen Sensibilität ist, Geschenk Gottes für den, der das leibliche Gebet pflegt. In Johannes nimmt es den Namen „Jesusgebet" an („Iesoû euché") und besteht allein in der Anrufung des Namens Jesu, eine stete, atemgleiche Anrufung: „Das Gedächtnis Jesu werde eins mit deinem Atem, und so wirst du den Nutzen der ‚hesychía‘ kennen", des inneren Friedens (27/2,26; 1112). Schließlich wird das Gebet sehr einfach: einfach das Wort „Jesus", eins geworden mit unserem Atem.

Die letzte Sprosse der Leiter (30), eingesenkt in die „nüchterne Trunkenheit des Geistes", ist der höchsten „Dreiheit der Tugenden" gewidmet: dem Glauben, der Hoffnung und vor allem der Liebe. Von der Liebe spricht Johannes auch als „eros" (menschliche Liebe), Gestalt der ehelichen Vereinigung der Seele mit Gott. Und erneut wählt er das Bild des Feuers, um die Glut, das Licht, die Läuterung der Liebe für Gott zum Ausdruck zu bringen. Die Kraft der menschlichen Liebe kann neu auf Gott ausgerichtet werden, so wie in den wilden Ölbaum ein edler Ölbaum eingepfropft werden kann (vgl. Röm 11,24) (15,66; 893). Johannes ist davon überzeugt, dass eine durchdringende Erfahrung dieses Eros die Seele sehr viel mehr vorankommen lasse als der mühsame Kampf gegen die Leidenschaften, da seine Macht groß ist. Auf unserem Weg ist also die Positivität vorherrschend. Die Liebe aber wird auch in enger Beziehung zur Hoffnung gesehen: „Die Kraft der Liebe ist die Hoffnung: Dank ihrer erwarten wir den Lohn der Liebe... Die Hoffnung ist die Pforte der Liebe... Die Abwesenheit der Hoffnung vernichtet die Liebe: An sie sind unsere Mühen gebunden, von ihr werden unsere Bekümmernisse getragen und dank ihr sind wir vom Erbarmen Gottes umgeben" (30,16; 1157). Das Ende der „Leiter" enthält die Zusammenfassung des Werks - mit Worten, die der Verfasser Gott selbst sprechen lässt: „Diese Leiter lehre dich die geistliche Ordnung der Tugenden. Ich stehe an der Spitze dieser Leiter, wie mein großer Lehrer (der heilige Paulus) sagte: ‚Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe‘ (1 Kor 13,13)!" (30,18; 1160).

An diesem Punkt drängt sich eine letzte Frage auf: Kann die „Leiter", ein von einem Einsiedlermönch verfasstes Werk, der vor 1.400 Jahren gelebt hat, uns heute noch etwas sagen? Kann der existenzielle Weg eines Manns, der immer auf dem Berg Sinai in einer so fernen Zeit gelebt hat, für uns aktuell sein? In einem ersten Moment würde es den Anschein haben, dass die Antwort Nein lauten muss, da Johannes Climacus zu weit von uns entfernt ist. Bei näherem Betrachten aber sehen wir, dass jenes monastische Leben nur ein großes Symbol des Lebens aus der Taufe ist, des Lebens als Christen. Es zeigt sozusagen in Großbuchstaben das auf, was wir Tag um Tag in Kleinbuchstaben schreiben. Es handelt sich um ein prophetisches Symbol, das offenbart, worin das Leben des Getauften besteht, in Gemeinschaft mit Christus, mit seinem Tod und seiner Auferstehung. Für mich ist die Tatsache besonders wichtig, dass der Höhepunkt der „Leiter", die letzten Sprossen, gleichzeitig die grundlegenden, anfänglichen, einfachsten Tugenden sind: der Glaube, die Hoffnung und die Liebe. Es sind keine Tugenden, die nur moralischen Helden zugänglich wären, sondern sie sind Geschenk Gottes für alle Getauften: In ihnen wächst auch unser Leben. Der Anfang ist auch das Ende, der Ausgangspunkt ist auch der Ankunftspunkt: Der ganze Weg läuft auf eine immer radikalere Verwirklichung von Glauben, Hoffnung und Liebe hinaus. In diesen Tugenden ist der gesamte Aufstieg gegenwärtig. Grundlegend ist der Glaube, da diese Tugend einschließt, dass ich auf meine Arroganz, auf mein Denken, auf den Anspruch verzichte, alleine zu urteilen, ohne mich anderen anzuvertrauen. Notwendig ist dieser Weg zur Demut, zur geistlichen Kindheit: Es muss die Haltung der Arroganz überwunden werden, die einen sagen lässt: „Ich weiß es in dieser meiner Zeit des 21. Jahrhunderts besser, als es jene damals vermocht hätten." Man darf sich nur der Heiligen Schrift anvertrauen, dem Wort des Herrn. Man muss demütig an den Horizont des Glaubens treten, um so in die so große Weite der universalen Welt einzutreten, der Welt Gottes. Auf diese Weise wächst unsere Seele, wächst die Sensibilität des Herzens für Gott. Zu Recht sagt Johannes Climacus, dass uns allein die Hoffnung dazu befähigt, die Liebe zu leben. Die Hoffnung, in der wir die alltäglichen Dinge überschreiten. Wir erwarten nicht den Erfolg in unseren irdischen Tagen, sondern wir erwarten am Ende die Offenbarung Gottes. Allein in dieser Weite unserer Seele, in dieser Selbsttranszendenz wird unser Leben groß, und nur so können wir die alltäglichen Mühen und Enttäuschungen ertragen, können wir mit den anderen gut sein, ohne einen Lohn zu erwarten. Nur wenn Gott da ist, diese große Hoffnung, nach der ich strebe, kann ich jeden Tag die kleinen Schritte meines Lebens tun und so die Liebe lernen. In der Liebe ist das Geheimnis des Gebetes verborgen, der persönlichen Kenntnis Jesu: ein einfaches Gebet, das allein danach strebt, das Herz des göttlichen Meisters zu berühren. Und so öffnet man das eigene Herz, und man lernt von ihm seine Güte, seine Liebe. Nutzen wir also diesen „Aufstieg" des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe; so werden wir zum wahren Leben gelangen.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Nach dem Katechesenzyklus über den heiligen Paulus möchte ich nun wieder die Vorstellung bedeutender Kirchenschriftsteller aufnehmen. Heute setzen wir diese Reihe mit Johannes Climacus fort. Um 575 geboren, wurde Johannes mit 16 Jahren Mönch auf dem Sinai. 40 Jahre lang lebte er als Eremit, ehe er Abt des großen Mönchsklosters auf dem Berg Sinai wurde. Sein Beiname „Climacus", abgeleitet vom griechischen Wort klimax (die Leiter), rührt von seinem Hauptwerk „Paradiesesleiter" her. In dieser Abhandlung beschreibt Johannes in dreißig Stufen den geistlichen Aufstieg des Mönches. In einer ersten Etappe, der Askese, erfolgt die Abkehr von der Welt als Voraussetzung für eine tiefere Gemeinschaft mit Gott. Der weitere Weg besteht in der Läuterung, im geistlichen Kampf gegen die Leidenschaften. Diese sind nicht in sich schlecht, es kommt aber auf deren rechten Gebrauch an. Wenn der Mönch sich dem Feuer des Heiligen Geistes aussetzt, kann er diesen Kampf siegreich führen. In der dritten Etappe des Aufstiegs wird durch Demut und vor allem durch die Unterscheidungsgabe die geistliche Empfindsamkeit des Herzens geweckt. So gelangt der Mönch zur Ruhe der Seele, der hesychía. Diese Herzensruhe bereitet das Gebet vor - das körperliche Gebet und das Herzensgebet. Johannes spricht hier auch vom „Jesusgebet". Am Ende der Leiter steht die vollendete Dreiheit der Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe. Ziel des monastischen Lebens ist die Vereinigung mit Gott im Gebet und in der Liebe.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Gerne heiße ich alle Besucher deutscher Sprache willkommen. Besonders grüße ich die Dechanten aus der Diözese Graz-Seckau und die Journalisten in Begleitung von Bischof Kapellari sowie die Studierenden des Kirchenrechts der Universitäten Augsburg, Bochum, München und Potsdam. Das Bild der Leiter der Tugenden, wie es der heilige Johannes Climacus beschreibt, mag auch uns helfen, unser Denken und Tun an der Liebe Christi auszurichten. Dazu schenke uns der Heilige Geist seine Gnade.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana]