Glaube und Ethik wollen die menschliche Liebe "gesund, stark und wirklich frei machen": Benedikts XVI. bei der römischen Diözesantagung über die Weitergabe des Glaubens

| 708 klicks

ROM, 6. Juni 2006 (ZENIT.org).- Gestern, am Pfingstmontag, eröffnete Papst Benedikt XVI. in der Lateranbasilika, seiner Bischofskirche, die Arbeiten der kirchlichen Tagung der Diözese Rom. Sie stehen unter dem Thema: "Die Freude des Glaubens und die Erziehung der neuen Generationen".



In seiner Ansprache betonte der Papst: "Die Schönheit und die Freude des Glaubens zu entdecken, das ist ein Weg, den jede neue Generation für sich durchlaufen muss, weil beim Glauben das ins Spiel kommt, was uns am Innerlichsten ist: unser Herz, unsere Intelligenz, unsere Freiheit, und das in einer zutiefst persönlichen Beziehung mit dem Herrn, der in uns wirkt. Der Glaube ist allerdings auf eine ebenso radikale Weise auch ein gemeinschaftlicher Akt oder eine gemeinschaftliche Haltung; er ist das "Wir glauben" der Kirche. Die Freude des Glaubens ist also eine Freude, die mit anderen zu teilen ist." Aus diesem Grund sei die Glaubenserziehung "eine große und grundlegende Aufgabe, die die ganze christliche Gemeinschaft mit einbezieht".

Benedikt XVI. ging auf die konkreten Schwierigkeiten der christlichen Verkündigung in unserer Zeit ein und entwickelte dabei zwei miteinander zusammenhängende Grundlinien der vorherrschenden säkularisierten Kultur: die des Agnostizismus einerseits und den Prozess der Relativierung und Entwurzelung andererseits. Unter den gegebenen Umständen müssten allen, vor allem den Kinder, den Jugendlichen und den jungen Erwachsenen, die Möglichkeit eingeräumt werden, "den Glauben als große Freude zu leben, als jene tiefe Ausgeglichenheit, die aus der Begegnung mit dem Herrn hervorgeht". Die Quelle der christlichen Freude besteht für den Papst in der Sicherheit, von Gott geliebt zu sein – "persönlich von unserem Schöpfer geliebt zu sein, von demjenigen, der das ganze Universum in seinen Händen hält und jeden von uns sowie die große Familie der Menschheit mit einer leidenschaftlichen und treuen Liebe liebt; mit einer Liebe, die größer ist als unsere Untreue und unsere Sünden; mit einer Liebe, die vergibt".

Der Papst hob hervor, dass es die große Aufgabe der Kirche sei, die Kinder und Jugendlichen zur Entdeckung jenes Weges des Heils und der Freude zu führen, die in Christus liege. Dabei handle es ich um eine "unverzichtbare Aufgabe", die den christlichen Familien, den Priestern, den Katecheten, den Erziehern, den Jugendlichen selbst (im Umgang mit ihren Freunden), den Pfarreien, den Vereinen und Bewegungen sowie der ganzen Diözesangemeinde anvertraut sei. Und diese Aufgabe bestehe darin, den jungen Menschen die Gelegenheit zu geben, "Kirche als eine Gemeinschaft von Freunden zu erfahren, auf die man bauen kann und die einem in allen Augenblicken und Umständen des Lebens – in den frohen und lohnend genauso wie in den schwierigen und finsteren – nahe sind; als eine Gemeinschaft, die uns nie, ja nicht einmal im Tod verlassen wird, weil sie die Verheißung der ewigen Herrlichkeit in sich trägt".

Der Papst hob dann die Notwendigkeit hervor, das weit verbreitete Vorurteil zu bekämpfen, "dass das Christentum mit seinen Geboten und Verboten der Freude an der Liebe zu viele Hindernisse in den Weg lege, dass es im Besonderen verhindere, vollkommen jenes Glück auszukosten, das der Mann und die Frau in ihrer gegenseitigen Liebe finden." Das Gegenteil sei der Fall: "Der christliche Glaube und die christliche Ethik wollen die Liebe nicht ersticken, sondern sie gesund, stark und wirklich frei machen: Gerade das ist der Sinn der Zehn Gebote, die keine Reihe von Verboten darstellen, sondern ein großes Ja zur Liebe und zum Leben sind."

Bei der Erziehung dürfe demzufolge die große Frage der Liebe nicht beiseite gelassen werden. Es müsse allerdings auch in die allumfassende Dimension der christlichen Liebe eingeführt werden, in jene Dimension, "wo die Liebe zu Gott und die Liebe zum Menschen unauflöslich miteinander verbunden sind und wo die Liebe zum Nächsten eine umso konkretere Aufgabe darstellt". Aus diesem Grund gehöre es zu einer authentischen, vollständigen Glaubenserziehung dazu, den jungen Menschen den Dienst am Nächsten nahe zu bringen und sie konkrete Dienste zugunsten Notleidender und Bedürftiger verrichten zu lassen.

Einen zentralen Stellenwert müsse der Wahrheitsfrage eingeräumt werden. Benedikt XVI. hielt in diesem Zusammenhang fest, dass wir im Glaubensakt jenes Geschenk annähmen, das Gott von sich selbst mache, indem er sich uns offenbart, die wir nach seinem Ebenbild geschaffenen sind. "Wir nehmen diese Wahrheit entgegen und akzeptieren sie – eine Wahrheit, die unser Geist nicht bis ins Letzte verstehen und besitzen kann, die aber gerade deshalb den Horizont unserer Erkenntnis erweitert und uns erlaubt, zu jenem Geheimnis vorzudringen, in das wir eingebettet sind, um in Gott den endgültigen Sinn unserer Existenz zu entdecken."

Der Glaube sei ein zutiefst persönlicher und menschlicher Akt. Er sei immer mit einer freien Wahl verbunden, was bedeute, dass er auch abgelehnt werden könne. "Hier jedoch kommt eine zweite Dimension des Glaubens ans Licht: jene, sich einer Person anzuvertrauen; und zwar nicht irgendeiner Person, sondern Jesus Christus sowie dem Vater, der ihn gesandt hat. Glauben heißt, durch den Heiligen Geist, der in unserem Herzen wirkt, eine zutiefst persönliche Verbindung mit unserem Schöpfer und Erlöser aufrecht zu erhalten und diese Verbundenheit zur Grundlage unseres Lebens werden zu lassen."

Benedikt XVI. rief dazu auf, keine Angst davor zu haben, die Wahrheit des Glaubens mit den echten Errungenschaften der menschlichen Erkenntnis zu konfrontieren. Die Fortschritte der Wissenschaft schreiten nach Worten des Heiligen Vaters heute äußerst schnell voran. Nicht selten würden sie so dargestellt, als widersprächen sie dem christlichen Glauben, was Verwirrung stiftet und die Annahme der christlichen Wahrheit erschwere. "Wenn der Dialog zwischen Glaube und Vernunft aufrichtig und rigoros geführt wird, bietet er die Möglichkeit, in wirksamer und überzeugender Weise die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott zu erkennen – nicht an irgendeinen Gott, sondern an den Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat." Gleichzeitig könne ein solcher Dialog aufzeigen, dass in Jesus Christus selbst die Erfüllung jedes authentischen Strebens des Menschen liege.

Die Begegnung mit Christus verwirklicht sich für Benedikt XVI. auf ganz direkte Weise im Gebet. Das Gebet vertiefe und stärke den Glauben, so dass dieser tatsächlich zu einer Kraft werde, die die ganze Existenz durchdringe und im Letzten charakterisiere. Der Papst erinnerte diesbezüglich an die Erfahrungen des Weltjugendtages 2005 in Köln und bat die Jugendlichen und alle Anwesenden und die ganze Kirche Roms auf, zusammen mit der Jungfrau Maria im Gebet auszuharren, den in der Eucharistie lebendigen Christus anzubeten und sich immer wieder neu in ihn zu verlieben. "Er ist unser Bruder und unser wahrer Freund, der Bräutigam der Kirche, der treue und barmherzige Gott, der uns als erster geliebt hat."

Der Papst schloss seine Ansprache mit folgenden Worten: "In dem Maß, in dem wir uns von Christus nähren und in ihn verliebt sind, merken wir auch in uns den Antrieb, andere zu ihm zu führen. Wir können die Freude des Glaubens in der Tat nicht für uns behalten, wir müssen sie weitergeben. Dieses Bedürfnis wird noch stärker und eindringlicher angesichts der merkwürdigen Gottesvergessenheit, die heute in weiten Teilen der Welt und in gewissem Maß auch hier in Rom existiert."