Glaube und Vernunft? Die enttäuschte Hoffung des Papstes

Von Armin Schwibach

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ROM, 29. September 2006 (ZENIT.org).- Benedikt XVI. hatte gehofft, dass seine Worte, die er in den oft faulen Teich der postmodernen Gesellschaften und der postmodernen Kirche geworfen hatte, Kreise ziehen, zum Denken anregen und Anlass zum Dialog würden. Die Hoffnung des Papstes ist enttäuscht worden, auch wenn sich jetzt das Licht des Bemühens um gegenseitiges Verständnis auftut.



Papst Benedikt besteht darauf – wie dies übrigens bereits Joseph Ratzinger getan hatte –, dass es keinen Dialog geben kann, wenn einer der Dialogpartner sich der Grundlagen seines Sprechens und Denkens nicht bewusst ist oder diese willentlich durch einen Relativismus der Weltanschauungen ersetzt. Wenn ein derartig „kalter“ Dialogpartner auf einen „heißen“ stößt, der die ganze Wahrheit erfasst zu haben vermeint (was religiöse Ekstase, apokalyptisches Bewusstsein der Erwählung und konkrete politische Verwirklichung einschließt), erliegt der „kalte“ Gesprächspartner: Er wird zum Sinnbild des Nihilismus, der im Dienst dieser Welt steht. So stellte der Entwurf, den Benedikt XVI. vor allem in seiner Rede an der Universität Regensburg entfaltete, auf der einen Seite eine Verteidigung des Christentums dar.

Das Christentum entspringt dem einenden Zusammentreffen des jüdisches Glaubens an den einen Gott, der griechischen Gestaltung der Vernunft, das heißt des „Logos“, und einer Rechtsidee. Andererseits hob der Papst hervor, dass die reine Trennung von Mensch und Gott, von Vernunft und Glauben sowohl in die Düsternis eines relativistischen Materialismus führt als auch in die Pervertierung der Religion – einer jeden Religion. Um aus diesem Teufelskreis der Pervertierung der Religion herauszukommen, bedarf es des gemeinsamen Lichtes der Vernunft, das seinen Grund in Gott hat. Dieses Licht des Glaubens, diese innere Verschränkung des Göttlichen im Menschlichen, ist der Grund des rechten Handelns. Es ist Ursache dafür, dass jede wahre Religion Gewalt und Hass verurteilen und Liebe als vernünftigen Urgrund allen Seins erkennen und annehmen muss.

Der Sinn der Worte Benedikts XVI. war für den, der hören kann und verstehen will, unmissverständlich: Wer den Glauben weitergeben will, wer im Glauben den Weg zur Wahrheit und zur Liebe verwirklichen will, muss sich von der Vernünftigkeit leiten lassen. Er muss „wissen, was er tut“. Er muss sich um die Gesetze dieser Vernünftigkeit bemühen und hart an ihnen arbeiten.

Der Papst stellte die westliche materialistische Kultur bloß: Die kalte Vernunft der Wissenschaftlichkeit, des Materialismus, des sozialen und intellektuellen Relativismus produziert nur Schaden, wird dialogunfähig, spricht nur mit sich selbst und bringt schließlich ihre Verzweiflung zum Ausdruck. So lud Benedikt XVI. in seiner Sorge um die Welt und das Schicksal der Menschen in ihr zu einem Dialog des christlichen Glaubens mit der modernen Welt ein. Die Grundlage dieses Dialogs ist Grundlage des Dialogs zwischen allen Kulturen und Religionen. Benedikt XVI. wollte herausstellen, was die Kirche will – denn nur auf diese Weise kann einsichtig werden, warum sie etwas nicht will. Die Vernunft und der Glaube der Kirche erfüllen so eine die Generationen und Kulturen verbindende Funktion. Es ist richtig: Die Regensburger Vorlesung war „unpolitisch“. Die Existenz bedingende Wahrheit kennt keine Politik. Die Vorlesung war aber nicht nur für „Spezialisten“, sie war kein rein „akademischer Akt“, bei dem die zwei Seelen des „Herrn Professor Papst“ zum Vorschein gekommen wären. Der Papst lehrte und predigte das, was notwendig das Leben des Christen und sein Leben mit den anderen ausmacht.

In Regensburg machte der Papst das Hauptthema seines Pontifikats deutlich, das das Christentum seit seiner Existenz bestimmt und Europa und damit die abendländische Kultur geschaffen hat: das Verhältnis, das Zusammensein, die Verschränkung von Glauben und Vernunft, von Göttlichem und Menschlichem, vom Wort Gottes und der Antwort seines Geschöpfes. In den Worten des Papstes kristallisiert sich der Anspruch, sich ohne Abstriche der Quelle der Wahrheit zu nähern: Lehren, Leben und Glauben ist als einziger Dienst an der Wahrheit zu verwirklichen. Der Papst versuchte, mit hoch erhobenem Haupt in die Welt zu schauen. Er konzentrierte in sich die organische Verquickung einer Ganzheit, durch die der Reichtum der Vielfalt auf seinen Sinn zurückgeführt wird.

Für Benedikt XVI. ist der Weg der Menschheit zu oft horizontal ausgerichtet. Sozialer, anthropologischer und wissenschaftlicher Fortschritt geben das Maß an. Er ist allerdings davon bedroht, sich im Nichts des reinen Tuns um des Tuns willen zu verlieren. Dem stellte der Papst die „positive Option“ des Christentums gegenüber, das vor allem der westlichen Welt seinen Mangel an Geist vorhält und sie so zu einer Erneuerung stimuliert.

Das Schweigen der europäischen Intellektuellen zu den Drohgebärden eines radikalisierten Teils der islamischen Welt gegen den Papst muss Grund zur Scham sein. Stellte der Papst in seiner „lectio magistralis“ nicht gerade diese Intellektuellen vor eine Herausforderung? Es scheint zu stören, dass Benedikt XVI. kein Mann der Defensive ist, sondern der Kirche, dem Christentum und der christlichen Kultur den Mut zur Einkehr in die eigenen Wurzeln eindringlich ans Herz legt.

Dem (ehemals) christlichen Europa gehen seine christlichen Wurzeln immer mehr verloren. Es ist lahm und schwach geworden und kann so einer Kultur, die den Menschen eine lebensnahe geistliche Grundlage bietet, nichts entgegenhalten. Die westliche Kultur scheint in ihrem Innern entleert. Umso verständlicher ist das Misstrauen einer „heißen“ religiösen Kultur gegenüber einem Westen, der auf dem Höhepunkt seiner (sozialen, wirtschaftlichen, intellektuellen) Macht angekommen ist und nun zu kollabieren scheint.

Benedikt XVI. diagnostiziert zwei Lähmungen der Vernunft. Der abendländischen Kultur erklärt er: Eine Aufklärung, die zum universalen Materialismus und Nihilismus führt, in der Gott tot ist oder im Altenheim entsorgt wurde, in der deshalb „alles möglich ist“, offenbart eine kranke Vernunft, die den Menschen zerstört. Die islamische Kultur hingegen weist er darauf hin, dass religiöser Integralismus, Fundamentalismus und Terrorismus der gesunden Vernunft, das heißt dem Gott gewollten Wesen des Menschen widersprechen. Muslimische Radikale reagierten auf die Mahnung mit verbrannten Papstpuppen. Europäische Intellektuelle mit unfähigem Schweigen – oder sollte es gar hämisch gewesen sein?

Die „lectio magistralis“ von Regensburg wird noch nach vielen Jahrzehnten gelesen werden, wenn der Lärm des Straßenpöbels längst verhallt ist. Die Worte Benedikts XVI. gehören zu den wenigen Beiträgen, die sich in der Dimension der Wahrheit um einen Dialog bemühen. Sie bringen das Unbehagen einer sich selbst im Wohlstand verdauenden Kultur zum Ausdruck, die sich in den letzten Jahren dem starken Drang einer anderen Kultur ausgesetzt sieht – und diesem Drang nur stumme Worte oder nicht grundgelegte Verhaltensmodelle entgegensetzt.

Benedikt XVI. erteilte der frommen Idee eines undifferenzierten Multikulturalismus den Abschied. Wer selbst nicht weiß, was er ist und woher er kommt, wer sich nicht um den Boden kümmert, auf dem er steht, wer sein Glaubensbekenntnis auf der Registrierkasse des Supermarkts der Ideen und Meinungen tippt, trägt nur zur Verhüllung der Wahrheit bei. Faul lehnt er sich zurück – bis jemand kommt und dem bequemen, aber erfundenen Stuhl wegzieht und schreit: „Der Kaiser ist nackt!“

Benedikt XVI. ist sich sicher, wie er in einem Interview sagte: Gerade für unsere säkulare und entchristlichte Welt ist es wichtig zu sehen, „dass für den Dialog mit den anderen Welten gerade auch der christliche Glaube nicht ein Hindernis, sondern eine Brücke ist“. Die Diktatur einer falschen und teilweise heuchlerischen Toleranz ist zu überwinden. Die Kirche muss zeigen, so der Papst, „dass gerade für die neue Interkulturalität, in der wir leben, die pure, von Gott losgelöste Rationalität nicht genügt”. Es bedarf der Sensibilität für das Religiöse. Sie lässt erkennen, dass eine größere Rationalität notwendig ist, als es die säkulare Rationalität je sein kann. Die recht verstandene Rationalität sieht „Gott in Einheit mit der Vernunft“. Der Glaube wird so der positive Ort der Vermittlung von Vernunft und Kultur, von Selbstsein und Mitsein. Der Glaube gründet die Natur des wahren Menschseins. Darin besteht der Schwung und die Leuchtkraft des Katholischen, dies ist der Grund des Christentums: der Logos, der Fleisch geworden ist.

Der Papst traut dem Menschen die Wahrheit zu. Diese Wahrheit ist das Gute. Benedikt XVI. reichte der islamischen Kultur die Hand. Sie wurde bisher in Unverstand zurückgewiesen. Gewalt und Terror gehören nicht zur Religion als solcher. Sie sind Teil der kulturellen Grenzen, innerhalb derer eine Religion lebt. Das Wesentliche ist die innere Bindung der Ethik der Liebe an Gott. Allein diese radikale Intimität der Liebe Gottes in seiner Hinwendung zum Menschen steht für den Papst im Zentrum; sie darf nicht verschwiegen werden. Und sie muss von dem eingefordert werden, der sich zu Gott bekennt. Hass und Gewalt sind die Lebenszeichen des Widersacher Gottes, des Bösen in der Welt. Nichts kann sie rechtfertigen oder verständlich erscheinen lassen.