Glaube und Vernunft – was Augustinus und Papst Benedikt miteinander verbindet

Von Armin Schwibach

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ROM, 28. August 2007 (ZENIT.org).- Augustinus von Hippo wurde 354 in Afrika geboren. Als junger Mann, ein suchender Abenteurer des Geistes, siedelte er nach Italien über, wo er für fünf Jahre von 383 bis 388 zwischen Rom und Mailand lebte. In Mailand erfuhr er die Gnade der Bekehrung zum Christentum und wurde in der Osternacht 387 von Bischof Ambrosius, seinem Lehrer und geistlichen Begleiter, getauft. Im Anschluss daran kehrte er nach Afrika zurück, wo er bis zu seinem Tod am 28. August 430 in der Stadt Hippo lebte, deren Bischof er zu jener Zeit war, als die Vandalen unter dem jungen König Geiserich in Afrika eingedrungen waren und die Bischofsstadt des Augustinus belagerten. Wahrscheinlich wurde der bei seinem Volk in höchstem Ansehen stehende Bischof in der Kathedrale von Hippo, der Basilica Pacis bestattet. Bereits ein Jahr nach seinem Tod zählte ihn Papst Cölestin I. zu den „besten Lehrern der Kirche“. In späterer Zeit wurden seine Reliquien nach Italien übertragen, wo sie heute in Pavia verehrt werden – auf jenem lombardischen Boden, wo dem Heiligen seine Bekehrung zuteil wurde.



Das älteste Zeugnis von der Übertragung der Reliquien des Heiligen nach Italien ist das des hl. Beda des Ehrwürdigen (geboren um 673; † 26. Mai 735), eines angelsächsischen Benediktiners, Theologen und Historikers. In seinem „Chronicon de sex ætatibus mundi“ berichtet Beda von der Reise der sterblichen Überreste des Augustinus von Afrika nach Sardinien, der dann die Übertragung nach Pavia folgte. Das genaue Zeitalter der Ankunft der Reliquien in Sardinien ist bis heute Gegenstand der Diskussion unter Historikern. Die Übertragung der Reliquien von der Insel nach Pavia hingegen muss sich nach 712 und vor 725 ereignet haben. Beda berichtet, dass Liutprand, König der Langobarden von 712 bis 744, aufgrund der Gefahr der Sarazeneneinfälle verfügte, dass die Reliquien in seine Hauptstadt Pavia verlegt werden. Somit steht fest, dass sich dies nach 712 (dem Jahr des Beginns des Königsherrschaft Liutprands) und vor 725 (dem Jahr der Niederschrift des Werkes Bedas) ereignet haben musste. Bereits im von Ado von Vienne (799-875) verfassten „Chronicon de sex ætatibus mundi“ aus dem Jahr 869 ist die Verehrung des Heiligen in der Basilika San Pietro in Ciel d’Oro in Pavia bezeugt. Die Jahrhunderte ließen den genauen Ort der Ruhestätte des Augustinus in Vergessenheit geraten. Es wurde angenommen, dass er traditionsgemäß in der Nähe des Altares der Krypta der Kirche liegt. Am 1. Oktober 1695 wurde im Verlauf von Arbeiten in der Krypta die Mauer abgeschlagen, die den Sockel des Altares bildete. Es kam ein marmorner Sarkophag zum Vorschein, in dessen Innern sich ein silberner Schrein mit Gebeinen befand. Es entstand eine Diskussion zwischen den bei der Kirche ansässigen Augustinerfratres und den Kanonikern über die Authentizität der Reliquien. Erst am 17. Juni 1728 wurde der Streit durch den Bischof von Pavia Francesco Pertusati beendet: Der Bischof erklärte die Reliquien nach einer eingehenden Untersuchung für authentisch. Die Erklärung des Bischofs wurde von Papst Benedikt XIII. am 22. September 1728 feierlich bestätigt.

Aufgrund des polnischen Thronfolgekriegs wurde die Basilika von 1733-34 als Krankenhaus für die französischen Truppen genutzt, die im Dienst des Königs von Sardinien standen; die Reliquien des hl. Augustinus wurden in den Dom der Stadt verlegt. 1785 vertrieben die einschränkenden Erlasse Kaiser Josefs II. sowohl die Kanoniker als auch die Augustiner aus der Stadt. Die Reliquien wurden Bischof Bartolomeo Olivazzi anvertraut. 1786 kehrten die Augustiner nach Pavia zurück und übernahmen die Kirche del Gesù, wohin dann auch die Reliquien gebracht wurden. Die Unterdrückungsmaßnahmen durch Napoleon Bonaparte im Jahr 1799 vertrieben die Augustiner erneut, die Reliquien gingen in den Dom unter den Schutz des Bischofs Giuseppe Bertieri. Erst im Jahr 1896 kam es zur Neueröffnung der Basilika von San Pietro in Ciel d’Oro. 1900 zogen die Augustiner ein. Der Schrein mit den Gebeinen des Heiligen kehrte endgültig in seine alte Heimat zurück.

Es ist kein Zufall, dass die dritte Pastoralreise Benedikts XVI. in Italien (die vierte Reise, zählt man den Besuch beim Heiligtum des „Volto Santo“ in Manoppello mit) an den Ort der letzten Ruhestätte des hl. Augustinus ging. Augustinus gehört zu den Autoren, die das Denken, die Spiritualität und das Wirken des Theologen und Bischofs Ratzinger und jetzt Benedikts XVI. am meisten beeinflusst haben und weiterhin bestimmen. Wie der Heilige aus Hippo ist Benedikt XVI. Hirt und Denker, der auf die Frage Jesu: „Joseph, liebst du mich? Liebst du mich mehr als alles andere?“ mit hellem Blick sein Ja zu Christus, dem Logos, dem eingeborenen Sohn des lebendigen Gottes gesagt hat. Dieser Glaube lässt das Leben Benedikts glänzen und lässt ihn zusammen mit Augustinus sagen: Ich glaube, damit ich verstehe; ich glaube, damit ich wissen kann; ich glaube, damit ich sein kann; ich glaube, also bin ich in Wirklichkeit. Wie Augustinus stellt Benedikt XVI. den grenzenlosen Glauben an die Spitze. Im Jahr 1958 hielt ein junger Theologe in Wien einen Vortrag. Er trägt den Titel „Die christliche Brüderlichkeit“ und sollte zum ersten Buch des künftigen Meistertheologen werden. Ratzinger erkennt das Geheimnis Christi in der Abschaffung aller Grenzen unter den Menschen. Der Glaube der Kirche an Christus, die sich um ihn in der Eucharistie schart und zur Ortschaft wird, von der die wirkende Wahrheit des Menschensohnes, die Botschaft der universalen Liebe in die ganze Menschengemeinschaft ausgeht, ist der Gipfel des Seins.

Wie Benedikt XVI. am 22. April in Pavia zu Augustinus erklärte, ist die Bekehrung zum Glauben, die Bekehrung zur Wahrheit kein einmaliges Ereignis, sondern ein Weg: der Weg der Suche, der sich nicht mit einem Leben begnügt, das einfach so ist, wie es ist und wie es alle leben. Der hl. Augustinus „wollte die Wahrheit finden. Er wollte imstande sein zu wissen, was der Mensch ist, woher die Welt kommt, woher wir selbst kommen, wohin wir gehen und wie wir das wahre Leben finden können.“ Leidenschaft für die Wahrheit – das ist für Benedikt XVI. der Schlüsselbegriff des Lebens des Augustinus. Der End- und Anfangspunkt dieser Wahrheit ist Christus und der Glaube an ihn.

Der Glaube nimmt der Vernunft nichts, sondern führt hin zu ihrer Wahrheit. Glaube und Vernunft – das große Thema dieses Pontifikats – es besteht nicht in der Suche nach möglichen Kompromissen. Der Papst hebt den seinsbestimmenden Wert des Glaubens in den Mittelpunkt, der gleichzeitig das Höchste und das Innerste ist. Wahrheit, Liebe und Ewigkeit, diese spannende Trilogie gehört für Benedikt XVI. so zusammen, wie dies der hl. Augustinus in seinen „Bekenntnissen“ gleichsam besingt: „O æterna veritas et vera caritas et cara æternitas! – O ewige Wahrheit und wahre Liebe und geliebte Ewigkeit! – Tu es Deus meus, tibi suspiro die ac nocte. et cum te primum cognovi, tu assumsisti me, ut viderem esse, quod viderem, et nondum me esse, qui viderem. Et reverberasti infirmitatem aspectus mei, radians in me vehementer – Du bist mein Gott und Tag und Nacht seufze ich zu dir. Und da ich dich erkannte, da nahmst du mich an, auf dass ich sähe, es sei wahrhaftig, was ich sehen könnte, ich aber sei noch nicht imstande zu sehen. Du machtest die Blendung meiner geschwächten Sehkraft zunichte, da du mächtig über mir strahltest“ (Bekenntnisse VII, 10).

Immer und überall muss das Antlitz Gottes gesucht werden. „Quaerite faciem eius semper - Sucht immer sein Angesicht“, fordert der Heilige. Und Benedikt XVI. erklärt: „Die Entdeckung von ‚Gottes Angesicht‘ erschöpft sich nie. Je tiefer wir in den Glanz der göttlichen Liebe eindringen, desto schöner wird die Fortsetzung unserer Suche, sodass ‚amore crescente inquisitio crescat inventi – in dem Maß, in dem die Liebe wächst, wächst auch die Suche nach Dem, den sie gefunden hat‘“ (28. August 2005). Viele schließen den fleischgewordenen Gott aus ihrem Leben aus, da es nicht sein könne und dürfe, dass ein „Maximum“ sich in der Welt erniedrigt. Dem hielt der Theologe Ratzinger das radikal Neue des Christentums mit einem Sinnspruch Hölderlins entgegen: „Non coerceri maximo, contineri minimo, divinum est – Nicht umschlossen werden vom Größten, sich umschließen lassen vom Kleinsten – das ist göttlich“, denn das Hinausgehen über das Größte und das Hineinreichen ins Kleinste ist das wahre Wesen des absoluten Geistes (vgl. Einführung in das Christentum, München 2000 [1968], S.132). Nicht ein „maximum“ steht im Zentrum des Glaubens, sondern ein „maior“: ein Größeres auf dem steten Weg der Annäherung. Denn Gott ist, wie der hl. Augustinus schreibt „interior intimo et superior summo meo“: höher als mein Höchstes und innerlicher als mein Innerstes (Bekenntnisse III, 6).

In seinem Erinnerungsbuch „Aus meinem Leben“ schrieb Kardinal Ratzinger: „(Augustinus) hatte das Leben eines Gelehrten gewählt und war von Gott zum Zugtier bestimmt worden – zum braven Ochsen, der den Karren Gottes in dieser Welt zieht. Wie oft hat er aufbegehrt gegen all den Kleinkram, der ihm auf diese Weise auferlegt war und ihn an der großen geistigen Arbeit hinderte, die er als seine tiefste Berufung wusste. Aber da hilft ihm der Psalm aus aller Bitterkeit heraus: Ja, freilich, ein Zugtier bin ich geworden, ein Packesel, ein Ochs – aber gerade so bin ich bei dir, diene dir, hast du mich in der Hand. Wie eben das Zugtier dem Bauern am nächsten ist und ihm seine Arbeit tut, so ist er gerade in solchem demütigen Dienst ganz nahe bei Gott, ganz in seiner Hand, ganz Werkzeug – nicht näher könnte er bei seinem Herrn sein, nicht wichtiger für ihn. ... Inzwischen habe ich“, so fährt der Kardinal fort, „mein Gepäck nach Rom getragen und wandere seit langem damit in den Straßen der Ewigen Stadt. Wann ich entlassen werde, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass auch mir gilt: Dein Packesel bin ich geworden, und so, gerade so bin ich bei dir“ (Aus meinem Leben. Erinnerungen [1927-1977], Stuttgart 1998, S.179f.). In Pavia sind die beiden Packesel einander begegnet. Der Bischof von Hippo und der Bischof von Rom, der erste und der zweite Augustinus: Gemeinsam ziehen sie den Karren Gottes in der Welt voran.